Migräne: Einseitige Behandlung und neue Therapieformen

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Weltweit ist etwa eine von sieben Personen betroffen, wobei Frauen dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die Erkrankung hat die höchste Prävalenz im mittleren, produktiven Alter (35-45 Jahre) und ist oft unterdiagnostiziert. Da viele Betroffene erwerbstätig sind, ist eine rasche Erkennung und Behandlung wichtig.

Was ist Migräne?

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die in der Regel mit anfallsartigen Kopfschmerzen verbunden ist, die in unregelmäßigen Abständen auftreten. Meist setzen die Schmerzen während der Migräne nur auf einer Kopfseite ein und sind deutlich stärker als herkömmliche Kopfschmerzen. Die Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen.

Symptome einer Migräne

Die Symptome einer Migräne sind vielfältig und können den ganzen Körper betreffen. Zu den häufigsten Begleitsymptomen gehören:

  • Kopfschmerzen: Mäßige bis starke, einseitige Kopfschmerzen, oft pulsierend, pochend oder hämmernd. Die Schmerzen verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
  • Übelkeit und Erbrechen: Fast alle Migräniker berichten über Übelkeit, viele übergeben sich auch.
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene sind oft sehr empfindlich gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen und ziehen sich in dunkle, stille Räume zurück.
  • Appetitlosigkeit: Völlige Appetitlosigkeit kann auftreten.
  • Visuelle Störungen: Lichtblitze, Zickzack-Linien oder Doppelbilder können auftreten.

Migräne mit und ohne Aura

Man kann zwischen mehreren Migräneformen unterscheiden:

  • Einfache Migräne oder auch Migräne ohne Aura
  • Klassische Migräne oder auch Migräne mit Aura
  • Komplizierte Migräne oder auch Migraine accompagnée

Die zwei häufigsten Formen sind Migräne ohne und Migräne mit Aura.

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Migräne ohne Aura: Die einfache Migräne zeichnet sich auch durch eine hohe Empfindlichkeit von Licht, Geräuschen und Gerüchen aus. Hinzukommen können Schwindel, das Sehen von Lichtblitzen und eigenartigen Formen.

Migräne mit Aura: Bei der klassischen bzw. Migräne mit Aura kommen zu den Kopfschmerzen neurologische Defizite hinzu. Meist als Vorbote von einem Migräneanfall können sogenannte Gesichtsfeldausfälle auftreten. Diese äußern sich in Form von Sehstörungen wie Lichtblitzen und werden in der Neurologie als Aura oder Migräneaura bezeichnet. Der halbseitige Kopfschmerz geht mit Rötungen im Gesicht einher und kann durch eine temporäre Störung der Zirkulation in den Blutgefäßen erklärt werden.

Weitere Unterformen der Migräne

Zudem lassen sich folgende Unterformen unterscheiden:

  • Migräne der Augen (auch okulare Migräne genannt): Eine Form der Migräne, die Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze oder vorübergehenden Sehverlust verursacht, oft ohne Kopfschmerzen.
  • Menstruelle Migräne: Migräne, die in direktem Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus steht, oft kurz vor oder während der Menstruation auftritt.
  • Abdominelle Migräne: Eine Migräneform, die hauptsächlich bei Kindern auftritt und durch wiederkehrende Bauchschmerzen und Übelkeit gekennzeichnet ist, oft ohne Kopfschmerzen.
  • Hemiplegische Migräne: Eine seltene und schwere Form der Migräne, die vorübergehende Lähmungen auf einer Körperseite (Hemiplegie) verursachen kann.
  • Migräne mit Hirnstammaura (früher als basilaris Migräne bekannt): Eine seltene Form der Migräne, bei der Symptome wie Schwindel, Sprachstörungen, Doppelbilder und Bewusstseinsveränderungen auftreten, die auf den Hirnstamm zurückzuführen sind.
  • Vestibuläre Migräne: Eine Migräneform, bei der Schwindel und Gleichgewichtsstörungen die Hauptsymptome sind, oft begleitet von den klassischen Migränekopfschmerzen.

