Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Tatsächlich handelt es sich um eine neurologische Erkrankung mit ganz eigenen Symptomen und Ursachen. Bei vielen Migränepatienten treten Begleiterkrankungen auf, sogenannte Komorbiditäten. Eine besonders häufige und belastende Komorbidität ist die Depression. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Migräne mit Aura und Depressionen, ihre Ursachen und verschiedene Behandlungsansätze.
Migräne: Eine neurologische Erkrankung
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich in der Regel mit anfallsartigen Kopfschmerzen äußert und mehr Frauen als Männer betrifft. Die Symptome können vielfältig sein, typisch sind jedoch heftige, einseitige, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie Übelkeit bis hin zu Erbrechen.
Migräne mit Aura
Bis zu 20 % der Migränepatienten erleben eine sogenannte Migräne mit Aura. Hierbei kündigt sich die Migräneattacke durch neurologische Symptome an, wie z.B. Sehstörungen (Lichtblitze, Doppelbilder), Taubheit, Kribbeln im Gesicht, Sprachstörungen, Schwindel oder Schwierigkeiten beim Gehen. Die Aura-Symptome dauern typischerweise zwischen 5 und 60 Minuten.
Ursachen der Migräne mit Aura
Die Ursachen von Migräne mit Aura sind vielschichtig und werden durch eine Kombination von genetischen, persönlichen und umweltbedingten Faktoren beeinflusst.
- Genetische Faktoren: Studien haben gezeigt, dass das Risiko, an Migräne zu erkranken, bei Personen mit Familienangehörigen, die ebenfalls an Migräne leiden, deutlich erhöht ist. Bestimmte Genvarianten wurden mit einem erhöhten Risiko für Migräne mit Aura in Verbindung gebracht.
- Neurologische und biochemische Mechanismen: Es wird angenommen, dass eine komplexe Wechselwirkung zwischen neurochemischen Prozessen im Gehirn, der Dysregulation von Neurotransmittern und einer gesteigerten neuronalen Erregbarkeit eine Rolle spielt. Insbesondere der Botenstoff Serotonin steht im Verdacht, eine tragende Rolle bei Migräne zu spielen.
- Trigger: Viele Betroffene kennen Auslöser (Trigger), die bei ihnen zu einem Migräneanfall führen können. Dazu gehören Stress, hormonelle Veränderungen, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel und Getränke, intensive Gerüche, grelles Licht und starke körperliche Anstrengung.
Symptome der Migräne mit Aura
Die Symptome einer Migräne mit Aura hängen von der Migräneform ab. Typische und atypische Migräneanfälle mit Aura können sich äußern durch:
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- Neurologische Störungen: Tinnitus und Schwindel
- Visuelle Störungen: Flimmern, Lichtblitze, Doppelbilder oder vorübergehende Erblindung
- Motorische Störungen: Muskelschwäche, Taubheitsgefühle bis zur halbseitigen Lähmung
- Sprachstörungen
- Übelkeit und Erbrechen
- Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Gerüchen und Licht
- Mittelstarke bis starke, pochende oder pulsierende Schmerzen in einer oder beiden Kopfhälften
Der Zusammenhang zwischen Migräne und Depression
Der Zusammenhang von chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne und Depression wird von Forschern und Ärzten seit Jahren untersucht und diskutiert. Es stellt sich die Frage, ob Depressionen eine Folge der Migräne oder umgekehrt sind, ob beide Erkrankungen gleiche Ursachen haben und wie man sie am besten behandelt.
Zahlen und Fakten
In Deutschland leiden viele Millionen Menschen an chronischen Schmerzen, von denen ein erheblicher Teil im Laufe ihres Lebens depressive Verstimmungen oder eine Depression entwickelt. Chronische Schmerzen und Depressionen können sogar zur Arbeitsunfähigkeit führen. Studien zeigen, dass Migränepatienten ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an einer Depression zu erkranken.
Gemeinsame Ursachen
Was beiden Erkrankungen zugrunde liegt, ist eine gemeinsame genetische Komponente und ein gestörter Serotoninhaushalt. Serotonin, auch Wohlfühl- und Glückshormon genannt, ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle in der zentralen Schmerzverarbeitung, Schmerzinduktion und auch in der Neurobiochemie der Depression spielt. Sowohl bei chronischen Schmerzen als auch bei Depressionen besteht ein Ungleichgewicht von Serotonin und Noradrenalin, welche normalerweise auf Ebene des Rückenmarkes die Schmerzweiterleitung ins Gehirn hemmen.
Migräne als Auslöser für Depressionen
Die ständigen Schmerzen und die Unvorhersehbarkeit der Attacken können bei Migränepatienten zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Traurigkeit führen. Der Leidensdruck ist oft sehr hoch, und wenn keine Therapie gefunden wird, die dauerhaft hilft, können depressive Verstimmungen als logische Folge von Migräne auftreten.
