Migräne und Darm: Eine Verbindung, die Kopfschmerzen verursacht

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz - sie ist eine komplexe, neurologische Erkrankung mit diversen, einschränkenden Migräne Symptomen. Viele Migräne-Betroffene berichten von zusätzlichen Erkrankungen, den sogenannten Doppel- oder Mehrfachdiagnosen, auch Komorbiditäten genannt. Eine davon ist das Reizdarmsyndrom (RDS). Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Migräne und dem Darm, insbesondere dem Reizdarmsyndrom, und zeigt Therapieansätze auf, die beide Erkrankungen berücksichtigen.

Was sind Komorbiditäten?

Komorbiditäten bezeichnen eine oder mehrere diagnostisch abgrenzbare Krankheitsbilder, die zusätzlich zu einer Grunderkrankung (hier: Migräne) vorliegen können. Migräne-Betroffene weisen auf der körperlichen Ebene häufig Gefäßerkrankungen wie Bluthochdruck oder eine koronare Herzerkrankung und weitere chronische Schmerzsyndrome wie z.B. chronische Rückenschmerzen auf. Bei den psychiatrischen Komorbiditäten der Migräne stehen Depressionen und Angsterkrankungen an erster Stelle. Aber auch Magen-Darm-Erkrankungen wie das Reizdarmsyndrom können häufig in Kombination mit Migräne auftreten. Die Kenntnis dieser Komorbiditäten ist von elementarer Bedeutung, da sich daraus relevante Konsequenzen für den Einsatz oder Nicht-Einsatz bestimmter Medikamente in der Therapie akuter Migräneattacken und auch in der Migräneprophylaxe ergeben.

Migräne und Reizdarmsyndrom: Eine häufige Kombination

In einer Auswertung von mehreren Studien von 2022 wurde herausgefunden, dass Migräne-Betroffene eine bis zu 42% höhere Prävalenz haben zusätzlich an Reizdarmsyndrom (RDS) zu erkranken. Es wird vermutet, dass sowohl Migräne als auch das Reizdarmsyndrom neurologische Störungen sind, die durch eine gestörte Regulation des zentralen Nervensystems verursacht werden. Forschende nehmen an, dass bestimmte genetische, hormonelle, entzündliche und psychologische Faktoren sowohl Migräne als auch das Reizdarmsyndrom beeinflussen können. Obwohl der genaue Zusammenhang noch nicht vollständig verstanden ist, scheint es also eine Verbindung zwischen dem Reizdarmsyndrom und Migräne zu geben.

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine funktionelle Störung des Darms, bei der Symptome wie Bauchschmerzen und Krämpfe auftreten, ohne dass eine nachweisbare Ursache vorliegt. In Europa leiden circa 7,1% der Bevölkerung am Reizdarmsyndrom. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Die Symptome können ein erster Anhalt sein. Es ist jedoch wichtig dabei zu beachten, dass das Reizdarmsyndrom eine komplexe Erkrankung ist und dass die Symptome von Person zu Person unterschiedlich sein können. Wer den Verdacht hat an einem Reizdarmsyndrom zu leiden, sollte am besten ärztlichen Rat suchen, damit eine korrekte Diagnose erhält und eine geeignete Behandlung eingeleitet werden kann.

Die häufigsten Symptome des Reizdarmsyndroms sind:

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  • Bauchschmerzen und Krämpfe: oft krampfartige Schmerzen im Bauchbereich, die in der Regel nach dem Stuhlgang gelindert werden.
  • Veränderungen des Stuhlgangs, wie Durchfall, Verstopfung oder eine abwechselnde Kombination von beidem. Der Stuhlgang kann auch von einer unvollständigen Entleerung oder einem Gefühl von Dringlichkeit begleitet sein.
  • Blähungen und aufgeblähter Bauch: Viele Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden unter verstärkter Gasbildung und einem aufgeblähten Bauch.

Darüber hinaus berichten RDS-Betroffene von einer generellen Überlastung, Myalgien (Schmerzen in der Muskulatur) oder Harndrang. Beide Erkrankungen (Migräne & RDS) für sich sind also schon extrem einschränkend, beide zusammen natürlich umso mehr.