Phasen einer Migräneattacke

Eine Migräneattacke kann in verschiedene Phasen unterteilt werden:

  1. Prodromalphase: Vorboten können wenige Stunden oder schon einen Tag zuvor auftreten. Symptome sind Hochstimmungen, das Gefühl, besonders leistungsfähig zu sein sowie Gereiztheit und depressive Verstimmungen.
  2. Auraphase: Die Aura geht den starken Kopfschmerzen einer Migräne direkt voraus und entwickelt sich in einem Zeitraum von fünf bis zehn Minuten. Dabei dauern die Symptome der Auraphase etwa 15 bis 30 Minuten an und äußern sich durch Sehstörungen wie etwa Lichtblitze, blinde Flecken im Sehfeld, Doppelbilder, Schwäche, Schwindel, Taubheit, Kribbeln in Gliedmaßen oder Gangunsicherheit.
  3. Kopfschmerzphase: Bei der eigentlichen Migräne treten die pochenden Schmerzen einseitig auf und verschlimmern sich durch körperliche Tätigkeiten. Je nach Migräneform und ihrer Schwere wird Migräne von vegetativen Störungen wie Schwindel oder Benommenheit oder neurologischen Störungen wie Sehstörungen, Taubheit oder Kribbeln begleitet.
  4. Postdromalphase: Die letzte Phase ähnelt in Bezug auf die Symptome der Prodromalphase.

Auslöser einer Migräne

Für Migräne besteht generell eine genetische Veranlagung. Bei Menschen mit bestehender Veranlagung können folgende Auslöser für Migräne verantwortlich sein:

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  • Schlafüberschuss oder Schlafmangel
  • Hunger oder Unterzuckerung
  • Hormonumstellungen wie während des Zyklus oder bei Einnahme der Anti-Baby-Pille
  • Körperlicher oder psychischer Stress
  • Bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol
  • Licht, Geräusche oder Gerüche
  • Wetterveränderungen
  • Starke Emotionen
  • Bestimmte Medikamente
  • Räume, in denen geraucht wird

Ursachen von Migräne

Bei Migräne handelt es sich um eine Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und ihrer Blutgefäße. Während eines Migräneanfalls funktionieren die schmerzregulierenden Systeme fehlerhaft und machen Betroffene überempfindlich gegenüber Reizen. Zudem haben die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) Einfluss auf den Migränekopfschmerz. Welche Ursachen Anfälle von Migräne auslösen, ist letztendlich abhängig von der jeweiligen Person.

Diagnose von Migräne

Wenn man häufig Kopfschmerzen hat, sollte man diese auf jeden Fall ärztlich abklären lassen. Die Diagnose einer Migräne kann hauptsächlich über die Anamnese gestellt werden. Häufig werden aber apparative und laborchemische Verfahren eingesetzt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen zu erfassen bzw. auszuschließen. Theoretisch kann der oder die Hausärzt:in eine Migräne diagnostizieren.

Für die Diagnose macht die Ärztin oder der Arzt eine körperliche Untersuchung und benötigt eine detaillierte Beschreibung der Beschwerden, die während eines Anfalls auftreten. Entscheidend sind Angaben, wo genau der Schmerz sitzt und wie lange er anhält. Ebenfalls wichtig ist der Abstand zwischen den Attacken und eventuelle Begleitsymptome. Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose.

Um andere Erkrankungen auszuschließen, kann eine ausführliche neurologische Untersuchung, die vor allem die Funktion der Hirnnerven berücksichtigt, nötig sein. Aber auch die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und die Nackenmuskulatur sollten bei der körperlichen Untersuchung beurteilt werden, genauso wie eine (ggf. apparative) Untersuchung der Kiefergelenke.

Behandlung von Migräne

Auch wenn Migräne eine nicht heilbare Krankheit ist, lässt sie sich mit Medikamenten gut behandeln. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Medikamenten für akute Migräne und zur Rückfallprophylaxe. Für eine erfolgreiche Medikation muss die Therapie zu Beginn der Migräne angewandt werden.

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Akutbehandlung

Ziel der Akuttherapie ist es, den Migräneanfall möglichst schnell und vollständig zu stoppen.

  • Nicht-steroidale Antiphlogistika: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können nicht-steroidale Antiphlogistika wie ASS, Ibuprofen oder Metamizol eingenommen werden.
  • Triptane: Bei mittelschweren und schweren Attacken gibt es spezifische Migränemedikamente, zum Beispiel die Triptane. Diese sollen sogar möglichst frühzeitig eingenommen werden, um die Migräne-Attacke in den Griff zu bekommen. Triptane wirken auf Rezeptoren der geweiteten Blutgefäße im Gehirn, die sich daraufhin wieder verengen. Außerdem verhindern sie die Aktivierung entzündungsauslösender Eiweißstoffe.
  • Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen kann ein Antiemetikum eingesetzt werden.
  • Lasmiditan: Seit März dieses Jahres ist ein weiteres spezifisches Akut-Medikament, Lasmiditan, verfügbar. Es eignet sich beispielsweise für Patient:innen, die Triptane nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen.

