Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch intensive Kopfschmerzen und verschiedene Begleitsymptome gekennzeichnet ist. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind eine Klasse von Antidepressiva, die häufig zur Behandlung von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen eingesetzt werden. Obwohl SSRI im Allgemeinen als sicher gelten, können sie in einigen Fällen Migräne auslösen oder verschlimmern. Dieser Artikel untersucht die möglichen Ursachen für Migräne im Zusammenhang mit SSRI und bietet einen Überblick über Behandlungsoptionen.
Was ist Migräne?
Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein kann, darunter:
- Pulsierende, pochende Kopfschmerzen, oft auf einer Seite des Kopfes
- Übelkeit und Erbrechen
- Lärm- und Lichtempfindlichkeit
- Sehstörungen (Aura)
- Schwindel
Etwa 15 bis 25 Prozent der Migränepatienten erleben Aura-Symptome. Eine Migräne-Aura ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die während eines Migräne-Anfalls, aber auch ohne Kopfschmerzen, auftreten kann. Typische Symptome einer Migräne-Aura sind Sehstörungen in Form von Flimmersehen, die von den Patientinnen als Blitze, Punkte, Zacken- oder wellenförmige Bewegungen wahrgenommen werden und die sich meist langsam über das Gesichtsfeld ausbreiten. Häufig kommt es auch zu fleckförmigen Ausfällen des Gesichtsfeldes, das heißt Patientinnen sehen nur noch einen Teil der Umwelt oder einer Person. Weitere, seltenere Symptome sind vorübergehende Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen, sehr selten auch Lähmungen einer Körperhälfte. Eine typische Migräne-Aura dauert 5 bis 60 Minuten, seltener auch mal etwas länger.
Viele Patient*innen kennen Auslöser, so genannte Trigger, die bei ihnen zu einem Migräne-Anfall führen können. Das sind zum Beispiel:
- unregelmäßiger Schlaf
- längere Phasen ohne ausreichend zu essen und zu trinken
- Stress
- starke psychische oder körperliche Belastungen
- bestimmte Reize wie Flackerlicht oder schlechte Luft in stickigen Räumen
- Alkohol, z.B. Rotwein, oder bestimmte Nahrungsmittel
In jedem Fall lohnt es sich herauszufinden, ob es spezielle Trigger für die Migräne bei einem selbst gibt, die man dann vermeiden kann.
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SSRI und ihr Wirkmechanismus
SSRI wirken, indem sie die Wiederaufnahme von Serotonin im Gehirn blockieren. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle bei der Stimmungsregulation, dem Schlaf und der Schmerzwahrnehmung spielt. Durch die Erhöhung der Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt können SSRI die Stimmung verbessern und Angstsymptome reduzieren.
Nachdem Neurotransmitter an die Rezeptoren des postsynaptischen Neurons „angedockt“ und ihre Aufgabe der Signalübertragung erledigt haben, werden die Überträgersubstanzen wieder in das präsynaptische Neuron zurücktransportiert. Bestimmte Wirkstoffe, sogenannte Reuptake-Inhibitoren bzw. Wiederaufnahme-Hemmer, können nun jenes Transportmolekül, das die Rückführung der Neurotransmitter bewerkstelligt, blockieren. Dadurch wird den Neurotransmittern der Weg zurück quasi versperrt. Sie verbleiben folglich länger im synaptischen Spalt und können gewünschte Signale mehrfach übertragen. Normalerweise registriert das präsynaptische Neuron über bestimmte Rezeptoren, ob es bereits ausreichend Neurotransmitter ausgeschüttet hat. Im normalen Hirnstoffwechsel stehen Bildung und Abbau von Neurotransmittern zueinander im Gleichgewicht. Am Abbau sind bestimmte Enzyme beteiligt. Werden diese durch Medikamente gehemmt, werden mehr Überträgersubstanzen gebildet als abgebaut und ihre Konzentration steigt in der Folge an.
