Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, die im Kindes- und Jugendalter oft unterschätzt wird. Die Prävalenz von Migräne bei Kindern und Jugendlichen hat in den letzten Jahren zugenommen. Typisch für junge Menschen ist ein Mischtyp, bei dem sich Migräne und Spannungskopfschmerzen überschneiden. Eine frühe und korrekte Diagnose ist entscheidend, um eine rasche und angemessene Behandlung einzuleiten, den bestmöglichen Verlauf während der kindlichen Entwicklung zu unterstützen und der Gefahr von somatischen Belastungsstörungen und Chronifizierung vorzubeugen. Dabei sind ein bio-psycho-soziales Krankheitsverständnis, die Assoziation von Nackenmuskelverspannungen und Migräne sowie eine strukturierte, interdisziplinäre, multiprofessionelle und multimodale Therapie von besonderer Bedeutung.
Bedeutung der Apothekenberatung
Die Selbstmedikation von Kopfschmerzen ist bei betroffenen Patient:innen weit verbreitet. Daher kommt der Beratung in der Apotheke eine besondere Bedeutung zu. Etwa 90 Prozent der Menschen mit Kopfschmerzen leiden entweder unter Kopfschmerzen vom Spannungstyp (Spannungskopfschmerz), Migräne oder einem Kombinationskopfschmerz aus diesen beiden Formen. Diese Kopfschmerzen werden auch primäre Kopfschmerzen genannt.
Differenzierung von Kopfschmerztypen
Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp wird zwischen der episodischen und der chronischen Form unterschieden. Von chronischem Spannungskopfschmerz spricht man, wenn wenigstens an 15 Tagen/Monat Kopfschmerzen auftreten. Dieser Kopfschmerz ist üblicherweise drückend bis ziehend, in der Intensität leicht bis mäßig, beidseitig und verstärkt sich nicht bei körperlicher Aktivität.
Bei der Migräne handelt es sich um Kopfschmerzattacken mit einer Dauer von 4 - 72 Stunden. Der Schmerz ist bei etwa 70 % der Betroffenen einseitig, sein Charakter eher klopfend, pochend, pulsierend und seine Intensität mäßig bis stark, so dass übliche Alltagsaktivitäten erschwert oder unmöglich gemacht werden. Beim Treppensteigen oder bei üblicher körperlicher Aktivität wird der Schmerz meist verstärkt. Während des Kopfschmerzes treten Begleiterscheinungen wie Übelkeit und/oder Erbrechen sowie Geräusch-, Licht- und Geruchsempfindlichkeit auf.
Bei der Migräne mit Aura, an der etwa 15 % der Migränebetroffenen leiden, treten vor der Kopfschmerzattacke zusätzlich neurologische Symptome auf, die sich allmählich über 5 - 20 Minuten hin entwickeln und weniger als 60 Minuten anhalten. Kopfschmerz, Übelkeit und/oder Lichtempfindlichkeit schließen sich üblicherweise direkt an die neurologische Aurasymptomatik an oder folgen ihr nach einem freien Intervall von weniger als einer Stunde. Die Kopfschmerzphase kann in Einzelfällen auch vollständig fehlen.
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Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen
Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen stellen in der Migräne- und Kopfschmerztherapie ein ernstes Problem dar. Es handelt sich dabei um einen diffusen, dumpf-drückenden oder auch pulsierenden Dauerkopfschmerz, der sich durch die tägliche oder fast tägliche Einnahme von Migränemitteln oder Analgetika entwickeln kann. Besteht der Verdacht auf einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz, sollte den betroffenen Personen dringend ein Arztbesuch angeraten werden, um gegebenenfalls einen ambulanten oder stationären Entzug einzuleiten. Eine Umstellung auf andere Medikamente ist bei Vorliegen eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes erfahrungsgemäß erfolglos.
