Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der über acht Millionen Deutsche betroffen sind. Frauen leiden etwa doppelt so häufig darunter wie Männer. Die Erkrankung verläuft meist chronisch mit wiederkehrenden Anfällen, die oft von einer sogenannten Aura begleitet werden. Seit Anfang März gibt es ein neues Medikament, das vorbeugend helfen soll.
Was ist eine Migräne-Aura?
Eine Migräne-Aura ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die während eines Migräne-Anfalls, aber auch ohne Kopfschmerzen auftreten kann. Etwa 15 bis 25 Prozent der Migränepatienten kennen Aura-Symptome. Die meisten Patient*innen mit einer Migräne mit Aura kennen Migräne-Anfälle mit und ohne Aura-Symptomen. Häufig tritt die Aura vor Beginn der Kopfschmerzen auf, sie kann aber auch währenddessen oder danach auftreten. Bei Vielen tritt die Aura manchmal auch ganz ohne Kopfschmerzen auf. Das nennt man dann eine „isolierte Aura“.
Symptome einer Migräne-Aura
Typische Symptome einer Migräne-Aura sind Sehstörungen in Form von Flimmersehen, die von den Patientinnen als Blitze, Punkte, Zacken- oder wellenförmige Bewegungen wahrgenommen werden und die sich meist langsam über das Gesichtsfeld ausbreiten. Häufig kommt es auch zu fleckförmigen Ausfällen des Gesichtsfeldes, das heißt Patientinnen sehen nur noch einen Teil der Umwelt oder einer Person. Weitere, seltenere Symptome sind vorübergehende Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen, sehr selten auch Lähmungen einer Körperhälfte.
Die Symptome können bis zu 72 Stunden anhalten. Eine typische Migräne-Aura dauert 5 bis 60 Minuten, seltener auch mal etwas länger.
Ursachen für Migräne mit Aura
Die Ursachen von Migräne mit Aura sind vielschichtig und werden durch eine Kombination von genetischen, neurologischen und umweltbedingten Faktoren beeinflusst. Es wird auch angenommen, dass ein Sauerstoffmangel in den betroffenen Hirnarealen für die Migräne mit Aura verantwortlich sein könnte.
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Genetische Faktoren
Man weiß heute, dass genetische Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen. Studien haben gezeigt, dass das Risiko, an Migräne zu erkranken, bei Personen mit Familienangehörigen, die ebenfalls an Migräne leiden, deutlich erhöht ist. Bestimmte Genvarianten wurden hierbei mit einem erhöhten Risiko für Migräne mit Aura in Verbindung gebracht. Die Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut (Dura) und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Das Risiko ist bei mehreren Betroffenen in der Familie höher als ohne familiäre Belastung.
Auch wenn bei den meisten erblichen Migräneformen mehrere Gene beteiligt sind und die Erforschung komplex ist, weiß man heute ziemlich sicher, dass es eine sogenannte familiäre Veranlagung (Disposition) gibt.
In seltenen Fällen kann die Migräne mit Aura auch auf einen genetischen Defekt des sogenannten Foramen ovale zurückzuführen sein.
Neurologische und biochemische Mechanismen
Weiter geht man davon aus, dass eine komplexe Wechselwirkung zwischen neurochemischen Prozessen im Gehirn, der Dysregulation von Neurotransmittern und einer gesteigerten neuronalen Erregbarkeit eine Rolle spielt. Die Wissenschaft hat die genauen Ursachen der kurzzeitigen Veränderung in der Gehirnaktivität bislang nicht vollständig verstanden, wobei sich unser Erkenntnisstand in den letzten Jahren insbesondere durch moderne bildgebende Untersuchungsmöglichkeiten deutlich erweitert hat. Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen. Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren (Positronenemissions-Tomografie) konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das so genannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses „Migräne-Zentrum“ reagiert über-empfindlich auf Reize.
Feinste Verästelungen des Trigeminusnervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerz-signale an das Gehirn senden (über den trigemino-thalamischen Trakt). Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung so genannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese so genannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.
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Wenn eine Nervenzelle „übererregt“ wird, entsteht eine sogenannte Streudepolarisation. Diese Erregung findet zuerst in nur einem Hirnbereich statt. Von dort aus breitet sich diese Depolarisation wie eine Welle auch in andere Areale des Gehirns aus. Dort nimmt die Nervenaktivität dann ab.
