Migräne ist eine weit verbreitete und äußerst beeinträchtigende Kopfschmerzerkrankung, von der ein erheblicher Teil der Bevölkerung betroffen ist. In Deutschland erfüllen etwa 15 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer die Kriterien für eine Migräne. Hinzu kommen 14 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer, die wahrscheinlich betroffen sind. Migräne tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf, wobei Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen sind als Männer.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, das heißt, sie tritt nicht als Folge einer anderen Grunderkrankung auf. Sie ist durch anfallsartige, pulsierende, pochende oder stechende Schmerzen gekennzeichnet, die als moderat bis schwer empfunden werden. Der Schmerz breitet sich typischerweise von einer Kopfhälfte auf die andere aus und kann bis zu drei Tage anhalten. Jede körperliche Aktivität kann den Schmerz noch verschlimmern.
Verantwortlich für Migräne ist eine Funktionsstörung des Gehirns, insbesondere der Strukturen, die für die Schmerzentstehung und -verarbeitung zuständig sind. Bei Migränebetroffenen ist die Hirnrinde überempfindlich, wodurch äußere Reize verstärkt wahrgenommen werden.
Symptome einer Migräne
Ein typisches Symptom für eine Migräne ist ein pulsierender, pochender oder stechender Schmerz, der von Betroffenen als moderat bis schwer empfunden wird. Er breitet sich anfallsartig von einer Kopfhälfte beginnend auf die andere aus. Anders als gewöhnliche Kopfschmerzen tritt eine Migräne anfallartig auf und kann bis zu drei Tagen anhalten.
- Aura: Einer Migräneattacke kann eine sogenannte Aura vorausgehen. Als Aura wird ein Gesichtsfeldausfall bezeichnet. Betroffene beschreiben eine Aura häufig als eine kleine Sonne oder ein Regenbogen, der sich über das eigentliche Bild legt. Die Aura wird immer größer, bis sie nach kurzer Zeit in den eigentlichen Kopfschmerz übergeht oder auch von ihm abgelöst wird.
Phasen einer Migräne
Eine Migräne kann in vier verschiedenen Phasen verlaufen - muss sie aber nicht.
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- Prodomalphase (Vorboten): Bereits Tage, bevor die eigentlichen Kopfschmerzen beginnen, kann sich eine Migräne durch die sogenannte Prodomalphase ankündigen. Betroffene sind dann vielleicht gereizt, gähnen häufig oder haben Lust auf Süßes. Manche sind müde, wieder andere extrem aufgedreht.
- Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen kommt es zu einer Auraphase. In ihr entwickeln sich neurologische, also nervliche, Reize und Ausfallerscheinungen. Diese entwickeln sich in der Regel langsam und bilden sich danach wieder zurück.
- Kopfschmerzphase: In der Kopfschmerzphase treten dann die migränetypischen Symptome auf.
- Nach- oder Erholungsphase: Die Nach- oder Erholungsphase folgt nach dem Abklingen der Kopfschmerzphase. In ihr können die entgegengesetzten Symptome wie in der Vorphase auftreten.
Formen der Migräne
Gemäß der Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3) der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft gibt es mehrere Formen der Migräne:
- Migräne ohne Aura: Circa 80 Prozent der Betroffenen leiden an einer gewöhnlichen Migräne ohne Aura.
- Migräne mit Aura: Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen gehen den Kopfschmerzen neurologische Symptome voraus, die Fachleute als Aura bezeichnen. Üblicherweise gehen die Aurasymptome nach etwa einer Stunde in den eigentlichen Migränekopfschmerz über oder werden von ihm abgelöst (Migräne mit typischer Aura mit Kopfschmerz). Trotzdem entwickeln manche Betroffene von Zeit zu Zeit isolierte Auren, denen keine Kopfschmerzen folgen.
- Hemiplegische Migräne: Eine Hemiplegische Migräne ist von motorischen Störungen einer Körperhälfte begleitet, die leicht oder unvollständig gelähmt ist. Diese Lähmung ist vollständig reversibel.
- Retinale Migräne: Bei der sogenannten Retinalen Migräne sind die Kopfschmerzen von einem langsam fortschreitenden Gesichtsfeldausfall auf einem Auge begleitet, der sich anschließend vollständig zurückbildet. Während eines Migräneanfalls kann es dazu kommen, dass Betroffene die Sehkraft auf einem oder beiden Augen für einige Minuten verlieren.
