Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die oft missverstanden und von zahlreichen Mythen umgeben ist. Einer davon ist der Einfluss von Wetterumschwüngen, insbesondere Regen, auf Migräneattacken. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse, Mythen und praktischen Tipps, um mit wetterbedingter Migräne besser umzugehen.
Mythen und Fakten über Migräne
Es gibt viele Vorurteile und falsche Annahmen über Migräne. Hier sind einige der häufigsten Mythen und die wissenschaftlichen Fakten dazu:
Mythos Nr. 1: „Menschen mit Migräne stellen sich nur an“
Viele Menschen glauben, dass Migräne nur eine Ausrede ist oder dass Betroffene sich einfach zusammenreißen sollen. Dies ist jedoch ein gefährlicher Irrtum.
Fakt: Menschen mit Migräne sind tatsächlich sensibler. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Gehirn von Menschen mit Migräne anders funktioniert und viel mehr äußere Reize wahrnimmt. Das „Migränehirn“ kann diese Reize aber nicht so gut filtern und arbeitet darum ununterbrochen, was zu einer Reizüberflutung führen kann.
Mythos Nr. 2: „Migräne ist nur eine Ausrede“
Ein weiterer Mythos ist, dass Migräne von den Betroffenen nur vorgetäuscht wird, um schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen.
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Fakt: Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen das Gegenteil. Menschen mit Migräne sind oft besonders perfektionistisch, sehr gut strukturiert und zuverlässig. Sie sind also eher nicht der Typ Mensch, der sich vor der Arbeit drücken will.
Mythos Nr. 3: „Das Wetter ist schuld“
Viele Menschen mit Migräne berichten, dass Wetterumschwünge, insbesondere mit Regen und Sturm, Migräneattacken auslösen.
Fakt: Forschende haben noch nicht vollständig herausgefunden, was genau am Wetter der Auslöser sein kann. Während einige auf hohen Luftdruck reagieren, kann bei anderen ein niedriger Luftdruck Migräne auslösen. Auch Veränderungen der Lufttemperatur, egal ob es wärmer oder kälter wird, können Migräne triggern.
Mythos Nr. 4: „Schokolade löst Migräne aus“
Schokolade und andere spezielle Nahrungsmittel werden oft für Migräne verantwortlich gemacht.
Fakt: Schokolade ist nicht der Hauptgrund für Migräne. Über Jahrzehnte hat man gedacht, Käse, Kaffee, Zitrusfrüchte oder Schokolade begünstigen Migräneattacken - das ist jedoch nicht der Fall. Den einen Trigger, der Migräne auslösen kann, gibt es nicht. Im Gegenteil: Der Heißhunger auf bestimmte Speisen ist bereits ein Symptom der Migräne.
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Mythos Nr. 5: „Migräne ist eine Frauenkrankheit“
Migräne wird oft als eine „Frauenkrankheit“ abgestempelt, da sie bei Frauen häufiger auftritt als bei Männern.
Fakt: Die angeborene Veranlagung für Migräne ist unter Frauen und Männern gleich hoch. Im Alter zwischen ca. 20 und 50 Jahren haben Frauen jedoch zwei- bis dreimal häufiger Migräne als Männer, da durch die besondere hormonelle Situation der Frau mehr Attacken ausgelöst werden.
Wetter als Migräne-Auslöser
Viele Migränepatienten berichten, dass Wetterwechsel ihre Migräne auslösen können. Abrupte Wetterwechsel können das „Gewitter im Kopf“ verursachen. Knapp 53 Prozent der Migränepatienten geben an, dass Umschwünge des Wetters ihre Migräne auslösen. Nach Stress, Hormonschwankungen und fehlenden Mahlzeiten liegt das Wetter dadurch auf dem vierten Platz der am häufigsten beobachteten, subjektiven Trigger.
Welche Wetterfaktoren können Migräne auslösen?
Zu den häufigsten Auslösern zählen:
- Plötzliche Temperaturwechsel: Ein Anstieg oder Abfall um mehr als fünf Grad kann ein Migräneauslöser sein.
- Luftdruckschwankungen: Besonders bei Gewitter, Föhnwetter oder vor Wetterfronten reagiert der Körper empfindlich.
- Hohe Luftfeuchtigkeit: Diese begünstigt Spannungszustände und Kreislaufprobleme.
- Starke Sonneneinstrahlung: Sie kann in Verbindung mit anderen Faktoren Migräne verstärken.
Wie reagiert der Körper auf Wetterumschwünge?
Wetterumschwünge beeinflussen Blutgefäße, Nervensystem und Hormonhaushalt. Besonders stark beeinflussen sie den Serotoninspiegel, einen wichtigen Botenstoff im Gehirn, der Stimmung und Schmerzempfinden reguliert. Bei Wetterwechseln sinkt der Serotoninspiegel oft rapide ab. Gleichzeitig verengen oder erweitern sich die Blutgefäße, was das typische Hämmern im Kopf verursachen kann. Hinzu kommt eine erhöhte Reizempfindlichkeit des Nervensystems.
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Anzeichen einer wetterbedingten Migräne
Wetterbedingte Migräne kündigt sich oft mit bestimmten Vorboten an, die Stunden oder sogar Tage vor dem eigentlichen Anfall auftreten können:
- Müdigkeit oder Erschöpfung
- Reizbarkeit
- Sehstörungen oder Lichtempfindlichkeit
- Heißhunger oder Appetitlosigkeit
- Nackenschmerzen oder Muskelverspannungen
Was hilft bei Migräne durch Wetter?