Therapieansätze bei Migräne
Die Migräne ist die häufigste Kopfschmerzform, die zum Arztbesuch führt. Neben den Kopfschmerzen können weitere Beschwerden und Symptome auftreten. Ihre Behandlung ist für die Lebensqualität der Betroffenen von großer Bedeutung. Es gibt eine Vielzahl an Medikamenten zur Behandlung von Migräneattacken und Vorbeugung der Migräne. Maßnahmen zur Entspannungsförderung und nicht-medikamentöse Ansätze sind weitere sinnvolle Behandlungsmaßnahmen.
Die Empfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) zur Selbstmedikation bei Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp berücksichtigen nur arzneiliche Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen nach Art und Dosierung, die in Deutschland nicht der ärztlichen Verschreibungspflicht unterliegen.
Nach derzeitigem Stand des Wissens ist davon auszugehen, dass Patient:innen mit primären Kopfschmerzen, die über einen längeren Zeitraum überhöhte Dosierungen von Kopfschmerz- und Migränemedikamenten einnehmen, ein höheres Risiko für die Entwicklung von Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch besitzen - unabhängig davon, ob es sich um Mono- oder Kombinationspräparate, um Analgetika, ergotaminhaltige Präparate oder Triptane handelt. Wichtiger als die Zusammensetzung der Präparate sind die Häufigkeit ihrer Einnahme und ihre Dosierung, also ihr bestimmungsgemäßer Gebrauch.
Vorbeugende Maßnahmen und Lebensstilmodifikation
Allen häufiger von Kopfschmerzen betroffenen Patient:innen sollte zu regelmäßigem Ausdauersport (z. B. Jogging, Radfahren) sowie dem Erlernen der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson geraten werden.
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Wenn Migräneanfälle immer wieder auftreten, suchen Kinder und ihre Eltern nach Möglichkeiten, ihnen vorzubeugen. Medikamente können auch Kindern und Jugendlichen helfen, die Beschwerden zu lindern.
Vor der Pubertät haben etwa 4 bis 5 von 100 Kindern Migräne. Mädchen und Jungen sind dabei gleich häufig betroffen. In der Pubertät tritt die Erkrankung häufiger auf, vor allem bei Mädchen. Insgesamt haben in Deutschland etwa 10 von 100 Jugendlichen Migräne. Bei manchen verschwinden die Anfälle nach der Pubertät, andere haben sie auch noch als Erwachsene.
Migräneattacken lassen sich wirksam mit Schmerzmitteln oder Migränemedikamenten behandeln. Einige dieser Mittel sind auch für Kinder und Jugendliche geeignet.
Häufige Migräneanfälle können sehr belastend sein. Ein Migräneanfall kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden. Diese herauszufinden und zu meiden, kann vielleicht manche Migräneanfälle verhindern. Einzelne Faktoren sind aber oft weniger wichtig: Meist kommen mehrere Umstände und Auslöser zusammen, wenn ein Kind zu Migräne neigt.
Als mögliche Auslöser gelten unter anderem Lärm und grelles Licht. Möglicherweise können auch bestimmte Lebensmittel und Getränke Beschwerden auslösen.
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Die Veränderung von Routinen und Gewohnheiten kann ebenfalls eine Rolle spielen - zum Beispiel durch Reisen und klimatische Veränderungen, Änderungen im Tagesablauf sowie durch unregelmäßige Mahlzeiten.
Einige Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass auch Schlafmangel und bestimmte Schlafgewohnheiten Migräne begünstigen können - und dass „bessere“ Schlafgewohnheiten möglicherweise vorbeugen helfen. Kinder und Jugendliche probieren am besten selbst oder zusammen mit ihren Eltern aus, worauf sie empfindlich reagieren.
Kopfschmerztagebuch
Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, mögliche Auslöser zu identifizieren und den Verlauf der Migräne zu dokumentieren. Folgende Informationen sollten notiert werden:
- Was in der Zeit vor einem Migräneanfall passiert ist
- Wann die Migräne anfing und wann sie wieder vorbei war
- Wie stark die Schmerzen waren
- Ob Medikamente genommen wurden und wenn ja, welche und wie viele
Wer auf einen möglichen Auslöser verzichtet, um zu testen, ob er die Migräne beeinflusst, kann dies ebenfalls im Tagebuch notieren. Es ist wichtig, das Kopfschmerz-Tagebuch über mehrere Wochen oder Monate sehr sorgfältig zu führen.
