Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Für viele Betroffene ist es eine chronische Erkrankung, die ihr Leben in vielfältiger Weise beeinträchtigt. Die Schmerzattacken können von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein und die Betroffenen für Stunden oder sogar Tage außer Gefecht setzen. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Migränepatienten, ihre persönlichen Strategien im Umgang mit der Erkrankung und gibt Einblicke in aktuelle Therapieansätze.
Die Vielschichtigkeit der Migräne: Persönliche Einblicke
Migräne ist eine sehr individuelle Erkrankung. Die Symptome, die Häufigkeit der Attacken und die Auslöser können von Person zu Person stark variieren. Die folgenden Berichte von Betroffenen geben einen Einblick in die Vielschichtigkeit der Migräne und zeigen, wie unterschiedlich der Alltag mit dieser Erkrankung aussehen kann.
„Nach der Geburt meiner Tochter kam die Migräne viermal pro Woche“
Eine Patientin berichtet, dass ihre Migräneattacken mit Anfang 20 erstmals auftraten. Sie beschreibt die Schmerzen als einseitiges Stechen, begleitet von Übelkeit. Triptane helfen ihr, den Alltag uneingeschränkt zu meistern. Hormonschwankungen können Migräneattacken auslösen, daher sind vor allem Frauen während und nach der Schwangerschaft betroffen. Während ihrer Schwangerschaft konnte sie keine Medikamente einnehmen und musste die Schmerzen aushalten. Nach der Geburt ihrer Tochter traten die Attacken gehäuft auf, drei bis vier Mal pro Woche. Da sie nicht so viele Schmerzmittel einnehmen wollte, suchte ihr Neurologe nach einer langfristigen Behandlungsmöglichkeit. Betablocker kamen aufgrund ihres niedrigen Blutdrucks nicht in Frage, also wurde sie auf ein Medikament gegen Epilepsie eingestellt, welches sie nun als Langzeitmedikation nimmt. Seitdem ist die Anzahl der Attacken auf zwei im Monat gesunken.
Ein besonders schlimmer Migräne-Moment war für sie die Beerdigung ihres Opas, als sie schwanger war und keine Medikamente nehmen konnte.
„Vor wichtigen Job-Terminen erhöhe ich die Medikamenten-Dosis“
Ein 47-jähriger Angestellter im Finanzdienstleistungsbereich aus Frankfurt berichtet, dass er schon im Alter von sieben oder acht Jahren Kopfschmerzen hatte. Mit etwa 25 Jahren wurde bei ihm Migräne diagnostiziert. Er beschreibt die Schmerzen als eine Eisenklammer um den Kopf herum, die sich zuzieht. Die Diagnose Migräne hat er sich selbst gestellt, beim Arzt war er nicht.
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Im Moment hat er zwei bis drei Mal im Monat Attacken. Sie treten bei zusätzlicher, großer Belastung auf, egal ob körperlich oder seelisch. Wenn er frühzeitig seine Tabletten nimmt, ist er am gleichen Tag wieder fit. Ansonsten liegt er einen Tag flach, oft auch mit starker Übelkeit. Lärm und Sonnenlicht sind dann sehr unangenehm. Vor größeren Terminen oder wichtigen Veranstaltungen erhöht er die Intensität der Medikamente, um so einen Migräne-Anfall möglichst zu verhindern.
Seine Frau ermahnt ihn häufiger, dass er sich ärztlich helfen lassen sollte. Er hat gelesen, dass Sport ein guter körperlicher Ausgleich wäre und auch die Häufigkeit von Migräne-Attacken reduzieren kann. Auch eine Ernährungsumstellung soll Symptome verringern können.
„Aus Angst vor einer Attacke verzichte ich auf Partys“
Eine 26-jährige Büroangestellte aus Köln leidet unter Migräne mit Aura. Sie spürt relativ zügig, wenn sich eine Migräneattacke anbahnt. Sie hat Sichtfeldstörungen auf dem rechten Auge, die Schmerzen beginnen kreisförmig hinter dem rechten Auge und pulsieren dort relativ stark. Darüber hinaus ist sie extrem lichtempfindlich und verspürt eine starke Übelkeit.
Die Diagnose wurde bei ihr im Alter von zwölf Jahren gestellt. Während der Pubertät hatte sie kaum Migräneattacken. Erst im Alter von ca. 22 Jahren fing die Migräne wieder an. Zwar hat sie heute weniger oft Attacken als früher, dafür aber intensiver. Oft führen bei ihr aber auch schlechte Lichtverhältnisse, also zu grelles oder flackerndes Licht, zu einer Attacke. Mittlerweile helfen auch nur noch die vom Arzt verschriebenen Triptane.
