Fremanezumab (Ajovy®) zur Migräneprophylaxe: Ein umfassender Überblick

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der allein in Deutschland schätzungsweise 8 bis 10 Millionen Menschen betroffen sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne zu den Top 10 der nicht-tödlichen Krankheiten mit den stärksten Beeinträchtigungen. Für Patienten mit häufigen und schweren Migräneattacken kann eine Migräneprophylaxe in Betracht gezogen werden. Mit Fremanezumab (Ajovy®, Teva) steht ein spezifischer monoklonaler Antikörper zur Verfügung, der entweder monatlich oder vierteljährlich angewendet werden kann. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Fremanezumab, einschließlich seiner Wirkweise, Anwendung, Studienergebnisse und Sicherheitsaspekte.

Was ist AJOVY und wie wirkt es?

AJOVY enthält den Wirkstoff Fremanezumab, einen monoklonalen Antikörper. Antikörper sind Proteine, die spezifische Ziele im Körper erkennen und daran binden. Fremanezumab adressiert den Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP)-Signalweg, der eine maßgebliche Rolle im pathophysiologischen Geschehen der Migräne spielt.

CGRP ist ein körpereigener Stoff, der bei Migräne eine wichtige Rolle spielt. Fremanezumab bindet an CGRP und blockiert so dessen Aktivität. Infolge der herabgesetzten Aktivität von CGRP werden Migräneanfälle reduziert. Während Erenumab den CGRP-Rezeptor blockiert, bindet Fremanezumab wie auch Galcanezumab direkt an das Neuropeptid. Dadurch kann dieses nicht mehr mit dem dazugehörigen Rezeptor interagieren.

Anwendungsgebiete von Fremanezumab

AJOVY wird zur Vorbeugung von Migräne bei Erwachsenen angewendet, die mindestens 4 Migränetage pro Monat haben. Es reduziert die Häufigkeit von Migräneanfällen und die Anzahl der Tage mit Kopfschmerz. Das Anwendungsgebiet von Fremanezumab ist identisch mit dem der beiden anderen bereits zugelassenen Antikörper: die Migräne-Prophylaxe bei erwachsenen Patienten, die an mindestens vier Tagen im Monat unter Migräne leiden.

Darreichungsform und Dosierung

Das Präparat kommt als Fertigspritze mit 225 mg auf den Markt. Dies entspricht der Dosis für einen Monat, die einmal monatlich subkutan gespritzt wird. Alternativ können alle drei Monate 675 mg subkutan appliziert werden, was dann allerdings mittels drei Fertigspritzen à 225 mg geschehen muss, da es eine spezielle Dreimonatsspritze bislang noch nicht gibt.

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Die subkutane Injektion kann durch den Patienten selbst erfolgen, nachdem er von medizinischem Fachpersonal entsprechend geschult wurde. Mögliche Injektionsstellen sind Bereiche des Abdomens, des Oberschenkels und der Oberarme, wenn diese nicht empfindlich, gerötet oder verhärtet und frei von Hämatomen sind. Bei mehreren Injektionen sollte die Injektionsstelle gewechselt werden.

Wird der Dosierungsplan gewechselt, so sollte die Dosis des neuen Plans am nächsten geplanten Termin des vorherigen Dosierungsplanes verabreicht werden.

Eine Bewertung des Behandlungsnutzens ist innerhalb von drei Monaten nach Therapiebeginn vorzunehmen. Das Ergebnis dieser Prüfung entscheidet darüber, ob die Therapie fortgeführt wird oder nicht. Generell sollte die Notwendigkeit zur Fortsetzung der Therapie in regelmäßigen Abständen geprüft werden.

Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Fremanezumab

Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen der beiden Phase-III-Studien HALO EM und HALO CM, in denen Fremanezumab verglichen mit Placebo die Anzahl der durchschnittlichen Kopfschmerztage pro Monat signifikant senken konnte. Teva untersuchte Fremanezumab sowohl bei episodischer als auch chronischer Migräne. Experten sprechen von einer chronischen Migräne, wenn der Patient an mindestens 15 Tagen im Monat an Migräne-Attacken leidet.

