Eine Migräne-Attacke stellt für Betroffene eine enorme Belastung dar. Hämmernde Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit zwingen viele, sich ins Bett zurückzuziehen. Der Wunsch nach Heilung ist daher verständlich. Doch Ärzte betonen immer wieder, dass Migräne nicht heilbar sei. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Forschung, Behandlungsansätze und gibt Einblicke in das Leben mit Migräne.
Was bedeutet "Heilung" bei Migräne?
Um eine Krankheit heilen zu können, müssen die Ursachen bekannt sein und eine Therapie zur Verfügung stehen, die diese Ursachen beseitigt. Bei Migräne ist dies kompliziert, da die genauen Ursachen noch nicht vollständig verstanden sind.
Die komplexe Ursache der Migräne
Wahrscheinlich beruht Migräne auf Fehlregulationen im Gehirn. Hinzu kommen individuelle Auslöser, sogenannte Trigger, die eine Attacke provozieren können. Diese Trigger variieren stark von Patient zu Patient. Häufige Auslöser sind:
- Hormonschwankungen
- Stress
- Unregelmäßiger Schlafrhythmus
- Bestimmte Speisen und Getränke
- Wetterveränderungen
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerz
Migräne ist nicht einfach nur Kopfschmerz, sondern eine neurologische Erkrankung. Für die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt Migräne heute eine der am stärksten einschränkenden neurologischen Krankheiten dar.
Aktuelle Forschung und Behandlungsansätze
Obwohl Migräne als nicht heilbar gilt, gibt es stetige Fortschritte in der Forschung und neue Behandlungsansätze, die die Lebensqualität von Betroffenen erheblich verbessern können.
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Fortschritte in der Migräneforschung
Forscher arbeiten kontinuierlich daran, die Ursachen der Migräne zu entschlüsseln und geeignete Behandlungen zu entwickeln. Allein in den letzten Jahren gab es bedeutsame Fortschritte. So konnte eine Antikörper-Prophylaxe vorgestellt werden, die in den Entstehungsprozess einer Migräne eingreift.
Medikamentöse Behandlung
- Akutbehandlung: Bei leichten Migräneattacken können Schmerzmittel wie Aspirin und Ibuprofen helfen. Bei stärkeren Attacken werden oft Triptane eingesetzt. Triptane verengen die Gefäße im Gehirn und hemmen die Ausschüttung von Entzündungsstoffen.
- Prophylaxe: Wenn ein Patient mehr als drei Attacken pro Monat hat oder die Attacken mit Medikamenten nicht in den Griff zu bekommen sind, ist eine Prophylaxe sinnvoll. Hier kommen Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie zum Einsatz. Seit einigen Jahren gibt es auch die CGRP-Antikörper, die sich gegen ein Molekül richten, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken.
Nicht-medikamentöse Behandlungen
Zusätzlich zur medikamentösen Behandlung gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die Betroffene ergreifen können, um Migräne-Attacken vorzubeugen:
- Trigger vermeiden: Ein Migränetagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren.
- Lebensführung anpassen: Weniger Stress, mehr Entspannung, eine ausgewogene Ernährung und ein regelmäßiger Tagesablauf können sich positiv auf Migräne auswirken.
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Regelmäßigkeit: Regelmäßige Schlafens- und Aufwachzeiten sowie Mahlzeiten sind wichtig.
- Sport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren kann prophylaktisch wirken.
Die Rolle des Alters
Bei den meisten Patienten verändert sich die Qualität der Migräne mit zunehmendem Alter. Experten beobachten die Tendenz, dass bei manchen die Migräne verschwindet. Das kann zum Beispiel Frauen betreffen, da sie nach den Wechseljahren nicht mehr den monatlichen Hormonschwankungen unterliegen.
Leben mit Migräne: Herausforderungen und Strategien
Migräne ist eine unsichtbare Krankheit, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Viele versuchen, ihre Erkrankung zu verheimlichen, was sich auf Beruf und Beziehungen auswirken kann.
Verständnis und Akzeptanz
Es ist wichtig, dass Migräne als ernsthafte neurologische Erkrankung anerkannt wird. Betroffene brauchen Verständnis und Unterstützung von ihrem Umfeld, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich.
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Umgang mit Ratschlägen
Migränepatienten erhalten oft gut gemeinte Ratschläge, die jedoch wenig hilfreich sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass Migräne nicht durch eine spezielle Diät oder ein bestimmtes Nahrungsmittel geheilt werden kann.
Die Bedeutung der Selbstverantwortung
Migränebetroffene müssen oft lange ausprobieren, was ihnen eine bessere Lebensqualität verschafft, vorbeugend als auch akut - seien es Nahrungsergänzungsmittel, Ausdauersport, Blutdrucksenker, Botox oder eine vorbeugende Migränespritze. Es ist wichtig, dranzubleiben und sich nicht entmutigen zu lassen.