Mögliche Ursachen für Migräne durch SSRI
Obwohl der genaue Mechanismus, durch den SSRI Migräne auslösen können, nicht vollständig verstanden ist, gibt es mehrere Theorien:
- Serotonin-Dysregulation: SSRI erhöhen die Serotoninkonzentration im Gehirn. Während dies bei Depressionen von Vorteil sein kann, kann ein Überschuss an Serotonin bei manchen Menschen zu Migräne führen. Serotonin spielt eine komplexe Rolle bei der Schmerzwahrnehmung und kann sowohl schmerzlindernde als auch schmerzverstärkende Effekte haben.
- Vasokonstriktion und Vasodilatation: Serotonin kann sowohl die Verengung (Vasokonstriktion) als auch die Erweiterung (Vasodilatation) von Blutgefäßen im Gehirn beeinflussen. Es wird angenommen, dass Migräne mit Veränderungen im Blutfluss im Gehirn zusammenhängt. Die durch SSRI verursachte Serotonin-Dysregulation könnte zu abnormalen Vasokonstriktions- und Vasodilatationsmustern führen und so Migräne auslösen.
- Wechselwirkungen mit anderen Neurotransmittern: SSRI können auch andere Neurotransmittersysteme im Gehirn beeinflussen, wie z. B. Noradrenalin und Dopamin. Diese Wechselwirkungen könnten indirekt zur Entstehung von Migräne beitragen.
- Spannungskopfschmerz als Nebenwirkung: SSRI können als Nebenwirkung Spannungskopfschmerzen verursachen, die sich von Migräne unterscheiden, aber dennoch sehr unangenehm sein können.
- Entzugserscheinungen: Das abrupte Absetzen von SSRI kann zu Entzugserscheinungen führen, die auch Kopfschmerzen und Migräne umfassen können.
Risikofaktoren
Bestimmte Faktoren können das Risiko erhöhen, dass SSRI Migräne auslösen:
- Vorherige Migräne-Erkrankung: Menschen, die bereits an Migräne leiden, sind möglicherweise anfälliger für SSRI-induzierte Migräne.
- Hohe SSRI-Dosis: Höhere Dosen von SSRI können das Risiko von Nebenwirkungen, einschließlich Migräne, erhöhen.
- Gleichzeitige Einnahme anderer Medikamente: Die Einnahme von SSRI zusammen mit anderen Medikamenten, die das Serotoninsystem beeinflussen, kann das Risiko eines Serotonin-Syndroms erhöhen, das auch Migräne auslösen kann.
- Genetische Faktoren: Genetische Variationen können beeinflussen, wie eine Person auf SSRI reagiert und ob sie Migräne entwickelt.
Das Serotonin-Syndrom
Das Serotonin-Syndrom ist keine Erkrankung im herkömmlichen Sinn. Vielmehr handelt es sich um eine Kombination verschiedener Krankheitserscheinungen (Symptome), die durch eine übermäßige Anhäufung des Botenstoffes Serotonin entstehen. Das Serotonin-Syndrom wird durch bestimmte Medikamente ausgelöst und muss schnell behandelt werden, da es unter Umständen tödlich endet.
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Das Serotonin-Syndrom entsteht durch ein Übermaß an dem Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) Serotonin im zentralen Nervensystem. Andere Bezeichnungen sind serotoninerges oder serotonerges Syndrom sowie zentrales Serotonin-Syndrom.
Die Ursache des Serotoninüberschusses liegt zumeist in Medikamenten gegen Depressionen (Antidepressiva), die das serotonerge System des Körpers beeinflussen. Das Serotonin-Syndrom entsteht also im weitesten Sinne durch Neben- beziehungsweise Wechselwirkungen verschiedener antidepressiver (aber auch anderer) Medikamente. Ärzte sprechen auch von einer unerwünschten Arzneimittelreaktion.
Serotonin (chemisch: 5-Hydroxy-Tryptamin) ist ein wichtiger Botenstoff des Nervensystems (Neurotransmitter). Es kommt sowohl im zentralen (Gehirn und Rückenmark) als auch im peripheren Nervensystem vor. Im zentralen Nervensystem (ZNS) ist Serotonin an der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus, der Emotionen, der Temperatur oder von Schmerzen beteiligt, aber auch an Lernvorgängen und der Gedächtnisbildung.
