Migräne beidseitig: Ursachen, Formen und moderne Therapieansätze

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der weltweit etwa eine von sieben Personen betroffen ist. Frauen sind dabei dreimal häufiger betroffen als Männer. Die höchste Prävalenz findet sich bei Erwachsenen im mittleren, produktiven Alter (35-45 Jahre), wobei die Erkrankung oft unterdiagnostiziert bleibt. Da viele Betroffene erwerbstätig sind, ist eine rasche Diagnose und Behandlung von großer Bedeutung.

Was ist Migräne?

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Es handelt sich um eine chronische neurologische Erkrankung, die sich durch anfallsartige, oft pulsierende Kopfschmerzen äußert. Diese treten meist einseitig auf und werden oft von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und einer hohen Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Rund 8,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne.

Unterscheidung zu anderen Kopfschmerzen

Der Hauptunterschied zwischen Spannungskopfschmerzen und Migräne liegt in der Intensität der Schmerzen. Während Spannungskopfschmerzen meist beidseitig auftreten und als dumpf und drückend empfunden werden, sind Migränekopfschmerzen oft einseitig, pulsierend und von mittlerer bis starker Intensität. Zudem gehen Migräneattacken häufig mit Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit einher, was bei Spannungskopfschmerzen in der Regel nicht der Fall ist.

Symptome der Migräne

Migräne-Symptome sind vielgestaltig und können je nach Form der Migräne variieren. Typische Symptome sind:

  • Starke, pochende Kopfschmerzen: Diese treten meist einseitig auf, können aber auch beidseitig sein.
  • Übelkeit und Erbrechen: Diese Symptome begleiten oft die Kopfschmerzphase.
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene ziehen sich oft in abgedunkelte, stille Räume zurück.
  • Aura: Bei etwa 30 % der Migränepatienten treten vor dem Kopfschmerz neurologische Störungen auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese können sich in Form von Sehstörungen, Taubheitsgefühlen oder Sprachstörungen äußern.
  • Appetitlosigkeit: Viele Betroffene haben während einer Migräneattacke keinen Appetit.

Phasen eines Migräneanfalls

Ein Migräneanfall kann in verschiedenen Phasen ablaufen:

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  1. Vorbotenphase: Diese Phase kann bis zu 48 Stunden vor dem eigentlichen Anfall auftreten und sich durch Symptome wie Müdigkeit, Gereiztheit, Heißhunger oder Konzentrationsprobleme äußern.
  2. Auraphase: Bei einer Migräne mit Aura treten in dieser Phase neurologische Störungen auf, die meist zwischen 10 und 60 Minuten andauern.
  3. Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die typischen Migränekopfschmerzen auf, die zwischen 4 und 72 Stunden andauern können.
  4. Rückbildungsphase: Nach dem Abklingen des Kopfschmerzes fühlen sich viele Betroffene müde und erschöpft.

Formen der Migräne

Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) unterscheidet verschiedene Arten von Migräne, darunter:

  • Migräne ohne Aura: Dies ist die häufigste Form der Migräne.
  • Migräne mit Aura: Bei dieser Form treten vor dem Kopfschmerz neurologische Störungen auf.
  • Chronische Migräne: Von chronischer Migräne spricht man, wenn an mindestens 15 Tagen pro Monat über mehr als drei Monate hinweg Kopfschmerzen auftreten, die an mindestens acht Tagen die Kriterien von Migränekopfschmerzen erfüllen.
  • Migräne mit Hirnstammaura (früher: basiläre Migräne): Bei dieser seltenen Form treten beidseitig auftretende Symptome wie Schwindel, Tinnitus, Hörminderung, Doppeltsehen, Sprachstörungen und Koordinationsstörungen auf.
  • Retinale Migräne: Hier kommt es während des Migräneanfalls zu einseitigen Sehstörungen, die nicht den neurologischen Störungen einer Aura entsprechen.
  • Vestibuläre Migräne: Diese Form ist durch Schwindel gekennzeichnet, der zwischen fünf Minuten und 72 Stunden andauern kann.

Migräne mit Hirnstammaura (Basilarismigräne)

Die Migräne mit Hirnstammaura, früher als Basilarismigräne bekannt, ist eine spezielle Form der Migräne mit Aura, bei der die Symptome auf Funktionsstörungen im Hirnstamm zurückzuführen sind. Die Bezeichnung "Basilarismigräne" leitet sich von der Arteria basilaris ab, einer Schlagader, die den Hirnstamm mit Blut versorgt. Bei dieser Form der Migräne treten beidseitig Symptome auf, die die vom Hirnstamm gesteuerten Bereiche betreffen.

Typische Symptome

Zu den typischen Symptomen der Migräne mit Hirnstammaura gehören:

  • Doppeltsehen
  • Sprachstörung (Dysarthrie)
  • Schwindel (vestibuläre Migräne)
  • Tinnitus (Ohrgeräusche)
  • Hörminderung
  • Ataxie (Koordinationsstörung)
  • Störung des Bewusstseins
  • Beidseitig auftretendes Taubheitsgefühl (simultane bilaterale Parästhesie)

Es ist wichtig zu beachten, dass Kopfschmerzen bei einer Migräne mit Hirnstammaura nicht immer im Vordergrund stehen und bei manchen Betroffenen sogar ganz fehlen können. Die Symptome können sehr belastend sein und ähneln denen eines Schlaganfalls, was zu großer Verunsicherung führen kann.

Ursachen

Die genauen Ursachen der Migräne mit Hirnstammaura sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass Durchblutungsstörungen im Hirnstamm eine Rolle spielen.

