Zwölf bis dreizehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne, was sie zur dritthäufigsten Krankheit der Welt macht. Die Neurologische Abteilung der Schlossklinik bietet als eine der wenigen Rehakliniken ein spezielles Migränekonzept für Betroffene an. Roland Gerster, Migränespezialist in der Schlossklinik, informierte in einem Vortrag im Kurzentrum Amtzell über die Krankheit Migräne und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Migräne? Zahlen und Fakten
Chronische Migräne betrifft zwei Prozent der Weltbevölkerung, darunter dreimal so viele Frauen wie Männer. Jeden Tag sind allein in Deutschland 900.000 Menschen betroffen, und 100.000 davon arbeitsunfähig und bettlägerig. Dies führt dazu, dass rund 8,3 Millionen Deutsche täglich Schmerztabletten einnehmen. Das Risiko für Depressionen, Angsterkrankungen und Suizid ist bei Migränepatienten drei- bis siebenmal höher als bei gesunden Menschen. Auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall ist bis zu zweimal höher. Migräne ist nicht heilbar, aber meistens gut behandelbar.
Ursachen und Symptome der Migräne
Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die sich nicht einfach mit einer Tablette abschalten lässt. Für eine erfolgreiche Behandlung ist zeitgemäßes Wissen zur Entstehung und richtiges Verhalten unerlässlich. Auch muss der Migränepatient, zumindest stückweise, selbst aktiv werden. Nicht jeder Kopfschmerz ist gleich eine Migräne. Vorboten-Symptome können Müdigkeit, Geräuschempfindlichkeit und häufiges Gähnen sein, ebenso Störungen im Magen-Darm-Trakt. Typische Symptome, die eine Erkrankung nahelegen, sind Sehstörungen mit Gesichtsfeldausfällen, Lichtblitzen oder das Wahrnehmen von bunten, schillernden, gezackten Linien oder Flimmern. Gefühlstörungen mit Kribbeln oder Taubheitsgefühl bis hin zu Sprachstörungen können ebenfalls auftreten. Diese Aurasymptome können im Durchschnitt bis zu 30 Minuten andauern, selten jedoch länger als eine Stunde. Weitere Symptome folgen dann in der Kopfschmerzphase, die meistens halbseitig im Bereich von Stirn, Schläfe und Auge auftritt und bei körperlicher Betätigung zunimmt, während Ruhe und Dunkelheit zur Linderung beitragen.
Zu den Ursachen der Migräne gibt es etliche Studien, die teils aber nicht belegt wurden. Bewiesen ist eine genetische Komponente. Gesichert ist eine angeborene Besonderheit in der Reizverarbeitung im Gehirn, das dabei ständig unter Hochspannung steht.
Moderne Behandlungsmethoden in der Schlossklinik
Ein wichtiger Teil des Vortrags war das Thema Behandlung der Krankheit. Eine Migräneattacke soll nicht ausgehalten, sondern behandelt werden. Betroffene sollten nicht an mehr als zehn Tagen im Monat Schmerzmittel einnehmen. Zur Vorbeugung gibt es eine Reihe von Medikamenten wie Betablocker und Antiepileptika. Seit 2018 gibt es auch eine Impfung gegen Migräne. Auch eine nichtmedikamentöse Vorbeugung ist möglich. Hier ist eine progressive Muskelrelaxation, aber auch Meditation, autogenes Training und Yoga denkbar. Wichtig ist die Stressbewältigung, den Migräneauslöser zu erkennen und vermeiden, regelmäßiger Schlaf-Wachrhythmus und regelmäßige Essenszeiten.
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Die Klinik für Neurologie gehört zu den Fachkliniken Wangen, einer von 12 Waldburg-Zeil Kliniken. In unserer Klinik kümmern sich Ärztinnen/Ärzte, Therapeutinnen/Therapeuten und Pflegefachkräfte mit viel Wissen und Erfahrung um ihre Patientinnen und Patienten. "Der Patient steht bei uns im Mittelpunkt“ Dr. med. Dr. rer. nat. Neurologische Frührehabilitation in Wangen. In unserer Klinik behandeln wir Menschen mit schweren Erkrankungen oder Verletzungen des Nervensystems. Uns liegt eine bestmögliche Versorgung der Patientinnen und Patienten sehr am Herzen, sowohl stationär im Bereich Frührehabilitation als auch ambulant in der Diagnostik, Therapie und Betreuung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Erkrankungen und Verletzungen des Nervensystems führen zu unterschiedlichen, meist komplexen Einschränkungen von Funktionen und Fähigkeiten. Wenn ein vertrauter Mensch stark erkrankt, ist das für Angehörige eine besonders herausfordernde und emotionale Zeit. Wir begleiten nicht nur unsere Patientinnen und Patienten, sondern stehen auch Ihnen als Angehörigen zur Seite.