Ergänzend können moderne Geräte helfen, etwa die transkutane Stimulation des Trigeminusnervs über der Stirn oder die Remote Electrical Neuromodulation (REN). Auch psychologische Strategien wie Entspannungstechniken (z. B. progressive Muskelrelaxation) können hilfreich sein.

Prophylaxe

Die Prophylaxe soll die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken reduzieren. Erfolgreich ist eine Therapie, wenn sich die Anfallshäufigkeit bei episodischer Migräne um mindestens 50 % reduziert (bei chronischer um 30 %). Meist dauert eine Prophylaxe etwa 9 Monate, sollte aber spätestens nach 24 Monaten überprüft werden.

Zur Prophylaxe mit Tabletten kommen unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie infrage. Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere.

  • Botox®: Zur Prophylaxe ist seit dem Jahr 2011 Botox® bei chronischer Migräne zugelassen. Botox® wird dabei circa alle 3 Monate in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt.
  • CGRP-Antikörper: Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt, diese sind gut verträglich und die Patient:innen injizieren sich das Medikament einmal im Monat selbst. Die CGRP-Antikörper sind für Patient:innen, die mehr als vier Mal im Monat Migräne haben.
  • Gepante: Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken.
  • Rimegepant: Seit Juni 2025 steht mit Rimegepant ein neues Medikament zur Verfügung.

Zusätzlich sollten auch nicht medikamentöse Verfahren wie Regulierung von Schlaf-Wach-Rhythmus, Nahrungszufuhr, Tagesablauf erfolgen.

Alternative und ergänzende Behandlungsmethoden

Neben den medikamentösen Behandlungen gibt es auch alternative und ergänzende Methoden, die helfen können, Migräne zu behandeln:

  • Akupunktur: Bei der Triggerpunkt-Akupunktur werden bestimmte Stellen der Muskulatur an Nacken und Kopf so behandelt, dass die Muskulatur entspannt und so die Spannungskomponente einer Migräne oder die Spannung als Trigger für eine Migräne beseitigt werden können.
  • Okzipitalisblockade: Die Nerven N. occiptalis major und N. occipitalis minor verlaufen vom Nacken zum Hinterkopf und sind für die sensible Versorgung dieses Bereiches verantwortlich.
  • Cefaly: Dabei handelt es sich um ein innovatives medikamentfreies Gerät zur Migränetherapie und Prophylaxe, das durch transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) funktioniert. Es wird auf die Stirn aufgelegt und stimuliert die Hirnnerven, um Schmerzen zu lindern und Migräneattacken vorzubeugen.

Verhaltensänderungen und Lebensstil

Patientinnen und Patienten können anhand eines Anfallstagebuchs Schlüsse ziehen, wodurch ihre Migräne entsteht. Davon ausgehend können sie ggf. ihren Lebensstil verändern und dadurch langfristig Migräneanfälle senken. Zudem gibt es psychotherapeutische Verfahren, bei denen Betroffene lernen, mit ihrer Migräne besser umgehen zu können.

  • Regelmäßiger Schlafrhythmus: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus.
  • Stressmanagement: Vermeiden Sie Stress, Alkohol und Flüssigkeitsmangel möglichst.
  • Regelmäßige Mahlzeiten: Essen Sie regelmäßig.
  • Vermeidung von Triggern: Meiden Sie bekannte Auslöser wie bestimmte Nahrungsmittel, Licht oder Geräusche.
  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR), Kognitiv-behaviorales Schmerzbewältigungstraining (Stressmanagement) und Biofeedback-Therapie können helfen.
  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.

Migräne bei Kindern

Kinder können genauso von Migräne und Kopfschmerzen betroffen sein, wie es bei Erwachsenen der Fall ist. Auslöser sind meist Lärm, schlechte Luft, grelles Licht oder Hitze. Aber auch zu wenig Schlaf, körperliche Überanstrengung wie beim Sport oder in der Schule sowie eine ungünstige Körperhaltung können Kinder anfälliger machen. Weiterhin sind Lebensmittelunverträglichkeiten oder Belastungen mit Stress, Ängsten oder Sorgen ein möglicher Grund für die Migräneattacke.

Es ist ratsam, zunächst auf eine nichtmedikamentöse Behandlung zurückzugreifen. Schaffen Sie eine ruhige und angenehme Umgebung für Ihr Kind, sodass der Körper die Möglichkeit hat, sich selbst zu regulieren.

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