Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das nicht nur Erwachsene betrifft. Auch Kinder und Jugendliche leiden zunehmend darunter. Migräne erweist sich als eine der Hauptursachen für gesundheitliche Einschränkungen bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) macht auf die zunehmende Problematik aufmerksam und fordert mehr Aufmerksamkeit für die medizinische Versorgung junger Menschen mit Kopfschmerzen.
Zunehmende Kopfschmerzen bei Jugendlichen
Kopfschmerzen sind für etwa 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ein häufiges Gesundheitsproblem. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche im Schulalter sind davon betroffen. Weltweit ist mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen von Kopfschmerzen betroffen, 9% leiden an Migräne. Bei 4 von 10 Migränebetroffenen manifestiert sich die Erkrankung bis zum 19. Lebensjahr. In Österreich sind laut einer Studie der MedUni Wien 76% der 10- bis 18-jährigen von Kopfschmerzen, 7% von definitiver Migräne und 18% von wahrscheinlicher Migräne betroffen. Dennoch erhalten die wenigsten eine ärztliche Diagnose und passende Therapie.
Prof. Dr. Gudrun Goßrau, Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Uniklinikum Dresden und Generalsekretärin der DMKG, betont: „Diese besorgniserregende Entwicklung kann ich auch aus meiner eigenen Praxis bestätigen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland viel zu wenige spezifische Therapieangebote für junge Kopfschmerzpatientinnen und -patienten.“
Auswirkungen von Migräne auf Lebensqualität und Zukunftsperspektiven
Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen haben Folgen für deren Lebensqualität und Zukunftsperspektiven. Besonders problematisch ist, dass unbehandelte Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter chronifizieren und sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen können. Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder leidet noch als Erwachsene an Kopfschmerzen.
Die Auswirkungen sind gravierend: Die Betroffenen beschreiben Beeinträchtigungen der schulischen Leistungen und der allgemeinen Schulfähigkeit, emotionale Belastungen sowie soziale Isolation im Alltag. Dies bestätigen auch Krankenkassendaten von mehr als 56.000 deutschen Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 Jahren. Sie zeigten für Jugendliche mit Migräne im Verlauf von 10 Jahren ein 2,1-fach höheres Risiko für stressbedingte, auch somatoforme Störungen und ein 1,6-fach höheres Risiko für Rückenschmerzen.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Maira, eine elfjährige Patientin im Kinderschmerzzentrum des Klinikums Stuttgart, berichtet: "Ich habe sie die ganze Zeit, schon seit drei Jahren". Laut Studien leiden 30 bis 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter wiederkehrenden Kopfschmerzen. Michael Schroth, Oberarzt im Kinderschmerzzentrum des Klinikums Stuttgart, erklärt: "Wir haben oft Fälle, dass Kinder jahrelang Kopfschmerzen haben mit hohen Schulfehlzeiten, wo sich dann auch die Noten verschlechtern, bis man die dann einer zielgerichteten Therapie zuführt."
Erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei Migräne-Patienten
Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Dresden bestätigte außerdem, dass Migräne auch Einfluss auf die Schmerzempfindlichkeit und Reizwahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen hat. Junge Patientinnen und Patienten mit Migräne hatten eine niedrigere Schmerzwahrnehmungsschwelle und damit eine höhere Schmerzempfindlichkeit als gesunde und als Kinder mit Kopfschmerzen vom Spannungstyp. Darüber hinaus zeigte sich eine gesteigerte Geruchsempfindlichkeit bei jungen Kopfschmerzbetroffenen.
Die Ergebnisse deuten auf eine erhöhte Gesamtsensibilität für verschiedene Sinnesreize bei Kindern und Jugendlichen mit primären Kopfschmerzen hin. „Die verstärkte Reizwahrnehmung kann den Alltag stark beeinträchtigen und möglicherweise zur Chronifizierung der Schmerzen beitragen“, erklärt Prof. Goßrau.
Ursachen und Auslöser von Kopfschmerzen bei Jugendlichen
Die Ursachen für Kopfschmerzen bei Kindern sind vielfältig. Soziale und emotionale Faktoren wie Stress, Schlafmangel, Bewegungsmangel oder schulischer Druck spielen eine Rolle. Auch der Medienkonsum spielt eine Rolle. Dabei gehe es um primäre Kopfschmerzen, die aus dem Gehirn heraus entstünden, so Oberarzt Schroth. Alle anderen organischen Ursachen würden vorher ausgeschlossen, sonst müsse die Behandlung eine andere sein.
