Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der Frauen im gebärfähigen Alter deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Hormonelle Schwankungen, insbesondere des Östrogenspiegels, spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Migräne, Eisprung und Hormonen und gibt Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse und Behandlungsmöglichkeiten.
Ungleichverteilung der Migränebelastung zwischen den Geschlechtern
In vielen wissenschaftlichen Berichten über Migräne ist zu lesen, dass Frauen häufiger davon betroffen sind als Männer. Während bei Kindern die Migräne unabhängig vom Geschlecht etwa gleich häufig auftritt, sind zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Warum dies so ist, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden, obwohl zu dieser Frage schon umfangreiche Forschungen angestellt wurden.
Professor Christian Wöber, Leiter der Kopfschmerzambulanz im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien, bestätigte diese Ungleichverteilung. Er berichtet, dass bei seinen weiblichen Patienten Hinweise darauf zu erkennen seien, dass die Sexualhormone eine Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielen.
Der weibliche Zyklus und seine hormonellen Schwankungen
Der natürliche Verlauf des weiblichen Zyklus ist durch hormonelle Schwankungen geprägt. Er beginnt mit dem ersten Tag der Menstruation, wobei die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen wird. Zu Beginn des Zyklus ist der Gehalt des Hormons Östrogen im Blut verhältnismäßig niedrig. Sobald die Eierstöcke aber mit der Bildung reifer Eizellen beginnen, steigt der Östrogenspiegel allmählich an. Bis zum Eisprung steigt der Östrogenspiegel immer weiter an. Beim Eisprung platzt das Eibläschen, und die reife Eizelle wird aus dem Eierstock freigesetzt. Mit diesem Vorgang tritt der Zyklus in eine neue Phase ein, sie sogenannte „Gelbkörperphase“. Aus dem geplatzten Eibläschen bildet sich der „Gelbkörper“. Dieser beginnt nun mit der Bildung des Hormons Progesteron. Kommt es nicht zur Befruchtung der Eizelle, baut sich der Gelbkörper ab, und die Progesteronbildung kommt zum Stillstand. Mit dem Abfall der beiden Hormone beginnt die Ablösung der Gebärmutterschleimhaut. Während der nächsten Menstruation wird diese vom Körper abgestoßen, ein neuer Monatszyklus beginnt.
Menstruelle Migräne: Wenn die Periode zum Auslöser wird
Viele Frauen kennen es: Kurz vor oder während der Menstruation beginnt der Kopf zu pochen. Die Migräne ist dann oft stärker und hält länger an als sonst. Es handelt sich um eine besondere Form der Migräne, die direkt mit dem Zyklus zusammenhängt. Die Beschwerden treten regelmäßig in dieser Zeit auf - und viele Betroffene wissen genau, was sie erwartet.
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Bei manchen Frauen tritt Migräne immer wieder in einem bestimmten Zeitraum auf - nämlich zwei Tage vor bis drei Tage nach Beginn der Periode. Das nennt man menstruell bedingte Migräne. Typisch ist, dass diese Form der Migräne in mindestens zwei von drei Zyklen auftritt. Oft fällt das zunächst gar nicht auf. Erst wenn gezielt nachgefragt wird oder ein Zykluskalender geführt wird, zeigt sich der Zusammenhang.
Man unterscheidet zwei Formen: Die rein menstruelle Migräne tritt nur rund um die Periode auf. Häufiger ist jedoch die menstruationsassoziierte Migräne - sie kommt also in diesem Zeitfenster vor, aber auch an anderen Tagen im Zyklus. Ausgelöst wird diese Migräneform durch hormonelle Schwankungen.
Im Vergleich zu anderen Migränearten sind die Beschwerden oft stärker, dauern länger und gehen häufiger mit Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit oder Erbrechen einher. Dies kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
Der sinkende Östrogenspiegel als Trigger
Kurz vor Beginn der Periode fällt bei vielen Frauen der Östrogenspiegel - also die Konzentration eines wichtigen weiblichen Hormons - deutlich ab. Fachleute vermuten, dass genau dieser Hormonabfall eine Migräne auslösen kann. Studien an Tieren deuten darauf hin, dass solche Hormonschwankungen die Ausschüttung eines Botenstoffs im Gehirn fördern: CGRP.
