Migräne-Bluttest-Diagnose: Auf der Suche nach dem Biomarker

Die Migräne ist mehr als nur ein gewöhnlicher Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die häufig mit intensiven, pochenden Schmerzen einhergeht, meist auf einer Seite des Kopfes. Dazu können Übelkeit, Erbrechen und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen kommen. Die Migräneattacken können Stunden oder sogar Tage dauern. Bisher lassen sich die sogenannten primären Kopfschmerzen, wie Migräne, ausschließlich an ihren Symptomen erkennen. Die Differenzierung zwischen einer Migräne ohne Aura und beispielsweise einem Kopfschmerz vom Spannungstyp kann schwierig sein. Daher werden mindestens 5 Attacken gefordert, bevor die Diagnose gestellt wird.

Die Bedeutung einer Diagnose

Eine fachkundige Diagnose ist wichtig, um andere Ursachen der Beschwerden auszuschließen. Bei der Diagnose einer Migräne ist der Arzt vorrangig auf die Angaben des Patienten angewiesen. Daher kommt dem Arztgespräch eine zentrale Bedeutung zu.

Das Arztgespräch: Ein Schlüssel zur Diagnose

Im Arztgespräch werden folgende Aspekte erörtert:

  • Zeitlicher Ablauf: Wie häufig treten die Kopfschmerzen auf?
  • Charakter und Lokalisation: Wo genau und wie stark treten die Schmerzattacken auf? Hinweise, die auf eine Migräne schließen lassen, sind beispielsweise gegeben, wenn der Betroffene die Kopfschmerzen als einseitig und pulsierend oder als pochend beschreibt. Außerdem können Ärzte eine Migräne daran erkennen, dass sich die Beschwerden bei Bewegung verschlimmern und meist von Symptomen wie Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit begleitet werden.
  • Ursachen und Auslöser: Gibt es eine genetische Veranlagung, also zum Beispiel bekannte Migränefälle in der Familie? Eine Migräne kann durch eine Reihe von Auslösern ausgelöst werden.
  • Verhalten des Patienten: Was verstärkt die Kopfschmerzen (z. B. Bewegung/körperliche Aktivität)? Migräne-Kopfschmerzen werden durch körperliche Aktivität nicht gelindert, sondern eher verstärkt.
  • Medikamente: Können Schmerzmittel die Beschwerden lindern? In welcher Dosis? Außerdem erkundigt sich der Arzt bei den Migränepatienten nach Begleit- und Vorerkrankungen sowie der beruflichen Tätigkeit, um mögliche Einflussfaktoren wie Stress zu erkennen.

Zur Befundstellung dienen dem Mediziner die Migräne-Diagnosekriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS).

Bildgebende Verfahren in der Migräne-Diagnostik

Neben dem Arzt-Patienten-Gespräch ist meist außerdem eine neurologische Untersuchung Bestandteil der Migräne-Diagnose. Ziel ist es unter anderem, andere schwere Erkrankungen auszuschließen. Gerade bei der Migräne mit Aura, die mit neurologischen Ausfällen einhergehen kann, ist eine solche Abgrenzung wichtig, da die Symptome zum Beispiel auch mögliche Hinweise auf einen Schlaganfall sind (migranöser Infarkt). In einigen Fällen, zum Beispiel wenn der Verdacht bezüglich einer anderen Erkrankung besteht, können zudem noch weitere Untersuchungsverfahren angewandt werden.

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MRT (Magnetresonanztomographie)

Um detailliertere Einblicke in das Gehirn zu bekommen und die Diagnose Migräne zu festigen, verordnen Mediziner in manchen Fällen ein MRT (Magnetresonanztomographie; auch Kernspintomographie). Damit können sie krankhafte Veränderungen oder Blutungen ausschließen. Eine MRT (Magnetresonanztomographie) ist eine bildgebende Untersuchung, die detaillierte Bilder des Gehirns und anderer Strukturen im Kopf liefert. Eine MRT vom Schädel kann dazu beitragen, andere mögliche Ursachen Ihrer Kopfschmerzen auszuschließen, wie z.B. Tumore, Blutungen oder Entzündungen. Es ist wichtig zu beachten, dass eine MRT normalerweise nicht in der Lage ist, eine Migräne direkt zu diagnostizieren, da es bei Migränepatienten meist keine auffälligen Veränderungen im Gehirn gibt.