Stressbewältigung und Entspannungstechniken
Anspannung und Stress gelten als mögliche Auslöser von Migräneanfällen. Auch psychische Belastungen, etwa durch eine Trennung der Eltern, Probleme in der Schule oder einen Umzug und damit verbundene Veränderungen können Migräne begünstigen. Bei häufigem Stress kann es sich lohnen, ein Entspannungsverfahren zu erlernen, um besser damit zurechtzukommen. Dies hilft manchen Kindern und Jugendlichen auch, Anfällen vorzubeugen oder sie zumindest abzuschwächen. Für Heranwachsende, die auf Stress mit Kopfweh oder Migräne reagieren, ist es außerdem wichtig, allgemein auf ausreichend Pausen im Tagesablauf zu achten. Auch Bewegung und Sport können helfen, Stress abzubauen - vorausgesetzt, er macht Spaß und es besteht kein Leistungsdruck.
Es gibt unterschiedliche Entspannungsverfahren. Am weitesten verbreitet sind die sogenannte progressive Muskelentspannung (Muskelrelaxation) und das autogene Training. Beide Methoden müssen erlernt und geübt werden - entweder in einem Gruppenkurs oder mit einem Programm zum Selbstlernen. Bei der progressiven Muskelentspannung geht es darum, die einzelnen Muskelpartien des Körpers bewusst und wiederholt anzuspannen und wieder zu lösen. Auf diese Weise sollen sich Körper und Geist entspannen und beruhigen. Das autogene Training ist eine Technik, bei dem eine Art Selbst-Hypnose erreicht werden soll. In verschiedenen Übungen im Sitzen oder Liegen konzentriert man sich darauf, einzelne Körperteile zu spüren und sich intensiv in bestimmte Zustände wie Ruhe, Schwere, Wärme oder Kühle hineinzudenken.
Weitere Therapiemöglichkeiten
Verschiedene Methoden können einigen Kindern und Jugendlichen helfen, einem Migräneanfall vorzubeugen oder die Beschwerden zu lindern.
Die Biofeedback-Therapie soll helfen, bestimmte Vorgänge im eigenen Körper bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen. Während einer Sitzung werden Sensoren auf die Haut geklebt, die zum Beispiel die Hirnaktivität oder die Hauttemperatur messen. Die Messung wird auf einem Bildschirm sichtbar gemacht. Durch bewusste Konzentration ist es mit einiger Übung meist möglich, zum Beispiel die Hauttemperatur willentlich zu verändern. Die Messwerte zeigen, ob dies gelingt. Wer lernt, eigene Körperfunktionen zu steuern, soll auf diese Weise auch beginnende Kopfschmerzen besser kontrollieren können.
Die Verhaltenstherapie ist eine psychotherapeutische Behandlungsmethode. Sie vermittelt Methoden und Strategien, die dabei helfen sollen, Migräneanfällen vorzubeugen. Dahinter steht die Theorie, dass bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen zur Entstehung von Migräneanfällen beitragen. Dies können etwa ungünstige Schlafgewohnheiten oder Probleme beim Umgang mit Stress sein. Im Rahmen der Behandlung lernen Kinder zum Beispiel, wie sie sich von den Schmerzen oder der Angst davor ablenken können. Sie erfahren außerdem, wie ihre Gedanken und Gefühle die Migräne beeinflussen können. Dies kann ihnen helfen, die Symptome als weniger quälend zu erleben und besser damit zurechtzukommen.
Viele der beschriebenen Möglichkeiten zur Vorbeugung sind bislang nicht einzeln in wissenschaftlichen Studien mit Kindern und Jugendlichen erprobt worden. Allerdings gibt es mehrere Studien, in denen umfangreichere Behandlungspakete untersucht wurden. Die bislang größte Studie dieser Art fand in den USA statt. Daran nahmen 135 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren teil, die eine chronische Migräne hatten. Von chronischer Migräne spricht man bei Migränebeschwerden an mehr als 15 Tagen pro Monat.