CGRP steht für „Calcitonin Gene-Related Peptide“ und ist eng mit der Entstehung von Migräne verbunden. Es weitet die Blutgefäße im Gehirn und löst Entzündungen aus - eine Ursache für die typischen, pulsierenden Kopfschmerzen. In einer Studie von 2023 wurde gezeigt: Frauen mit Migräne hatten während der Periode deutlich höhere CGRP-Werte im Blut als gesunde Frauen.
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Die Rolle des CGRP
Forscher und Forscherinnen der Charité in Berlin haben herausgefunden, welche Mechanismen dabei ablaufen. In einer Untersuchung mit 180 Frauen zeigte sich: Migräne-Patientinnen schütten größere Mengen des Entzündungsbotenstoffs CGRP im Gehirn aus, wenn der Östrogenspiegel zu Beginn der Periode sinkt, als die migränefreien Probandinnen. CGRP steht hierbei für Calcitonin Gene-Related Peptide, eine körpereigene Substanz, die auch bei Migräne vermehrt ausgeschüttet wird und die Blutgefäße im Gehirn erweitert.
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. geht davon aus, dass sieben Prozent aller Migräne-Patientinnen an einer sogenannten menstruellen Migräne leiden.
Zyklusstörungen und PMS
Zyklusstörungen und PMS werden vor allem mit Verstimmung und Brustschmerzen (Mastodynie) in Verbindung gebracht. Aber viele Frauen leiden auch unter menstrueller Migräne. Das heißt, in den Tagen ihrer Periode sind sie von beißenden Kopfschmerzen, oft gepaart mit Übelkeit und Erbrechen, geplagt. Man kann sagen, dass viele Frauen in dieser Zeit Schmerzen stärker wahrnehmen, also schmerzempfindlicher sind.
Auslöser und Faktoren für die Menstruelle Migräne
Bei der Entstehung der menstruellen Migräneattacken scheint der - vor der Periode einsetzende - Abfall zuvor hoher Hormonkonzentrationen (Östrogen, Gelbkörperhormone) im Blut eine auslösende Rolle zu spielen. Es gibt außerdem Hinweise auf Störungen in der Schmerzregulierung und im Prostaglandin- und Serotoninstoffwechsel. Inwiefern diese Störungen und die hormonellen Veränderungen aber im Detail für die Schmerzen verantwortlich sind, ist noch unklar. Die Genetik dürfte auch ein Wörtchen mitzureden haben. Ebenso die Epigenetik, also die Umstände, die das Ablesen der Erbinformation beeinflussen. Hier sind unter anderem psychosomatische Aspekte relevant, bei denen es um die Beziehung zwischen Körper und Seele geht - etwa beim Stressverhalten, das individuell sehr unterschiedlich gelebt wird. Stellt man beispielsweise mehreren Frauen die Frage, welchen Einfluss Stress auf ihren Körper hat, wird man keine einheitliche Antwort bekommen. Die einen kommen mit Stress gut zurecht, während bei den anderen Frauen Symptome wie Kopfschmerzen auftreten.
Migräne in besonderen Lebensphasen
Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft haben viele Migränepatientinnen weniger, leichtere oder keine Migräneattacken. Dies gilt vor allem bei Migräne ohne Aura, bei der die Attacken im Zusammenhang mit der Menstruation einsetzen. Zudem kann sich die Migräneform ändern, z.B. dass sich eine Migräne mit Aura zu einer Migräne ohne Aura entwickelt. Der Grund dafür liegt im Wechsel des Hormonhaushalts, da der Östrogenspiegel während der Schwangerschaft konstant hoch ist. ABER: Bei Patientinnen, die an Migräne mit Aura leiden, können die Attacken während der Schwangerschaft auch zunehmen.