Experten gehen davon aus, dass ein Mangel dieser Botenstoffe zu depressiven Symptomen wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit und Interessenverlust führt. Daher behandeln Ärzte Depressionen mit Medikamenten, die etwa das Serotonin im Körper ansteigen lassen. Infolgedessen und beispielsweise durch eine zu hohe Arzneimitteldosis kommt es unter Umständen zum Serotoninüberschuss und letztlich zum Serotonin-Syndrom.
Zu diesen Drogen sowie den Medikamenten, die vor allem in Kombination ein Serotonin-Syndrom verursachen, zählen unterteilt nach ihrer Wirkung:
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- Wirkung im serotoninergen System: vermehrte Bildung von Serotonin
- Wirkstoffe: Tryptophan
- Wirkung im serotoninergen System: vermehrte Freisetzung von Serotonin
- Wirkstoffe: Amphetamine, Kokain, Mirtazapin, Methadon, Ecstasy, das Parkinsonmedikament L-Dopa
- Wirkung im serotoninergen System: Hemmung der Wiederaufnahme aus dem synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen
- Wirkstoffe: Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), wie Citalopram, Sertralin, Fluoxetin, Paroxetin, Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSNRI), wie Venlafaxin, Duloxetin, Trizyklische Antidepressiva, wie Amitriptylin, Doxepin, Desipramin, Nortriptylin, Clomipramin, Imipramin, Tramadol, Pethidin (beides Schmerzmittel), Trazodon, Johanniskraut, Kokain, Amphethamin, Ecstasy, 5-HT3-Rezeptor-Gegenspieler gegen Übelkeit und Erbrechen wie Ondansetron, Granisetron
- Wirkung im serotoninergen System: Hemmung des Serotonin-Abbaus
- Wirkstoffe: Monoaminooxidas (MAO)-Hemmer wie Moclobemid, Tranylcypromid oder das Antibiotikum Linezolid
- Wirkung im serotoninergen System: stimulierende Wirkung an Serotonin-Empfängerstrukturen (5-HT-Rezeptoren)
- Wirkstoffe: 5-HT1-Agonisten wie Buspiron oder Triptane (z.B. Sumatriptan, Almotriptan), die gegen Migräne verschrieben werden
- Wirkung im serotoninergen System: verstärkter Serotonin-Effekt
- Wirkstoffe: Lithium
Auch Arzneimittel werden im Körper abgebaut. Allerdings gibt es bestimmte Arzneistoffe, die den Abbau der oben genannten Medikamente stören, meist weil sie auf demselben Weg verstoffwechselt werden. Dazu zählen beispielsweise die Herzmedikamente Amiodaron oder Betablocker, Mittel gegen Epilepsie wie Carbamazepin, aber auch HIV-Therapeutika wie Ritonavir oder Efavirenz.
Auch das Magenschutzmittel Cimetidin hemmt die abbauenden Eiweißkomplexe. Infolgedessen reichern sich die serotonerg wirksamen Substanzen im Körper an. Dadurch beeinflussen sie das Serotonin-System noch stärker. Auf diese Weise führt mitunter auch schon eine kleinere Medikamenten-Dosis zu einem Serotonin-Syndrom.
Die Diagnose des Serotonin-Syndroms ist schwierig. Zum einen zeigen Betroffene unterschiedlich ausgeprägte Anzeichen eines serotonergen Syndroms. Zum anderen gibt es Krankheitsbilder, die dem des Serotonin-Syndroms ähneln, allen voran das maligne neuroleptische Syndrom (MNS). Das neuroleptische Syndrom ist ein Krankheitsbild, das bei der Therapie mit sogenannten Neuroleptika entsteht - Arzneistoffe, die Personen mit psychischen Störungen einnehmen.
Wer vermutet, an einem Serotonin-Syndrom zu leiden, sollte umgehend zum Arzt gehen, beispielsweise zum behandelnden Psychiater.
Der Grundpfeiler in der Serotonin-Syndrom-Diagnose ist die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese). Der Arzt stellt beispielsweise folgende Fragen:
- Unter welchen Beschwerden leiden Sie?