Neuraltherapie: Aktivierung der Selbstheilung
Die Neuraltherapie wurde im Jahre 1925 von den Brüdern Ferdinand und Walter Huneke durch einen reinen Zufall entdeckt: Seiner an chronischer Migräne leidenden Schwester injizierte Ferdinand versehentlich das Lokalanästhetikum Procain in die Vene, woraufhin der Migräneanfall abrupt beendet wurde und auch die Migräne nachhaltig gebessert war. Von diesem Tag an erforschten die beiden Brüder die Heilwirkungen und Einsatzgebiete des Procains und fanden ein immer breiter werdendes Anwendungsspektrum. Die Neuraltherapie ist eine Regulationstherapie, sie bringt krankhafte Zustände im Körper wieder ins Gleichgewicht. Regulation bedeutet, dass der Organismus zwischen Phasen der Erholung und Phasen des Stresses problemlos jonglieren kann. Gerade bei chronischen Beschwerden liegt meist eine Regulationsstarre vor: Unser Organismus kommt aus dem Dauerstress nicht selbst heraus. Ziel einer Neuraltherapie ist es, den Körper zurück in die Regulation zu bringen und Fehlfunktionen des Organismus zu normalisieren. Durch die Injektion von Procain wird der Stressreiz weggenommen, ein Schmerzgedächtnis kann unterbrochen werden. Die Therapie findet als Segmenttherapie, erweiterte Segmenttherapie und Störfeldtherapie in Form von Hautquaddeln, Injektionen an Gelenke, Muskeln, Sehnenansätze, Ganglien etc. statt. Ebenfalls hilfreich kann eine intravenöse Gabe sein.
Anwendungsbereiche der Neuraltherapie
Die Neuraltherapie kann bei einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt werden, darunter:
- Akute und chronische Schmerzen
- Chronische degenerative Erkrankungen des muskuloskeletalen Systems
- Chronische Nebenhöhlenentzündungen (Sinusitis)
- Gehäufte Mandelentzündungen (Tonsillitis)
- Chronische Müdigkeit oder Erschöpfungszustände
- Sodbrennen
- Funktionelle Erkrankungen innerer Organe
- Schmerzhafte Menstruation (Dysmenorrhoe)
- Durchblutungsstörungen
- Wechseljahrsbeschwerden
- Hormonelle Störungen
- Fertilitätsstörungen
Wirkungsweise der Neuraltherapie
Für die Neuraltherapie wird Procain in einer Verdünnung von 0,5 bis 1,0% verwendet. Procain wird im Blut oder lokal am Injektionsort durch ein Enzym, die Pseudocholinesterase, innerhalb von nur 20 Minuten in die zwei Spaltprodukte Paraaminobenzoesäure (PABA) und Diethylaminoenthanol gespalten. Procain und noch mehr sein Spaltprodukt PABA, haben eine gefäßerweiternde und gefäßabdichtende Wirkung. PABA ist zudem ein natürlich im Körper vorkommender Baustein für die Bildung der Folsäure. Das zweite Spaltprodukt, Diethylaminoethanol, wirkt entzündungshemmend und führt über eine Erhöhung des Endocannabinoidspiegels zur Schmerzhemmung. Procain hemmt die Wirkung des Stressnervensystems (Sympathikolyse) und ermöglicht dadurch Heilungsprozesse.