Dr. Petra Bittigau, Fachärztin und stellvertretende Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neurologie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, sagt: „Kinder und Jugendliche werden heutzutage anders gefordert.“ Sie betont, dass vor allem die veränderten Freizeitaktivitäten - zu denen der übermäßige und stundenlange Medienkonsum zähle, dazu beitragen, dass Kinder zunehmend an Kopfschmerzen leiden würden.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Um möglichen Auslösern auf die Schliche zu kommen, ist ein Migräne-Tagebuch empfehlenswert. „Ein sorgfältig geführtes Migräne-Tagebuch über Wochen oder Monate hilft, Auslöser zu erkennen und wirksame Gegenmaßnahmen zu finden.
Diagnose und Differenzialdiagnose
Kopfschmerzen werden in zwei große Gruppen eingeteilt. Man spricht von primären Kopfschmerzen, wenn keine andere Erkrankung zugrunde liegt. Dazu gehören zum Beispiel Migräne, Spannungs- und Clusterkopfschmerzen. Sekundäre Kopfschmerzen treten infolge von Kopfverletzungen auf, Schädigungen von Gesichtsnerven oder der Halswirbelsäule, Gehirntumoren, Erkrankungen der Sinnesorgane, der Nasennebenhöhlen oder viralen Infektionen.
Abzugrenzen sind symptomatische Kopfschmerzen insbesondere, wenn sie nachts, erst seit kurzer Zeit, mit zunehmender Intensität oder streng einseitig auftreten, außerdem wenn es zu neurologischen Ausfällen kommt. In diesen Fällen ist ein bildgebendes Verfahren indiziert. Außerdem sollten im Vorfeld Sehfehler und eine chronische Sinusitis ausgeschlossen werden. Eine gnathologische Parafunktion sollte ebenso wenig übersehen werden wie eine Atlasblockierung bei streng einseitigem und therapieresistentem Kopfschmerz.
Oft gelingt erst durch das Führen eines Kopfschmerztagebuchs eine eindeutigere Diagnosestellung.
Therapieansätze bei Migräne
Die Therapie sollte eingebettet sein in ein Gesamtkonzept, das ein verhaltensmedizinisches Setting, aber auch ausgewogene triggerarme Kost in Anlehnung an traditionelle chinesische Vorgaben berücksichtigt.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Akuttherapie
Bei der Behandlung von Migränen geht es zunächst einmal darum, die Schmerzen akut zu beheben. „Ein Kind sollte keinesfalls leiden“, unterstreicht Dr. Bittigau. „Man benötigt eine ausreichende Dosis, um die Schmerzen erfolgreich zu bekämpfen.“ Dabei habe sich bei leichten bis mäßig starken Schmerzen der Wirkstoff Ibuprofen am besten bewährt. Paracetamol werde ebenfalls angewendet. Bei starken Schmerzen verabreiche man die Substanz Metamizol. Die Dosierung hängt vom Körpergewicht des Kindes ab. Als Faustregel gilt: Zehn Milligramm Wirkstoff pro Kilogramm Körpergewicht. „Es ist wichtig, das Medikament rechtzeitig zu nehmen“, sagt die Expertin der Charité.
Für Kinder ab einem Alter von 12 Jahren sind Triptane zugelassen, hochwirksame Substanzen, die nur bei Migräne eingesetzt werden. Sie verengen die Blutgefäße im Gehirn und hemmen die Freisetzung der Schmerzbotenstoffe.
Wichtig ist, die Medikamente gegen Kopfschmerzen nicht länger als 15 Tage im Monat zu nehmen. Denn umgekehrt können Schmerzmittel zu dauerhaften Kopfschmerzen führen, in der Fachsprache „Medication Overuse Headache“, kurz MOH oder medikamenteninduzierte Kopfschmerzen genannt.
Präventive Maßnahmen
Leiden Kinder und Jugendliche an mehr als vier schweren Kopfschmerz-Attacken im Monat, können verschiedene Methoden - entweder mit Medikamenten oder nichtmedikamentöse Verfahren - helfen, einem Migräne-Anfall vorzubeugen oder die Beschwerden zu lindern.
Manchmal werden in niedriger Dosierung sogenannte Beta-Blocker als Off-Label-Use eingesetzt. Sie hemmen die Wirkung von Stresshormonen wie Adrenalin und Noradrenalin. Der antidepressiv wirkende Arzneistoff Amitriptylin - obwohl vom Gemeinsamen Bundesausschuss nicht empfohlen - wird in Deutschland auch vereinzelt und mit Erfolg zur Behandlung als Off-Label eingesetzt.
