Rotwein und Schlaganfall: Eine differenzierte Betrachtung

Dem Rotwein werden seit Langem verschiedene gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Aktuelle Forschungsergebnisse rücken nun einen seiner Inhaltsstoffe in den Fokus der Wissenschaft, insbesondere im Hinblick auf neurodegenerative Erkrankungen und die Prävention von Schlaganfällen. Es ist jedoch wichtig, die komplexen Zusammenhänge zwischen Rotweinkonsum und Schlaganfallrisiko differenziert zu betrachten.

Rotwein-Inhaltsstoffe und neurodegenerative Erkrankungen

Ein Forschungsteam aus Tübingen untersucht einen Therapieansatz für die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Bei dieser Erkrankung sterben Nervenzellen ab, weil sich in ihrem Inneren ein Protein verklumpt und dadurch lebenswichtige Zellabläufe stört. Das Team beschreibt einen biochemischen Prozess, der diese Verklumpung auslöst und von dem Enzym Sirtuin-1 reguliert wird. Sirtuin-1 ist ein Enzym, das an vielen Zellprozessen beteiligt ist. Sollten sich die Erkenntnisse in weiteren Studien bestätigen, könnte der Wirkstoff aus dem Wein Ansatzpunkt für eine mögliche Therapie sein. Eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielt ein Protein, das kurz als TDP-43 bezeichnet wird. Bei der ALS-Erkrankung sammelt sich das TDP-43 Protein in großen Klumpen in Nervenzellen an. „Durch die Verklumpungen ist der reguläre Zellbetrieb gestört und die betroffenen Zellen gehen langfristig zugrunde“, erklärt Studienleiter Kahle. Die Forscher entdeckten, dass die Verklumpung ausgelöst wird, wenn an einer bestimmten Stelle in TDP-43 eine sogenannte Acetylgruppe eingefügt wird. Trägt TDP-43 eine Acetylgruppe, löst es seine bisherige Bindung mit der mRNA und fängt stattdessen an, sich an andere TDP-43 Proteine zu binden. Das Forschungsteam konnte die Acetylgruppe durch Zugabe von Sirtuin-1 entfernen. Die Forschenden versuchen nun, die Studienergebnisse in post-mortem Gewebe von Patient*innen zu bestätigen.

Alkohol und Schlaganfallrisiko: Eine komplexe Beziehung

Alkohol ist allgegenwärtig, und seine Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind vielfältig. Weit verbreitet ist die Meinung, dass ein Gläschen in Ehren der Herz-Kreislauf-Gesundheit nicht schaden kann. In mehreren Studien wurde bereits nachgewiesen, dass leichter bis mäßiger Alkoholkonsum das Schlaganfall-Risiko senken kann. Dies gilt aber nur für den Hirninfarkt, also den Schlaganfall, der durch mangelnde Durchblutung der Hirngefäße entsteht. Das Risiko für eine Hirnblutung nimmt jedoch mit steigendem Alkoholkonsum zu.

Für gesunde Menschen ohne genetisches oder erworbenes Risiko gilt der Konsum von Alkohol als risikoarm, wenn er im folgenden Rahmen bleibt:

  • Für Frauen liegt der Grenzwert zwischen 10 bis 12 Gramm reinem Alkohol täglich. Das entspricht in konkreten Mengen: 0,3 Liter Bier, 0,15 Liter Wein oder Sekt.
  • Für Männer liegt der Grenzwert zwischen 20 bis 24 Gramm reinem Alkohol täglich. Das entspricht in konkreten Mengen: 0,5 Liter Bier, 0,25 Liter Wein oder Sekt.

Das Risiko für einen Schlaganfall steigt bei Frauen ab einer Alkoholmenge von 20 Gramm pro Tag deutlich an. Bei Männern steigt das Risiko ab 40 Gramm pro Tag. Diese Menge entspricht einer halben Flasche Wein, einem Liter Bier oder fünf Schnäpsen.

Lesen Sie auch: Rotwein und Demenzrisiko: Ein Überblick

Was ist ein Schlaganfall?

Von einem Schlaganfall oder Apoplex spricht man, wenn bestimmte Funktionen des Gehirns infolge einer Durchblutungsstörung oder einer Blutung ausfallen. Halten diese Ausfallerscheinungen länger als 24 Stunden an, liegt ein vollendeter Schlaganfall vor. Bestehen die beobachteten Ausfallerscheinungen nur vorübergehend, spricht man von einer transitorisch ischämischen Attacke (TIA).