- Haben Sie Fieber, Übelkeit mit Erbrechen und Durchfall? Schwitzen Sie auffällig stark?
- Fallen Ihnen Bewegungen schwer? Haben Sie Muskelkrämpfe oder -zuckungen?
- Haben Sie Probleme, still sitzen zu bleiben?
- Seit wann bestehen die Beschwerden? Haben diese in den letzten Stunden zugenommen?
- Welche Vorerkrankungen sind bei Ihnen bekannt?
- Leiden Sie unter Depressionen, gegen die sie Tabletten einnehmen?
- Welche Medikamente nehmen Sie ein? Nennen Sie bitte alle Arzneimittel, auch Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Wirkstoffe!
- Wurde Ihre Medikation in letzter Zeit umgestellt oder erweitert?
- Konsumieren Sie in regelmäßigen Abständen Drogen?
Da Betroffene mit Serotonin-Syndrom in manchen Fällen verwirrt sind oder unter einem getrübten Bewusstsein leiden, sind sie möglicherweise nicht in der Lage, Fragen eindeutig und klar zu beantworten. Deshalb ist die Fremdanamnese von entscheidender Bedeutung. Hierbei befragt der Arzt nicht den Betroffenen selbst, sondern Angehörige, Freunde oder andere Begleitpersonen.
Nach der ausführlichen Befragung untersucht der Arzt den Körper des Erkrankten genau. Dabei achtet er auf typische Serotonin-Syndrom-Symptome. Diese sind zusammen mit der Anamnese ausschlaggebend für die Diagnose „serotonerges Syndrom“. Der Arzt prüft beispielsweise, ob die Pupillen erweitert sind. Muskelzuckungen oder ein Zittern des Betroffenen sind oft schon mit dem bloßen Auge erkennbar, ebenso wie eine beschleunigte Atmung. Außerdem misst der Arzt den Blutdruck, den Puls und die Körpertemperatur.
Des Weiteren kontrolliert der Arzt den neurologischen Zustand des Erkrankten. Besonderes Augenmerk legt er auf die Reflexüberprüfung. Dazu schlägt er mit einem sogenannten Reflexhammer beispielsweise auf die Oberschenkelsehnen unterhalb der Kniescheibe (Patellarsehnenreflex). Leidet der Patient an einem Serotonin-Syndrom, erfolgt der Reflex, also das „Vorschnellen“ des Unterschenkels, übermäßig stark und oft schon bei nur leichtem Beklopfen der Sehne.
Es gibt keine spezifischen Labortests, die das Serotonin-Syndrom eindeutig belegen. Dennoch verändern sich unter Umständen einige Laborwerte durch den Serotoninüberschuss, beispielsweise steigt der Entzündungsparameter C-reaktives Protein (CRP). Auch auf das Blutbild wirkt sich das Serotonin-Syndrom möglicherweise aus, erkennbar etwa an einem erniedrigten Spiegel an Blutplättchen (Thrombozyten). Bei starken Krämpfen steigen auch die Muskeleiweiße Kreatinkinase und Myoglobin im Blut an.
Bei schneller Atmung bringt häufig eine sogenannte Blutgasanalyse Aufschluss über den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Lunge.
Außerdem führt der Arzt toxikologische Tests durch. Mittels einer Urinprobe zeigt sich oft schon in Schnelltests (sogenannte toxikologische Bedside-Tests) ein möglicher Drogenkonsum oder -missbrauch. Über zum Teil aufwändige Screeningverfahren weisen Laboranten zudem erhöhte Blutkonzentrationen eines bestimmten Medikamenten-Wirkstoffs nach (Bestimmung des Medikamenten-Spiegels).
Darüber hinaus veranlasst der Arzt je nach Symptomatik weitere Untersuchungen. Mittels Elektrokardiogramm (EKG) deckt er zum Beispiel Herzrhythmusstörungen auf. Nach epileptischen Anfällen hilft ein bildgebendes Verfahren wie Computertomografie (CT), andere Ursachen der Symptome auszuschließen.
