Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur "Kopfschmerzen" oder "Wetterfühligkeit" ist. Sie kann Betroffene für Stunden oder sogar Tage außer Gefecht setzen. Erschwerend kommt hinzu, dass Schmerzmittel nicht immer wirken und bei zu häufiger Einnahme das Risiko medikamenteninduzierter Kopfschmerzen (MÜK) besteht. Daher sind sanftere und effektive Wege zur Vorbeugung von Migräne von großer Bedeutung. In diesem Zusammenhang rückt das Hormon Melatonin immer stärker in den Fokus der Forschung.
Licht, Tagesrhythmus und Migräne
Die Stärke des Einflusses von Licht, Tagesrhythmus und kleinen Verschiebungen im Tagesablauf auf Migräne wird besonders bei Menschen mit Migräne deutlich. Eine Studie der Schmerzklinik Kiel hat herausgefunden, dass die Zeitumstellung im Frühjahr die Zahl der Migräneattacken um rund 6 % ansteigen lässt, besonders zu Beginn der Woche. Auch das Wetter, insbesondere hohe Luftfeuchtigkeit in den wärmeren Monaten, und das Licht selbst können Einfluss auf Migräne haben. Dieses Phänomen wird als Photosensitivität bezeichnet.
Vermutet wird, dass Photosensitivität mit einer Funktionsstörung in dem Gehirnbereich zusammenhängt, der für die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zuständig ist. Studien zeigen, dass Lichteinwirkung bei Migränepatienten den Melatoninspiegel stärker senkt als bei gesunden Menschen.
Melatonin: Das "Schlafhormon" im Fokus der Migräneforschung
Melatonin, auch als "Schlafhormon" bekannt, wird im Gehirn (in der Zirbeldrüse oder auch Epiphyse) gebildet und wirkt an vielen Regulierungsvorgängen mit. Es reguliert die Tag-Nacht-Rhythmen, auch zirkadiane Rhythmen genannt. Der zirkadiane Rhythmus erstreckt sich in der Regel über 24 Stunden und umfasst unter anderem den Schlaf-Wach-Rhythmus. Dieser Rhythmus wird durch Hormone und äußere Einflüsse wie Licht beeinflusst. Tageslicht, Dunkelheit und die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin haben zum Beispiel Auswirkungen auf unseren Schlaf-Wach-Rhythmus.
Während einer Migräne- oder Clusterkopfschmerzattacke ist der Melatoninspiegel erniedrigt. Dies legt nahe, dass sich das Hormon als Therapieoption eignet. Am besten untersucht ist die präventive Melatoninwirkung noch beim Clusterkopfschmerz und der Migräne.
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Studienlage zur Melatoninwirkung bei Migräne
Eine jüngere Studie hat gezeigt, dass Melatonin eine vorbeugende Wirkung auf Migränekopfschmerzen hat. Die Schlafqualität verbesserte sich bei den Teilnehmern. Auch in anderen Studien zeigte die Einnahme von etwa drei Milligramm Melatonin eine vorbeugenden Wirkung gegenüber Migräne. Diese Dosis liegt im allgemein empfohlenen Bereich (für die Behandlung von Schlaf-Wach-Zyklus-Problemen). Eine Menge von zehn Milligramm sollte nicht überschritten werden.
Eine randomisierte, kontrollierte Studie hat sich mit Melatonin zur vorbeugenden Behandlung episodischer Migräne bei Erwachsenen auseinandergesetzt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Einnahme von 3 mg Melatonin eine Stunde vor dem Schlafengehen bei der Verringerung der Häufigkeit und Dauer von Migräneattacken wirksamer war als das Placebo. Auch die Behinderung aufgrund der Migräne und die Schlafqualität verbesserten sich bei den Studienteilnehmern. Darüber hinaus wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen beobachtet.