Migräne im Arbeitsalltag
Viele Betroffene halten ihre Krankheit vor dem Arbeitgeber geheim, aus Angst, diskriminiert zu werden. Es ist wichtig, dass Arbeitgeber Verständnis zeigen und flexible Arbeitsbedingungen ermöglichen.
Migräne und Partnerschaft
Migräne kann auch die Partnerschaft belasten. Es ist wichtig, offen über die Erkrankung zu sprechen und Strategien zu entwickeln, um den Alltag gemeinsam zu meistern.
Migräne im Alter: Besonderheiten
Migräne unterliegt im Laufe des Lebens immer wieder Veränderungen. Im Alter berichten viele Patienten, dass sich die Kopfschmerzerkrankung bessert. Dennoch muss das nicht sein. Vorsicht ist geboten, wenn ältere Menschen zum ersten Mal über Migräne klagen. Zudem bedarf die Behandlung einiger Besonderheiten.
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Veränderungen der Migräne im Alter
Im Alter beobachten Experten die Tendenz, dass Migräne abnimmt und bei einigen Patienten sogar ganz verschwindet. Dazu ändert sich zumeist die Ausprägung der Attacken. Dies können typische Veränderungen der Migräne im Alter sein:
- Die Kopfschmerzzeiten verkürzen sich.
- Begleitsymptome wie Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit sind schwächer ausgeprägt.
- Bei Patienten, die in jüngeren Jahren an Migräne mit Aura gelitten haben, kommt es im Alter manchmal zu Auraerscheinungen, aber ohne das Kopfschmerzen entstehen.
Kopfschmerzen im Alter: Migräne oder andere Ursachen?
Auch wenn die Migräneneigung bei älteren Menschen eher sinkt, leiden auch sie unter Kopfschmerzen. Im Alter treten Kopfschmerzen vorranging als Folge einer anderen Erkrankung auf. Fachleute sprechen von sekundären Kopfschmerzen. Mögliche Ursachen sind unter anderem:
- Schlecht angepasste Brillengläser
- Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer)
- Bluthochdruck
- Neuralgien (Nervenschmerzen)
- Neuropathien (Nervenerkrankung)
- Nebenwirkung von Arzneimitteln
Migräne mit Aura im Alter
Bei älteren Menschen können visuelle Erscheinungen oftmals auch ohne Kopfschmerzen entstehen. Nicht immer sind sie einer Migräne zuzuschreiben, vor allem dann nicht, wenn sie zuvor noch nie aufgetreten sind. Vor allem ein Schlaganfall äußert sich ähnlich, zudem kann eine Aura in einen Schlaganfall übergehen (migränöser Infarkt). Daher ist es wichtig, bei ungewöhnlichen Sehstörungen, Taubheitsgefühlen, Gleichgewichtsstörungen und ähnlichen Auffälligkeiten einen Arzt aufzusuchen.
Besonderheiten der Behandlung im Alter
Für ältere Migränepatienten müssen jedoch einige Punkte vor der Anwendung beachtet werden:
- Funktionsstörungen der Nieren oder der Leber können eine veränderte Wirksamkeit der Medikamente hervorrufen.
- Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck müssen besondere Beachtung finden.
- Augenmerk sollte auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, zum Beispiel Psychopharmaka oder Herz-Kreislauf-Mittel, gelegt werden.
- Patienten, die unter Gefäßerkrankungen leiden, beispielsweise der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), dürfen keine Triptane einnehmen.
Migräne-Prophylaxe im Alter
Leiden ältere Menschen häufig unter Migräne oder wird die Erkrankung gar chronisch, sollte über Maßnahmen zur Vorbeugung nachgedacht werden. Fachleute raten dazu, bei der Auswahl der Substanzen auf mögliche Nebenwirkungen zu achten und den Gesundheitszustand des Patienten zu berücksichtigen. Ab vier Migränetagen im Monat besteht die Möglichkeit, auf eine spezielle Antikörpertherapie zurückzugreifen.
Mythen und Fakten über Migräne
Es gibt viele Missverständnisse über Migräne. Hier einige Fakten, um mit den Mythen aufzuräumen:
- Mythos: Migräne hat psychische Ursachen.
- Fakt: Migräne ist eine neurologische Erkrankung. Psychische Faktoren können jedoch Trigger sein.
- Mythos: Das ist doch nur ein bisschen Kopfweh.
- Fakt: Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Sie kann mit zahlreichen anderen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen und Geruchsempfindlichkeit einhergehen.
- Mythos: Migräneattacke? Dann nimm halt mal ne Aspirin.