Behandlung von Migräne im Zusammenhang mit SSRI
Die Behandlung von Migräne im Zusammenhang mit SSRI umfasst in der Regel einen oder mehrere der folgenden Ansätze:
- Anpassung der SSRI-Dosis: In einigen Fällen kann eine Reduzierung der SSRI-Dosis die Migränefrequenz oder -intensität verringern. Dies sollte jedoch nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen, um Entzugserscheinungen zu vermeiden.
- Wechsel des Antidepressivums: Wenn SSRI Migräne auslösen, kann ein Wechsel zu einem anderen Antidepressivum mit einem anderen Wirkmechanismus in Betracht gezogen werden. Bupropion und Mirtazapin sind Beispiele für Antidepressiva, die weniger wahrscheinlich Migräne verursachen.
- Akutbehandlung von Migräneattacken: Bei einer akuten Migräneattacke können Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder Aspirin helfen. Bei stärkeren Migräneattacken können Triptane eingesetzt werden. Wichtig bei einer Migräne mit Aura ist, dass Triptane erst nach Abklingen der Aura-Symptome eingenommen werden sollten.
- Migräneprophylaxe: Wenn Migräneanfälle häufig auftreten, können vorbeugende Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika eingesetzt werden. Seit einigen Jahren gibt es eine neue Behandlung mit so genannten Antikörpern gegen einen bestimmten Botenstoff, das so genannte CGRP, das während des Migräne-Anfalls ausgeschüttet wird. Antiköper sind Proteine, die diesen Botenstoff abfangen bzw. dessen Wirkung an den Nervenzellen und Hirngefäßen vermindern können. Um die Neurotransmitter wieder ins Gleichgewicht zu bringen, stehen verschiedene medikamentöse Wirkmechanismen zur Verfügung. Jedoch sind auch die Nebenwirkungen von Antidepressiva nicht zu verachten.
- Nicht-medikamentöse Behandlungen: Verschiedene nicht-medikamentöse Behandlungen können ebenfalls bei Migräne helfen, darunter:
- Regelmäßiger Ausdauersport: Joggen, Schwimmen, Radfahren
- Entspannungstechniken: Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training, Biofeedback-Techniken
- Psychologische Verfahren: Verhaltenstherapeutische Verfahren, insbesondere bei Depressionen oder Angststörungen
- Ernährungsumstellung: Vermeidung von Triggern wie Alkohol oder bestimmten Nahrungsmitteln. Es wurde beispielsweise nachgewiesen, dass starke Blutzuckerschwankungen Migräneanfälle fördern und dass eine blutzuckerstabilisierende Ernährung eine wirksame Migräneprophylaxe sein kann. Die negativen Auswirkungen eines übermäßigen Zuckerkonsums auf die langfristige psychische Gesundheit wurde in einer anderen großen Studie nachgewiesen. Die Forscher:innen legen daher nahe, dass ein geringerer Zuckerkonsum mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sein könnte.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Reduzierung der Migränefrequenz helfen kann.
- Nahrungsergänzungsmittel:
- Vitamin D: Ein 25(OH)D-Spiegel unter 30 ng/ml wird mit erhöhter Schmerzintensität und zentraler Sensibilisierung assoziiert. Ziel ist eine suffiziente Versorgung mit mindestens 30-50 ng/ml, was ggf.
- Vitamin B2 (Riboflavin): Ein Mangel an Riboflavin kann die zelluläre Energieproduktion beeinträchtigen.
- Magnesium: Ein funktioneller Magnesiummangel ist bei Kopfschmerzen häufig und fördert die neuronale Übererregbarkeit. Eine tägliche Magnesium-Supplementation mit 200-250 mg (z. B.
- Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA)/Docosahexaensäure (DHA)): Eine hohe Zufuhr (> 1 g/Tag) wirkt entzündungsmodulierend und kann neurovaskuläre Prozesse beeinflussen. Studien zeigen bei chronischem Schmerzpotenzial eine Reduktion proinflammatorischer Mediatoren (z. B.
- Coenzym Q10: Studien zeigen, dass eine tägliche Supplementation mit 100-300 mg die mitochondriale Dysfunktion verbessern und die Häufigkeit chronischer Kopfschmerzen reduzieren kann.