Unser vegetatives Nervensystem mit den beiden Akteuren Sympathikus (Stressnerv, Anspannung, Flucht, Entzündung) und Parasympathikus (Erholungsnerv, Regeneration, Entspannung, Heilung, Entzündungshemmung) kann durch die Neuraltherapie wieder zurück ins Gleichgewicht gebracht werden. Bei chronischen Beschwerden liegt meist eine Dominanz des Sympathikus vor (messbar mit der VNS-Analyse), welche durch wiederholte Injektionen von Procain durchbrochen werden kann: Der Körper wird aus seiner Regulationsstarre befreit, der Parasympathikus kann wieder aktiver werden und Heilungsprozesse einleiten. Wie die Akupunktur ist auch die Neuraltherapie (und auch jede andere Therapie aus dem Bereich der Naturheilkunde) Hilfe zur Selbsthilfe.
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Ablauf einer Neuraltherapie
Die Neuraltherapie wird je nach durchgeführten Injektionen im Sitzen und/oder Liegen durchgeführt. Begonnen wird mit einer Segmenttherapie, wobei mit einer dünnen Nadel Hautquaddeln über zugeordneten Hautarealen, Injektionen in muskuläre Triggerpunkte, an Sehnenansätze oder Gelenke durchgeführt werden. Bei ausbleibendem Therapieerfolg, erfolgt die erweiterte Segmenttherapie: Hierbei werden Injektionen an Facettengelenke der Wirbelsäule (Hintergrund: Der hier austretende Nerv enthält einen hohen Anteil an sympathischen Stressfasern) oder an Ganglien durchgeführt. Außerdem kann eine kleine Menge Procain direkt intravenös verabreicht werden. Bleibt auch hiernach der Behandlungserfolg aus, so muss an ein mögliches Störfeld gedacht werden, welches die Beschwerden „aus der Ferne“ unterhält. Die häufigsten Störfelder sind aus neuraltherapeutischer Sicht die Mandeln (Tonsillen), Nebenhöhlen, der Nabel, Narben und beherdete Zähne. Hinweise auf das Vorliegen eines Störfeldes im Kopfbereich geben u.a. die Adler-Langer-Druckpunkte. Eine Neuraltherapie dauert in der Regel 15 bis 20 Minuten, je nach Behandlungsumfang. Nachdem alle Injektionen durchgeführt wurden, verweilen Sie noch einige Minuten (meist 10 Minuten) in der Praxis zur Nachbeobachtung.
Kombination mit anderen Therapien
Besonders die Akupunktur nach dem AkupunktConcept stellt eine ideale Kombination mit der Neuraltherapie dar. Beide Therapien wirken synergistisch, besonders bei der Therapie von akuten oder chronischen Schmerzen. Wenn wir uns verletzen, wird über aufsteigende Schmerzbahnen ein Schmerzimpuls ans Gehirn übermittelt. Zeitgleich wird über eine vom Gehirn absteigende Schmerzbahn ein hemmender Vorgang ausgelöst, welcher unser Schmerzempfinden herabsetzt. Durch diese absteigende Schmerzhemmung empfinden wir beispielsweise das Wasser in der Badewanne bereits nach kurzer Zeit als angenehm warm, auch wenn es uns beim ersten Betreten der Wanne viel zu heiß erschien. Die Neuraltherapie mit Procain bewirkt, dass der Schmerz nicht mehr zum Gehirn weitergeleitet und daher nicht mehr oder zumindest stark vermindert wahrgenommen wird (Hemmung der aufsteigenden Schmerzbahn, Hemmung der Nozizpetion), während Akupunktur durch den Nadelreiz und die Nadelstimulation dafür sorgt, dass die Schmerzwahrnehmung zunehmend gehemmt wird (Aktivierung der absteigenden Schmerzhemmung). Diese Kombination von Neuraltherapie und Akupunktur ist neben weiteren Therapiebausteinen fester Bestandteil des SchmerzConcept.
Kontraindikationen für eine Neuraltherapie
Es gibt bestimmte Umstände, unter denen eine Neuraltherapie nicht durchgeführt werden sollte:
- Hämophilie (genetisch bedingte starke Blutungsneigung)
- Einnahme von Gerinnungshemmern (z.B. Marcumar)
- Einnahme von Cholinesterasehemmern (z.B. Donepezil, Galantamin, Neostigmin)
- Einnahme von Tamsulosin
- Kombination mit Sulfonamiden (z.B. Antibiotikum Cotrimoxazol)
- Myasthenia gravis
- Mangel an Pseudocholinesterase
Kostenübernahme
Die Abrechnung der Neuraltherapie erfolgt nach der geltenden Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Sie erhalten eine ärztliche Leistungsabrechnung per Post. Die private Krankenversicherung übernimmt in aller Regel die gesamten Kosten der Therapie. Die gesetzliche Krankenversicherung erstattet die Kosten der Neuraltherapie nicht. Manche gesetzlichen Krankenkassen bieten Ihren Mitgliedern jedoch einen jährlichen Geldbetrag („Gesundheitskonto„) für naturheilkundliche, homöopathische, ganzheitliche oder ernährungsmedizinische Beratungen, Untersuchungen oder Behandlungen. Bitte sprechen Sie mit Ihrer Krankenkasse, ob die Neuraltherapie auf diesem Wege ganz oder zumindest anteilig erstattet wird.