HALO EM (Episodische Migräne)

An der Studie HALO EM nahmen insgesamt 875 Patienten teil, die zuvor mindestens vier Migränetage pro Monat aufwiesen. Sie wurden entweder mit Fremanezumab 225 mg s.c. einmal monatlich oder mit 675 mg s.c. alle drei Monate oder mit Placebo s.c. behandelt. In beiden Verumgruppen hatte die Zahl der monatlichen Migränetage bis zum Studienende nach zwölf Wochen verglichen mit dem Ausgangswert (primärer Endpunkt) signifikant im Vergleich zu Placebo abgenommen (p < 0,001): Bei monatlicher Injektion von Fremanezumab betrug die Reduktion im Mittel 3,7 Tage, bei vierteljährlicher Gabe 3,4 Tage und mit Placebo 2,2 Tage.

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Eine Reduktion der monatlichen Migränetage um mindestens 50 Prozent wurde bei 47,7 Prozent der Patienten unter monatlicher und bei 44,4 Prozent der Patienten unter vierteljährlicher Injektion des CGRPAntikörpers erreicht (Placebo: 27,9 Prozent). Der Unterschied im Vergleich zu Placebo war statistisch signifikant (p < 0,001). Außerdem benötigten die Patienten an weniger Tagen eine Akutmedikation als zu Studienbeginn (p < 0,001 versus Placebo).

HALO CM (Chronische Migräne)

In die Studie HALO CM wurden 1036 Patienten mit chronischer Migräne einbezogen. Die Zahl der monatlichen Kopfschmerztage sank bei monatlicher Fremanezumab-Gabe um im Mittel 4,6 Tage, bei quartalsweiser Gabe um 4,3 Tage und mit Placebo um 2,5 Tage (p < 0,001 versus Placebo). Bereits nach einer Woche zeigte sich eine signifikante Besserung (p < 0,001 versus Placebo). Eine Halbierung der monatlichen Kopfschmerztage erreichten 40,5 Prozent der Patienten unter monatlicher und 37,6 Prozent bei vierteljährlicher Fremanezumab-Injektion. Auch Patienten, die mit Topiramat oder Onabotulinumtoxin A als Prophylaxe vorbehandelt waren, profitierten von der prophylaktischen Therapie mit Fremanezumab.

Weitere positive Effekte

In beiden HALO-Studien konnten unter Fremanezumab auch Verbesserungen der Lebensqualität, des allgemeinen Gesundheitsstatus, der psychischen Gesundheit und der Arbeitsproduktivität erreicht werden. Zudem war die schnell einsetzende und ausgeprägte Wirksamkeit des CGRPAntikörpers mit einem günstigen Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil assoziiert.

Nebenwirkungen und Gegenanzeigen

Wie alle Arzneimittel kann auch dieses Arzneimittel Nebenwirkungen haben, die aber nicht bei jedem auftreten müssen. Als häufigste Nebenwirkungen traten Reaktionen an der Einstichstelle wie Schmerzen (24%), Verhärtungen (17%), Erytheme (16%) und Juckreiz (2%) auf.

Selten (kann bis zu 1 von 1.000 Behandelten betreffen) Schwerwiegende allergische Reaktionen (Anzeichen können Atemnot, ein Anschwellen der Lippen, der Zunge oder starken Ausschlag umfassen) (siehe Abschnitt 2. „Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen“). Bitte sprechen Sie unverzüglich mit Ihrem Arzt, Apotheker oder dem medizinischen Fachpersonal, wenn Sie nach dem Injizieren von AJOVY Anzeichen einer schwerwiegenden allergischen Reaktion, z. B. Atemnot, ein Anschwellen der Lippen und der Zunge oder starken Ausschlag bemerken. Diese Reaktionen können innerhalb von 24 Stunden nach der Anwendung von AJOVY auftreten, können aber manchmal verzögert sein.

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AJOVY darf nicht angewendet werden, wenn Sie allergisch gegen Fremanezumab oder einen der in Abschnitt 6. genannten sonstigen Bestandteile dieses Arzneimittels sind.

Informieren Sie Ihren Arzt vor der Anwendung dieses Arzneimittels, wenn Sie derzeit oder früher eine kardiovaskuläre Erkrankung (Probleme mit dem Herzen und den Blutgefäßen) (gehabt) haben, da AJOVY an Patienten mit bestimmten kardiovaskulären Erkrankungen nicht untersucht wurde.

AJOVY wird für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht empfohlen, da es an Patienten dieser Altersgruppe nicht untersucht wurde.

Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln

Die Eigenschaften von Fremanezumab lassen keine pharmakokinetischen Wechselwirkungen erwarten. Es wurden keine formellen klinischen Studien mit Ajovy zur Erfassung von Wechselwirkungen durchgeführt.