- Probiotika: Bei chronischer Schmerzproblematik und häufiger Analgetikaeinnahme sind Veränderungen der Darmmikrobiota zu erwarten. Bestimmte probiotische Stämme (z. B.
- Vitamin B-Komplex: Eine Kombination aus B1, B6, B12 kann die Neuroregeneration und Stressresilienz fördern - bei begleitender Polyneuropathie oder psychiatrischer Komorbidität (z. B.
Migräne und Depression: Ein Teufelskreis
Der Zusammenhang von chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne & Depression wird von Forscher:innen und Ärzt:innen bereits jahrelang untersucht und diskutiert. Dabei stellen sich eine Menge teilweise auch noch ungeklärter Fragen:
- Sind Depressionen eine natürliche Folge der Migräne oder die Migräne eine Folge der Depression?
- Haben die beiden Erkrankungen gleiche Ursachen und Auslöser?
- Welche Erkrankung war zuerst da und wie behandelt man so eine Mehrfacherkrankung am besten und effektivsten?
In Deutschland leben circa 12 - 15 Millionen chronisch Schmerzkranke, von denen 30 - 50%, also circa 4,5 bis 6,5 Millionen Menschen, im Laufe ihres Lebens depressive Verstimmungen oder eine Depression entwickeln. Zwei bis drei Millionen Menschen sind aufgrund ihrer chronischen Schmerzen und ihrer Depression sogar komplett arbeitsunfähig. Wenn der Leidensdruck der Patient:innen sehr hoch ist und sich keine Therapie finden lässt, die ihnen auf Dauer wirklich hilft und Besserung verschafft, erscheinen depressive Verstimmungen aus Hilf- und Hoffnungslosigkeit als eine logische Folgeerscheinung von Migräne.
In 80% der Fälle haben die Betroffenen zuerst chronische Schmerzen und entwickeln dann eine Depression, doch auch von den 4 bis 4,5 Millionen an Depression erkrankten Menschen in Deutschland entwickeln zwei von drei im Verlauf ihrer Krankheit chronische Schmerzen.
Was beiden Erkrankungen zu Grunde liegt, ist eine gemeinsame genetische Komponente und ein gestörter Serotoninhaushalt. Serotonin, auch Wohlfühl- und Glückshormon genannt, ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle in der zentralen Schmerzverarbeitung, Schmerzinduktion und auch in der Neurobiochemie der Depression spielt.
Sowohl bei chronischen Schmerzen, als auch bei Depressionen besteht ein Ungleichgewicht von Serotonin und Noradrenalin, welche normalerweise auf Ebene des Rückenmarkes die Schmerzweiterleitung ins Gehirn hemmen. Liegt jedoch ein Ungleichgewicht oder Mangel der beiden Botenstoffe vor, geht die natürliche Schmerzhemmung verloren und jeder Reiz wird ungefiltert an das Gehirn weitergeleitet. Dies sorgt z.B. dafür, dass depressive Menschen bereits kleinste Signale als Schmerzen wahrnehmen.
Bei einer Mehrfacherkrankung sollte der Schwerpunkt der Therapie immer auf der ursprünglichen Erkrankung liegen und diese mit Blick auf die sekundäre Erkrankung multimodal behandelt werden. Medikamente sollten hierbei immer nur Teil der ganzheitlichen Therapie sein, denn Medikation allein löst weder das eigentliche Problem, noch verändert es die Ursache.
Weitere Bestandteile einer ganzheitlichen Schmerztherapie können unter anderem Psycho- und Physiotherapie, sport- und bewegungstherapeutische Maßnahmen, wie Ausdauersport und Yoga, Entspannungstechniken und Atemübungen, aber auch Eigeninitiative hinsichtlich Ernährung und Schlafrhythmus sein. Und das hilft nicht nur, die Häufigkeit und Stärke von Migräne-Attacken zu reduzieren, sondern sorgt auch für eine bessere Stimmung und einen ausgeglicheneren Alltag.
Die medikamentöse Therapie bei einer solchen Zweifacherkrankung sollte unter allen Umständen streng ärztlich kontrolliert und begleitet werden, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden.