Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und reichen von genetischen Defekten über Hirnschäden bis hin zu Stoffwechselstörungen. Trotz der Verfügbarkeit verschiedener Medikamente sprechen etwa 30 % der Betroffenen nicht ausreichend auf herkömmliche Antiepileptika an. Dies hat zu einem verstärkten Interesse an alternativen Therapieansätzen geführt, insbesondere an der Verwendung von medizinischem Cannabis, insbesondere Cannabidiol (CBD).
Die wachsende Bedeutung von Cannabidiol (CBD) in der Epilepsiebehandlung
In den letzten Jahren hat sich ein regelrechter Hype um den Cannabis-Wirkstoff Cannabidiol (CBD) entwickelt. CBD ist eine biologisch wirksame Substanz, die aus der Hanfpflanze gewonnen wird und keine rauschhaften Effekte verursacht. Es wird angenommen, dass es bei Schmerzen, Stress oder Schlafstörungen helfen kann und findet sich mittlerweile in verschiedenen Lifestyle-Produkten und sogar in Lebensmitteln.
Seit der Zulassung eines auf CBD basierenden Medikaments im Jahr 2018 sind insbesondere Menschen mit Epilepsie und ihre Angehörigen große Hoffnungen geweckt worden. Ein Fall eines kleinen Mädchens, bei dem die Anwendung eines CBD-Präparats zu einer Reduktion der epileptischen Anfälle um 90 Prozent führte, erregte große Aufmerksamkeit. Dieses Fallbeispiel trug dazu bei, dass Pharmafirmen Studien zur Anwendung bei bestimmten Epilepsieformen vorantrieben.
Cannabidiol (CBD) im Vergleich zu THC: Ein Überblick
Die Cannabis-Pflanze enthält über 400 verschiedene Bestandteile, sogenannte Cannabinoide. Zu den bekanntesten gehören Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC ist für die psychoaktive Wirkung von Cannabis verantwortlich, während CBD keine berauschenden Effekte hat.
THC: Umstrittene Wirkung bei Epilepsie
Während einige Studien THC eine krampflösende Wirkung zuschreiben, konnten andere Studien diese Wirkung nicht bestätigen oder kamen sogar zu dem Schluss, dass THC Krampfanfälle begünstigen könnte. Aufgrund dieser widersprüchlichen Ergebnisse und der potenziellen Nebenwirkungen spielt THC in der Epilepsie-Therapie kaum eine Rolle.
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CBD: Vielversprechende Ergebnisse bei bestimmten Epilepsieformen
Im Gegensatz zu THC hat CBD in Studien gezeigt, dass es die Häufigkeit und Schwere von Anfällen reduzieren kann, insbesondere bei schweren Formen wie dem Dravet-Syndrom oder Lennox-Gastaut-Syndrom. CBD interagiert mit dem Endocannabinoid-System, das die neuronale Aktivität reguliert. Dadurch kann CBD epileptische Anfälle dämpfen und die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Klinische Studien zu CBD bei Epilepsie: Evidenz und Ergebnisse
Mehrere klinische Studien haben die Wirksamkeit von CBD bei der Behandlung von Epilepsie untersucht. Viele dieser Studien konzentrierten sich auf Kinder und Jugendliche mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom, zwei seltenen und schweren Epilepsieformen.
Studie zum Dravet-Syndrom
Eine randomisierte, kontrollierte Studie im New England Journal of Medicine (2017; 376: 2011-2020) untersuchte die Wirkung von CBD bei Kindern mit Dravet-Syndrom. Die Ergebnisse zeigten, dass CBD die Anfallshäufigkeit signifikant reduzieren konnte. In der Cannabidiol-Gruppe kam es zu einem Rückgang der Anfallsfrequenz von 12,4 auf 5,9 pro Monat im Vergleich zu einem Rückgang von 14,9 auf 14,1 in der Placebo-Gruppe.
Studie zum Lennox-Gastaut-Syndrom
Eine weitere randomisierte, doppelblinde Phase-III-Studie, die im Fachjournal «The Lancet» veröffentlicht wurde, untersuchte die Wirkung von CBD bei Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom. Die Ergebnisse zeigten, dass CBD in Kombination mit anderen antiepileptischen Therapien die Anfallshäufigkeit bei Patienten mit bislang therapieresistentem Lennox-Gastaut-Syndrom reduzieren konnte. Die Rate der Anfälle mit Sturzfolge reduzierte sich unter dem Cannabinoid von zuvor 71,4 pro Monat auf 31,4 pro Monat, unter Placebo von 74,7 auf 56,3 Stürze pro Monat - eine relative Risikoreduktion um 43,9 Prozent.