In der Studie wurde untersucht, wie wirksam eine kognitive Verhaltenstherapie mit Biofeedback im Vergleich zu einer einfachen Schulung ist. Die Kinder und Jugendlichen lernten:
- Wie sich Verhalten und Gefühle auf Schmerzen auswirken
- Wie sie sich von Schmerzen ablenken können
- Wie sie ihre Aktivitäten so gestalten und anpassen, dass sie nicht zu einer Überforderung werden
- Wie sie schädliche (übertrieben negative) Gedanken erkennen und sie durch hilfreichere und gesündere ersetzen
- Wie sie sich mit Biofeedback entspannen können
An einigen Sitzungen nahmen auch die Eltern teil, um ihre Kinder bei der Umsetzung des Erlernten zu unterstützen.
Die Kinder und Jugendlichen, die nur eine einfache Schulung besuchten, lernten ebenfalls etwas über die Ursachen, möglichen Auslöser und die Behandlung einer Migräne. Sie erhielten aber keine Anleitungen, wie sie mit den Schmerzen besser zurechtkommen können. Zusätzlich zur kognitiven Verhaltenstherapie oder Schulung wurden alle Kinder in der Studie vorbeugend mit dem Medikament Amitriptylin behandelt. Das Mittel ist allerdings in Deutschland für Kinder nicht zugelassen.
Die Studie zeigte, dass die kognitive Verhaltenstherapie vielen Kindern und Jugendlichen dabei helfen kann, die Schmerzen besser zu bewältigen. Die Therapie konnte auch die Anzahl der Tage mit starken Migräneschmerzen senken: In den vier Wochen nach der Therapie erlebten die Kinder und Jugendlichen im Durchschnitt fünf Kopfschmerztage weniger als vorher.
Diese Studienergebnisse hat eine aktuellere Auswertung bestätigt: Demnach können kognitive Verhaltenstherapie, Biofeedback oder Entspannungstechniken die Häufigkeit und Stärke von Kopfschmerzen bei betroffenen Kindern und Jugendlichen etwas verringern.
Medikamentöse Prophylaxe
Eine medikamentöse Prophylaxe kann in Erwägung gezogen werden, wenn:
- Mehr als dreimal im Monat Migräneanfälle auftreten
- Die Anfälle besonders schmerzhaft oder lang anhaltend sind
- Medikamente zur akuten Migränebehandlung nicht ausreichend wirken oder zum Beispiel wegen Nebenwirkungen nicht infrage kommen
Die Entscheidung für eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten hängt aber auch von persönlichen Faktoren ab: Etwa davon, wie stark sich ein Kind von der Migräne beeinträchtigt fühlt oder ob es sich vorstellen kann, jeden Tag Medikamente einzunehmen.
Zur Migränevorbeugung werden Flunarizin und Propranolol eingesetzt. Sie sind für Erwachsene zur Vorbeugung von Migräneattacken zugelassen. Wenn Kinder mit Migräne diese Medikamente einnehmen, handelt es sich um einen sogenannten „Off-Label-Use“. Die Wirksamkeit von Flunarizin und Propranolol zur Vorbeugung von Migräne bei Heranwachsenden ist bislang nicht sicher belegt. Auch diese Medikamente haben verschiedene Nebenwirkungen: Propranolol kann Müdigkeit, Schwindel und Schlafstörungen auslösen und ist für Kinder mit Asthma nicht geeignet. Flunarizin kann zu Müdigkeit, Gewichtszunahme, Magen-Darm-Beschwerden und Stimmungsveränderungen führen.
Wer sich für eine medikamentöse Vorbeugung entscheidet, muss etwas Geduld haben: Meist lässt sich erst nach 2 bis 3 Monaten sagen, ob die Medikamente die Beschwerden verringern.
