Migräne ist nicht nur ein Problem von Erwachsenen. Rund fünf bis 15 Prozent der Kinder und Teenager leiden darunter. Die Migräne bei Kindern kann sich von der bei Erwachsenen unterscheiden und wird daher oft spät erkannt. Es ist wichtig, die Symptome und Phasen der Migräne bei Kindern zu verstehen, um ihnen die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen.
Migräne im Kindesalter: Ein wachsendes Problem
Immer häufiger leiden auch Kinder und Jugendliche unter Kopfschmerzen. Studien zeigen, dass etwa 40 Prozent der Schüler mindestens einmal wöchentlich über Kopfschmerzen klagen. Wissenschaftler schätzen die Kopfschmerzprävalenz bei Schulkindern allgemein auf bis zu 60 Prozent; bezogen auf Migräne gehen sie von etwa 8 bis 10 Prozent aus. Mädchen sind fünf Mal häufiger von Kopfschmerzen insgesamt und sogar sieben Mal häufiger von Migräne betroffen.
Der Arztreport der Barmer zeigte, dass in der Gruppe der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 27 Jahren die Diagnosen Migräne und Spannungskopfschmerz im Zeitraum von 2005 bis 2015 um 50 Prozent zugenommen haben. Bei Kindern zwischen drei und zwölf Jahren ist die Kopfschmerz-Diagnoseprävalenz laut dem Report gesunken. Die Gründe für den Anstieg bei jungen Erwachsenen sind den Wissenschaftlern unbekannt, aber es gibt Vermutungen, dass der höhere Druck und die Erwartungshaltung an junge Menschen eine Rolle spielen.
Ursachen und Auslöser von Migräne bei Kindern
Kopfschmerzarten wie die Migräne sind oft genetisch bedingt und in einigen Familien besonders häufig. Es sind heute 12 Risikogene für die Migräne bekannt. Diese führen zu einer Verstärkung und Freisetzung der besprochenen Botenstoffe im Nervensystem. Damit es zu einer Attacke kommt, ist neben der Veranlagung ein Auslöser erforderlich. Wenn ein entsprechender Trigger vorhanden ist, muss aber nicht zwangsläufig Kopfschmerz folgen. Ausschlaggebend ist die momentane Vulnerabilität des zentralen Nervensystems.
Mögliche Auslöser für Migräne bei Kindern sind:
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- Stress, sowohl schulischer als auch privater Natur
- Schlafstörungen
- Unregelmäßige Mahlzeiten
- Bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte)
- Flüssigkeitsmangel
- Hormonelle Veränderungen (insbesondere bei Mädchen während der Menstruation)
- Reizüberflutung durch Medienkonsum
Symptome von Migräne bei Kindern
Die Symptome der Migräne können bei Kindern anders sein als bei Erwachsenen. Während Erwachsene oft einen einseitigen, pulsierenden Kopfschmerz verspüren, ist der Kopfschmerz bei Kindern oft beidseitig und kann auch im Stirnbereich auftreten. Die Schmerzen können pochend, stechend oder pulsierend sein. Durch Bewegung und Aktivität wird der Schmerz schlimmer.
Weitere Symptome, die bei Kindern auftreten können, sind:
- Übelkeit und Erbrechen
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
- Geruchsempfindlichkeit
- Blässe
- Müdigkeit
- Schwindel
- Bauchschmerzen
- Appetitlosigkeit oder Heißhunger
- Dunkle Augenränder
- Veränderungen der Stimmung (z.B. Reizbarkeit, Depressivität)
Eine Besonderheit der kindlichen Migräne ist die kürzere Attackendauer. Häufig wird Migränekopfschmerz von vegetativ autonomen Symptomen wie Tachykardie, Blässe, Durst, Appetit oder Appetitlosigkeit, Harndrang, Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Apathie, Ausfluss aus der Nase, Tränenfluss oder Diarrhö begleitet.
Bei Kleinkindern kann bei einer Migräneattacke das Alice-im-Wunderland-Syndrom auftreten. Als Alice-im-Wunderland-Syndrom bezeichnet man eine verzerrte, für Kinder oft angstmachende und irritierende Wahrnehmung der Umgebung. Dinge und Körper erscheinen plötzlich im Verhältnis zu sich selbst und dem Raum zu groß oder zu klein oder bewegen sich auf unnormale Weise. Es werden auch Gefühlsstörungen in Händen und Armen, Sprachstörungen, Störungen der taktilen Wahrnehmung sowie visuelle Störungen, etwa Flimmersehen oder Lichtblitze vor den Augen, beschrieben. Begleitend können Kopf- und Bauchschmerzen oder Übelkeit auftreten.