Im vergleichenden Überblick der Studien zeigte sich aber, dass derzeit nicht klar gesagt werden kann, ob Melatonin wirksam als Prophylaxe für Migräne eingesetzt werden kann. Konkret fanden zwei Studien, dass Melatonin nicht besser als ein Scheinmedikament wirkte. Eine weitere Studie fand, dass Melatonin dem Antidepressivum Amitriptylin unterlegen war. In den beobachtenden Studien schien Melatonin dagegen wirksam als vorbeugendes Migränemedikament zu sein.
Melatonin bei Clusterkopfschmerz
Aufgrund des zeitlich gebundenen Auftretens der Attacken des Clusterkopfschmerzes lag es nahe, veränderte zirkadiane bzw. zirkannuelle Rhythmen als Ursache für die Genese dieses Kopfschmerzleidens anzusehen. Solche veränderten chronobiologischen Aktivitäten könnten für die Störung des vaskulären und autonomen Gleichgewichtes verantwortlich sein. Auch die Beendigung der Clusterperiode könnte mit dieser pathophysiologischen Annahme in Einklang gebracht werden.
Es zeigen sich jahreszeitliche Häufungen von aktiven Clusterperioden in den Monaten März, April und Mai sowie in den Monaten September, Oktober und November. Individuell kann diese zeitliche Präferenz jedoch Schwankungen unterliegen. Auch der Sonnenstand wurde mit dem Auftreten von Clusterperioden in Verbindung gebracht.
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Bei Clusterkopfschmerzpatienten, die über mehrere Monate systematisch untersucht wurden, zeigte sich keine signifikante Veränderung der Melatonin-Konzentration zwischen den verschiedenen Monaten. Allerdings konnte im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen über den gesamten Beobachtungszeitraum von einem Jahr eine reduzierte mittlere Melatonin-Konzentration bei Clusterkopfschmerzpatienten aufgedeckt werden. Auch die zirkadiane Variation innerhalb der Gruppe der Patienten, die an Clusterkopfschmerz leiden, weist Veränderungen auf.
Weitere Faktoren, die den Melatoninspiegel beeinflussen
Das chronobiologische Verhalten der Melatonin-Konzentration wird durch einen endogenen Zeitgeber moduliert. Dieser endogene Zeitgeber kann durch innere und äußere Bedingungen beeinflusst werden. Dazu zählen insbesondere das Tageslicht und das Schlafverhalten. Melatonin wird aus dem Serotonin metabolisiert. Auch für das Nor-Epinephrin sind zirkadiane Veränderungen bekannt.
Weitere Therapieansätze bei Migräne
Neben Melatonin gibt es weitere vielversprechende Therapieansätze bei Migräne. Eine deutsche Studie zeigte, dass ein Kombinationspräparat aus hochdosiertem Magnesium, Vitamin B2 und Coenzym Q10 einen lindernden Effekt auf Migräne hat. Forscher gehen davon aus, dass der Vitamin-D-Spiegel die Häufigkeit und Dauer von Migräneattacken beeinflusst. Auch Omega-3-Fettsäuren zeigten in Studien eine lindernde Wirkung auf Kopfschmerzen, insbesondere Migräne.
Wichtige Hinweise für Migränepatienten
- Ausreichend trinken: Flüssigkeitsmangel ist ein entscheidender Faktor bei der Auslösung von Kopfschmerz- und Migräneattacken.
- Sonneneinstrahlung vermeiden: Gerade Migränepatienten sollten bei starker Sonneneinstrahlung den Aufenthalt in der prallen Sonne vermeiden und für ausreichenden Schutz des Kopfes sorgen.
- Klimaanlagen mit Bedacht einsetzen: Zu große Temperaturunterschiede zwischen Drinnen und Draußen können sich wie ein Schock auswirken.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Regelmäßige Mahlzeiten mit ausreichenden, möglichst komplexen Kohlehydraten sind vor allem für Migränebetroffene wichtig, um starke Schwankungen im Blutzuckerspiegel zu vermeiden.
- Sport und Bewegung: Starke Anstrengung bei hohen Umgebungstemperaturen ist eine große Belastung und kann vor allem bei Migränebetroffenen als Auslöser von Attacken wirken.
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