Zur Migränevorbeugung werden auch pflanzliche und Nahrungsergänzungsmittel wie Coenzym Q10, Mutterkraut, Vitamin B2 oder Pestwurz angeboten. Ob diese Mittel tatsächlich vor Migräne schützen, ist mangels aussagekräftiger Forschung jedoch unklar.
Für Erwachsene ist der Nutzen von Medikamenten zur Migränevorbeugung besser untersucht. Wenn ein Wirkstoff Erwachsenen hilft, bedeutet das aber nicht, dass er auch bei Kindern wirkt: Zum einen können Arzneimittel auf den Organismus eines Heranwachsenden anders wirken, zum anderen unterscheidet sich die Migräne bei Kindern von der bei Erwachsenen. Nicht zuletzt können geringere Dosierungen erforderlich sein.
Eine vorbeugende medikamentöse Behandlung kann helfen. Eine langfristige Wirksamkeit der Medikamente bei Kindern und Jugendlichen ist jedoch nicht nachgewiesen. Wenn ein Kind oder Jugendlicher vorbeugend Medikamente nimmt, ist es wichtig, die Anwendung alle paar Monate zu überprüfen.
Migräne bei Kindern: Besonderheiten in Diagnose und Therapie
Ca. 5% der Kinder leiden an Migräne bis zum 10. Lebensjahr. Häufig werden die Migräneattacken bei Kindern nicht zeitgerecht erkannt. Sie unterscheiden sich in vielen Aspekten von den Migräneanfällen von Erwachsenen. Schon das Konzept, dass Migräne eine Mädchenerkrankung ist, führt bei Jungen zu einer fehlenden oder verzögerten Diagnosestellung. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da bis zur Pubertät die Migräne mit höherer Wahrscheinlichkeit bei Jungen als bei Mädchen auftritt.
Während Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit bei Erwachsenen sehr typische Migränesymptome sind, können solche Begleitsymptome bei Kindern fehlen oder geringer ausgeprägt sein. Zudem sind sie auch nur sehr schwer in der Lage, Begriffe für solche Überempfindlichkeiten zu bilden und dies zu kommunizieren. Migräneattacken bei Kindern sind häufiger in stärkerem Ausmaß von Geruchsüberempfindlichkeit, Schwindel und Bauchschmerzen begleitet. Rund 70% der Kinder empfinden während der Migräneattacke sogenannte autonome Symptome. Solche Symptome werden im Erwachsenenalter mehr bei Clusterkopfschmerzen beschrieben. Im Kindesalter können sie auch bei Migräne beobachtet werden. Diese Symptome schließen Gesichtsschwitzen oder Gesichtsröte ein. Das Auge kann gerötet sein oder tränen. Die Nase kann laufen oder verstopft sein. Die Augenlider können angeschwollen sein und auch ein Augenlid kann eine Schwäche aufweisen.
Die Kopfschmerzphase von Kindern ist häufig kürzer als im Erwachsenenalter und kann auch weniger als 4 Stunden umfassen. Auch die Seitenlokalisation ist bei Kindern weniger ausgeprägt als wie im Erwachsenenalter. Währendem im Erwachsenenalter der Kopfschmerz oft einseitig auftreten kann, ist bei Kindern der Schmerz meist auf beiden Seiten lokalisiert. Schließlich gibt es im Kindesalter sogenannte Migränevarianten. Dabei handelt es sich um periodisch auftretende Symptome in der Kindheit. Dazu gehören die episodische Reiseübelkeit, periodische Schlafstörungen wie Schlafwandeln, Sprechen im Schlaf, Aufschrecken im Schlaf und Zähneknirschen. Prägnant sind auch das periodisch auftretende Erbrechen oder periodische Bauchschmerzen.