Wie genau läuft die MRT-Untersuchung bei Migräne ab? Sollten Personen mit Klaustrophobie zu kämpfen haben, können sie vorher ein Beruhigungsmittel verabreicht bekommen. Wenn Kontrastmittel zum Einsatz kommen, musst du vorab angeben, ob Probleme mit den Nieren vorliegen. In der Regel erfolgt deswegen eine Bestimmung der Blutwerte, bevor Migräne-Patienten zum MRT gehen. Manchen Menschen wird es bei dem Gedanken eines MRTs etwas mulmig zumute. Doch das muss es nicht. Sie verspüren während der Untersuchung keinerlei Schmerzen. Eine Kernspintomographie macht mittels Schnittbildern Strukturen des Körpers erkennbar, indem sie Magnetwellen nutzt - die Person wird keiner Strahlenbelastung ausgesetzt. Ob ein Mensch Migräne-Patient ist oder nicht, kann der Mediziner mit einem MRT nicht direkt sehen. Zunächst gilt es, mittels der Diagnostik andere Störungen oder Erkrankungen auszuschließen.

EEG (Elektroenzephalographie)

Die EEG (Elektroenzephalographie) ist ebenso nicht Teil der Basisuntersuchungen einer Migräne. Manchmal ist sie jedoch sinnvoll, zum Beispiel wenn der Arzt mehr über die elektrische Aktivität des Gehirns wissen möchte. Die Mediziner messen die Hirnströme, wodurch eine mögliche erhöhte Erregbarkeit des Nervensystems nachgewiesen werden kann - das ist bei einer Migräne im EEG oft auffällig. Für die Messung bekommen Patienten ein Netz mit Elektroden auf den Kopf gesetzt. Eine Studie konnte mittels EEG-Messung darstellen, dass Migräne-Patienten Probleme besser lösen als gesunde Probanden. In dem Experiment mussten die Teilnehmer eine hilflose Situation bewältigen.

CT (Computertomographie)

Im Gegensatz zu den beiden anderen bildgebenden Verfahren, die bei Patienten mit Migräne eingesetzt werden können, kommt es durch ein CT (Computertomographie) zu einer Strahlenbelastung (Röntgenstrahlen). Deswegen ist dieses Verfahren seltener das Mittel der Wahl, um eine Migräne zu diagnostizieren. Ob eine Migräne vorliegt, ist mit dem CT direkt nicht nachweisbar. Wenn der Arzt Hirnblutungen, Gefäßfehlbildungen oder -verschlüsse sowie Erkrankungen des Schädels und der Nebenhöhlen ausschließen will oder es sich um Akutfälle handelt, ist ein CT oft sinnvoll.

Wie läuft ein CT ab? Du liegst in der Regel in Rückenlage, manchmal auch auf dem Bauch, auf einer schmalen Liege. Um diese befindet sich eine ringförmige Öffnung (keine Röhre), in die du hineingefahren wirst - Personen mit Platzangst müssen hier keine Sorgen haben, da das Gerät einen relativ großen Durchmesser hat. Die Messung ist schmerzfrei, falls es dir doch unangenehm wird, kannst du mit den Arzthelfern über eine Gegensprechanlage reden.

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Migräneformen

Stellt der Arzt die Diagnose Migräne, analysiert er sie im weiteren Verlauf näher und ist in der Lage, eine bestimmte Migräneform festzustellen. Dadurch ist eine noch spezifischere Behandlung der Beschwerden durchführbar.

  • Vestibuläre Migräne: Jeder zweite bis dritte migränekranke Patient hat mindestens einmal Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen, die während oder nach einer Kopfschmerzattacke auftreten können, erlebt.
  • Menstruelle Migräne: Sie ist eng mit dem Menstruationszyklus verbunden. Die Migräneattacken kommen normalerweise während oder kurz vor der Periode.
  • Hemiplegische Migräne: Neben den typischen Aura-Symptomen kann es zu Sprachstörungen, reversiblen motorischen Defiziten (z. B. Kraftverlust) und teils auch (halbseitigen) Lähmungserscheinungen kommen.
  • Basilarismigräne: Diese spezielle Form findet sich vor allem unter jungen Erwachsenen. Die Häufigkeit der Kopfschmerzattacken entscheidet außerdem darüber, ob es sich um episodische oder chronische Migräne handelt.

