Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken können das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen und gehen oft mit weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit einher. Ein besonderes Problem stellt die Migräne am Morgen dar, bei der die Kopfschmerzen bereits beim Aufwachen vorhanden sind. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der morgendlichen Migräne und bietet Lösungsansätze zur Vorbeugung und Behandlung.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und der Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Während einer Migräneattacke kommt es zu einer vorübergehenden Fehlfunktion schmerzregulierender Systeme. Früher ging man von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus, wobei sich die Blutgefäße kurz vor der Attacke verengen und sich anschließend in einer Gegenreaktion erweitern. Diese Gefäßdehnung wurde als Ursache für die migränetypischen Schmerzen angesehen.
Nach aktuellen Untersuchungen liegt das Geschehen vermutlich auf einer Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen. Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das sogenannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses Migräne-Zentrum reagiert überempfindlich auf Reize.
Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminusnervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerzsignale an das Gehirn senden. Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung von Botenstoffen (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen und bestimmte Blutbestandteile freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute, welche wiederum Schmerzimpulse verursachen und den Migränekopfschmerz bewirken.
Die Rolle von Botenstoffen
Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) sind chemische Substanzen, die Nervensignale weiterleiten, die Ausdehnung oder Verengung der Blutgefäße steuern und Schmerzsignale auslösen. Von allen Botenstoffen spielt das Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus, was das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus erklären kann.
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Der Prozess, der die Migränesymptome auslöst, beginnt unter anderem in den Nervenzellen. Diese produzieren in bestimmten Situationen eine Überdosis von Botenstoffen - zum Beispiel Serotonin, die die Blutgefäße verengen und Entzündungsprozesse hemmen. Der Körper versucht nun, die Überdosis an Botenstoffen abzubauen - jedoch so stark, dass nur noch wenig Serotonin übrigbleibt. Das führt zu einer Weitung der Hirnhautgefäße; sie werden durchlässig für gewebefeindliche Stoffe. An den Gefäßen entstehen kleine Entzündungen. Gleichzeitig kann es durch die zunächst starke Anregung der Nervenzellen, gefolgt von einer Deaktivierung, zu einer Störung der Elektrolytkonzentration kommen. Insgesamt kommt es so zur Migräne. Die Betroffenen nehmen als Symptom dieses Vorgangs den typisch pochenden Kopfschmerz wahr, der meist von zusätzlichen Beschwerden wie Übelkeit begleitet wird.
Ursachen von Migräne am Morgen
Leider sind die Ursachen für Migräne und akut auftretende Migräne-Anfälle noch nicht vollständig aufgeklärt. Die Wissenschaft vermutet jedoch, dass bei häufigen Migräneattacken genetische Faktoren eine Rolle spielen. Neueste medizinische Untersuchungen weisen zusätzlich darauf hin, dass ein Ungleichgewicht von neuronalen Botenstoffen im Gehirn ein Auslöser für Migräne sein könnte.
Mehrere Faktoren können zu Migräne am Morgen beitragen:
- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus: Zu viel oder zu wenig Schlaf kann Migräne begünstigen.
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung oder Hungerzustände durch Auslassen von Mahlzeiten können eine Migräne auslösen.
- Hormonveränderungen: Während des Menstruationszyklus oder durch die Einnahme von Hormonpräparaten können Migräneattacken auftreten.
- Stress: Körperliche oder seelische Belastungen können Migräne triggern, oft in der Entspannungsphase danach.
- Bestimmte Nahrungsmittel: Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte und Alkohol können Migräne auslösen.
- Äußere Reize: Flackerlicht, Lärm oder Gerüche können Migräne begünstigen.
- Wetter- und Höhenveränderungen: Föhn, Kälte oder andere Wetterveränderungen können Migräne auslösen.
- Starke Emotionen: Ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, Schreckreaktionen oder Angst können Migräne triggern.
- Medikamente: Einige Medikamente können Migräne als Nebenwirkung haben.
- Muskuläre Verspannungen: Gerade die Nackenmuskulatur wird geschont, die bei Überstreckungsmustern durch hohe Anspannung die Fehlstatik zu kompensieren versucht. Durch die richtige Positionierung der Halswirbelsäule können wir vermeiden, dass Nerven oder Gefäße abgedrückt werden.
