Migräne ist nicht nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die Millionen Menschen weltweit betrifft und deren Auswirkungen oft unterschätzt werden. Dieser Artikel beleuchtet die weltweite Verbreitung von Migräne, ihre sozioökonomischen Folgen und die Herausforderungen bei Diagnose und Behandlung.
Kopfschmerzen: Ein globales Problem
Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden weltweit. Repräsentative Studien belegen, dass 71 % der Deutschen im Laufe ihres Lebens an Kopfschmerzen leiden. Diese Zahl umfasst alle 367 bekannten Arten von Kopfschmerzen. In Deutschland sind über 54 Millionen Menschen von immer wiederkehrenden Kopfschmerzen betroffen, die über lange Zeiträume von 40 bis 60 Jahren auftreten können. Täglich sind hierzulande 900.000 Menschen betroffen.
Eine norwegische Forschergruppe analysierte 357 Einzelpublikationen bis 2020 und schätzte die globale Kopfschmerzprävalenz auf 52 %, was deutlich über dem Wert der Global Burden of Disease (GBD)-Studie von 2019 (35 %) liegt. Die Migräneprävalenz wurde auf 14,0 % geschätzt (GBD-Studie 2019: 15,2 %), die Prävalenz von Spannungskopfschmerzen auf 26,0 % (GBD-Studie 2019: 26,8 %) und die Prävalenz häufig wiederkehrender Kopfschmerzen (> 15 Tage pro Monat) auf 4,6 % (GBD-Studie 2019: kein Vergleichswert).
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Sie ist die dritthäufigste Erkrankung der Welt (nach Zahnkaries und Spannungskopfschmerzen) mit einer geschätzten globalen Einjahresprävalenz von 14,7 %. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet Migräne auf Platz 1 der am schwersten behindernden Erkrankungen bis zum 50. Lebensjahr. Kopfschmerzerkrankungen sind für mehr als 75 % aller durch neurologische Erkrankungen bedingten Jahre mit Behinderung verantwortlich, einschließlich Schlaganfall, Demenzerkrankungen, M. Parkinson, Multiple Sklerose, Epilepsie u.a.
In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) rund 28 % der Frauen und 18 % der Männer betroffen. Migräne beginnt oft in der Pubertät und behindert am stärksten im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Aber auch viele junge Kinder sind betroffen. Das Risiko für Kreislauferkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall ist bis zu 2-mal höher als bei gesunden Individuen. Es ist wissenschaftlich gesichert, dass Migräne eine genetische Grundlage hat.
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Symptome und Diagnose
Typisch für Migräne sind mittelschwere bis schwere, oft halbseitige Kopfschmerzen mit Übelkeit, häufig Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit. Der Migräne-Kopfschmerz ist meist halbseitig oder beidseits im Stirn- und Schläfenbereich betont, hat eine mittlere bis hohe Intensität, fühlt sich stechend oder pochend an und verstärkt sich schon bei leichter körperlicher Belastung. Unbehandelt halten die Attacken 4-72 Stunden an. Bis zu 20 % der Patienten haben - meist vor dem Einsetzen der Schmerzen - eine sogenannte Aura in Form von Sehstörungen mit Flimmersehen, z. T. auch mit Sensibilitäts- oder Sprachstörungen.
Die Diagnose wird anhand der typischen Beschwerdeschilderung und eines normalen körperlichen Untersuchungsbefunds gestellt. Wichtig ist auch die Dokumentation von Kopfschmerzen und Medikation in einem Kopfschmerzkalender.
Ursachen und Auslöser
Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns. Die Entwicklung der Symptome ist oft genetisch bedingt, wobei aber zusätzlich endogene und exogene Faktoren, wie z. B. Schwankungen des Östrogenspiegels, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Stress, Auslassen einer Mahlzeit und unzureichende Flüssigkeitszufuhr, den Krankheitsverlauf beeinflussen. Der Kopfschmerz beruht auf einer durch Nervenfasern ausgelösten Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns, der sogenannten neurovaskulären Entzündung. Die Aurasymptome sind Ausdruck einer sich wellenförmig ausbreitenden Erregungshemmung der Nervenzellen in der Gehirnrinde.
Auslöser von Attacken (sogenannte Trigger) können Alkohol, Schlafmangel und Stress sein. Oft liegt die episodische Verlaufsform vor, dann treten Attacken bei leichten Verläufen nur gelegentlich auf. Die meisten Betroffenen haben jedoch mindestens eine Attacke im Monat. Von einem chronischen Verlauf spricht man, wenn über mindestens 3 Monate mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat auftreten. Chronische Verläufe treten bei etwa 2 % der Bevölkerung auf.
Behandlung
Die Behandlung der einzelnen Kopfschmerzattacke erfolgt mit überwiegend ohne Rezept erhältlichen Schmerzmitteln, vorzugsweise kombiniert mit einer Substanz gegen Übelkeit und Erbrechen. Treten Attacken dennoch mehr als 3-mal pro Monat auf, wird vorübergehend mit vorbeugend wirksamen Medikamenten behandelt. Diese müssen vom Arzt verordnet und ihre Wirkung muss kontrolliert werden. Die häufigsten Substanzen zur Migräne-Prophylaxe sind Betarezeptorenblocker und eine Reihe von Substanzen, die auch zur Behandlung von Epilepsie oder Depressionen eingesetzt werden. Neu entwickelte Migräne-spezifische Prophylaktika richten sich gegen die Effekte des Botenstoffs CGRP, der bei der Ausbildung der neurovaskulären Entzündung eine bedeutende Rolle spielt.
