Kopfschmerzen und insbesondere Migräne sind weit verbreitete neurologische Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Hirnstiftung weisen darauf hin, dass Migränepatienten in Deutschland oft unterversorgt sind. In Ulm und Umgebung gibt es verschiedene Anlaufstellen, die sich der Diagnose und Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne widmen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Situation der Migräneversorgung, die Herausforderungen bei der Behandlung und die verfügbaren Anlaufstellen in Ulm.
Unterversorgung von Migränepatienten in Deutschland
Daten des Robert-Koch-Institutes aus dem Jahr 2020 zeigen, dass die Mehrheit der Migränepatienten auf freiverkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure zurückgreift, die nicht speziell gegen Kopfschmerzen entwickelt wurden. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung, betont, dass vielen Betroffenen Schmerzen erspart werden könnten, wenn die Migräne als neurologische Krankheit ernst genommen und neurologisch betreut würde. Er weist darauf hin, dass Migräne das Schlaganfallrisiko bei jüngeren Menschen erhöhen kann.
Die Einnahme von freiverkäuflichen Schmerzmitteln ohne ärztliche Rücksprache ist oft weniger effektiv und kann langfristig gefährlich sein. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) können bei häufigem und mehrjährigem Gebrauch die Nieren schädigen. Zudem besteht das Risiko eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes, da Schmerzmittel bei zu häufiger Anwendung Kopfschmerzen auslösen können.
Migräne in Ulm und Umgebung
In Ulm, Alb-Donau-Kreis und Biberach lag der Anteil der Migränepatienten im Jahr 2014 laut AOK-Zahlen bei 4,2 Prozent. Experten schätzen jedoch, dass die tatsächliche Zahl mindestens doppelt so hoch ist, da viele Betroffene ihre Diagnose nicht kennen. Die AOK Ulm-Biberach zählte unter ihren Versicherten 8.663 Migränepatienten, was etwa dem Durchschnitt Baden-Württembergs entspricht. Vier von fünf Betroffenen sind Frauen (79,9 Prozent).
Viele Patienten suchen verschiedene Ärzte auf, von Augenärzten über Orthopäden bis hin zu Zahnärzten, in der Hoffnung auf Linderung, aber oft ohne Erfolg. Dr. Sabine Schwenk, Geschäftsführerin der AOK Ulm-Biberach, betont, dass nur bei einer klaren Diagnose die richtige Therapie eingeleitet werden kann. Erste Anlaufstelle sollte der Hausarzt sein, der den Patienten am besten kennt und eventuelle andere Erkrankungen bei der Diagnose berücksichtigen kann.
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Herausforderungen bei der Therapie von Schwangeren
Ein besonderes Problem stellt die Therapie von Schwangeren dar, da diese weitgehend von systematischen Arzneimittelstudien ausgeschlossen sind. Für viele übliche Medikamente fehlen Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit während der Schwangerschaft und Stillzeit. Wolfgang Paulus von der DMKG betont, dass dies die medikamentöse Behandlung in dieser sensiblen Lebensphase zu einem ethisch und rechtlich komplexen Unterfangen macht und große Unsicherheit bei Ärzten und werdenden Müttern schafft. Schätzungsweise 150.000 Schwangere sind jährlich in Deutschland betroffen.
Ein aktuelles Beispiel für die Verunsicherung ist die jahrelange Diskussion über die Anwendung von Paracetamol während der Schwangerschaft. Obwohl es weltweit eines der am häufigsten verwendeten und als sicher geltenden Medikamente zur Akutbehandlung gilt, gab es in der Vergangenheit Verdachtsmomente bezüglich möglicher Komplikationen bei den Nachkommen. Eine große schwedische Studie aus dem Jahr 2024 konnte diesen Verdacht jedoch nicht bestätigen, sodass Paracetamol weiterhin als sicherstes Analgetikum in der Schwangerschaft gilt.