Es ist wichtig zu beachten, dass Migräne bei Kindern nicht erst beim Symptom Kopfschmerzen beginnt. Auch Beschwerden wie Koliken im Säuglingsalter, kindliche Reisekrankheit, paroxysmaler Schwindel oder die sogenannte abdominelle Migräne, die sich nur mit Magen-Darm-Beschwerden äußert, zählen zum Formenkreis Migräne. Kinder mit diesen auch als Migräne-Vorstufe oder Migräne-Äquivalent bezeichneten Störungen weisen in der Symptomatik vorerst keine Kopfschmerzen auf.
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Die Phasen der Migräne bei Kindern
Experten unterscheiden beim Migräne-Verlauf fünf Phasen:
- Prodromalphase (Vorboten): Etwa 30 Prozent der Patienten spüren vor einem Migräneanfall unterschiedliche Anzeichen. Typisch ist, dass die Frühphase bei Migräne ohne Aura vor dem Beginn der Schmerzen einsetzt. Dauer: unterschiedlich, die Phase beginnt maximal 2 Tage, manchmal aber auch nur einige Stunden vor dem Migräneanfall. Typische Symptome sind Stimmungsveränderungen, Reizbarkeit, Müdigkeit, Heißhunger oder Appetitlosigkeit.
- Auraphase: Diese Phase des Migräne-Verlaufs erleben 10 bis 15 Prozent der Betroffenen. Sie klagen über Sehstörungen wie helle Flecke, Lichtblitze und manchmal kurzzeitigen Sehkraftverlust. Weitere Symptome sind Kribbeln bzw. Manche Patienten haben außerdem Gleichgewichtsstörungen und Sprachprobleme (zum Beispiel Schwierigkeiten, die richtigen Wort zu finden). Die Auraphase sollte von einem Arzt abgeklärt werden, um andere Ursachen auszuschließen.
- Kopfschmerzphase (Attacke): Sie ist das, was die meisten Menschen unter Migräne verstehen. Der Schmerz ist pochend, stechend oder pulsierend. Die Betroffenen sind licht- und geräuschempfindlich, manchmal können sie auch Gerüche oder Berührungen nicht ertragen. Hinzu kommen oft Übelkeit und Erbrechen.
- Auflösungsphase: Das Schlimmste ist überstanden. Die Symptome sind zwar noch da, werden aber weniger intensiv. Die Kopfschmerzen sind nicht mehr pulsierend, sondern eher gleichbleibend. Patienten sind oft sehr müde. Die Übelkeit und die Empfindlichkeit z.B. gegen Licht werden weniger, sind aber noch nicht verschwunden. Diese Phase beginnt in der Regel 3 Tage nach Beginn der Attacke und geht in die Erholungsphase über.
- Erholungsphase (Postdrom): Die Patienten sind angeschlagen und fühlen sich wie nach einem Kater. Die Symptome ähneln denen der Prodromalphase. Sie brauchen jetzt viel Ruhe.
Nicht jeder Patient durchläuft alle diese Phasen. Deshalb ist es schwierig, eine genaue Angabe über die Migräne-Dauer zu geben. Meist halten die Beschwerden der Migräne mehrere Tage an. Von den Vorboten bis zur Erholungsphase kann die Migräne-Dauer eine Woche betragen. Die Attacke ist oft schon nach zwei Stunden vorüber, nur gelegentlich gibt es Schübe von 48 Stunden.
Diagnose von Migräne bei Kindern
Die Diagnose von Migräne bei Kindern kann erschwert sein, da vor allem die Kleinen noch keine klaren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten etwa für Migräneattacken haben. Eine ärztliche Abklärung ist erforderlich, wenn bei einem Kind Aura-Symptome ohne migränetypische Kopfschmerzen auftreten. Klagen Kinder und Jugendliche über Kopfschmerzen, lassen sich Bagatelle und Notfall oft schwer unterscheiden.
Für die Diagnose und das Aufspüren von Triggerfaktoren kann ein Kopfschmerztagebuch hilfreich sein. In dem Tagebuch hält der Nachwuchs oder seine Eltern fest, wann die Beschwerden in welchem Schweregrad auftreten, wie lange sie anhalten und welche Ereignisse ihnen vorausgegangen sind.