Migräne mit Aura
Bei einer Migräne mit Aura können während einer Migräneattacke verschiedene Seh-, Gefühls- und sogar Sprachstörungen auftreten. Menschen mit Migräne haben häufig eine Überempfindlichkeit der Nervenzellen in der Hirnrinde. Bei Migräne mit Aura wird zusätzlich oft eine verminderte Durchblutung in bestimmten Hirnregionen festgestellt. Daher wird angenommen, dass ein Sauerstoffmangel in den betroffenen Hirnarealen für die Migräne mit Aura verantwortlich sein könnte.
Symptome einer Migräne-Aura
Typische Symptome einer Migräne-Aura sind Sehstörungen in Form von Flimmersehen, die als Blitze, Punkte, Zacken- oder wellenförmige Bewegungen wahrgenommen werden und die sich meist langsam über das Gesichtsfeld ausbreiten. Häufig kommt es auch zu fleckförmigen Ausfällen des Gesichtsfeldes. Weitere, seltenere Symptome sind vorübergehende Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen, sehr selten auch Lähmungen einer Körperhälfte.
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Trigger für Migräne mit Aura
Viele Patient*innen kennen Auslöser, sogenannte Trigger, die bei ihnen zu einem Migräne-Anfall führen können. Das sind zum Beispiel:
- Unregelmäßiger Schlaf
- Längere Phasen ohne ausreichend zu essen und zu trinken
- Stress
- Starke psychische oder körperliche Belastungen
- Bestimmte Reize wie Flackerlicht oder schlechte Luft in stickigen Räumen
- Alkohol, z.B. Rotwein, oder bestimmte Nahrungsmittel
Diagnose von Migräne
Um eine Migräne zu diagnostizieren, erkundigt sich die Ärztin oder der Arzt zunächst nach den Beschwerden ihrer Patienten. Unter anderem wird nach der Häufigkeit und Dauer der Anfälle, Art und Stärke der Kopfschmerzen und nach Begleitsymptomen gefragt. Auch ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, diese Fragen zu beantworten. Meist kann bereits auf diese Weise Migräne diagnostiziert werden. Es ist wichtig, die Erkrankung von anderen Kopfschmerzen oder weiteren Krankheiten abzugrenzen. Ist das allein anhand der Beschwerden nicht möglich, können eine bildgebende Untersuchung oder weitere Tests nötig werden.
Was hilft bei Migräne?
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern und zukünftige Attacken zu verhindern.
Akutbehandlung
- Schmerzmittel: Leichte Migräne-Anfälle lassen sich häufig gut mit Paracetamol, Ibuprofen, Aspirin und ähnlichen Schmerzmitteln behandeln.
- Triptane: Bei Unwirksamkeit dieser Medikamente können spezielle Migränemittel, die sogenannten Triptane, eingesetzt werden. Diese Medikamente hemmen die Botenstoffe oder Neurotransmitter, die während der Migräne-Attacke freigesetzt werden und unterbrechen dadurch die Attacke. Wichtig bei einer Migräne mit Aura ist, dass Triptane erst nach Abklingen der Aura-Symptome eingenommen werden sollten.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid eingesetzt werden.
Vorbeugende Maßnahmen
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeitszufuhr können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Yoga, progressive Muskelrelaxation und autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken zu reduzieren.
- Sport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann ebenfalls vorbeugend wirken.
- Vermeidung von Triggern: Es lohnt sich herauszufinden, ob es spezielle Trigger für die Migräne bei einem selbst gibt, die man dann vermeiden kann.
- Medikamentöse Prophylaxe: Wenn nicht-medikamentöse Alternativen als Prophylaxe keine Wirkung zeigen, gibt es dafür auch Medikamente. Dazu gehören Blutdruckmittel wie Betablocker, Antidepressiva und bestimmte Mittel, die eigentlich gegen Epilepsie wirken. Seit einigen Jahren gibt es eine neue Behandlung mit sogenannten Antikörpern gegen einen bestimmten Botenstoff, das sogenannte CGRP, das während des Migräne-Anfalls ausgeschüttet wird.