- Migräne mit Hirnstammaura: Eine Migräne mit Hirnstammaura ist von mindestens zwei Aurasymptomen begleitet, die sich in ihrer Herkunft eindeutig dem Hirnstamm zuordnen lassen. Dazu gehören Schwindel, Tinnitus, Sprachstörungen, Hörminderungen, Doppelbilder oder Bewusstseinsstörungen. Die Aurasymptome sind vollständig reversibel, motorische oder retinale Symptome treten nicht auf.
- Chronische Migräne: Eine chronische Migräne liegt vor, wenn ein Kopfschmerz besonders häufig auftritt. Der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zufolge ist dies der Fall, wenn Betroffene über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen haben.
Diagnose von Migräne
Für die Diagnose der Migräne werden die Kriterien der International Headache Society herangezogen, auf deren Grundlage sich mehr als 95 Prozent aller Migränebetroffenen korrekt diagnostizieren lassen. Die Diagnose basiert auf einem ausführlichen Gespräch, in dem die Ärztin oder der Arzt die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen und möglicher Begleitsymptome erfragt. Die Diagnosefindung kann erleichtert werden, indem Sie selbst ein Kopfschmerztagebuch führen.
Migräne und Sulfide
Sulfide sind Schwefelverbindungen, die in vielen Lebensmitteln und Getränken vorkommen. Einige Menschen reagieren empfindlich auf Sulfide, was zu verschiedenen Symptomen führen kann, darunter auch Migräne.
Was sind Sulfide?
Sulfite sind Schwefelsäure-Salze, die durch das Einleiten von Schwefeldioxid in verschiedene Laugen hergestellt werden. Als Lebensmittelzusatzstoffe sind sie in den Klassen "Antioxidationsmittel" und "Konservierungsstoffe" zugelassen. Sulfite werden als Konservierungsstoffe, zum Beispiel in Wein oder Kartoffelprodukten, und als Farbstabilisator, zum Beispiel in Trockenobst, eingesetzt.
Sulfit-Intoleranz
Für die meisten Menschen ist Sulfit unproblematisch, da es normalerweise im Körper verarbeitet wird. Es gibt aber Menschen, bei denen dies nicht gut funktioniert. Dann kann es bei Aufnahme von Sulfit zu unangenehmen Reaktionen kommen. Die Betroffenen vermuten dann oft, an einer Sulfit-Allergie zu leiden. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Sulfit-Intoleranz oder auch Sulfitunverträglichkeit.
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Symptome einer Sulfit-Intoleranz
Die Symptome einer Sulfit-Unverträglichkeit sind unspezifisch. Leichte Reaktionen an der Haut, wie Nesselsucht, können auftreten. Gerade bei Asthmatikern kann es durch den Verzehr von Speisen, die Sulfite enthalten, auch zu asthmatischen Beschwerden und stärkerer Symptomatik kommen.
Diagnose einer Sulfit-Intoleranz
Um eine Diagnose stellen zu können, muss mit einem Ernährungs-Symptomprotokoll gearbeitet werden. Der Patient ist angehalten, alle verzehrten Nahrungsmittel aufzuschreiben und das so genau wie möglich. Dank des Ernährungs-Symptomprotokolls kann man dann ermitteln, ob es nach potenziell Sulfit-haltigen Produkten zu einer Symptomatik kommt. Bei Patienten, bei denen die Symptomatik nicht eindeutig mit dem Verzehr sulfithaltiger Speisen in Zusammenhang gebracht werden kann, kann eine orale Provokation mit Sulfit durchgeführt werden. Dies sollten die Patienten aber nicht in Eigenregie versuchen. Gerade weil es bei Asthmatikern zu einer schweren Symptomatik kommen kann, muss eine orale Provokation auf Sulfit stationär in einem Krankenhaus durchgeführt werden.