- Fakt: Bei leichten Attacken können Schmerzmittel helfen. Viele Patienten benötigen jedoch spezielle Medikamente wie Triptane.
- Mythos: Migräne ist heilbar.
- Fakt: Migräne ist nicht heilbar, aber therapierbar.
Status migraenosus: Wenn die Migräne nicht aufhört
Eine der Eigenarten von Migräneattacken aus Sicht der Betroffenen ist, dass sie immer dann auftreten, wenn man sie gerade überhaupt nicht gebrauchen kann. So wenig vorhersehbar der individuelle Verlauf der Migräne ist, sie hält sich jedoch auch an Regeln: spätestens nach 72 Stunden ist die Migräne vorbei. Aber bedauerlicherweise gibt es auch von dieser Regel eine Ausnahme: den Status migraenosus. Mit diesem Begriff bezeichnet man Migräneattacken, die aus welchen Gründen auch immer länger als 72 Stunden anhalten.
Ursachen und Behandlung des Status migraenosus
Ein häufiger Auslöser von langen Migräneattacken sind die hormonellen Veränderungen zum Zeitpunkt der Menstruation. Beim menstruationsassoziiertem Status migraenosus handelt es sich um ein vorhersehbares Ereignis, das damit gezielten vorbeugenden Maßnahmen zugänglich ist. Tritt ein Status migraenosus unabhängig vom menstrualem Zeitfenster auf, so kommen grundsätzlich alle üblichen medikamentösen und nichtmedikamentösen Optionen zur Migränevorbeugung in Betracht. Eine weitere Option zur Vermeidung eines Status migraenosus ist die primäre Vermeidung von Wiederkehrkopfschmerzen.
Was tun, wenn die Medikamente nicht mehr wirken?
Daher gilt die generelle Empfehlung, ab dem vierten Tage einer Migräne auf Schmerzmittel und Triptane zu verzichten. Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, die schnellste Art aus dem Status migraenosus herauszukommen, ist in dieser keine Akutmedikation wie Schmerzmittel oder Triptane mehr einzunehmen, die man bereits vorher eingenommen hat. Zielführender sind Medikamente gegen Übelkeit. Ein weiterer Therapieansatz ist, die dem Migräneschmerz zugrundeliegende Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute durch Gabe von Prednisolon oder anderen Kortison-Zubereitungen zu blockieren und damit dem Schmerz die biologische Grundlage zu nehmen. Notwendig ist jedoch immer eine individuelle Beratung und Untersuchung. Der jeweilige verlauf und das Anfallsmuster müssen analysiert werden. Vorbeugende Maßnahmen müssen optimiert werden.
Chronische Migräne: Wenn die Kopfschmerzen zum Dauerzustand werden
Üblicherweise tritt Migräne in unregelmäßigen Abständen als anfallsartiger Kopfschmerz auf. Diese gut voneinander abgrenzbaren Kopfschmerzattacken werden auch Episoden genannt. Wird die Migräne immer häufiger und geht eine Migräneattacke nahezu ohne Pause in die nächste über, kann aus der Episodischen Migräne eine Chronische Migräne werden. Laut WHO ist eine schwere Migräne eine der am stärksten einschränkenden Erkrankungen. Bei einer chronischen Migräne bestehen seit 3 Monaten oder länger Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat, davon 8 oder mehr Tage mit Migräne.
Symptome der chronischen Migräne
- Wiederholte Kopfschmerzattacken, die unbehandelt 4-72 Stunden anhalten
- Meist nur eine Kopfseite betroffen, wobei der Schmerz die Seite wechseln kann
- Dumpfer, drückender Schmerz
- Bewegung verschlimmert den Schmerz, er wird stechend, pulsierend oder pochend
- Mittlere bis starke Schmerzintensität, die zu Beeinträchtigung im Alltag führt
- Übelkeit und/oder Erbrechen
- Lichtempfindlichkeit
- Geräusche wie Musik oder Straßenlärm werden unerträglich
- Geruch von z.B. Parfüm oder Blumenduft wird als störend empfunden
- Allgemeines Krankheitsgefühl
- Erhöhtes Ruhebedürfnis und der Wunsch, sich zurückzuziehen
- Appetitlosigkeit
Mögliche Vorboten und Auslöser
Es gibt bestimmte innere und äußere Einflussfaktoren, die eine Migräne-Attacke begünstigen können. Solch mögliche Auslöser, auch Trigger genannt, sind:
- Aufregung oder Stress
- Entspannungsphasen nach Stresssituationen
- Schlafmangel oder veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus
- Körperliche Anstrengung
- Nackenschmerzen
- Hormonelle Veränderungen
- Auslassen von Mahlzeiten
- Lebensmittel
- Wetterumschwünge und Klimawechsel
- Düfte und Gerüche
- Licht
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