Depressionen als Risikofaktor für Migräne
Umgekehrt können auch Depressionen das Risiko für Migräne erhöhen. Es wird vermutet, dass die veränderte Schmerzwahrnehmung bei Depressionen dazu führt, dass bereits kleinste Signale als Schmerzen wahrgenommen werden.
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Behandlung von Migräne mit Aura und Depression
Bei einer Mehrfacherkrankung wie Migräne und Depression sollte der Schwerpunkt der Therapie immer auf der ursprünglichen Erkrankung liegen und diese mit Blick auf die sekundäre Erkrankung multimodal behandelt werden.
Ganzheitliche Therapie
Eine ganzheitliche Therapie umfasst verschiedene Bausteine:
- Medikamente: Medikamente sollten immer nur Teil der ganzheitlichen Therapie sein. Bei der medikamentösen Behandlung von komorbiden Krankheiten ist Feedback für behandelnde Ärzte sehr wertvoll, denn es vereinfacht die optimale Zusammenstellung der Medikamente.
- Psycho- und Physiotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, innere und äußere Stressoren zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um besser mit ihnen umzugehen. Physiotherapie kann Verspannungen lösen und die Körperwahrnehmung verbessern.
- Sport- und bewegungstherapeutische Maßnahmen: Ausdauersport und Yoga können helfen, die Häufigkeit und Stärke von Migräneattacken zu reduzieren und die Stimmung zu verbessern.
- Entspannungstechniken und Atemübungen: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Biofeedback können helfen, Stress abzubauen und die Muskeln zu entspannen.
- Ernährung und Schlafrhythmus: Eine ausgewogene Ernährung und ein regelmäßiger Schlafrhythmus können ebenfalls dazu beitragen, Migräne und Depressionen zu lindern.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie bei einer solchen Zweifacherkrankung sollte unter allen Umständen streng ärztlich kontrolliert und begleitet werden, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden.
- Triptane: Triptane sind gängige Akutmedikamente bei Migräne (mit oder ohne Aura). Die Einnahme von Triptanen und Antidepressiva sollte besonders sorgfältig ärztlich betreut und überwacht werden, da die Kombination das Risiko eines Serotonin-Syndroms erhöhen kann.
- Antidepressiva: Dual wirksame Antidepressiva können sowohl bei Depressionen als auch prophylaktisch bei Migräne helfen, indem sie den Serotonin- und den Noradrenalin-Haushalt regulieren und beide Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht bringen. Bevorzugte Medikamente in der Migräneprophylaxe sind hier die trizyklischen Antidepressiva (TZA), welche die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin in die Nervenzellen des Gehirns hemmen.
- Vermeiden: Betarezeptoren-Blocker und Flunarizin sollten vermieden werden, wenn bei Patient:innen eine Migräneerkrankung und Depression vorliegt.
Ernährung als Migräne- und Depressionsprophylaxe
Es gibt Studien, die den Einfluss von Ernährung auf Migräne und auf Depressionen zeigen konnten. Starke Blutzuckerschwankungen können Migräneanfälle fördern, daher kann eine blutzuckerstabilisierende Ernährung eine wirksame Migräneprophylaxe sein. Auch ein geringerer Zuckerkonsum könnte mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sein.
Weitere Behandlungsansätze
- Verhaltenstherapie: Psychologische, zum Beispiel verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen.
- Technische Geräte: Inzwischen können auch Geräte, die am Handgelenk, der Stirn oder am Hinterkopf bestimmte Nerven stimulieren, Migräneanfälle lindern oder verhindern.
- CGRP-Antikörper: Seit einigen Jahren gibt es eine neue Behandlung mit Antikörpern gegen einen bestimmten Botenstoff, das so genannte CGRP, das während des Migräne-Anfalls ausgeschüttet wird.
Was Betroffene selbst tun können
- Stress reduzieren: Entspannungstechniken wie Yoga, Qi Gong oder Meditationen können Stress reduzieren und das Risiko auf eine durch Stress ausgelöste Migräneepisode reduzieren.
- Tagebuch führen: In einem Tagebuch können die Patientinnen und Patienten die Häufigkeit, Dauer, den Zeitpunkt und weitere Faktoren wie mögliche Auslöser und Behandlungsergebnisse protokollieren. Dies kann sie dabei unterstützen, ihre Migräneattacken langfristig besser zu kontrollieren und beispielsweise Auslöser für die Migräne zu vermeiden.
- Regelmäßiger Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann helfen, die Migräne weniger häufig auftreten zu lassen und Attacken weniger schwer verlaufen zu lassen.
- Schlafhygiene: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf.
- Ernährung: Vermeiden Sie Trigger-Nahrungsmittel und achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
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