Therapie einer Sulfit-Intoleranz
Die wichtigste Therapiemaßnahme bei einer Sulfit-Intoleranz ist "weglassen". Es gibt bei den Patienten eine Schwellendosis. Das liegt daran, dass das Enzym Sulfitoxidase seine Aktivität in den meisten Fällen nicht komplett eingestellt hat. Meist verarbeitet es das Sulfit nur nicht mehr vollständig. Dies hat zur Folge, dass die Patienten meist minimale Mengen noch vertragen. Ansonsten lautet die generelle Empfehlung für Sulfit-Intolerante, auf Fertigprodukte, Wein und Trockenobst zu verzichten bzw., dies zu reduzieren. Angst vor einer Unterversorgung mit Nährstoffen muss man deshalb nicht haben. Eine sulfitarme Ernährung ist keine ungesunde Ernährung, sondern das Gegenteil, weil dann selbst gemachte Speisen im Vordergrund stehen. Lediglich beim Essen gehen muss man aufpassen. In einem Restaurant hat man wenig Kontrolle über die konsumierte Sulfitmenge.
Kennzeichnungspflicht von Sulfiten
Sulfit ist eines der 14 deklarierungspflichtigen Allergene, wobei es sich strenggenommen nicht um ein Allergen handelt. Hinzu kommt, dass bei der Kennzeichnungspflicht eine Mengenabhängigkeit besteht. Beispielsweise muss Sulfit bei Wein oder Essig erst ab 10 Milligramm pro Liter bzw. 10 Milligramm pro kg auf der Zutatenliste aufgeführt werden. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass tatsächlich kein Sulfit in einem Lebensmittel enthalten ist, wenn es nicht auf der Zutatenliste steht. In geringen Mengen kann Sulfit dann durchaus vorkommen. Es reicht daher nicht aus, auf die Zutatenliste zu schauen. Werden Schwefeldioxide oder Sulfat-Salze in bestimmten Lebensmitteln verwendet, müssen diese anhand der zugehörigen E-Nummer gekennzeichnet werden. Entdeckt man diese E-Nummern auf einer Zutatenliste, sollten Sulfit-sensitive Menschen besser verzichten.
Lebensmittel mit hohem Sulfitgehalt
- Trockenfrüchte
- Meerrettichzubereitungen
- Krebstiere und Kopffüßler
- Kartoffeltrockenerzeugnisse
- Kartoffelteige, z. B. für Klöße
- Fruchtfüllungen, z. B. bei Backwaren
- Wein, insbesondere Rotwein
- Fruchtwein
- Kandierte Früchte
- Stärke
- Tafeltrauben
- Frische Litschis
Weitere mögliche Auslöser von Migräne
Es gibt viele Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Dazu gehören:
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- Ernährung: Bestimmte Lebensmittel und Getränke können Migräne begünstigen. Dazu gehören Alkohol (besonders Rotwein, durch Tyramin und Sulfite), Koffein (zu viel oder plötzlicher Verzicht), Geschmacksverstärker wie MSG, Schokolade, Konservierungsmittel (Nitrate und Nitrite), Aspartam und bestimmte Käsesorten.
- Stress: Migräneattacken treten zudem häufig am Wochenende oder im Urlaub auf, wenn sich der Körper nach anhaltendem Stress langsam entspannt.
- Schlaf: Schlafstörungen können eine Migräne-Attacke hervorrufen.
- Hormone: Hormonelle Veränderungen, z. B. während des Menstruationszyklus, können Migräne auslösen.
- Umweltfaktoren: Wetterwechsel, Lärm, grelles Licht oder starke Gerüche können ebenfalls Migräneattacken auslösen.
Behandlung von Migräne
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.
Akutbehandlung
Bei einer akuten Migräne mit und ohne Aura sind Schmerzmittel hilfreich. Zur Selbstmedikation empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft die Kombination aus Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und Coffein als Mittel der ersten Wahl. Als Einzelmedikamente sind ASS, Ibuprofen, Naratriptan, Paracetamol oder Phenazon geeignet. Beim Umgang mit Schmerzmittel ist es besonders wichtig, die Dosis zu beachten und die Medikamente möglichst früh einzunehmen.
