Migräne im Anflug: Was Sie tun können, um die Attacke abzuwenden

Migräne ist eine chronische neurologische Erkrankung, von der in Deutschland etwa 12 bis 14 Prozent aller Frauen und 6 bis 8 Prozent aller Männer betroffen sind. Bei Kindern sind es etwa 4 bis 5 Prozent. Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz; sie kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Glücklicherweise gibt es verschiedene Möglichkeiten, einer Migräneattacke entgegenzuwirken, insbesondere wenn sie sich bereits im Anflug befindet.

Die Vorboten erkennen: Die Prodromalphase

Bei etwa 30 Prozent der Migränepatienten kündigt sich eine Kopfschmerzattacke im Vorfeld mit verschiedenen Symptomen an. Diese sogenannte Prodromalphase kann wenige Stunden, aber auch bis zu zwei Tage vor der eigentlichen Migräneattacke einsetzen. Es ist wichtig, diese Vorboten zu erkennen, um frühzeitig Maßnahmen ergreifen zu können.

Symptome der Prodromalphase:

  • Psychische Veränderungen: Depressive Verstimmung, vermehrte Gereiztheit, Unruhe, aber auch Hochstimmung und ein Gefühl besonderer Leistungsfähigkeit.
  • Veränderungen des Appetits: Heißhunger auf Süßigkeiten oder fettige Speisen, ungewöhnlicher Durst oder Appetitlosigkeit.
  • Körperliche Beschwerden: Verstopfungen, Müdigkeit oder Benommenheit.

Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) betont: „Während der Vorbotenphase können unterschiedliche psychische und körperliche Symptome auftreten.“

Die Aura-Phase: Neurologische Symptome als Warnsignal

Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Migränepatienten folgt auf die Prodromalphase eine Auraphase. Diese ist mit vorübergehenden neurologischen Reiz- und Ausfallerscheinungen verbunden.

Symptome der Aura-Phase:

  • Sehstörungen (z.B. Flimmern, Zickzacklinien)
  • Schwäche, Taubheit oder Kribbeln im Gesicht oder den Extremitäten einer Seite
  • Sprachstörungen
  • Schwindel oder Gangunsicherheit

Die Auraphase setzt langsam ein und geht langsam zurück, meist dauert sie 15 bis 60 Minuten.

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Was tun bei ersten Anzeichen einer Migräne?

Wenn Sie die ersten Anzeichen einer Migräne bemerken, ist schnelles Handeln gefragt. Hier sind einige Maßnahmen, die Sie ergreifen können:

Medikamentöse Behandlung

  • Rezeptfreie Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelgradigen Schmerzen können Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen helfen.
  • Triptane: Bei schweren Attacken sind Triptane eine wirksame Option. Sie sollten idealerweise nach der Aura, zu Beginn der Kopfschmerzphase eingenommen werden, können aber auch noch während einer Migräneattacke erfolgreich angewendet werden. Wichtig ist jedoch, dass Triptane nicht bei Menschen mit erhöhtem Risiko für vaskuläre Erkrankungen eingesetzt werden sollten.Dr. Beil rät: „Eine Migräneattacke mit leichten bis mittelgradigen Schmerzen kann mit rezeptfreien Wirkstoffen behandelt werden. Bei schweren Attacken können so genannte Triptane angewandt werden. Sie sollten nach der Aura, zu Beginn der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Triptan können aber auch noch während einer Migräneattacke erfolgreich angewendet werden.“
  • Ubrogepant: Dieser Wirkstoff gehört zur Gruppe der sogenannten Gepante und blockiert gezielt den CGRP-Rezeptor, einen Botenstoff, der bei Migräne eine zentrale Rolle spielt. Studien zeigen, dass Ubrogepant nicht nur Schmerzen bei akuter Migräne lindern, sondern bereits frühe Migräne-Symptome eindämmen kann. Allerdings ist Ubrogepant in Deutschland derzeit noch nicht zugelassen.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