Sie vermeidet es schon, mit Freunden auf Partys oder in einen Club zu gehen - aus Angst, dass sie am nächsten Tag unter Migräne leidet.
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Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Verschiedene Auslöser können eine Migräneattacke provozieren, darunter:
- Stress: Sowohl körperlicher als auch seelischer Stress kann Migräne auslösen.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräneattacken auslösen.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke wie Alkohol, Käse, Schokolade oder Zitrusfrüchte können bei manchen Menschen Migräne auslösen. Unregelmäßige Mahlzeiten oder Flüssigkeitsmangel können ebenfalls eine Rolle spielen.
- Wetter: Wetterumschwünge, schwüles Wetter oder starke Temperaturschwankungen können Migräneattacken begünstigen.
- Schlaf: Schlafmangel, unregelmäßiger Schlaf oder zu viel Schlaf können Migräne auslösen.
- Sinnesreize: Helles oder flackerndes Licht, laute Geräusche oder starke Gerüche können bei manchen Menschen Migräneattacken provozieren.
Diagnose und Behandlung von Migräne
Die Diagnose von Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese und der Beschreibung der Symptome durch den Patienten. Eine neurologische Untersuchung kann durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.
Die Behandlung von Migräne umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen.
Medikamentöse Behandlung
- Akuttherapie: Bei einer akuten Migräneattacke können Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol helfen, die Schmerzen zu lindern. Bei stärkeren Attacken werden häufig Triptane eingesetzt, die speziell für die Behandlung von Migräne entwickelt wurden.
- Prophylaxe: Wenn Migräneattacken häufig auftreten oder die Lebensqualität stark beeinträchtigen, kann eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten in Erwägung gezogen werden. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, darunter Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika und CGRP-Antikörper.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann den Betroffenen helfen, ihre Migräne besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um mit der Erkrankung umzugehen.
- Akupunktur: Akupunktur kann bei manchen Menschen die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Biofeedback: Biofeedback ist eine Methode, bei der die Betroffenen lernen, ihre Körperfunktionen wie Herzfrequenz oder Muskelspannung bewusst zu beeinflussen. Dies kann helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Bewegung können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Vermeidung von Auslösern: Es ist wichtig, die individuellen Auslöser für Migräneattacken zu identifizieren und diese möglichst zu vermeiden.
Strategien im Umgang mit Migräne
Neben den medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten gibt es eine Reihe von Strategien, die Betroffene im Alltag anwenden können, um mit ihrer Migräne besser umzugehen:
- Frühzeitige Behandlung: Bei den ersten Anzeichen einer Migräneattacke sollten die Medikamente so früh wie möglich eingenommen werden.
- Ruhe und Dunkelheit: Während einer Migräneattacke ist es wichtig, sich in einem ruhigen, dunklen Raum auszuruhen.
- Kühlen: Kühlende Umschläge oder eine Kühlmaske können helfen, die Schmerzen zu lindern.
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser für Migräneattacken. Entspannungsverfahren, Sport oder andere Aktivitäten, die Stress abbauen, können helfen, die Häufigkeit von Attacken zu reduzieren.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
- Akzeptanz: Es ist wichtig, die Migräne zu akzeptieren und zu lernen, mit der Erkrankung umzugehen.
Die Rolle der Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen sowie anderen Kopfschmerzarten an. Die Klinik legt Wert auf eine ganzheitliche Behandlung, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Verfahren umfasst.
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Zur Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und Kopien relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift gesendet.
Die Klinik hat mit zahlreichen Krankenkassen eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten vertraglich geregelt.
Innovationen in der Migränebehandlung: Die Migräne-App der TK und der Schmerzklinik Kiel
Die Techniker Krankenkasse (TK) und die Schmerzklinik Kiel haben eine Migräne-App entwickelt, die Betroffenen helfen soll, ihre Erkrankung besser zu verstehen und zu managen. Ein besonderes Feature der App ist die Simulation einer Migräne-Aura. Die App greift auf die Handykamera zu und zeigt die aktuelle Umgebung. Nach und nach tauchen am Rande des Sichtfeldes Schlieren, Schleier und zickzackförmige Blitze auf, ähnlich wie bei einer echten Migräne-Aura.
Diese Funktion soll Betroffenen helfen, die Aura besser zu erkennen und zu verstehen. Freunden und Familie kann so besser erklärt werden, was während einer Aura vor sich geht. Das Wissen über die Aura kann den Betroffenen Sicherheit geben und unnötige Panik vermeiden.
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