Trigger für Migräne mit Aura
Für viele Betroffene, die an Migräne mit Aura leiden, können bestimmte Triggerfaktoren Anfälle auslösen. Zu den häufigsten Triggern gehören Stress, hormonelle Veränderungen, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel und Getränke, intensive Gerüche, grelles Licht und starke körperliche Anstrengung, manchmal sogar Entlastung („Wochenendmigräne“). Auslöser von Attacken (sogenannte Trigger) können Alkohol, Schlafmangel und Stress sein.
Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln:
- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. zu viel oder zu wenig Schlaf)
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf - Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten)
- Hormonveränderungen, z.B. während des Zyklus (Eisprung oder Menstruation) bzw. aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille, bei Beschwerden der Wechseljahre oder zur Osteoporose-Vorsorge)
- Stress in Form körperlicher oder seelischer Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf
- Verqualmte Räume
- Bestimmte Nahrungsmittel - z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!)
- Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
- Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.)
- Starke Emotionen, z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst
- evtl. Medikamente
Diagnose von Migräne mit Aura
Die Diagnose wird anhand der typischen Beschwerdeschilderung und eines normalen körperlichen Untersuchungsbefunds gestellt. Bei der Diagnose von Migräne mit Aura müssen Ärzte andere mögliche Ursachen ausschließen. Das ist wichtig, weil eine Sehstörung zum Beispiel auch ein Indiz für eine Durchblutungsstörung oder Augenerkrankung sein kann. Besonders problematisch ist die Abgrenzung zum Schlaganfall, da Symptome wie Taubheitsgefühl oder Sprachstörungen auch für einen Schlaganfall sprechen können.
Es ist auch wichtig, die Dokumentation von Kopfschmerzen und Medikation in einem Kopfschmerzkalender zu führen.
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Atypische Migräne-Aura
Von der typischen Migräne-Aura werden atypische Auren unterschieden. Darunter fällt die Migräne mit Hirnstammaura. Betroffene leiden an Hirnstammsymptomen wie Drehschwindel, Tinnitus, Doppelbildern oder Bewusstseinsstörungen.
Eine hemiplegische Migräne diagnostizieren Ärzte, wenn die Aura mit motorischen Störungen wie einer halbseitigen Lähmung einhergeht. Die motorischen Symptome können länger andauern als andere Aura-Symptome, sie bilden sich aber innerhalb von 72 Stunden ebenfalls wieder vollständig zurück. Sind in der Familie (ersten oder zweiten Verwandtschaftsgrades) ähnliche Migränefälle bekannt, wird die Migräne noch spezifischer als familiär hemiplegische Migräne definiert.
Eine weitere atypische Form ist die retinale Migräne. Charakteristisch für diese sehr seltene Migräneform sind vorübergehende, visuelle Phänomene wie plötzliches Flimmern vor dem Auge, Gesichtsfeldausfälle (Skotome) oder eine Erblindung.
Behandlungsmöglichkeiten bei Migräne mit Aura
Zur Behandlung der Migräne mit Aura werden dieselben Medikamente wie bei einer Migräne ohne Aura eingesetzt. Leichte Migräne-Anfälle lassen sich häufig gut mit Paracetamol, Ibuprofen, Aspirin und ähnlichen Schmerzmitteln behandeln. Bei Unwirksamkeit dieser Medikamente kann man spezielle Migränemittel, die so genannten Triptane einsetzen. Diese Medikamente hemmen die Botenstoffe oder Neurotransmitter, die während der Migräne-Attacke freigesetzt werden und unterbrechen dadurch die Attacke. Wichtig bei einer Migräne mit Aura ist, dass Triptane erst nach Abklingen der Aura-Symptome eingenommen werden sollten.
Außerdem kann man die Migräne mit Aura auch vorbeugend behandeln. Medikamente allein, das belegen Studien, haben nie die gleichen Erfolgsaussichten wie in Kombination mit Stressbewältigung, Physiotherapie, Entspannung und Sport.
Ziel ist es, so wenig Schmerzmittel wie möglich einzusetzen. Die Präparate sollen Beschwerden abmildern und Beeinträchtigungen im Alltag reduzieren. Dabei werden auch Wirkstoffe eingesetzt, die zur Behandlung von Bluthochdruck, Depressionen oder Epilepsie zugelassen sind.