Ursachen für Migräne und Reizdarmsyndrom

Die Ursachen für das Reizdarmsyndrom scheinen ähnlich wie bei der Migräne komplex zu sein und sind nicht abschließend geklärt. Diskutiert wird eine Kombination aus Genetik, gestörtem Serotonin-Stoffwechsel, gestörter Darmflora und Zuckerstoffwechsel sowie psychosozialen Faktoren. Antibiotika, schwere Magen-Darm-Infekte und ein gestörter Zuckerstoffwechsel können beispielsweise das Mikrobiom (die Gesamtheit unserer Darmbakterien: die Darmflora) durcheinanderbringen und sie langanhaltend schädigen. Dadurch wird die Darmschleimhaut „löcherig“ (Leaky-Gut-Syndrom) und somit leichter durchlässig für Giftstoffe und Krankheitserreger. RDS-Betroffene haben daher häufig mehr Abwehrzellen und entzündungsfördernde Botenstoffe im Darm, was wiederrum den Darm reizt. Das „Leaky-Gut-Syndrom“ und das Mikrobiom werden auch als Einfluss auf die Migräne diskutiert.

Die Darm-Hirn-Achse: Verbindung zwischen Kopf und Bauch

Gehirn und Darm kommunizieren permanent miteinander über die Darm-Hirn-Achse. Der Kopf steuert unser Verdauungssystem. Andersherum meldet das Verdauungssystem dem Gehirn zum Beispiel, ob wir satt oder hungrig sind. Und melden Magen oder Darm Giftstoffe, löst das Gehirn Erbrechen oder Durchfall aus, um diese loszuwerden. Passt im Verdauungstrakt etwas nicht, spürt man das möglicherweise im Kopf: Entzündungen im Magen-Darm-Bereich führen bei vielen Menschen zu Kopfschmerzen und begünstigen Migräne.

Die Rolle der Darmflora

Immer mehr Forschung deutet darauf hin, dass die Darmflora - darunter versteht man die Mikroorganismen, die den Darm besiedeln, darunter Bakterien, Pilze und sogenannte Protozoen - Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann. Bei Migränikern scheint die Darmflora verändert zu sein. Eine Studie untersuchte die Zusammensetzung der Darm-Mikroorganismen von Menschen mit episodischer Migräne, mit chronischer Migräne und ohne Migräne. Das Ergebnis: Alle Gruppen unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihrer Darmflora. Manche Bakterienarten sind bei besonders vielen Migräne-Patienten vertreten, andere eher bei der Gruppe ohne Migräne.

Gleichzeitige Therapie von Migräne und Reizdarmsyndrom

Es gibt verschiedene Therapieansätze für Migräne & Reizdarmsyndrom, die auf einer Kombination aus Lebensstiländerungen, Ernährungsumstellungen und medikamentöser Behandlung basieren. Die gute Nachricht für Migräne- & Reizdarmsyndrom-Betroffene: Einige Therapieansätze ähneln sich und führen generell zu einem gesünderen Lebensstil wie z.B.

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  • Kognitive Verhaltenstherapie (zum Erlernen eines besseren Umgangs mit den stark einschränkenden Erkrankungen)
  • Stressreduktion durch Entspannungsverfahren oder Meditation
  • Regelmäßige Bewegung wie z.B. moderater Ausdauersport
  • Ausreichend Flüssigkeitszufuhr (ca. 1,5 bis 2 Liter stilles Wasser oder ungesüßte Kräutertees)
  • Eine gesunde Ernährung mit frischen Lebensmitteln, die wenig verarbeitet sind
  • Unterstützung der Darmflora (direkt/indirekt)

D.h. mit einigen Ansätzen kann man in diesem Fall zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Daher ist das Wissen über die Komorbiditäten auch so wichtig! Im Rahmen der Ernährung gibt es Gemeinsamkeiten in der Therapie beider Erkrankungen aber auch Unterschiede.

Unterstützung der Darmflora

RDS- sowie auch Migräne-Betroffene können ihre Darmflora mit Probiotika (Mikroorganismen) und Präbiotika (Ballaststoffe, die den Mikroorganismen als Nahrung dienen) in Form von Tabletten, Kapseln, Trinklösungen oder/und Nahrungsmitteln unterstützen. Pro- und Präbiotika kombiniert können das Wachstum und die Vielfalt des Darmmikrobioms (also die Gesamtheit aller Darmbakterien) fördern.

