Einführung
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich hauptsächlich durch anfallsartige Kopfschmerzen äußert. Diese können von zusätzlichen Symptomen begleitet sein. Manchmal treten jedoch Migräneattacken ohne Kopfschmerzen auf, was als isolierte Aura bezeichnet wird. Diese isolierten Auren können sich in verschiedenen neurologischen Symptomen äußern, einschließlich Missempfindungen im Gesicht.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzerkrankungen. Sie zählt zu den primären Kopfschmerzen. Im Gegensatz zu sekundären Kopfschmerzen, die durch andere Erkrankungen verursacht werden, treten Migräneattacken meist im Alter zwischen 20 und 50 Jahren auf, beginnen aber oft schon im Jugendalter.
Migräne mit und ohne Aura
Die häufigste Form ist die Migräne ohne Aura. Bei etwa 20 Prozent der Migräniker tritt vor einer Attacke eine Aura auf, die sich durch neurologische Erscheinungen oder Ausfallerscheinungen äußert. Diese Aura kann zwischen 5 und 60 Minuten dauern.
Isolierte Auren: Migräne ohne Kopfschmerzen
Eine kleine Gruppe von Patienten entwickelt Auren ohne nachfolgende Kopfschmerzen. Diese isolierten Auren wurden früher auch als Migraine-sans-migraine bezeichnet. Etwa 10 Prozent der Migräniker mit Aura entwickeln von Zeit zu Zeit solche isolierten Auren. Es kommt selten vor, dass Betroffene ausschließlich isolierte Auren entwickeln.
Symptome isolierter Auren
Die Symptome einer Aura können vielfältig sein. Am häufigsten treten visuelle Symptome auf, wie:
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- Flackernde Lichtpunkte
- Zickzack-Linien
- Flimmern
- Verzerrtes Sehen
- Doppelbilder
- Sehausfälle
Es können aber auch sensorische Erscheinungen wie Taubheitsgefühl, Kribbeln, Gesichtsschmerzen oder reversible Lähmungen auftreten.
Pathophysiologie: Wie entstehen isolierte Auren?
Wie Aura und Kopfschmerzen pathophysiologisch zusammenhängen, ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass beide auf demselben Pathomechanismus beruhen, nämlich der Übererregbarkeit der Zellen der Hirnrinde.
Cortical Spreading Depression
Die Zellen setzen verstärkt Kaliumionen in den Zellularraum frei, was den Ionenhaushalt stört. Dies führt zu einer Depolarisation, die sich über die Hirnrinde ausbreitet. Diese Welle von Hyperaktivität, die als Cortical Spreading Depression (CSD) bezeichnet wird, zieht über den Cortex, insbesondere über das Sehzentrum, und löst die genannten visuellen Symptome aus. Der Aktivitätswelle folgt eine Inhibitionswelle.
Beteiligung des Trigeminusnervs
Erreicht die Depolarisationswelle den Trigeminusnerv, wird dieser aktiviert. Dieser Gesichtsnerv ist für das Übermitteln von Schmerzsignalen verantwortlich. Eine Aktivierung führt dann zum Empfinden von Kopfschmerzen. Die Schwelle, wann trigeminale Fasern aktiviert werden, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich hoch. Bei Personen mit einer hohen Schwelle werden die trigeminalen Fasern nicht aktiviert, und der Kopfschmerz bleibt aus. Dies ist bei Personen mit isolierten Auren der Fall. Bei einer niedrigen Schwelle springt die Aktivität auch auf den Trigeminusnerv über, und die charakteristischen Migränekopfschmerzen entstehen.
Ursachen von Missempfindungen im Gesicht bei Migräne
Missempfindungen im Gesicht im Rahmen einer Migräne können verschiedene Ursachen haben:
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- Aktivierung des Trigeminusnervs: Wie bereits erwähnt, kann die Aktivierung des Trigeminusnervs durch die Cortical Spreading Depression zu Gesichtsschmerzen und Missempfindungen führen.