  • Reizabschirmung: Suchen Sie sich einen ruhigen, abgedunkelten Raum auf. Vermeiden Sie Lärm, Licht und starke Gerüche.
  • Entspannung: Versuchen Sie, sich zu entspannen. Geeignete Methoden sind beispielsweise Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Yoga oder Meditation.
  • Kälte oder Wärme: Einige Menschen empfinden Kälte als lindernd, während andere Wärme bevorzugen. Probieren Sie aus, was Ihnen besser hilft. Sie können beispielsweise eine Kühlkompresse in den Nacken legen oder ein warmes Bad nehmen.
  • Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie ausreichend, idealerweise Wasser oder Kräutertees. Flüssigkeitsmangel kann Kopfschmerzen verstärken.
  • Kaffee mit Zitrone: Koffein kann in manchen Fällen helfen, die Blutgefäße zu erweitern und den Schmerz zu lindern.
  • Pfefferminzöl: Einige Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen können eine Migräne ohne Aura abschwächen. Das im Pfefferminzöl enthaltene Menthol kann eine Migräne ohne Aura durchaus abschwächen. Bei den ersten Anzeichen kann man also einige Tropfen auf Stirn und Schläfen auftragen und wirken lassen.
  • Lavendelöl: Lavendelöl wird eine entspannende Wirkung nachgesagt. Sie können es entweder auf die Haut auftragen oder in eine Duftlampe geben.
  • Nackenwickel: Ein kalter Nackenwickel kann die Schmerzen lindern. Alternativ kann auch ein Wärmekissen auf Kopf oder Nacken helfen, um die Muskeln zu entspannen.

Hausmittel gegen Kopfschmerzen

  • Wasseranwendungen: Wechselwarme Teilbäder von Armen und Füßen oder ein kühler Guss in den Nacken können helfen, die Durchblutung anzuregen und Kopfschmerzen zu lindern.
  • Kräutertees: Bestimmte Kräutertees können bei beginnenden oder akuten Kopfschmerzen Linderung verschaffen. Geeignete Kräuter sind beispielsweise Wacholderbeeren, Hibiskusblütenblätter, Rosenblütenblätter, Weidenrinde, Melisse, Mädesüß, Lindenblüten, Rosmarin, Petersilie, Kümmel, Pestwurz, Holunder, Lavendel, Waldmeister, Schafgarbe und Schlüsselblume.
  • Gewürze: Ingwer, Vanille und Zimt können ebenfalls bei Kopfschmerzen helfen. Ingwer wirkt entzündungshemmend, entspannend und schmerzstillend. Vanille enthält Eugenol, ein ätherisches Öl mit schmerzlindernder und blutgefäßerweiternder Wirkung. Zimt kann als Zimtbrei-Auflage auf die Stirn aufgetragen werden.
  • Akupressur: Durch Druckmassage bestimmter Akupunkturpunkte können Verspannungen gelöst und der Energiefluss ausgeglichen werden.
  • Gesichtsgymnastik: Durch Grimassieren und das Anspannen und Entspannen verschiedener Gesichtspartien können Kopfschmerzen gelindert werden.

Vorbeugende Maßnahmen

Neben der Akutbehandlung ist es wichtig, auch vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, um die Häufigkeit und Schwere von Migräneattacken zu reduzieren.

  • Migränetagebuch: Führen Sie ein Migränetagebuch, um mögliche Auslöser zu identifizieren.
  • Regelmäßiger Schlaf: Achten Sie auf regelmäßige Schlafenszeiten und ausreichend Schlaf.
  • Ausgewogene Ernährung: Vermeiden Sie bekannte Migräneauslöser wie bestimmte Käsesorten, Alkohol oder stark verarbeitete Lebensmittel. Achten Sie auf eine vollwertige Mischkost mit ausreichend Kohlenhydraten.
  • Regelmäßige Mahlzeiten: Vermeiden Sie zu große Zeitabstände zwischen den Mahlzeiten.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie mindestens 2 Liter Flüssigkeit pro Tag.
  • Stressabbau: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Progressive Muskelentspannung.
  • Sport und Bewegung: Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft kann Kopfschmerzattacken verringern.
  • Aromatherapie: Bestimmte ätherische Öle wie Lavendel, Eukalyptus oder Rosmarin können entspannend wirken und zur Vorbeugung von Migräne beitragen.

Professor Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), betont die Bedeutung nicht-medikamentöser Optionen: „Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfalls-Prophylaxe ist Ausdauersport.“

Was Sie vermeiden sollten

  • Zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln: Eine zu häufige Einnahme von Triptanen und freiverkäuflichen Schmerzmitteln kann zu einem Dauerkopfschmerz führen.
  • Diäten: Migräne ist keine Allergie und wird nicht durch Vergiftungen im Körper verursacht. Diäten sind daher wirkungslos.
  • Ratschläge von Laien: Tipps wie "Vielleicht verträgst du ein Nahrungsmittel nicht" oder "Warst du schon beim Heilpraktiker?" sind meist nicht hilfreich und können Betroffene sogar verärgern.

Wenn nichts mehr hilft: Die Schmerzklinik Kiel

Für Patienten mit chronischen und schwer behandelbaren Migräneerkrankungen bietet die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel spezielle Therapien an. Die Klinik behandelt Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen sowie andere Kopfschmerzformen.

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