Probiotika sind Zubereitungen, die lebensfähige Mikroorganismen enthalten, zum Beispiel Milchsäurebakterien und Hefen. Präbiotika dagegen sind nicht verdaubare Lebensmittelbestandteile, die Wachstum und Aktivität der Bakterien im Dickdarm fördern - etwa Ballaststoffe wie Inulin und Oligofruktose. Symbiotika sind eine Kombination aus beiden.

Probiotische Bakterien müssen jedoch nicht in Kapseln eingenommen werden, sie finden sich auch in fermentiertem Gemüse wie z.B. frischem Sauerkraut, Kefir, Joghurt oder Brottrunk. Präbiotisch wirken z.B. Flohsamenschalen oder Leinsamen.

Ernährung für Migräne und RDS-Betroffene

Um den Darm zu unterstützen, ist eine gesunde, ausgewogene und niedrig-glykämische Ernährung sinnvoll. In Bezug auf Migräne legen neuere Studien nahe, dass unser Zuckerstoffwechsel und insbesondere starke Blutzuckerschwankungen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Migräne-Attacken spielen und dass eine niedrig-glykämische Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig und stabil hält, eine effektive Migräneprophylaxe sein kann.

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RDS-Betroffenen wird zudem eine spezielle Form der Ernährung empfohlen: die FODMAP-reduzierte Ernährung. FODMAP ist die englische Abkürzung für:

  • Fermentierbare
  • Oligosaccharide,
  • Disaccharide,
  • Monosaccharide
  • And (und)
  • Polyole.

Damit sind alle fermentierbare, also vergärenden Kohlenhydrate, wie sie etwa in Süßigkeiten, Brot (besonders Weizen), Milchprodukten, Steinobst oder Kohl stecken, gemeint. Das heißt für RDS-Betroffene zumindest einen längeren Zeitraum, wenn nicht sogar für immer viele industriell hergestellte Lebensmittel und viel Süßes zu meiden. Wer konsequent auf diese Lebensmittel verzichtet, kann nämlich seine Darmbeschwerden sowie seine Migränebeschwerden verbessern.

Lebensmittel, die viele FODMAPs enthalten:

Weizenbrot, Roggenbrot, Gerste, Couscous, Weizenkleie, Sojamehl, Müsli, Nudeln aus Hartweizen, Süßigkeiten, Kuchen, Milch, Eis, Joghurt, Streichkäse, Buttermilch, Frischkäse, Quark, Mascarpone, Hüttenkäse, Pudding, Pistazien, Cashewnüsse, Artischocken, Spargel, Pilze, Zwiebeln, Lauch, Rote Bete, Pastinake, Knoblauch, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Äpfel, Aprikosen, Kirschen, Mangos, Nektarinen, Pfirsiche, Pflaumen, Birnen, Wassermelone, Chutneys, Fruchtaufstriche, Fertigsoßen, Honig, Maissirup, Süßungsmittel, Agavendicksaft, Obstsäfte, Avocado, Kaffee-Ersatz aus Zichorienwurzel, Kokoswasser.

Lebensmittel mit wenigen FODMAPs:

Buchweizen, Hirse, Haferflocken, Polenta, Quinoa, Vollkornreis, Wildreis, glutenfreie Brote und Süßigkeiten, laktosefreie Milchprodukte, Butter, Hartkäse, Schnittkäse, Eier, Fisch, Fleisch, Tofu, Nüsse und Samen, Karotten, Brokkoli, Bambussprossen, Chinakohl, Auberginen, Salat, Oliven, Kartoffeln, Spinat, Kürbis, Zucchini, Bananen, Blaubeeren, Honigmelonen, Kiwi, Zitrone, Erdbeeren, Himbeeren, Tomaten, Papaya, Sojasoße, Senf, Essig, Kokosnuss, Paprika, Gurke.

Allerdings sollte eine FODMAP-reduzierte Ernährung nicht ohne ärztlichen Rat und klare Diagnose durchgeführt werden.