Behandlung von Migräne bei Kindern
Die Behandlung von Migräne bei Kindern zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität des Kindes zu verbessern. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus:
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- Akutbehandlung: Medikamente zur Linderung der Schmerzen während einer Attacke
- Vorbeugende Behandlung: Maßnahmen zur Reduzierung der Häufigkeit von Migräneattacken
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Lebensstiländerungen und Entspannungstechniken
Akutbehandlung
Bei akuten Beschwerden sind oft Arzneimittel angezeigt. Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol eingesetzt werden. Die Medikamente sollten gleich ausreichend hoch dosiert werden, um die Schmerzen schnell und effektiv zu bekämpfen. Acetylsalicylsäure (ASS) ist für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet, weil der Wirkstoff bei ihnen in Einzelfällen gefährliche Gesundheitskomplikationen auslösen kann.
Jugendliche ab zwölf Jahren können bei Migräne auch Sumatriptan oder Zolmitriptan als Nasenspray einsetzen. Das Apothekenteam sollte darauf hinweisen, dass Kinder Arzneimittel, vor allem Triptane, nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt anwenden sollten. Keinesfalls sollten Eltern dem Nachwuchs ihr eigenes Migränemedikament geben.
Um Erbrechen zu vermeiden bzw. Domperidon-Tropfen geeignet.
Es ist wichtig, mit den Kindern genau zu schauen, wie sich Attacken zeigen, und vor allem, wie sie beginnen. Oft kündigen Symptome wie Blassheit, Stimmungsschwankungen oder Heißhunger einen Migräne-Schub an.
Vorbeugende Behandlung
Eine medikamentöse Prophylaxe ist erforderlich, wenn die Migräneattacken sehr häufig auftreten, der Leidensdruck hoch ist oder die Akutmedikamente nicht ausreichend wirken. Als wirksam gelten heute Propranolol und Metoprolol.
Bei dem Calcium-Antagonisten ist das Nebenwirkungsprofil zu beachten. Ziel der Prophylaxe ist es, die Attackenstärke und -häufigkeit soweit zu reduzieren, dass das Kind seinen Alltag mitsamt Schulbesuch wieder bewältigen kann.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Klagen die Kindern nur über leichtes Unwohlsein, können Eltern es zunächst mit nicht-medikamentösen Maßnahmen versuchen. Zu empfehlen ist, das Kind in einen abgedunkelten Raum zu bringen und es von Reizen abzuschirmen. Ein kalter Waschlappen zur Kühlung auf die Stirn gelegt, kann angenehm sein. Auch einige Tropfen Pfefferminzöl an Schläfe, Scheitel und Nacken tun gut. Dabei sollten sich die Eltern zunächst vergewissern, dass ihr Nachwuchs den Geruch des Öls als angenehm empfindet. Wenn das Kind mag, kann es ein Glas kaltes Wasser trinken.
Wichtige nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Vorbeugung von Migräne bei Kindern sind:
- Regelmäßige Nahrungsaufnahme und ausreichendes Nahrungsangebot
- Individuelles "Gewusst-Wie" bei Anstrengung und Stress
- Regelmäßige Schlafenszeiten
- Kluger, nicht einfach konsumierender Umgang mit Medien
- Vermeiden von identifizierten Auslösern
- Ausgewogener Tagesablauf
- Ausreichend Ruhepausen
- Regelmäßige sportliche Betätigung
- Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Fantasiereisen
Wann ist eine Behandlung in speziellen Zentren sinnvoll?
Nicht alle Kinder mit Migräne oder Verdacht darauf müssen in speziellen Zentren behandelt werden. Eine Migräne, die gut mit Medikamenten zu kontrollieren, also zu unterbrechen ist, nur selten auftritt und das Kind nicht in seiner Teilhabe am ganz normalen Leben hindert, kann in der Regel sehr gut von niedergelassenen Kinderärztinnen oder -ärzten versorgt werden. Anders sei es, wenn sich das Leiden sehr häufig zeige und Medikamente wie Ibuprofen nicht mehr ausreichten. In der Regel genügt dann ein halbes Jahr, in dem wir mit den Kindern und Familien ambulant arbeiten. Dies geschieht immer im engen Austausch mit den Kinderarztpraxen. Dort könne dann die Versorgung im Anschluss wieder fortgeführt werden.
Migräne-Tagebuch für Kinder
Für die Diagnose und das Aufspüren von Triggerfaktoren kann ein Kopfschmerztagebuch hilfreich sein. Eine Vorlage extra für Kinder stellt zum Beispiel die Stiftung Kopfschmerz zur Verfügung. In dem Tagebuch hält der Nachwuchs oder seine Eltern fest, wann die Beschwerden in welchem Schweregrad auftreten, wie lange sie anhalten und welche Ereignisse ihnen vorausgegangen sind.