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Diagnose

Die Diagnose einer Migräne mit Hirnstammaura kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig und nicht immer eindeutig sind. Die International Headache Society (IHS) hat Kriterien für die Diagnose aufgestellt, die das Vorliegen von mindestens zwei der oben genannten Symptome, das vollständige Verschwinden der Symptome und das Fehlen motorischer Schwäche (z. B. Lähmung) fordern. Ein ausführliches Arztgespräch, bei dem die Symptome genau geschildert werden, ist entscheidend für die Diagnosestellung. Ein Migränetagebuch kann dabei helfen, die Symptome und deren Verlauf zu dokumentieren.

Therapie

Die Therapie der Migräne mit Hirnstammaura unterscheidet sich von anderen Migräneformen. Triptane, die üblicherweise zur Behandlung von Migräne eingesetzt werden, sind bei dieser Form nicht empfohlen, da sie eine Verengung der Arterien im Gehirn bewirken können, was die Durchblutungsstörungen im Hirnstamm möglicherweise verstärken könnte. Stattdessen werden prophylaktische Maßnahmen wie regelmäßiger Ausdauersport, Stressbewältigungstechniken und Biofeedback empfohlen.

Ursachen der Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und verschiedenen inneren und äußeren Faktoren (Triggern) eine Rolle spielt.

Genetische Veranlagung

Migräne ist vererbbar, und es gibt Hinweise darauf, dass Veränderungen in mehreren Genen das Migränerisiko erhöhen können. Einige dieser Gene sind an der Regulierung der neurologischen Schaltungen im Gehirn beteiligt, während andere mit oxidativem Stress in Verbindung gebracht werden.

Auslöser (Trigger)

Verschiedene Trigger können bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Migräneattacke auslösen. Welche Faktoren im Einzelfall einen Anfall "triggern", ist individuell verschieden. Einige Beispiele:

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  • Stress: Ein häufiger Auslöser ist Stress im privaten oder beruflichen Umfeld.
  • Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus: Betroffen sind oft Menschen, die im Schichtdienst arbeiten.
  • Reizüberflutung: Wenn das Gehirn zu viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten muss, entsteht ebenfalls Stress.
  • Wetter/Wetterwechsel: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht.
  • Bestimmte Lebensmittel: Bei einigen Produkten wie Bananen oder bestimmten Käsesorten hat man Tyramin im Verdacht, ein Abbauprodukt von Eiweißbausteinen, das die Ausschüttung des Botenstoffes Noradrenalin anregt.
  • Hormonelle Veränderungen: Geschlechtshormone haben einen starken Einfluss auf Migräne. So löst der Abfall des Östrogenspiegels vor der Regelblutung bei manchen Frauen eine Migräne-Attacke aus. Auch hormonelle Verhütungsmittel können Migräne verursachen.

Diagnose der Migräne

Die Diagnose einer Migräne wird in erster Linie anhand der Anamnese gestellt. Der Arzt erfragt die Art, Häufigkeit und Dauer der Kopfschmerzen sowie begleitende Symptome und mögliche Auslöser. In manchen Fällen werden auch apparative und laborchemische Untersuchungen durchgeführt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.

Migräne-Tagebuch

Ein Migräne-Tagebuch kann ein wertvolles Hilfsmittel bei der Diagnose und Behandlung von Migräne sein. Durch das Festhalten von Symptomen, Auslösern und Medikamenteneinnahme können Muster erkannt und die Behandlung optimiert werden.

Therapie der Migräne

Die Therapie der Migräne umfasst sowohl die Akutbehandlung von Migräneattacken als auch die Prophylaxe zur Reduktion der Häufigkeit und Intensität der Anfälle.

Akutbehandlung

Zur Akutbehandlung von Migräneattacken stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, darunter:

  • Nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAIDs): ASS, Ibuprofen oder Metamizol können bei leichten bis mittelschweren Attacken eingenommen werden.
  • Triptane: Diese spezifischen Migränemittel sollen möglichst frühzeitig eingenommen werden, um die Migräne-Attacke in den Griff zu bekommen.
  • Lasmiditan: Dieses Medikament eignet sich beispielsweise für Patient:innen, die Triptane nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen.

Prophylaxe

Eine Migräneprophylaxe ist sinnvoll, wenn die Migräneattacken häufig auftreten und die Lebensqualität beeinträchtigen. Zur Prophylaxe werden verschiedene Medikamente eingesetzt, darunter:

  • Betablocker
  • Antidepressiva
  • Antiepileptika
  • CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente sind gut verträglich und werden einmal im Monat selbst injiziert.
  • Botox®: Diese Therapieform ist seit 2011 bei chronischer Migräne zugelassen und wird in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt.

Neuere Therapieformen

Neben den etablierten Medikamenten gibt es auch neuere Therapieformen zur Migräneprophylaxe:

  • CGRP-Antikörper: Diese sind spezifisch für die Migräne entwickelt und zeichnen sich durch eine gute Verträglichkeit aus.
  • Botox®: Diese Therapieform hat sich in Studien als wirksam erwiesen und einen positiven Effekt auf die Lebensqualität.

Was hilft gegen Migräne?

Neben der medikamentösen Behandlung gibt es verschiedene Maßnahmen, die Betroffene selbst ergreifen können, um Migräneattacken vorzubeugen oder zu lindern:

  • Individuelle Trigger erkennen und vermeiden
  • Regelmäßige Bewegung und Entspannungstechniken (Yoga, Meditation)
  • Ausgewogene Ernährung (Vermeidung von Trigger-Lebensmitteln)
  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Stressmanagement

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