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Jeder Betroffene muss lernen, mit dieser Erkrankung zu leben. Dazu gehört, modifizierbare Auslöser für Attacken nach Möglichkeit zu reduzieren und sich auf der anderen Seite einzugestehen, dass schwere Attacken zu einer reellen Minderung der Leistungsfähigkeit führen. Migräne ist entgegen einer oft geäußerten Meinung keine psychische Erkrankung und sollte auch nicht mit einem banalen Spannungskopfschmerz, der viel besser mit Schmerzmitteln kontrolliert werden kann, verwechselt werden.
Unzureichende Therapie und Versorgungsdefizite
Nur etwa vier Prozent der Personen mit Migräne erfahren durch eine entsprechende Therapie eine starke bis sehr starke Symptomlinderung und sind mit der Behandlung zufrieden. Fast 85 Prozent der Befragten gaben an, dass die Behandlung mit keiner nennenswerten Besserung verbunden gewesen ist beziehungsweise den Akutschmerz nicht beeinflusst habe.
Die Analyse ergab weiterhin, dass die Betroffenen aufgrund ihrer Migräne an etwa zehn Tagen im Monat eine medikamentöse Akuttherapie nötigten. Aber nur gut ein Drittel (34,2 Prozent) erhielt eine medikamentöse Prophylaxe mit konventionellen Arzneimitteln hoher Evidenz und nur jede 10. Person eine spezifische Prophylaxe mit einem monoklonalen CGRP-Antikörper.
Sozioökonomische Auswirkungen
Migräne verursacht nicht nur persönliches Leid, sondern hat auch erhebliche wirtschaftliche Folgen. Es wird geschätzt, dass die deutsche Bevölkerung 32 Millionen Arbeitstage im Jahr allein durch Migräne verliert. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR hat für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft ein Potenzial von rund 100 Milliarden Euro errechnet, wenn die Versorgung von Migränepatienten und -patientinnen nachhaltig verbessert würde.
1,22 Milliarden Arbeitsstunden gehen in Deutschland jedes Jahr aufgrund von Migräne verloren. Fehltage, verminderte Arbeitsfähigkeit, aber auch indirekte und induzierte Folgen der Erkrankung summieren sich laut der Studie „The socioeconomic burden of migraine“ des WifOR auf rund 100 Milliarden Euro jedes Jahr.
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Gerade die letzten Zahlen verdienen Beachtung. Weil die Migräne mehrheitlich weiblich ist, fällt bei dieser Erkrankung ein besonders hoher Anteil unbezahlter Arbeit weg. Das sind viele solcher Tätigkeiten, die in Wirtschaftsstatistiken nicht auftauchen, aber eine Gesellschaft zusammenhalten: Ehrenamt, Pflege von Bekannten und Angehörigen, Betreuung von Kindern und Jugendlichen, Engagement in Vereinen.
Migräne und Klimawandel
Die gesundheitlichen Folgen der Erderwärmung sind äußerst vielseitig und bilden eine zentrale Herausforderung für die Zukunft der Menschheit. Klimaveränderungen wirken dabei auch auf die Entstehung von Kopfschmerzen. So vergrößern etwa eine steigende Temperatur oder eine sinkende Luftqualität die Wahrscheinlichkeit Kopfschmerzen auszubilden. In einer aktuellen Eltern-Kind-Befragung der DAK waren Kopfschmerzen das am häufigsten genannte Gesundheitsproblem infolge von Luftverschmutzung. Rund 15 Prozent der befragten Eltern und 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen hatten demzufolge mit Kopfschmerzen durch Luftverschmutzung zu kämpfen. Auch bei hitzebedingten Gesundheitsproblemen sind Kopfschmerzen eine der häufigsten Folgen: etwa 45 Prozent der Befragten mit hitzebedingten Gesundheitsproblemen klagen über Kopfschmerzen.
Initiativen zur Verbesserung der Versorgung
In Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen sowie Experten und Expertinnen aus den Bereichen Neurologie, Telemedizin und digitale Medizin hat das Unternehmen Novartis in der Schweiz ein Pilotprogramm entwickelt, das Migräne-betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Service zur Verbesserung ihrer Lebensqualität bietet. In einer Befragung zeigte sich, dass sich die Migräne bedingten Beeinträchtigungen im Durchschnitt um 54 Prozent reduzierten und nach neun Monaten sogar um 64 Prozent. „Im Mittel gewannen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer pro Jahr 10,8 Arbeitstage und 14,5 arbeitsfreie Tage ohne Migräne. Das Unternehmen hat deshalb beschlossen, angelehnt an „Migraine Care“ eine solche Initiative auch in Deutschland einzuführen.
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