Wenn der Schmerz einmal da ist, zählt jede Minute. Diese Maßnahmen können helfen, die Beschwerden zu lindern:
- Schmerzmittel frühzeitig einnehmen: Am besten bei den ersten Symptomen, nicht erst, wenn der Schmerz voll ausgebrochen ist.
- Rückzugsort aufsuchen: Ein dunkler, ruhiger und kühler Raum ist oft besser geeignet als ein hell beleuchtetes Büro.
- Licht und Lärm meiden: Das Gehirn ist in dieser Phase überreizt.
- Kühlende Kompressen auf Stirn oder Nacken: Lindern Entzündungsprozesse und entspannen.
- Körperliche Anstrengung vermeiden: Sie kann die Symptome verstärken.
Migräne-Tagebuch: Muster erkennen, Auslöser vermeiden
Ein Migräne-Tagebuch hilft, den Zusammenhang zwischen Wetter und Beschwerden zu entschlüsseln. Notiere darin regelmäßig:
- Datum und Uhrzeit der Attacke
- Vorboten und Symptome
- Wetterlage (Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit)
- Schlafverhalten, Ernährung, Stresslevel
Vorbeugung: Was du im Alltag tun kannst
Wetter kann man nicht ändern, aber man kann lernen, besser damit umzugehen. Hier sind einige Tipps zur Vorbeugung von wetterbedingter Migräne:
- Stabiler Schlafrhythmus: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus ist wichtig für einen stabilen Biorhythmus.
- Stressabbau: Entspannungstechniken wie Yoga, Achtsamkeit, Pilates, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung im Freien verbessert die Anpassungsfähigkeit des Körpers und beugt Kopfschmerzen vor.
- Gesunde Ernährung: Ausgewogene, vollwertige und leichte Mahlzeiten sind ideal. Vermeide fettige und blähende Speisen.
- Ausreichend trinken: Gerade an heißen Sommertagen und bei vermehrtem Schwitzen ist es wichtig, viel und besonders magnesiumhaltige Getränke zu trinken.
- Extreme Kälte vermeiden: Meide Kältereize von Speisen und Getränken.
- Schnelle Warm-Kalt-Wechsel meiden: Vermeide plötzliche Warm-Kalt-Wechsel, z.B. durch Klimaanlagen im Auto.
- Temperaturwechsel-Training: Bewegung im Freien, Sauna- und Kneippgänge sowie Wechselduschen können den Körper an Temperaturschwankungen gewöhnen.
- Starke Düfte reduzieren: Vermeide starke Parfüms oder parfümierte Seifen und Shampoos, da sich bei Wärme Duftstoffe stärker entwickeln und so Migräne auslösen oder verstärken können.
- Reisen entspannt angehen und klug wählen: Aufregung, Stress und Hektik bei An- und Abreise können den Kreislauf, den Blutzucker-Spiegel oder die Hormone durcheinander bringen und Migräne verursachen.
Medikamente bei wetterbedingten Kopfschmerzen
Wenn natürliche Mittel nicht ausreichen, können medikamentöse Behandlungen gezielt dabei helfen, Migräneattacken bei Wetterwechsel zu lindern oder zu verhindern. Wichtig ist dabei, frühzeitig zu handeln, idealerweise schon bei den ersten Vorboten.
- Schmerzmittel (Analgetika): Wirkstoffe wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure (ASS) können leichte bis mittelstarke Migräneattacken abschwächen, vor allem, wenn sie frühzeitig eingenommen werden.
- Triptane: Bei mittelstarken bis starken Attacken greifen viele Betroffene zu Triptanen. Diese speziellen Migränemittel wirken auf die erweiterten Blutgefäße im Gehirn und helfen auch bei Übelkeit und Lichtempfindlichkeit.
- Antiemetika: Wenn Übelkeit im Vordergrund steht, können Medikamente wie Metoclopramid oder Domperidon ergänzend eingenommen werden, um die Wirkung anderer Mittel zu verbessern.
- Prophylaxe bei häufigen Anfällen: Treten Migräneanfälle regelmäßig auf, etwa mehr als dreimal im Monat, kann eine vorbeugende Behandlung sinnvoll sein. Dazu zählen Betablocker, Antikonvulsiva, bestimmte Antidepressiva oder auch neuere monoklonale Antikörper gegen CGRP.
Wichtig: Sprich vor der Einnahme von Migränemedikamenten immer mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Nur so lässt sich die richtige Therapieform finden, abgestimmt auf deine Beschwerden und mögliche Vorerkrankungen.
Wann du ärztlichen Rat suchen solltest
Gelegentliche Migräneattacken lassen sich oft gut selbst behandeln. Doch es gibt Situationen, in denen ärztliche Unterstützung wichtig ist:
- wenn du mehr als drei Migräneanfälle pro Monat hast
- wenn die Schmerzen besonders intensiv oder langanhaltend sind
- wenn neue Symptome wie Sprachstörungen oder Lähmungen auftreten
- wenn du das Gefühl hast, dass deine Lebensqualität leidet
Migräne-Radar
Der Migräne-Radar (kurz „Mira“) ist ein Projekt, das die Auslöser von Migräne genauer erforschen will. Betroffene können sich über eine Web-Anwendung oder über Smartphone-Apps anmelden und jede Attacke im Programm vermerken, um so Erkenntnisse in dieser Richtung voranzubringen.