Gut belegt ist die Wirkung von Betablockern (Metoprolol, Propanolol), Kalziumantagonisten (Flunarizin), Valproinsäure, Botulinumtoxin und Antidepressiva (Amitriptylin). Seit 2018 gibt es zudem eine Antikörpertherapie mit dem Wirkstoff Erenumab. Seit Anfang März gibt es ein neues Medikament, das vorbeugend helfen soll.
Medikamente zur Migräneprophylaxe haben in Studien gezeigt, dass sie in mindestens fünfzig Prozent der Fälle eine Verbesserung erbringen.
Es ist jedoch wichtig, bei all diesen Wirkstoffen mögliche Nebenwirkungen und Einschränkungen in der Anwendung aufgrund von Begleiterkrankungen zu berücksichtigen. Antikörper wie Erenumab, die an einem Botenstoff im Gehirn ansetzen, sind der Expertin zufolge jedoch effektiv und meist gut verträglich.
Ziele einer multimodalen Therapie
Zu den Zielen einer multimodalen Therapie gehören:
- Beschwerden eingrenzen und andere Krankheiten ausschließen
- Trigger-Faktoren der Attacken erkennen und möglichst vermeiden
- Die Einnahme von Medikamenten, besonders von Schmerzmitteln, reduzieren
- Migräneattacken möglichst reduzieren, abmildern und verkürzen
- Alltagskonzepte für den Umgang mit der Krankheit entwickeln
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben medikamentösen Behandlungen gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die zur Vorbeugung von Migräne mit Aura wirksam sein können:
- Regelmäßiger Ausdauersport wie beispielsweise Joggen, Schwimmen, Radfahren
- Die Anwendung von Entspannungstechniken wie zum Beispiel Yoga, progressive Muskelrelaxation und autogenes Training oder Biofeedback-Techniken
- Psychologische, zum Beispiel so genannte verhaltenstherapeutische Verfahren, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen
Wenn man solche nicht-medikamentösen Maßnahmen regelmäßig anwendet, merkt man dann, dass die Migräne weniger häufig auftritt und Attacken weniger schwer verlaufen.
Mit passiven Dehnübungen wird versucht, vor allem im Bereich von Wirbelsäule sowie Rücken-, Hals- oder Kopfmuskulatur, Fehlhaltungen und muskulären Problemen entgegenzuwirken, die die Kopfschmerzen verstärken. Betroffene sollten auch aktiv Übungen durchführen oder leichten Ausdauersport wie Nordic Walking betreiben. Körperliche Aktivität ist also sinnvoll. Allerdings sollte der Puls kontrolliert werden, weil Überanstrengung ein Trigger für Migräne sein kann.
Verhaltenstherapie kann helfen, den Tagesrhythmus besser zu strukturieren. Zusätzlich können Trigger identifiziert werden, um dann die Anzahl und Dauer der Attacken zu minimieren.
Entspannungstechniken wie Yoga, Pilates oder progressive Muskelentspannung können zusätzlich zu einer besseren Lebensqualität beitragen, ebenso wie eine Ernährungsumstellung und der Verzicht auf Alkohol oder Zigaretten.
Vorbeugung von Migräne mit Aura
Die beste Strategie bei Migräne - egal ob mit oder ohne Aura - ist, die Auslöser zu meiden. Wenn Sie einem Migränefall vorbeugen möchten, sollten Sie Ihre persönlichen Risikofaktoren kennen und sich mit verschiedenen, auch nicht-medikamentösen Maßnahmen auseinandersetzen.
In der Prophylaxe von Migräne mit Aura helfen haben sich vor allem die Medikamente Lamotrigin, Flunarizin und Topiramat bewährt.
Leben mit Migräne mit Aura
Leider gibt es bislang keine Möglichkeit, Migräne zu heilen. Jeder Betroffene muss lernen, mit dieser Erkrankung zu leben. Dazu gehört, modifizierbare Auslöser für Attacken nach Möglichkeit zu reduzieren und sich auf der anderen Seite einzugestehen, dass schwere Attacken zu einer reellen Minderung der Leistungsfähigkeit führen. Migräne ist entgegen einer oft geäußerten Meinung keine psychische Erkrankung und sollte auch nicht mit einem banalen Spannungskopfschmerz, der viel besser mit Schmerzmitteln kontrolliert werden kann, verwechselt werden.
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