Weitere Studien und Erkenntnisse
Eine CBD-Epilepsie-Studie aus dem Jahr 2015 untersuchte, ob die Einnahme von CBD zusätzlich zu einer bestehenden Antiepileptika-Therapie bei behandlungsresistenter Epilepsie sicher, verträglich und wirksam ist. Die Ergebnisse zeigten, dass CBD gut verträglich ist und die Anfallshäufigkeit reduzieren kann.
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Zugelassene CBD-Medikamente: Epidyolex
Die amerikanische Zulassungsbehörde (Food and Drug Administration (FDA)) hat im Juni 2018 einem Medikament der Firma GW (Epidiolex) eine Zulassung für die Behandlung des Dravet-Syndroms und des Lennox-Gastaut-Syndroms erteilt. Epidiolex ist eine orale Lösung, die Cannabidiol enthält.
In Deutschland kann Epidiolex über die Auslandsapotheke bezogen werden. Im Prinzip kann auch durch einen Apotheker in Deutschland eine entsprechende Cannabidiollösung mit hohem Reinheitsgrad hergestellt werden. Die rechtlichen Hindernisse - denn Cannabisderivate unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz - hat der Gesetzgeben für den medizinischen Gebrauch bereits 2017 beseitigt.
Dosierung und Verabreichung von CBD bei Epilepsie
Epidyolex wird in Form einer oralen Lösung verabreicht. Die Dosierung beginnt niedrig und wird individuell angepasst, abhängig von Gewicht und Verträglichkeit. Eine enge Überwachung durch einen Arzt ist erforderlich.
Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von CBD
CBD kann verschiedene Nebenwirkungen verursachen, darunter Schläfrigkeit, Appetitverlust, Durchfall oder selten eine Zunahme von Anfällen. Es gibt auch Hinweise auf mögliche Wechselwirkungen zwischen CBD und herkömmlichen Antiepileptika wie Clobazam oder Valproat. Regelmäßige Kontrollen von Leberwerten und Medikamentenspiegeln sind daher unerlässlich.
Kosten und Kostenübernahme von CBD-Medikamenten
Die Kosten für Epidyolex oder andere Cannabis-Medikamente können 2000-3000 Euro monatlich betragen. In Deutschland ist eine Kostenübernahme durch Krankenkassen möglich, erfordert aber einen Antrag mit ärztlicher Begründung.
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Rechtliche Aspekte von medizinischem Cannabis in Deutschland
Medizinisches Cannabis unterlag in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und wurde durch das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) ersetzt. Seit April 2024 kann es auf ein einfaches Rezept von qualifizierten Ärzten, meist Neurologen, verschrieben werden, ohne die bisher erforderliche Betäubungsmittelrezeptierung.
Risiken der Selbstmedikation mit CBD-Öl oder Hanföl
Epilepsie und Selbstmedikation mit frei verkäuflichem CBD-Öl oder Hanföl bei Epilepsie ist gefährlich. Diese Produkte sind nicht standardisiert, nicht medizinisch geprüft und können unwirksam oder schädlich sein. Ungeprüfte Produkte können Verunreinigungen wie Pestizide oder Schwermetalle enthalten und unklare Wirkstoffgehalte aufweisen, was die Anfallskontrolle gefährden kann.
Mythen und Missverständnisse über Cannabis und Epilepsie
Ein häufiger Mythos ist, dass Cannabis jede Epilepsie heilt oder THC genauso wirksam wie CBD ist. Tatsächlich ist CBD bei Epilepsie nur für bestimmte Formen zugelassen, und THC zeigt keine Vorteile.
Alkohol und Epilepsie: Eine riskante Kombination
Neben der Cannabis-Therapie ist es wichtig, auch andere Faktoren zu berücksichtigen, die Anfälle auslösen können. Alkohol ist ein solcher Faktor, der bei Epilepsiepatienten besondere Vorsicht erfordert.
Eine Studie untersuchte das Konsumverhalten von Epilepsiepatienten und stellte fest, dass Alkoholkonsum im Vergleich zur Gesamtbevölkerung häufiger vorkommt. Dies ist besonders problematisch, da Alkohol epileptische Anfälle akut provozieren kann. Das Risiko für Anfälle im Zusammenhang mit Alkohol ist bei Epilepsiepatienten etwa sechsfach erhöht.
Es ist daher besonders wichtig, dass Epilepsiepatienten das Risiko für Anfälle im Zusammenhang mit Alkohol kennen und auf Alkoholkonsum verzichten. Ein riskantes Trinkverhalten sollte vermieden werden.