- Faziale Migräne: In seltenen Fällen tritt die Migräne als sogenannte faziale Migräne auf, bei der der Schmerz im Gesichtsbereich lokalisiert ist. Patienten können hierbei weitere Migränesymptome wie Übelkeit oder Lichtscheu bemerken.
- Hemiplegische Migräne: Diese seltene Form der Migräne ist durch motorische Ausfälle in Kombination mit mindestens einem weiteren Aura-Symptom gekennzeichnet. Lähmungen eines oder mehrerer Gliedmaßen zusammen mit Lichtblitzen sind Beispiele für einen Anfall der hemiplegischen Migräne. Auch sensible Störungen wie Taubheitsgefühle oder Kribbel-Missempfindungen können auftreten.
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, isolierte Auren korrekt als Migräne zu diagnostizieren, da die charakteristischen Kopfschmerzen fehlen. Viele Patienten, aber auch Hausärzte, sind verunsichert und denken an einen Schlaganfall. Je nach vorherrschenden Symptomen der Aura kann eine Migraine-sans-migraine auch mit anderen Erkrankungen verwechselt werden, wie zum Beispiel:
- Wiederkehrende Hypoglykämien
- Morbus Menière (einer durch Schwindelattacken gekennzeichneten Erkrankung des Innenohrs)
- Fibromyalgie
- Neurologische Störungen
Behandlung von isolierten Auren
Die Möglichkeiten der Behandlung von isolierten Auren sind gering. Als Therapieversuch könnte Ketaminspray eingesetzt werden, das aber für diese Indikation nicht zugelassen ist.
Akutbehandlung von Migräneattacken
Die Akutbehandlung von Migräneattacken zielt darauf ab, die Schmerzen und Begleitsymptome zu lindern. Bei leichten bis mittelschweren Attacken können klassische Analgetika wie Ibuprofen oder ASS eingesetzt werden. Bei mittelschweren bis schweren Migräneattacken werden oft Triptane eingesetzt, die spezifisch auf die Attacken wirken und Symptome wie Schmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit reduzieren können.
Prophylaktische Maßnahmen
Bei häufigen Migräneattacken kann eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll sein. Dazu gehören Betablocker, Flunarizin, Valproat, Topiramat, Propranolol und Metoprolol. Auch ein Triggermanagement kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen. Dabei werden individuelle Triggerfaktoren identifiziert und vermieden oder reduziert.
Was Sie selbst tun können
- Beobachten Sie Ihre Kopfschmerzen und individuellen Triggerfaktoren, um Migräneattacken vorzubeugen. Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch, um Symptome und Auslöser zu dokumentieren.
- Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Vermeiden Sie Stress, Alkohol und Flüssigkeitsmangel.
- Essen Sie regelmäßig.
- Planen Sie bewusste Pausen ein.
- Sorgen Sie für ausreichend Bewegung und Entspannung.
Gesichtsschmerzen als Migräne-Symptom
Es ist wichtig zu beachten, dass Gesichtsschmerzen auch als isoliertes Symptom einer Migräne auftreten können, insbesondere bei der fazialen Migräne. In solchen Fällen ist es wichtig, andere mögliche Ursachen für Gesichtsschmerzen auszuschließen, wie zum Beispiel:
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- Trigeminusneuralgie: Diese Erkrankung verursacht blitzartige, sehr heftige, kurze Schmerzattacken im Gesicht.
- Clusterkopfschmerz: Auch Clusterkopfschmerzen können sich als reiner Gesichtsschmerz bemerkbar machen.
- Zahn- oder Kieferprobleme: Entzündungen oder andere Probleme im Bereich der Zähne oder des Kiefers können ebenfalls Gesichtsschmerzen verursachen.
- Psychosomatische Ursachen: Chronische Gesichtsschmerzen können auch psychosomatische Ursachen haben.
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