Alle zwei Minuten erleidet in Deutschland ein Mensch einen Schlaganfall. Je älter Menschen werden, desto größer ist ihr Schlaganfallrisiko. Schlaganfälle sind weltweit die zweithäufigste Todesursache. In Deutschland ist der Schlaganfall nach Herzinfarkt und Krebs die dritthäufigste Todesursache. Innerhalb des ersten Jahres nach einem Schlaganfall sterben ein Viertel bis ein Drittel der Patient*innen. Der Hirnschlag gehört darüber hinaus zu den häufigsten Ursachen von Behinderung im Erwachsenenalter.

Verschiedene Formen des Schlaganfalls

Es werden zwei Formen des Schlaganfalls unterschieden:

  • Ischämischer Schlaganfall (Hirninfarkt): Entsteht, wenn das Hirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird und deshalb Nervenzellen absterben. Meist ist ein Gefäß verstopft und verursacht so eine Minderdurchblutung des Gehirns.
  • Hämorrhagischer Schlaganfall (Hirnblutung): Ein Blutgefäß platzt direkt im Gehirn und schädigt das Nervengewebe. Dies liegt oft daran, dass der Blutdruck in den Arterien zu hoch ist oder die Gefäßwände durch Arteriosklerose oder anderweitig geschädigt sind.

"Leichte" Schlaganfälle nicht auf die leichte Schulter nehmen!

Insbesondere nachts während des Schlafs können sich auch sogenannte stumme oder stille Hirninfarkte ereignen. Eine weitere leichte Form des Schlaganfalls ist die transitorisch ischämische Attacke (TIA). Bei einer TIA treten vorübergehend Schlaganfallsymptome auf. Sie hinterlässt keine bleibenden Beschwerden und Einschränkungen. Die TIA kann jedoch ein Warnzeichen für einen bevorstehenden schweren Schlaganfall sein.

Symptome des Schlaganfalls

Charakteristisch für einen Schlaganfall ist der plötzliche Ausfall von Gehirnfunktionen. Die Patient*innen erleben von einem Moment auf den anderen beispielsweise starke Kopfschmerzen, eine unerklärliche Schwäche oder gar Lähmung eines Körperteils, oder auch Seh- und Sprachstörungen. Bei Verdacht auf Schlaganfall sofort die Rettung rufen!

Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt

Je nach Ort und Schwere der Durchblutungsstörung im Gehirn kann es zu unterschiedlichen Ausfällen und Symptomen verschiedenen Schweregrades kommen. Zu den Funktionsausfällen bei einem Hirnschlag zählen:

  • Lähmungen
  • Sprachstörungen
  • Sehstörungen
  • Gefühlsstörungen
  • Bewusstseinsstörungen bis hin zum Bewusstseinsverlust

Folgende Symptome können einen Schlaganfall begleiten:

  • sehr starke Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Erbrechen

Risikofaktoren für einen Schlaganfall

Folgende Faktoren erhöhen das Risiko für einen Schlaganfall:

  • ein bereits erlittener Schlaganfall
  • eine transitorisch ischämische Attacke
  • ein oder mehrere stumme Hirninfarkte
  • hoher Blutdruck
  • hohe Cholesterin- und Zuckerwerte im Blut
  • Arteriosklerose (Gefäßverkalkung)
  • andere Krankheiten der Blutgefäße
  • Vorhofflimmern
  • Diabetes mellitus
  • Rauchen
  • starkes Übergewicht
  • Bewegungsmangel
  • übermäßiger Alkoholkonsum

Diagnostik und Therapie des akuten Schlaganfalls

Bei Verdacht auf Schlaganfall muss alles möglichst schnell gehen - auch die Diagnostik. Zuerst erfolgt eine neurologische Untersuchung. Danach kann der Neurologe oder die Neurologin meist mit großer Sicherheit die Diagnose „Schlaganfall“ stellen oder auch ausschließen. Ein Apoplex sollte schnellstmöglich am besten in einem auf Schlaganfälle spezialisierten Zentrum, der sogenannten „Stroke Unit“, behandelt werden. Die Akutbehandlung des Hirnschlags hat zum Ziel, das Leben der Betroffenen zu retten und die Folgen des Schlaganfalls so klein wie möglich zu halten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Alkoholkonsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

