Einführung
Glioblastome sind aggressive Hirntumore, die trotz moderner Behandlungsmethoden oft eine schlechte Prognose aufweisen. Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf innovative Therapieansätze, die das körpereigene Immunsystem aktivieren und die Tumorzellen gezielt angreifen. Melatonin, ein Hormon, das vor allem für seine schlaffördernde Wirkung bekannt ist, rückt dabei immer stärker in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Wirkungen von Melatonin bei der Behandlung von Glioblastomen, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Immunologische Aspekte und Melatonin
"Kalte" Tumore und Immuntherapie
Moderne Krebsbehandlungen zielen darauf ab, das Immunsystem, insbesondere die T-Lymphozyten, gezielt zu aktivieren, um den Tumor durch eigene Abwehrzellen anzugreifen und zu zerstören. Einige Tumore sind jedoch immunologisch "kalt", d.h. für das Immunsystem unsichtbar, was diese Therapiestrategie unwirksam macht.
Melatonin als "Tumor-Erwärmer"
Eine aktuelle Studie unter Federführung von PD Dr. Aleksandra Pandyra an der Klinik für Kinder-Onkologie, -Hämatologie und Klinische Immunologie des Universitätsklinikums Düsseldorf hat einen neuen molekular-immunologischen Mechanismus entschlüsselt. Demnach können "kalte" Tumore durch den Einsatz eines Abkömmlings des Schlafhormons Melatonin in "heiße" Tumore verwandelt werden, die empfindlich auf eine immunologische Tumortherapie reagieren.
5-NL und Checkpoint-Inhibitoren
Die Kombination des chemisch modifizierten Schlafhormons 5-(Nonyloxy)tryptamine (5-NL), einem Abkömmling des bekannten Schlafhormons Melatonin, mit bereits klinisch zugelassenen Checkpoint-Inhibitoren, die in der immunologischen Tumortherapie eingesetzt werden, führte in präklinischen Studien zu einer drastischen Schrumpfung des Tumorvolumens. Entdeckt wurde die überraschende immunologische Wirkung von 5-NL durch ein pharmakologisches Screeningverfahren am Universitätsklinikum Düsseldorf, bei dem 770 Substanzen auf ihre Fähigkeit, tumorspezifische T-Lymphozyten zu aktivieren, getestet wurden.
Melatonin und Krebsprävention
Melatonin als Antioxidans und Radikalfänger
Melatonin wird während des Schlafs vom Gehirn produziert und gehört zu den Antioxidationsstoffen im Körper. Es neutralisiert freie Radikale und kann Entzündungen bekämpfen. Darüber hinaus kann Melatonin die Produktion des Hormons Östrogen in den Eierstöcken bremsen, was unter bestimmten Umständen krebsfördernd wirken könnte.
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Einfluss von Licht auf die Melatoninproduktion
Künstliches Licht stört die biologische Uhr und damit die Melatoninproduktion. Das Gehirn interpretiert Licht als Tag und weist die Zirbeldrüse an, die Produktion von Melatonin einzustellen. Dies kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben, da Melatonin eine wichtige Rolle bei der Krebsprävention und der Stärkung des Immunsystems spielt.
Melatonin und hormonabhängige Tumore
Melatonin bietet einen besonders starken Schutz gegen hormonabhängige Tumore. Alle Körperzellen, auch Krebszellen, haben Melatoninrezeptoren. Während der nächtlichen Melatoninproduktion verlangsamt sich die Zellteilung. Melatonin wirkt auch sedierend auf andere reproduktive Hormone. Dies erklärt möglicherweise, warum Melatonin vor hormonabhängigem Krebs wie Eierstock-, Endometrium-, Brust-, Prostata- und Hodenkrebs schützen kann.
Epidemiologische Studien
Epidemiologische Studien zeigen, dass Frauen, die überwiegend nachts arbeiten oder in der Nähe von heller nächtlicher Beleuchtung leben, häufiger an Brustkrebs erkranken. Umgekehrt ist das Brustkrebsrisiko für blinde Frauen, die kein Licht erkennen und deshalb eine gute Melatoninproduktion aufweisen, niedriger als im Durchschnitt.
Melatonin in der Glioblastom-Therapie
Klinische Studien
Glioblastom ist ein sehr bösartiger und aggressiver Hirntumor mit einer schlechten Prognose. In einer klinischen Studie wurden 12 Patienten mit einem Glioblastom entweder bestrahlt und erhielten regelmäßig größere Mengen Melatonin (Gruppe 1) oder sie wurden nur bestrahlt (Gruppe 2). 23 Prozent der Patienten, die zusätzlich Melatonin erhielten, waren nach einem Jahr noch am Leben, während in der Gruppe, die nur mit Bestrahlung therapiert wurde, keiner mehr am Leben war.
Wirkung auf Krebszellen
Melatonin hemmt die Proliferation vieler Krebsentitäten, weil es bei Krebszellen die Apoptose auslöst. Das Hormon interferiert vor allem auch mit der neuen Blutversorgung von Tumoren, der Neoangiogenese, die für das schnelle Wachstum der Tumore verantwortlich ist. Melatonin kann die Wirksamkeit einer konventionellen Chemotherapie steigern und dabei gleichzeitig ihre Toxizität verringern.
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Schlafstörungen bei Krebspatienten
Ursachen und Folgen
Viele Krebspatienten leiden im Laufe ihrer Erkrankung unter Schlafstörungen. Schlafmangel kann sehr belastend sein und die Lebensqualität wesentlich beeinflussen. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von körperlichen Faktoren wie Schmerzen und therapiebedingten Faktoren bis hin zu psychosozialen Ursachen wie Angst und Depressionen. Die Folgen von schlechtem Schlaf reichen von Tagesschläfrigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zu körperlichen und sozialen Beeinträchtigungen.