Natürliche Vorbeugung
Um auf natürliche Weise einer Migräne vorzubeugen, sollten Betroffene die Ursachen für die anfallsartigen, migränösen Kopfschmerzen kennen und diese möglichst vermeiden. Hilfreich ist daher ein regelmäßiger Schlafrhythmus, die Einhaltung fester Mahlzeiten sowie das Meiden von lauten Geräuschen oder hellem Licht. Verhaltenstherapeutische Verfahren und Entspannungsübungen können einzeln oder auch ergänzend zur medikamentösen Prophylaxe eingesetzt werden.
Kopfschmerztagebuch
Patientinnen und Patienten können anhand eines Anfallstagebuchs Schlüsse ziehen, wodurch ihre Migräne entsteht. Davon ausgehend können sie ggf. ihren Lebensstil verändern und dadurch langfristig Migräneanfälle senken.
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Spezielle Therapie von Migräne
Spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Die Rolle der Halswirbelsäule
Immer mehr Menschen sitzen arbeitsbedingt länger vor dem Computer und leiden an Nackenverspannungen. Und diese werden häufig für Migräne und andere Kopfschmerzarten verantwortlich gemacht, vor allem, wenn sie sich vom Nacken in Richtung der Augen ausbreiten. Aber können Störungen der Halswirbelsäule tatsächlich Kopfschmerzen oder Migräne hervorrufen?
Diese Frage wird in der Medizin kontrovers diskutiert. Orthopäden vertreten oft die Meinung, dass Blockaden in der Halswirbelsäule zervikogene Kopfschmerzen - also Kopfschmerzen, die vom Nacken ausgehen - auslösen können. Dafür spricht beispielsweise auch, dass eine Physiotherapie bei einigen Patienten eine vorübergehende Besserung der Beschwerden erzielen kann. Was die Migräne anbelangt, so konnte eine Studie mittlerweile nachweisen, dass Menschen mit Veränderungen der Halswirbelsäule häufiger an Migräne leiden. Jedoch spielen Nackenschmerzen als Migräne-Trigger eher eine untergeordnete Rolle. Trotzdem sind viele Menschen davon überzeugt, dass Halswirbelsäulen-Blockaden Migräne auslösen.
Chronische Migräne
Bei einer chronischen Migräne bestehen seit 3 Monaten oder länger Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat, davon 8 oder mehr Tage mit Migräne. Haben Sie im Monat mehr Tage mit Kopfschmerzen als ohne, kann das ein Hinweis auf Chronische Migräne sein.
Mögliche Vorboten und Auslöser
Etwa 30 % der Menschen mit Migräne ohne Aura beschreiben dieses Phänomen. Mögliche Symptome, die auf eine bevorstehende Migräneattacke hindeuten, sind Stimmungsschwankungen, häufiges Gähnen, Heißhunger oder Appetitlosigkeit, extremer Durst sowie Verdauungsprobleme.
Bevor der eigentliche Migränekopfschmerz einsetzt, kommt es bei etwa 10-15 % der Migränepatienten zu neurologischen Reiz- und Ausfallerscheinungen. Die sogenannte Aura kündigt die nächste Migräneattacke an. In der Regel klingen die Symptome spätestens nach einer Stunde wieder vollständig ab. Der typische Migränekopfschmerz tritt entweder zusammen mit den Ausfallerscheinungen auf oder etwas verzögert.
Es gibt bestimmte innere und äußere Einflussfaktoren, die eine Migräne-Attacke begünstigen können. Viele Migränepatienten wissen mit der Zeit, auf welche Dinge oder Situationen bei ihnen eine Attacke folgt. Solch mögliche Auslöser, auch Trigger genannt, sind:
- Aufregung oder Stress
- Entspannungsphasen nach Stresssituationen
- Schlafmangel oder veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus
- Körperliche Anstrengung bei Sport, Freizeitaktivitäten oder der Arbeit
- Nackenschmerzen
- Hormonelle Veränderungen durch Periode, Schwangerschaft oder Wechseljahre
- Auslassen von Mahlzeiten
- Lebensmittel, z.B.: Käse, Alkohol, Kaffee und das darin enthaltene Koffein (auch die Reduzierung des Kaffeekonsums), Cola, Schokolade
- Wetterumschwünge und Klimawechsel
- Düfte und Gerüche
- Licht