Die Kopfschmerzen während einer Migräneattacke laufen in 4 Phasen ab. In der Phase vor der Kopfschmerzattacke zeigen sowohl Kinder als auch Erwachsene Stimmungsveränderungen wie z.B. Reizbarkeit. Kinder zeigen zudem im höheren Ausmaß Blässe oder entwickeln dunkle Augenränder. Die Kinder berichten dabei auch häufiger Bauchschmerzen, Durchfall oder Verdauungsschwierigkeiten. Auch muskuläre Steifheit, Müdigkeit und Gähnen können auftreten. In der sogenannte Auraphase, können häufig Sehstörungen und andere neurologische Symptome auftreten. Kindern fällt es schwer, diese Veränderungen zu beschreiben. Daher können sie z.B. Zickzacklinien im Gesichtsfeld, Kribbelmissempfindungen, Schwindel oder Sprachstörungen nur sehr schwer kommunizieren. Während der Kopfschmerzphase sind die Kinder auch nur sehr schwer in der Lage, die Schmerzcharakteristika zu beschreiben. Auch hierzu fehlen ihnen noch die Vokabeln, um z.B. einen pulsierenden Schmerz in der Kommunikation mitzuteilen. Auch die Schwere der Schmerzen können sie nur schlecht in Worte fassen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, durch Beobachtung des Verhaltens und auch durch Wahrnehmung von Veränderungen des Effektes bei Kindern die Schmerzen zu erfassen. Kinder können z.B. den Beginn von Schmerzen nur schwer kommunizieren. Sie hören jedoch auf zu spielen oder zu essen, sie können weinen, gereizt sein oder auch Wutanfälle haben. Diese Veränderungen können nicht die Diagnose einer Migräne begründen. Sie sind jedoch Hinweise auf den Beginn und Ablauf einer Migräne. Nach Abklingen der Kopfschmerzen schließt sich die sogenannte Nachphase der Migräne an. Im Erwachsenenalter finden sich hier häufig Müdigkeit, Schwäche, Stimmungsänderungen, Schmerzen im Nacken, Konzentrationsschwierigkeiten oder Schwindel.
Allgemeine vorbeugende Maßnahmen für Kinder
Kinder, als auch Eltern sollten eine Beratung über Lebensstilfaktoren, die die Migräne verstärken können, sowie den Umgang mit Migräneauslösern erhalten. Alles zu Schnelle, alles zu Unregelmäßige, alles zu Plötzliche und alles zu Häufige sollten im Alltag vermieden werden. Gleichtakt und Regelmäßigkeit im Alltag ist das Prinzip. Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus sollte eingehalten werden. Die Einnahme von Mahlzeiten zu festen Zeiten ist ebenfalls wichtig. Insbesondere sollte auf ein ausreichendes kohlenhydratreiches Frühstück in Ruhe geachtet werden. Ausreichendes Trinken im Tagesablauf ist ebenfalls bedeutsam. Insbesondere sollten Kinder Zeit haben für Entspannung und Ruhe am Tag. Zur Vorbeugung können Kinder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson durchführen. Das Verfahren kann z.B. mit Hilfe der Migräne-App (kostenlos in den Appstores für IOS und Android) geübt werden. Lokales Kühlen mit einem Coolpack von Stirn und Schläfen, die Möglichkeit zum Rückzug und Schlaf reicht bei einem Teil der Kinder zur Therapie einer akuten Migräneattacke bereits aus. Dies stellt die Basistherapie dar.
Akuttherapie bei Kindern
Zur Behandlung von Migräneattacken bei Kindern wird in erster Linie Ibuprofen 10 mg/kg Körpergewicht empfohlen. Ab dem 12. Lebensjahr kann auch Acetylsalicylsäure in einer Dosierung von 500 mg eingesetzt werden. Besteht Übelkeit oder Erbrechen kann Domperidon ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden.
Zur Behandlung der Migräne bei Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr sind Sumatriptan 10 mg und Zolmitriptan 5 mg als Nasenspray zugelassen. Es liegen auch mittlerweile umfangreiche Daten vor, um bei nichtausreichendem Ansprechen auf die Akuttherapie mit Schmerzmitteln den Einsatz von Triptanen in Form von Sumatriptan 10 mg oder 20 mg als Nasenspray, Zolmitriptan 2,5 oder 5 mg in Tablettenform, Rizatriptan 5 oder 10 mg in Tablettenform und Almotriptan 12,5 mg in Tablettenform bei entsprechender Aufklärung auch vor dem 12. Lebensjahr zu rechtfertigen.