Behandlungsmöglichkeiten
Der erste Schritt für Patienten ist, sich dem Arzt mitzuteilen. Unbehandelte Schlafprobleme können chronisch werden. Der Arzt kann den Ursachen auf den Grund gehen und entsprechende Therapiestrategien ermitteln. Bei durch Angst oder Depressionen bedingtem Schlafmangel kann eine psychoonkologische Betreuung oder Verhaltensberatung helfen. Weitere nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten sind autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Lichttherapie oder Akupunktur. Eine medikamentöse Therapie sollte erst in Betracht gezogen werden, wenn andere Maßnahmen nicht erfolgreich waren. Melatonin-haltige Medikamente können den Schlaf durch das Anheben des Schlafhormonspiegels fördern.
Schlafhygiene
Im Grunde gelten für Krebspatienten dieselben Schlaf-Empfehlungen wie für Gesunde: Das Schlafzimmer sollte dunkel und ruhig sein, außerdem nicht zu warm. Die optimale Schlafzimmertemperatur liegt bei 18 Grad. Im besten Fall sollte das Schlafzimmer ausschließlich zum Schlafen genutzt werden. Eine so genannte Bett-Routine einzuhalten kann hilfreich sein.
Weitere Therapieansätze bei Glioblastomen
Konventionelle Behandlung
Operation und/oder Bestrahlung sind bei allen Tumorerkrankungen im Gehirn die Therapien der Wahl. Die Ergebnisse hängen nicht nur vom Tumortyp, sondern oft noch mehr von seiner Lage ab. Tief liegende Tumore sind für den Neurochirurgen oder den Radiologen mit Strahlen mitunter schwer erreichbar. Bei der Behandlung von Metastasen von Organtumoren spielen vor allem stereotaktische Verfahren eine Rolle.
Neue Chemotherapeutische Behandlungen
Neue chemotherapeutische Behandlungen haben bisher nur geringe Fortschritte gebracht. Eingeschränkt werden die Behandlungsergebnisse bei Gliomen und Astrozytomen vor allem durch die hohe Rückfallhäufigkeit. Besonders die Gliome neigen dazu, sehr frühzeitig Absiedlungen (Zweittumore) in anderen Gehirnarealen zu bilden.
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Weihrauch
Um bei der Behandlung von Ödemen auf Kortison verzichten zu können, wurde an mehreren Universitätskliniken eine Zubereitung aus der indischen Weihrauchpflanze ‚Boswellia serrata‘ und aus der afrikanischen Weihrauchpflanze ‚Boswellia carterii‘ an Patienten mit Hirntumoren überprüft. Aus der indischen Ayurveda-Medizin ist bekannt, dass bestimmte Wirkstoffe im Weihrauch Ödeme und entzündlichen Gewebeschwellungen abbauen und verhindern. Diese Wirkung konnte inzwischen auch in Studien bei der Behandlung von Hirnödemen bestätigt werden.
Ergänzende immunbiologische Therapien
Ein besonderes Augenmerk bei Hirntumoren liegt auf Strategien, die das Immunsystem stärken, da Hirntumoren in hohem Umfang abwehrschwächende Substanzen freisetzen. Erste vielversprechende Erfolge in dieser Richtung konnten mit einzelnen Methoden erzielt werden, z. B. mit der dendritischen Zellimpfung oder der Behandlung mit sogenannten onkolytischen Viren. Auch andere immunmodulierende Therapien sind bei Hirntumoren prinzipiell möglich, z. B. Mistel, Thymus und/oder Enzyme.
Hyperthermie
Die bisher bei Hirntumoren nur zögerlich angewandte Hyperthermie kann nach Verbesserung der Geräte für viele Patienten Vorteile bringen. Einige Kliniken können über sehr günstige Behandlungsergebnisse mit der regionalen Tiefenhyperthermie berichten. Die Geschwulst wird gezielt von außen auf ca. 42°C erwärmt. Es lassen sich Rückbildungen des Tumors erreichen, teilweise auch vollständige Remissionen.
Regionale Immunantwort bei Glioblastomen
Knochenmarknischen als Basis der Tumorabwehr
Auf Grundlage neuer tierexperimenteller Erkenntnisse haben Forschende Gewebeproben aus dem tumornahen Knochenmark der Schädeldecke bei unbehandelten Patienten mit Glioblastom entnommen. Knochenmarknischen in unmittelbarer Nähe zum Glioblastom scheinen als Reservoir für die Rekrutierung der Tumorabwehr zu dienen. Neben aktiven lymphoiden Stammzellen, die sich zu Immunzellen entwickeln, entdeckten die Forschenden im tumornahen Knochenmark auch reife zytotoxische T-Lymphozyten (CD8-Zellen).
Umdenken in der Behandlung
Dieser Fund stellt herkömmliche Vorstellungen von der Arbeitsweise des Immunsystems auf den Kopf. Auch die Behandlungskonzepte beim Glioblastom müssen angesichts der neuen Daten überdacht werden. Die Entdeckung des lokalen Immunsystems eröffnet Chancen für innovative Therapien, insbesondere für Checkpoint-Inhibitoren. Eine Herausforderung wird sein, Wirkstoffe in ausreichender Konzentration zum richtigen Zeitpunkt in die regionalen Knochenmarknischen zu bringen.
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