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In der Schwangerschaft sollten alle Möglichkeiten zur Vorbeugung ohne Medikamente ausgenutzt werden, da die Einnahme von Medikamenten eventuell die vorgeburtliche Entwicklung beeinträchtigen kann. Auch in der Stillzeit können Medikamente ein Risiko für das Kind bedeuten. Wenn Sie sich unsicher sind, ob Sie während der Schwangerschaft oder Stillzeit z.B. ein bestimmtes Schmerzmedikament einnehmen können, können Sie sich beim Institut Embryotox unter www.embryotox.de > Arzneimittel informieren.
Wechseljahre
In der Übergangsphase in die Wechseljahre, in der Frauen ihre Periode unregelmäßiger bekommen, steigt zunächst das Risiko für häufige Migräneattacken. Daher geht die Zeit der Menopause häufig mit vermehrt auftretenden Migränekopfschmerzen einher. Ist diese Phase jedoch überstanden, bessert sich das Aufkommen von Migräne häufig. Im Durchschnitt leiden Frauen nach den Wechseljahren seltener an Migräne als während und davor. Oft verschwinden die Migräneattacken oder sie werden seltener, leichter oder klingen schneller ab.
Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen mit Migräne nach den Wechseljahren ein höheres Risiko für Bluthochdruck haben als Frauen ohne Migräne. Das gilt auch, wenn die Migräne nach den Wechseljahren abgeklungen ist. Betroffene Frauen sollten ihren Blutdruck regelmäßig kontrollieren lassen, um ggf.
Migräne bei Männern
Wie oben bereits genannt, leiden statistisch gesehen Männer seltener an Migräne. Allerdings kann es auch hier zu Kopfschmerzen aufgrund von hormonellen Schwankungen kommen. Eine Möglichkeit ist ein niedriger Testosteronspiegel, eine andere eine überdurchschnittliche Menge Östrogen im Blut.
Behandlungsmöglichkeiten der hormonellen Migräne
Die Therapie von menstrueller Migräne unterscheidet sich prinzipiell nicht von der Standardtherapie bei Migräneattacken. In bestimmten Fällen kann die vorbeugende Einnahme von Medikamenten sinnvoll sein, um die Attacken abzuschwächen oder ihnen vorzubeugen.
Akutbehandlung
Gegen Übelkeit und Erbrechen empfiehlt die Leitlinie Medikamente, die als Wirkstoff Metoclopramid oder Domperidon enthalten. Die beiden sogenannten Antiemetika bessern nicht nur die Begleitsymptome von hormonellen Kopfschmerzen, sondern regen auch die Peristaltik des Magen-Darm-Traktes an.
Hormonelle Behandlungen
Ob die Pille als Hormonpräparat als Migräneauslöser in Frage kommt, ist umstritten. Es gibt Hinweise in beide Richtungen: Dass die Pille, insbesondere bei einem östrogenhaltigen Präparat, Anfälle auslöst ebenso wie dass die Pille Anfälle reduziert oder abmildert. Klärung kann nur eine individuelle Beobachtung unter fachärztlicher Anleitung bringen. Beachtet werden sollte auch, dass die Einnahme der Pille bei einer Migräne mit Aura das Schlaganfallrisiko erhöhen kann. Dies gilt besonders für Frauen, die zusätzliche Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen und rauchen. Frauen sollten beim Arzt grundsätzlich ansprechen, dass sie unter Migräne leiden, bevor sie sich die Pille verschreiben lassen.
Viele therapeutische Verfahren, die früher noch deutlich häufiger Anwendung fanden, gelten heute als überholt. Bei Migräne in der Menopause empfehlen Ärzt*innen heutzutage Östrogen-Gele, um einem entsprechend niedrigen Hormonspiegel entgegenzuwirken.