Sollten sich akute Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend wirksam behandeln lassen, kann auch die Therapie mit subkutan injiziertem Sumatriptan nach entsprechender Aufklärung nach den aktuellen Leitlinien erwogen werden.
Sowohl Kinder als auch deren Eltern sollten umfangreich über die Therapiemöglichkeiten der Migräneattacke informiert werden. Sie sollten auch auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen Einnahme des Akutmedikaments im Rahmen des Anfalls hingewiesen werden.
Aktualisierte Leitlinien zur Migränetherapie
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) haben die vollständig überarbeitete S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ publiziert. Die Neubearbeitung spiegelt die Dynamik der Kopfschmerzforschung wider und umfasst sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Optionen.
Für die Behandlung akuter Migräneattacken gelten Triptane weiterhin als Standard. Besonders wirksam sind Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan. Triptane sind jedoch bei Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzkrankheit, vorausgegangenem Myokardinfarkt, Schlaganfall, weiteren Gefäßerkrankungen oder unkontrollierter arterieller Hypertonie kontraindiziert. Für diese Gruppe stehen inzwischen sichere Alternativen bereit: Lasmiditan, ein Serotonin-1F-Rezeptoragonist ohne vasokonstriktive Wirkung, sowie Rimegepant, ein CGRP-Rezeptorantagonist. Rimegepant ist in Deutschland als erstes Gepant für die Akuttherapie zugelassen.
Für die Migräneprophylaxe stehen weiterhin bewährte Wirkstoffe wie Betablocker, Flunarizin, Amitriptylin und Topiramat zur Verfügung. Besonders dynamisch entwickelt hat sich jedoch das Feld der CGRP-gerichteten Therapien. Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor sind bei episodischer wie chronischer Migräne hochwirksam und besitzen zudem ein günstiges Verträglichkeitsprofil. Sie werden in monatlichen oder quartalsweisen Abständen appliziert. Seit Kurzem erweitern auch orale Gepante das prophylaktische Spektrum. Nach Einschätzung der Leitlinienautoren sollten beide Substanzgruppen aus pathophysiologischen Gründen allerdings nicht bei Patientinnen und Patienten mit vaskulären Risiken eingesetzt werden.
Die Leitlinie betont, dass eine optimale Migränetherapie aus einer Kombination pharmakologischer und nichtpharmakologischer Maßnahmen besteht. Evidenz liegt für die Remote Electrical Neuromodulation (REN) sowie die externe transkutane Stimulation des N. trigeminus im supraorbitalen Bereich vor. Von zentraler Bedeutung bleibt zudem die Lebensstilmodifikation. Regelmäßiger Ausdauersport, ergänzt durch Krafttraining, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung sowie Schlaf- und Ernährungshygiene, tragen wesentlich zur Prophylaxe bei. In der Praxis werden diese Basismaßnahmen jedoch häufig unzureichend umgesetzt.
Bedeutung von CGRP in der Migränebehandlung
In die aktualisierten Leitlinien zur Migränetherapie sind einige neue Medikamente und Verfahren aufgenommen worden. Dass es mittlerweile deutlich mehr medikamentöse Optionen gibt, liegt vor allem an dem Molekül CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide), das im menschlichen Nervensystem vorkommt und bei Migräneattacken vermehrt freigesetzt wird. Schon seit den 1990er-Jahren wird dazu geforscht - inzwischen stehen mehrere wirksame Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe bereit, die bei CGRP ansetzen. Dazu gehören auch monoklonale Antikörper, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden. Ganz neu ist die Substanz Atogepant, die direkt am CGRP-Rezeptor ansetzt und inzwischen für die Migräneprophylaxe zugelassen ist. Sie blockiert den Signalweg des Moleküls und kann so Migräneattacken abmildern.
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