Medikamentöse Therapie des RDS

Pflanzliche Wirkstoffe wie das krampflösende Pfefferminzöl oder der Extrakt aus Melissenblättern haben sich zur Beruhigung des Darms bewährt. Ebenso können Mittel gegen Bauchkrämpfe, Blähungen, Verstopfung, Durchfall helfen die vorliegenden Symptome zu lindern. Genauso wie in der Migränetherapie können auch Antidepressiva einen schmerzlindernden Effekt haben. Der Einsatz von Antidepressiva als Migräneprophylaxe und zeitgleich RDS-Therapeutikum zeigt die Sinnhaftigkeit um das Wissen seiner Komorbiditäten.

Das Antibiotikum Rifaximin lindert, ebenso wie Probiotika, bei einem Teil der Betroffenen das Symptom „Blähbauch“. Es wirkt hauptsächlich im Magen-Darm-Trakt und wird bei verschiedenen Krankheiten im Verdauungstrakt eingesetzt.

Therapie der Migräne

Eine ausführliche Übersicht über medikamentöse und nicht-medikamentöse Migränetherapien (akut und prophylaktisch) findet man in diversen Artikeln.

Der Einfluss des Mikrobioms

Neueste Studien zeigen, dass das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Darmbakterien, eine wichtige Rolle bei Migräne und deren Symptomen spielen könnte. Der Zusammenhang zwischen Darm und Gehirn, auch als Darm-Hirn-Achse bekannt, eröffnet spannende Ansätze für die Behandlung von Migräneattacken und das Verständnis ihrer Ursachen. Darmbakterien produzieren neuroaktive Substanzen, die die Schmerzempfindlichkeit, Entzündungsprozesse und das Immunsystem beeinflussen können. Bei Migränepatienten wird häufig eine Dysbiose beobachtet, also ein Ungleichgewicht in der Darmflora, das mit Symptomen wie Kopfschmerzen oder Magenproblemen einhergeht.

Probiotika bei Migräne: Helfen „gute Bakterien“ gegen Kopfschmerzen?

Probiotika, die lebende Mikroorganismen enthalten, gewinnen in der Migräneforschung an Bedeutung. Sie können das Gleichgewicht der Darmflora fördern und Entzündungen reduzieren. Gerade bei Migränepatienten, die oft unter Magen-Darm-Problemen leiden, sind sie eine vielversprechende Ergänzung. Studien deuten darauf hin, dass Probiotika die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken mindern können. Um optimale Ergebnisse zu erzielen, sollten Migränepatienten auf hochwertige Präparate mit wissenschaftlich geprüften Bakterienstämmen achten. Die regelmäßige Einnahme kann langfristig zur Linderung der Symptome beitragen.

Ernährung als Schlüssel zur Behandlung

Die Ernährung spielt eine Schlüsselrolle bei der Pflege des Mikrobioms und damit auch in der Behandlung von Migräne. Lebensmittel, die reich an Prä- und Probiotika sind, fördern das Wachstum gesunder Darmbakterien und können langfristig das Migränerisiko senken. Gleichzeitig sollten Migränepatienten bekannte Auslöser wie Alkohol, Schokolade oder stark verarbeitete Lebensmittel meiden, da sie die Darmflora negativ beeinflussen können. Auch der Zusammenhang zwischen einer ballaststoffreichen Ernährung und einem ausgeglichenen Mikrobiom ist bemerkenswert. Ballaststoffe dienen als Nahrung für Darmbakterien und fördern eine stabile Darmflora, die wiederum positiv auf die Symptome von Migräne wirken kann. Es ist wichtig, eine individuelle Ernährung zu finden, die sowohl den Darm als auch das Gehirn unterstützt.

Migräne durch Bakterien und Entzündungen

Entzündungen im Magen-Darm-Bereich führen bei vielen Menschen zu Kopfschmerzen und begünstigen Migräne. Zum Beispiel haben manche Migräne-Patienten, die mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert waren, nach der Behandlung des Bakteriums deutlich leichtere, weniger oder sogar gar keine Migräne-Attacken mehr. Helicobacter pylori führt zu entzündeter Magenschleimhaut. Anzeichen für eine Infektion können Völlegefühl, Bauchschmerzen oder Übelkeit sein. Auch die entzündliche Autoimmunkrankheit Zöliakie hängt mit Migräne zusammen. Bei Menschen mit Zöliakie löst der Verzehr von Weizenprodukten Entzündungen im Dünndarm aus. Sie haben häufiger mit Migräne zu kämpfen als Menschen ohne Zöliakie. Ähnlich geht es Patienten mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn.

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