Vorbeugende Maßnahmen
Eine wichtige Säule in der Behandlung von hormonellen Kopfschmerzen ist die vorbeugende Behandlung. Um die hormonellen Schwankungen auszubremsen, kann es nützlich sein, prophylaktische Maßnahmen zu ergreifen wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Außerdem können Bewegungsübungen helfen, die oftmals mit den Kopfschmerzen einhergehenden Verspannungen zu lösen. Unabhängig von Alter und Hormonstatus gibt es zahlreiche Möglichkeiten der Migräneprophylaxe.
Medikamente bei PMS
Bei sehr starken Beschwerden kann auch eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein. Manche Frauen bekommen hormonelle Verhütungsmittel (wie die Pille), die den Eisprung unterdrücken - oft sogar ohne Pause zwischen den Blistern (sogenannter Langzyklus). Das kann helfen, PMS-Symptome und Migräneattacken zu reduzieren. Dies sollte aber aufgrund der unerwünschten Nebenwirkungen gut überlegt sein und erst als letzter Ausweg in Betracht gezogen werden.
Bei Schmerzen wie Kopf-, Rücken- oder Brustschmerzen können ganz normale Schmerzmittel helfen. Gegen Wassereinlagerungen - die oft zu Spannungsgefühlen führen - werden manchmal entwässernde Mittel wie Spironolacton eingesetzt oder unterstützend bestimmte Nährstoffe wie Calcium und Vitamin E.
Wenn die Stimmung stark leidet, kommen manchmal Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (z. B. Sertralin oder Citalopram) zum Einsatz. Diese steigern den Serotoninspiegel im Gehirn - das ist ein Botenstoff, der gute Laune macht. Diese Medikamente sind aber in der Regel erst eine Option, wenn andere Dinge nicht ausreichend helfen.
Sanfte Alternativen
Viele Frauen wollen es lieber sanfter angehen. Pflanzliche Mittel wie Mönchspfeffer (wirkt gegen Brustspannen) oder Johanniskraut (hilft bei Stimmungstiefs) sind natürliche Alternativen. Aber auch hier gilt: Sprich am besten mit deinem Arzt oder deiner Ärztin, bevor du etwas einnimmst.
Wichtig sind vor allem:
- Vitamin B6, Vitamin D und Vitamin E
- Calcium und Magnesium
- Omega-3-Fettsäuren (z. B.
Bewegung und Entspannung
Regelmäßige, moderate Bewegung wirkt wahre Wunder bei so vielen körperlichen und seelischen Leiden. Sport hilft, überschüssiges Wasser loszuwerden und lindert Krämpfe. Besonders gut sind Ausdauersportarten wie Walken, Radfahren, Schwimmen oder leichtes Joggen. Dabei werden sogenannte Endorphine freigesetzt - das sind körpereigene Glückshormone. Auch Serotonin (der Stimmungs-Booster) wird durch Bewegung vermehrt gebildet. Aber: Übertreib es nicht - bei zu starker Belastung kann dein Körper mehr Histamin ausschütten, was deine Symptome verstärken kann.
Stress ist einer der größten Verstärker von PMS, Migräne und weiteren histaminbedingten Reaktionen. Deshalb lohnt es sich, gezielt zu entspannen. Techniken wie Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung helfen dabei, innerlich ruhiger zu werden.
Hausmittel & alternative Therapien
Es gibt noch viele weitere sanfte Helfer, die du ausprobieren kannst:
- Pfefferminzöl auf die Stirn - lindert Kopfschmerzen
- Lavendelöl - wirkt beruhigend, einfach ein paar Tropfen auf die Schläfen
- Melissentee - bei innerer Unruhe und Stress
- Magnesium - wirkt entspannend auf Muskeln und Nerven
- Osteopathie, Neuraltherapie oder Dorn-Breuss-Therapie - besonders bei Verspannungen im Rücken oder Beckenbereich
- Hoher Einlauf - klingt ungewöhnlich, kann aber helfen, die Leber zu entlasten (bei Migräne)
- Histaminarme Ernährung!