Der Blick in die Zukunft: Biomarker für Migräne

Gäbe es einen Blutwert, der eindeutig eine Migräne von einem Spannungskopfschmerz unterscheidbar machen könnte, gäbe es eine bessere Grundlage zu rascher und zielgerichteter Behandlung. Beispielsweise sind Medikamente, die den Spannungskopfschmerz lindern können, oft bei einer Migräne wirkungslos. Neueste Entwicklungen in der Medikamentenforschung zeigen allerdings endlich einen möglichen Marker für Migräne auf.

CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) als potenzieller Biomarker

Das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) ist ein Neuropeptid, das die Blutgefäße erweitern und verengen kann. Dies wird als eine der Ursachen für die migränetypischen Kopfschmerzen angesehen. Dieser Eiweißstoff wird verstärkt im Blut der Migräneure während einer Attacke gefunden.

Migräneforscher fanden mehrere Studien, die eine Erhöhung der Blutkonzentration von CGRP in Migränepatienten während der Attacken fanden. Die höchste Konzentration von CGRP fand sich dabei innerhalb von 2 Stunden nach Beginn der Anfälle. Diese Werte konnten interessanterweise mit Triptanen, klassischen Migränemedikamenten, reduziert werden.

Zusätzlich spannend waren Studien, die erhöhte CGRP-Konzentrationen zwischen Migräneattacken fanden. Dies zeigte sich nämlich vor allem bei Patienten, die unter chronischer Migräne litten. Die erhöhten CGRP-Werte erlaubten auch eine Vorhersage, ob eine Behandlung mit Botox, genauer dem Onabotulinumtoxin A, erfolgreich sein würde. Dieses Nervengift wird dabei in ein Nervenbündel des Gesichtsnervs (pterygopalatines Ganglion, auch Ganglion sphenopalatinum genannt) injiziert, um eine akute Migräneattacke zu stoppen oder bei einer chronischen Migräne zu helfen.

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Die Forscher fanden damit in ihrer Recherche vielversprechende Hinweise auf einen Nutzen der CGRP-Blutkonzentration zur Diagnose und Behandlungsentscheidung bei Migräne. Dieser Nutzen muss nun in weiteren, darauf fokussierten Studien untersucht und bestätigt werden.

Weitere potenzielle Biomarker: Sphingolipide

Die Menge des Membranlipids Ceramid ist bei Frauen mit Migräne reduziert. Teilnehmerinnen mit Migräne hatten nur gut halb so viel von dem Sphingolipid Ceramid im Blut. Während es bei ihnen im Durchschnitt nur 6.000 Nanogramm pro Milliliter waren, lag der Wert bei der Kontrollgruppe bei 10.500 ng/ml. Zwei weitere Membranlipide aus der Gruppe der Sphingomyeline waren im Blut der Migräne-Patientinnen ebenfalls verändert. Sie kamen in bei ihnen in höheren Mengen vor als normal.

Forscher analysierten das Blut von weiteren Personen, von denen sie nicht wussten, ob diese an Migräne litten oder nicht. Diese Studie belegt damit, dass Tests des Serum-Sphingolipide Frauen mit Migräne von solchen ohne Migräne unterscheiden können. Damit könnten sich diese Moleküle als Biomarker für die Migräne eignen.

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig, andere Kopfschmerzarten von Migräne abzugrenzen:

  • Spannungskopfschmerz: Der Kopfschmerz tritt im Bereich des gesamten Kopfes auf, ist drückend-ziehend, jedoch nicht pulsierend. Vegetative Begleitsymptome wie Lichtscheu und übermäßige Lärmempfindlichkeit, Übelkeit, Erbrechen sowie Appetitlosigkeit treten in der Regel nicht und, wenn doch, nur sehr selten begleitend auf.
  • Cluster-Kopfschmerz: Der Kopfschmerz ist streng einseitig und zeichnet sich durch in Attacken auftretende „extremste Kopfschmerzen“ im Bereich von Schläfe und Auge aus. Die Bezeichnung Cluster bezieht sich auf die Eigenart dieser Kopfschmerzform, periodisch stark gehäuft aufzutreten, während sich dann für Monate bis Jahre beschwerdefreie Intervalle anschließen können. Die heftigen und einseitigen Attacken dauern meist zwischen 15 und 180 Minuten und treten unvermittelt vornehmlich aus dem Schlaf heraus auf. Der Kopfschmerzcharakter wird als unerträglich reißend, bohrend, manchmal als brennend geschildert. Besonders typisch ist ein während der Kopfschmerzattacken bestehender Bewegungsdrang, ebenfalls kommen Begleitsymptome wie einseitiges Tränen, Augenrötung oder Naselaufen auf der Schmerzseite häufig vor. Anders als Menschen mit Migräne neigen Patienten mit Cluster-Kopfschmerz nicht dazu, sich ins Bett zurückzuziehen, sondern wandern umher oder schaukeln mit dem Oberkörper.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung einer Migräneattacke zielt darauf ab, die Symptome so schnell wie möglich zu lindern. Schmerzmittel, wie zum Beispiel Ibuprofen, können helfen, den Schmerz zu reduzieren. Antiemetika können gegen Übelkeit und Erbrechen helfen. Spezielle Migränemedikamente, wie Triptane oder Ergotamine, können ebenfalls eingesetzt werden. Allerdings sollten alle Medikamente unter Aufsicht eines Arztes eingenommen werden.