Alpha Cooling® Professional: Kälteanwendung bei Schmerzen
Im Kältestudio Amtzell wird die einzigartige Kälteanwendung mit Unterdruck Alpha Cooling® Professional angeboten, die schnelle Regenerationseffekte und sofortige Leistungssteigerung ermöglicht. Ziel ist es, die Lebensqualität auf natürliche Weise zu verbessern. Die Ganzkörperanwendung erfolgt über die Handfläche. Durch den Kältereiz über die Handflächen kann das Wohlbefinden gesteigert werden. Nach ca. 30 Minuten Anwendung können Sie wieder regeneriert und voller Energie sein.
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Anwendungsbereiche von Alpha Cooling® Professional
Die Kälteanwendung mit Unterdruck kann bei unterschiedlichsten Beschwerden eingesetzt werden:
- Rückenschmerzen
- Arthritis
- Karpaltunnel-Syndrom
- Raynaud-Syndrom
- Gelenkschmerzen
- Entzündungen
- Migräne
- Long Covid
- Rosazea
- Leistungssteigerung
- Regeneration nach Sportverletzungen
- Restless Legs
- Fersensporn
- Schulterschmerzen
- Regeneration bei Überbeanspruchung des Bewegungsapparates
- Stärkung des Immunsystems
Wirkungsweise von Alpha Cooling® Professional
ACP kombiniert die Kühlung des Blutes über die Handflächen mit einem definierten Unterdruck. Damit gelangt leicht kühleres Blut in den Kreislauf, da eine Verengung der kleinen Kapillargefäße vermieden wird. Die körpereigene Reaktion auf diesen Vorgang sorgt für den Effekt. Durch die Anwendung von ACP werden körpereigene Prozesse aktiviert und keinerlei Fremdstoffe zugeführt. Es kommt zur Ausschüttung von Endorphinen, die Stress reduzieren und das Wohlbefinden steigern. Kälte sorgt für eine Harmonisierung im vegetativen Nervensystem. Der sogenannte Sympathikus wird kurzfristig aktiviert und der Parasympathikus langfristig gestärkt. Hierdurch kann Stress reduziert und Selbstheilungskräfte angeregt werden.
Rechtlicher Hinweis
Es wird darauf hingewiesen, dass die Anwendung kein medizinisches Therapieverfahren im Sinne allgemein anerkannter schulmedizinischer Methoden ist. Die hier getroffenen Aussagen über Wirkungsweisen und Eigenschaften der Anwendungsmethode ergeben sich aus Erkenntnissen der Anwendungsmethode. Es werden keine Heilversprechen gegeben und keine Linderung von Krankheiten garantiert oder versprochen.
Weitere Therapieansätze in Amtzell
Biofeedback-Training
Zur Behandlung der Migräne wird ein speziell für Migräne-Patienten entwickeltes Biofeedback-Training angeboten, das sogenannte "Vasokonstriktionstraining". Beim Spannungskopfschmerz spielen dagegen muskuläre Verspannungen eine bedeutende Rolle. Mit Hilfe von speziellen Techniken erlernen Sie die Spannung der Muskulatur gezielt zu beeinflussen und dadurch die Kopfschmerzintensität zu reduzieren. In Abhängigkeit vom Kopfschmerztyp und weiterer persönlichkeitsspezifischer Eigenschaften kann nach 7 - 10 Sitzungen eine Linderung der Beschwerden herbeigeführt werden. Eine Sitzung dauert ca. 45 Minuten.
Zahnarztpraxis Mundharmonie
Die Zahnarztpraxis Mundharmonie in Amtzell ist gut zu erreichen.
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