In den letzten 40 Jahren haben Studien belegt, dass bei einem maßvollen Konsum alkoholischer Getränke die Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich niedriger ist als bei Abstinenz. So lässt sich vor allem das Herzinfarktrisiko um 20 bis 30% senken. Auch die Amerikanische Herzgesellschaft (AHA, American Heart Association) hält in einem aktuellen Statement fest, dass ein leichter bis moderater Konsum alkoholischer Getränke (max. 1 bis 2 Drinks/Tag à 14 g Alkohol) entweder kein Risiko für Herz und Gefäße berge oder mit verringerten Risiken für koronare Herzkrankheiten, plötzlichen Herztod, Schlaganfälle und möglicherweise auch für Herzversagen einhergeht.

Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail

Die schützende Wirkung moderater Mengen lässt sich zudem bei vorbestehenden Erkrankungen wie Diabetes, Metabolischem Syndrom und einem Zustand nach Infarkt beobachten. Auch Menschen mit Bluthochdruck profitieren von einem maßvollen Konsum alkoholischer Getränke: Im Vergleich zu Abstinenten weisen sie in prospektiven Studien ein geringeres Risiko für koronare Herzkrankheiten auf. Auch verbessert sich einer Studie zufolge die Lebenserwartung bei Bluthochdruckpatienten, die ein Glas Rotwein pro Tag konsumieren. Bei bereits vorliegender koronarer Herzkrankheit kann sich moderater Weinkonsum darüber hinaus günstig auf die Blutgerinnungs- und Thrombosemarker auswirken.

Wie ein maßvoller Konsum alkoholischer Getränke Herz und Gefäße schützen kann, ist durch viele Studien belegt:

  • Senkung der arteriosklerosefördernden Blutfette LDL und Lipoprotein(a), Steigerung des herzschützenden HDL-Cholesterins und der günstigen Apoproteine A I und A II
  • Senkung der Blutgerinnungsneigung und bessere Auflösung von Blutgerinnseln
  • Förderung entzündungshemmender Prozesse (Schutz der Gefäßwandfunktion) - in erster Linie durch phenolische Inhaltsstoffe
  • Verbesserung der Insulinempfindlichkeit, d.h. geringeres Diabetesrisiko

Moderater und regelmäßiger Konsum schützt Herz und Gefäße und vermindert so die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn er - wie in mediterranen Ländern üblich - zum Essen, gleichmäßig über die Woche verteilt erfolgt. Exzessives Trinken am Wochenende schadet hingegen. Auch der Getränkeart kommt eine besondere Bedeutung zu. So weist Studien zufolge der Weingenuss im Vergleich zu anderen alkoholischen Getränken ein geringeres Risiko in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Gesamtsterblichkeit auf.

Rotwein und das "französische Paradoxon"

In der französischen Bevölkerung sind die Raten für koronare Herzerkrankungen laut Buljeta et al. geringer. Einer der möglichen Gründe für das sogenannte „französische Paradoxon“: der moderate und regelmäßige Weinkonsum der Französinnen und Franzosen. Dies erkläre das zunehmende Interesse der Wissenschaft am Zusammenhang von Wein und der kardiovaskulären Gesundheit, so die Autorinnen und Autoren. Weaver et al. führten den Mythos des gesunden Glas Rotweins auf die Annahme zurück, dass die darin enthaltenen sekundären Pflanzeninhaltsstoffe wie Flavonoide und Polyphenole einen positiven Einfluss auf die Herzgesundheit haben. Dabei wird besonders häufig das Polyphenol Resveratrol genannt. In Studien zeigt sich allerdings kein einheitliches Bild bei der Wirkung des Resveratrols. So kann schon ein geringer regelmäßiger Alkoholkonsum (1,2 Gläser/Tag bzw. Leichter bis mäßiger Alkoholkonsum senkt das Schlaganfallrisiko signifikant, wobei bereits so geringe Mengen wie 1 Drink pro Woche (entspricht 0,1 l Wein) sich als günstig erwiesen haben.

Weitere Faktoren für ein gesundes Herz-Kreislauf-System

Neben einem maßvollen Alkoholkonsum spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle für die Prävention von Schlaganfällen und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dazu gehören:

  • Eine ausgewogene Ernährung, idealerweise eine "mediterrane Kost"
  • Regelmäßige Bewegung und Ausdauersport
  • Vermeidung von Übergewicht
  • Nichtrauchen
  • Stressreduktion

tags: #rotwein #gegen #schlaganfall