  • Nichtsteroidale Antirheumatika: Ibuprofen (200-600 mg, z. B. Dolormin Migraene®), Naproxen (500-1000 mg) oder Diclofenac (50-100 mg, z. B. Sylmes 50 mg Pulver®) kombiniert mit einem Antiemetikum (z. B. 10-20 mg Metoclopramid) bei leichter bis mittelschwerer Migräne.
  • Triptane: in der nächsten Stufe ein Triptan-Präparat (z. B. Rizatriptan in Form von Maxalt Lingua 10 mg® oder 50-100 mg Sumatriptan).

Für die menstruelle Migräne gibt es spezielle Therapieansätze: Naproxen (2x 500 mg/Tag 3-4 Tage vor bis 3 Tage nach der Periode) oder mit einem Triptan (z. B. Frovatriptan 2,5 mg 2x tgl. Kurzzeit-Prophylaxe. Auch kann bei Sumatriptan-Einnahme die gleichzeitige Gabe von Naproxen die Rate von Wiederkehr-Kopfschmerzen signifikant senken.

Genetik der Migräne

Eine neue internationale genomweite Assoziationsstudie an 1,3 Millionen Menschen, darunter 80.000 Migränepatienten, zeigt, dass die beiden Formen der Erkrankung (Migräne mit und ohne Aura) sich auch genetisch unterscheiden.

Die Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene (Prävalenz ca. 1:10.000) monogen bedingte Form der Migräne. Bisher sind in drei Genen pathogene Varianten im Zusammenhang mit familiärer, hemiplegischer Migräne beschrieben. Diese Gene (CACNA1A, ATP1A2 und SCN1A) codieren entweder für Komponenten von Ionenkanälen (CACNA1A und SCN1A) bzw. eine Na+- K+- ATPase (ATP1A2).

Die Phasen einer Migräne

Migräne tritt typischerweise in vier Phasen auf: Prodrome, Aura, Kopfschmerz und Postdrome.

  • Prodrome-Phase: Stunden bis Tage vor dem Kopfschmerz können bestimmte Anzeichen und Symptome auftreten. 30-40 % aller Migräne-Kranken durchlaufen zunächst eine sogenannte Prodromalphase mit Müdigkeit, Schlafproblemen und verändertem Essverhalten.
  • Aura-Phase: Aura bezieht sich auf sensorische Störungen, die vor oder während der Migräne auftreten können. Sie können visuelle Phänomene beinhalten, wie das Sehen von Lichtblitzen, Zickzacklinien oder das Verlieren des Sehfeldes. meist visuelle Störungen (Sehstörungen), aber auch sensible Wahrnehmungsstörungen, motorische Störungen, aber auch möglicherweise Wortfindungsstörungen (aphasische Aura) schon vor dem Anfall auf, dauern überwiegend weniger als eine Stunde an. Sehstörungen könen z. B. flackernde Lichter, Punkte oder Linien sein oder auch ein Sehverlust. Sensible Störungen können sich in Kribbelmissempfindungen oder auch Taubheitsgefühl äußern.
  • Kopfschmerz-Phase: Dies ist der eigentliche Migräneanfall. Der Schmerz kann von mäßig bis sehr stark sein und ist oft so intensiv, dass er Ihre täglichen Aktivitäten beeinträchtigt. Migräneattacken dauern definitionsgemäß mindestens 4 Stunden, können aber auch bis zu drei Tage lang anhalten.
  • Postdrome-Phase: Nach dem Kopfschmerz kann eine Phase der Erschöpfung oder Verwirrung folgen.

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