Daneben können Entspannungsverfahren wie etwa die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson, Yoga für Kinder, Selbstachtsamkeits-Training oder Schulungen im Umgang mit den Kopfschmerzen helfen. In Online-Selbsthilfegruppen für Kinder und Jugendliche können sich die Betroffenen austauschen und gegenseitig unterstützen. „Kinder müssen lernen, im Alltag mit den Kopfschmerzen umzugehen“, betont die Fachärztin Dr. Bittigau.
Multimodale Therapie
Oberarzt Schroth erklärt das Konzept des interdisziplinären Ansatzes: "Unsere Schmerztherapie ist interdisziplinär. Das wöchentliche Tanzen in der Sporttherapie sei nur ein Baustein: Bewegung spiele insgesamt eine zentrale Rolle. "Wir wissen, dass Sport bei chronischen Schmerzen sehr gut hilft", ergänzt Schroth. Außerdem werden die Kinder hier am Klinikum Stuttgart unterrichtet.
Die erfolgreichen verhaltensmedizinischen Verfahren bei Jugend-Kopfschmerzen sind:
- Entspannungsverfahren (vor allem progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR), Fantasiereisen)
- Biofeedbackverfahren (Hauterwärmungstraining, Vasokonstriktionstraining, EMG-Feedback).
- Verhaltensmedizinische „Multikomponentenprogramme“, die neben den letztgenannten Therapieansätzen das Erlernen von Stress- und Schmerzbewältigung und das Reizverarbeitungstraining in den Mittelpunkt der Behandlung stellen.
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Gestützt auf Erfahrungen bei Erwachsenen lässt sich ein pragmatisches meridian- und konstitutionsbezogenes Konzept auch für das Kindes- und Jugendalter ableiten.
Akute Kopfschmerzen sprechen gut auf (Laser-)Punktur von Ex-KH 5 an (Taiyang; Vorderrand des M. temporalis in Augenspalthöhe). Ähnlich wirksam ist die Zone A der Neuen Schädelakupunktur nach Yamamoto (YNSA).
Die kurative Nadelakupunktur wird insbesondere an dem spasmolytisch wirksamen Punkt Le 3 (im ersten Metatarsalraum) durchgeführt. Ma 36 (lateral der Tuberositas tibiae) dient zur Tonisierung bei gastrointestinaler Symptomatik. Eine ähnliche Wirksamkeit entfaltet Di 4 (M. adductor pollicis), zugleich allgemein analgetisch und als Fernpunkt für die frontale Kopfregion.
Allgemein ausgleichend und beruhigend wirkt sich auch Du (LG) 20 aus (höchster medianer Schädelpunkt). Gb 20 (retromastoidal) dämpft lokoregional die aufsteigende (Leber-Yang-)Symptomatik in Form von Kopfschmerzen und Hitzegefühl am Kopf.
Chinesische Ernährungstherapie
Die chinesische Diätetik kommt bei kindlichen Kopfschmerzen in erster Linie zur konstitutionellen Stabilisierung in Betracht. Insbesondere sollte auf schleimbildende Süßigkeiten, Trinkmilch, Quark, Farb- und Konservierungsstoffe sowie schmerztriggernde Geschmacksverstärker wie Glutamat und Emulgatoren wie Carrageen (E407) verzichtet werden, da sie die Kohlenhydratverdauung („Milz“) belasten. Gemüse und Obst sind hingegen ohne Einschränkung zugelassen.
DMKG fordert mehr Forschung und Behandlungsmöglichkeiten
Die DMKG nimmt den Kopfschmerztag zum Anlass, das Bewusstsein für die zunehmende Problematik von Migräne und Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen zu schärfen. „Kopfschmerzen bei Kindern sind eine ernst zu nehmende Erkrankung, werden aber oft nicht so wahrgenommen. Diagnostik und Therapie werden nicht konsequent verfolgt, passende Behandlungsmöglichkeiten sind zu wenig vorhanden“, beklagt Prof. Goßrau.
Sie betont die Bedeutung einer frühzeitigen adäquaten Behandlung sowie einer verbesserten Aufklärung von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und medizinischem Personal. Zudem müsse die Forschung zu kinder- und jugendspezifischen Therapieansätzen intensiviert und multimodale Behandlungsansätze wie z. B. das Dresdner Kinderkopfschmerz-Programm (DreKiP) müssten in Deutschland flächendeckend angeboten werden. „Kinder und Jugendliche sind die Zukunft unserer Gesellschaft.
tags: #migrane #jugendliche #soziale #komponente