Eingeschränkte medikamentöse Akuttherapie
Ein Schwerpunkt der Migränebehandlung liegt auf nicht-medikamentösen Maßnahmen. Diese sind zwar hilfreich, reichen aber nicht immer aus, um die Migräneattacken zu kontrollieren, die gerade in der Schwangerschaft besonders schwächen und ein Risikofaktor für Komplikationen sein können. Die Auswahl an Medikamenten, die in der Schwangerschaft zur Migränebehandlung eingesetzt werden dürfen, ist sehr begrenzt. Einige bieten eine gewisse Sicherheit, bei anderen gibt es erhebliche Bedenken.
Der kurzfristige Einsatz von nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAID) wie Ibuprofen vor dem letzten Schwangerschaftsdrittel gilt als unbedenklich. Auch bei Triptanen, insbesondere Sumatriptan, kann man inzwischen aufgrund einer umfangreichen Datenbasis von ausreichender Sicherheit ausgehen. Für monoklonale Antikörper aus der Gruppe der CGRP-Antagonisten, wie Erenumab, sind die Daten dagegen noch nicht ausreichend, um eine Empfehlung auszusprechen.
Migräneprophylaxe: Hinweise auf Entwicklungsstörungen durch Topiramat
Zur Migräneprophylaxe gelten Betablocker wie Metoprolol und Amitriptylin als relativ sicher. Bei Topiramat weisen die Auswertungen dagegen auf ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen und neurologische Entwicklungsstörungen der intrauterin exponierten Kinder hin. Obwohl Topiramat aufgrund seiner guten Wirksamkeit seit vielen Jahren in der Migräneprophylaxe etabliert ist, ist das Präparat in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter nun kontraindiziert.
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Versorgungslücke schließen durch mehr Evidenz
Die medikamentöse Behandlung von Migräne in der Schwangerschaft erfordert von Ärzten eine individuelle Abwägung zwischen den Risiken und dem Nutzen der verschiedenen Therapieoptionen. Mangels randomisierter klinischer Studien mit Schwangeren sind sie dabei auf Beobachtungsstudien mit sehr inhomogenen Expositionsdaten angewiesen. Diese führen bei denselben Fragestellungen oft zu unterschiedlichen Ergebnissen, selbst bei hohen Fallzahlen.
Das deutsche Gesundheitswesen bietet bezüglich der Arzneimitteltherapie-Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit leider wenig Unterstützung. In Deutschland kümmern sich hauptsächlich zwei Institutionen um die Beratung und Risikobewertung: EMBRYOTOX an der Charité Berlin und REPROTOX am Universitätsklinikum Ulm. Beide Einrichtungen sind jedoch chronisch unterfinanziert. Die DMKG fordert daher, die bestehenden Institutionen finanziell zu stärken, um so deren Beratungs- und Forschungsaktivitäten zu intensivieren und somit eine bessere Versorgung der betroffenen Frauen zu gewährleisten.
Augenärztliche Aspekte bei Kopfschmerzen
Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) weist darauf hin, dass auch die Augen Auslöser von Kopfschmerz sein könnten, beispielsweise durch Entzündungen der Augenlider, der Augenhöhle oder des Tränenapparates. Auch bei einer Entzündung der Nasennebenhöhlen können Kopfschmerzen auftreten. Die Schmerzen können mitunter von den Augen in die Schläfen ziehen, oder sich sogar als Zahnschmerzen äußern.
Neben entzündlichen Erkrankungen des Auges und des Sehapparates können auch externe Faktoren augenbedingte Kopfschmerzen verursachen, beispielsweise eine Überlastung bei konzentrierter Naharbeit, eine schlecht ausgeleuchtete Arbeitsumgebung oder eine falsch eingestellte Brille. Zudem können auch trockene Augen, ein Glaukom oder ein gestörtes Gleichgewicht der Augenmuskeln Kopfschmerzen verursachen.