Während der klinischen Studien wurde Fremanezumab zusammen mit Medikamenten zur Migräne-Akutbehandlung (besonders Analgetika, Ergotaminderivate und Triptane) sowie mit präventiven Migränemedikamenten angewendet. Dabei wurde Fremanezumab nicht in seiner Pharmakokinetik beeinträchtigt.

Schwangerschaft und Stillzeit

Zur Anwendung von Ajovy während der Schwangerschaft liegen nur begrenzte Daten vor. Deshalb sollte die Anwendung des Präparates während der Schwangerschaft vermieden werden, auch wenn tierexperimentelle Daten keine Hinweise auf eine schädliche Wirkung zeigten.

Gerade in den ersten Tagen nach der Entbindung geht humanes Immunglobulin G (IgG) in die Muttermilch über und sinkt danach sehr bald auf niedrige Konzentrationen ab. Ob Fremanezumab in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt. Daher ist vor allem in den ersten Tagen nach der Geburt ein Risiko für das gestillte Kind nicht auszuschließen. Auch im Anschluss an diese Phase sollte die Anwendung von Fremanezumab in der Stillzeit nur erfolgen, falls dies klinisch erforderlich ist.

Verkehrstüchtigkeit und Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen

Das Präparat hat keinen bzw. einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen.

Lagerung und Entsorgung

Bewahren Sie dieses Arzneimittel für Kinder unzugänglich auf. Sie dürfen dieses Arzneimittel nach dem auf dem Etikett des Fertigpens und auf dem Umkarton nach „EXP“ bzw. „verwendbar bis“ angegebenen Verfalldatum nicht mehr verwenden. Das Verfalldatum bezieht sich auf den letzten Tag des angegebenen Monats.

Im Kühlschrank lagern (2 °C - 8 °C). Nicht einfrieren. Den Fertigpen im Umkarton aufbewahren, um den Inhalt vor Licht zu schützen. Dieses Arzneimittel kann aus dem Kühlschrank genommen und bis zu 7 Tage lang bei einer Temperatur von bis zu 30 °C gelagert werden. Wird das Arzneimittel länger als 7 Tage außerhalb des Kühlschranks aufbewahrt, muss es entsorgt werden. Nach Aufbewahrung bei Raumtemperatur nicht wieder im Kühlschrank lagern.

Sie dürfen dieses Arzneimittel nicht verwenden, wenn Sie bemerken, dass der Umkarton manipuliert wurde, der Pen beschädigt ist oder das Arzneimittel wolkig oder verfärbt ist oder Partikel enthält. Der Pen ist nur für den einmaligen Gebrauch vorgesehen. Entsorgen Sie Arzneimittel nicht im Abwasser oder Haushaltsabfall. Fragen Sie Ihren Apotheker, wie das Arzneimittel zu entsorgen ist, wenn Sie es nicht mehr verwenden.

Fremanezumab im Vergleich zu anderen CGRP-Antikörpern

Fremanezumab ist einer von mehreren CGRP-Antikörpern, die zur Migräneprophylaxe zugelassen sind. Zu den weiteren Vertretern gehören Erenumab (Aimovig®) und Galcanezumab (Emgality®). Alle drei Antikörper sind zugelassen zur Prophylaxe von Migräne, und zwar bei Erwachsenen, die an mindestens vier Tagen pro Monat an Attacken leiden.

Erenumab (70 mg) in Aimovig® applizieren die Migräniker alle vier Wochen subkutan mittels eines Fertigpens. Galcanezumab (120 mg) in Emgality® applizieren die Migräniker monatlich subkutan mittels eines Fertigpens. Die Anfangsdosis (Loading-Dose) liegt bei der doppelten Dosis (240 mg Galcanezumab) am selben Tag.

Fremanezumab (225 mg) in Ajovy® applizieren die Migräniker monatlich subkutan mittels einer Fertigspritze ODER vierteljährlich (675 mg) subkutan mittels dreier Fertigspritzen am selben Tag. Teva vermarktet keine höher dosierte Fertigspritze mit der Gesamtdosis 675 mg.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Antikörpern besteht in der Applikationshäufigkeit. Während Erenumab und Galcanezumab monatlich verabreicht werden, ermöglicht Fremanezumab auch eine vierteljährliche Gabe, was für manche Patienten von Vorteil sein kann.

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