Triptane sind eine Klasse von Medikamenten, die akut eingesetzt werden, sobald eine Migräne beginnt. Diese wirken, indem sie vaskuläre 5-HT1-Rezeptoren aktivieren. Jedoch können nicht alle Menschen diese Medikamente vertragen. Einige erfahren Taubheit, Hitzewallungen, Brustschmerzen, Schwindel und selten Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Weitere Medikamente, die während einer akuten Migräne eingesetzt werden, sind Antiemetika wie Chlorpromazin, Ondansetron und Promethazin. CGRP-Rezeptor-Antagonisten werden derzeit untersucht und könnten in Zukunft häufiger eingesetzt werden. Darüber hinaus werden manchmal auch Ergotamine wie Ergotamin eingesetzt. Koffein kann auch für einige hilfreich sein.
Vorbeugung
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Das Kennen und Meiden der Trigger kann dabei helfen, das persönliche Risiko für das Auftreten einer Migräneattacke zu reduzieren. Empfehlenswert sind auch Akupunktur und leichter Ausdauersport. Viele Menschen mit Migräne handeln instinktiv richtig, wenn es darum geht, was sie selbst tun können.
- Medikamentöse Prophylaxe: Zur Vorbeugung besonders häufiger oder schmerzhafter Migräneattacken können Medikamente verschrieben werden.
Natürliche Ergänzungen
- Riboflavin (Vitamin B2): Unterstützt die mitochondriale Energieproduktion; Supplementierung kann die Migränefrequenz senken.
- Magnesium: Ein Serum-Magnesiumspiegel < 0,75 mmol/l wird häufig bei Migränepatienten festgestellt.
- Coenzym Q10: Antioxidativ wirksam und essenziell für die mitochondriale ATP-Produktion.
- Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA): Reduktion chronischer Entzündungsmarker.
- Ingwer: Kann bei der Behandlung einer Migräne hilfreich sein.
- Alpha-Liponsäure: Ein starkes Antioxidans, das helfen kann, die Häufigkeit und Dauer von Migräne zu reduzieren.
- Melatonin: Das "Schlafvitamin" hat sich als wirksam bei der Vorbeugung von Migräne erwiesen.
- Mutterkraut: Ein Kraut, das häufig zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt wird.
- Pestwurz: Dieses Nahrungsergänzungsmittel kann auch helfen, Migräne zu verhindern. Es sollte jedoch nur eingenommen werden, wenn es frei von Pyrrolizidinalkaloiden (PA) ist, da diese Substanz Leberprobleme verursachen kann.
Ernährung und Migräne
Eine migränefreundliche Ernährung sollte wenig fettig sein und regelmäßige Essenszeiten beinhalten. Ein geringer Blutzucker kann Kopfschmerzen hervorrufen. Es ist wichtig, die individuellen Auslöser zu finden und aus der Ernährung zu streichen. Ein Kopfschmerz-Tagebuch kann dabei helfen, einen Überblick über die Symptome und Schwere der Attacken zu bekommen und im Nachhinein zu sehen, welche Lebensmittel man vor einer Migräne konsumiert hat.
Empfehlungen für die Ernährung
- Essen Sie gesunde Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse.
- Essen Sie zu festen Zeiten.
- Vermeiden Sie zuckerhaltige Limonaden.
- Trinken Sie genug.
- Informieren Sie sich über die Zutaten. Wenn Sie etwas nicht kennen, kaufen Sie es nicht.
- Versuchen Sie pro Tag fünf kleinere Mahlzeiten aus Kohlenhydraten und Proteinen zu sich zu nehmen, um satt zu werden.
- Achten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von Magnesium und Omega-3-Fettsäuren.
Lebensmittel, die bei Migräne helfen können
- Mandeln, Erdnüsse, Cashewnüssen, Avocado, Thunfisch und Blattgemüse (Magnesium)
- Leinsamen, Hanfsamen, Chiasamen oder Walnüssen (Magnesium)
- Fische wie Lachs, Makrele oder Hering (Omega-3-Fettsäuren)
Weitere Maßnahmen zur Vorbeugung von Migräne
- Schlaf: Schlafen Sie ausreichend.
- Stress: Verringern Sie Stress.
- Sport: Regelmäßige körperliche Aktivität, wie Krafttraining oder Aerobic, kann das Risiko einer Migräne-Attacke verringern.
- Yoga: Yoga kann helfen, sich zu entspannen.
- Meditation: Meditation kann helfen, das Stresslevel zu mindern.