Anlaufstellen in Ulm
In Ulm und Umgebung gibt es verschiedene Anlaufstellen für Migränepatienten und Menschen mit Kopfschmerzen. Dazu gehören:
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- Neurologische Hochschulambulanz Ulm: Bietet verschiedene Spezialsprechstunden an, darunter eine Schmerzsprechstunde und eine Ambulanz für Botulinumtoxin-Therapie. Die Ambulanz ist Teil der Universitätsklinik für Neurologie und bietet spezialisierte diagnostische und therapeutische Leistungen für Patienten mit neurologischen Erkrankungen, einschließlich Migräne und Kopfschmerzen. Ansprechpartner sind unter anderem PD Dr. med. Makbule Senel und Prof. Dr. med. Hayrettin Tumani.
- Praxis für Neuropädiatrie, Epileptologie und Sozialpädiatrie in Neu-Ulm: Spezialisiert auf die neurologische und sozialpädiatrische Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Die Praxis bietet umfassende Leistungen von der Diagnostik bis zur Langzeitbetreuung und setzt auf moderne Technologie für eine individuelle Betreuung.
- Niedergelassene Neurologen und Schmerztherapeuten: In Ulm und Umgebung gibt es mehrere niedergelassene Ärzte, die sich auf die Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne spezialisiert haben. Eine Liste von Kopfschmerzexperten ist auf der Webseite der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) zu finden.
- Universitätsklinik für Urologie und Kinderurologie: Bietet in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Neurologie eine Spezialsprechstunde für funktionelle Störungen der Blasen- und Darmfunktion an, die auch im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson-Syndrom oder Schlaganfall auftreten können.
- Schmerzklinik Kiel: Bietet auf ihrer Homepage unter "Schmerzexperten finden" die Kontaktdaten der teilnehmenden Ärzte des Bundesweiten Kopfschmerz-Netzwerks.
- EMBRYOTOX an der Charité Berlin und REPROTOX am Universitätsklinikum Ulm: Bieten Beratung und Risikobewertung zur Arzneimitteltherapie in Schwangerschaft und Stillzeit an.
Detaillierte Informationen zu einigen Anlaufstellen
Neurologische Hochschulambulanz Ulm
Die Neurologische Hochschulambulanz Ulm bietet ein breites Spektrum an spezialisierten Sprechstunden und Behandlungen für Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Dazu gehören:
- Schlaganfall und Dopplerambulanz: Unter der Leitung von Frau Dr. S. Müller werden Patienten mit Schlaganfall und anderen zerebrovaskulären Erkrankungen betreut. Es gibt auch Spezialsprechstunden für zerebrale Mikroangiopathie und genetische neurovaskuläre Erkrankungen.
- Ambulanz für Botulinumtoxin-Therapie: Unter der Leitung von Dr. med. Panteha Fathinia-Grafl und PD Dr. med. Mona Laible werden Patienten mit Dystonien, spastischen Lähmungen, vermehrtem Speichelfluss und vermehrtem Schwitzen behandelt.
- Neuropsychologische Sprechstunde: Unter der Leitung von Prof. Dr. med. Rebecca Kassubek werden neuropsychologische Differentialdiagnostik, Verlaufskontrollen, Beratung und Therapieempfehlungen angeboten.
- Neuromuskuläre Ambulanz: Bietet spezialisierte Diagnostik und Therapie für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen.
Praxis für Neuropädiatrie, Epileptologie und Sozialpädiatrie in Neu-Ulm
Die Praxis Neurospatz in Neu-Ulm ist spezialisiert auf die neurologische und sozialpädiatrische Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Sie bietet eine umfassende Versorgung von der Diagnostik bis zur Langzeitbetreuung und setzt auf moderne Technologie für eine individuelle Betreuung. Die Praxis ist vollständig digital organisiert, was eine einfache Online-Terminvergabe, digitale Check-ins und Videosprechstunden ermöglicht. Neben spezialisierten fachärztlichen Leistungen bietet die Praxis auch umfassende sozialpädiatrische Betreuung, Beratung und Entwicklungsbegleitung.
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