Migräne ist eine weit verbreitete und oft missverstandene neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Obwohl viele Menschen Migräne als "nur Kopfschmerzen" abtun, handelt es sich um eine komplexe Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet insbesondere die Migräne mit Aura, ihre Phasen, Symptome und Behandlungsansätze.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, das heißt, sie tritt nicht als Folge einer anderen Grunderkrankung auf. Sie ist durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet, die von zusätzlichen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein können. Laut einer repräsentativen Befragung des Robert Koch-Instituts erfüllen etwa 15 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer in Deutschland die Kriterien für eine Migräne. Hinzu kommen weitere Personen, bei denen eine Migräne wahrscheinlich ist. Migräne tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf und betrifft Frauen bis zu dreimal häufiger als Männer.
Migräne mit Aura: Eine besondere Form
Etwa 10 bis 20 Prozent der Migränepatienten erleben vor den Kopfschmerzen neurologische Symptome, die als Aura bezeichnet werden. Diese Aurasymptome entwickeln sich in der Regel langsam und bilden sich nach kurzer Zeit wieder zurück. Üblicherweise gehen die Aurasymptome nach etwa einer Stunde in den eigentlichen Migränekopfschmerz über oder werden von ihm abgelöst (Migräne mit typischer Aura mit Kopfschmerz). Es gibt jedoch auch Fälle, in denen isolierte Auren ohne nachfolgende Kopfschmerzen auftreten.
Erscheinungsformen der Aura
Die Aura kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Visuelle Störungen sind am häufigsten, wie zum Beispiel:
- Lichtblitze: Wahrnehmung von hellen, flackernden Lichtern.
- Zickzack-Linien: Sehen von gezackten Linien, die sich im Gesichtsfeld ausbreiten.
- Skotome: Lokale Verluste der Wahrnehmung von Strukturen oder zusätzliche Strukturerkennung (negative oder positive Skotome).
- Doppelbilder: Sehen von zwei Bildern eines Objekts.
- Vorübergehende Erblindung: Kurzzeitiger Verlust des Sehvermögens.
Neben visuellen Störungen können auch andere neurologische Symptome auftreten:
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln oder Taubheit in Armen, Beinen oder im Gesicht.
- Sprachstörungen: Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden oder verständliche Sätze zu bilden.
- Motorische Störungen: Schwäche oder Lähmungserscheinungen einer Körperhälfte (Hemiplegische Migräne).
- Schwindel: Gefühl von Drehschwindel oder Unsicherheit.
- Gleichgewichtsstörungen: Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten.
- Hörminderungen oder Tinnitus: Ohrgeräusche.
- Bewusstseinsstörungen: In seltenen Fällen.
Die Dynamik und Verschiebung der Aurasymptome (z. B. von Sehstörungen zu Sensibilitätsstörungen) sind charakteristisch für Migräne mit Aura und helfen, sie von anderen neurologischen Erkrankungen zu unterscheiden.
Sonderformen der Migräne mit Aura
Neben der typischen Migräne mit Aura gibt es auch einige Sonderformen:
- Hemiplegische Migräne: Begleitet von motorischen Störungen einer Körperhälfte, die leicht oder unvollständig gelähmt ist. Diese Lähmung ist vollständig reversibel.
- Retinale Migräne: Kopfschmerzen, die von einem langsam fortschreitenden Gesichtsfeldausfall auf einem Auge begleitet werden, der sich anschließend vollständig zurückbildet. Während eines Migräneanfalls kann es dazu kommen, dass Betroffene die Sehkraft auf einem oder beiden Augen für einige Minuten verlieren.
- Migräne mit Hirnstammaura: Begleitet von mindestens zwei Aurasymptomen, die sich in ihrer Herkunft eindeutig dem Hirnstamm zuordnen lassen. Dazu gehören Schwindel, Tinnitus, Sprachstörungen, Hörminderungen, Doppelbilder oder Bewusstseinsstörungen. Die Aurasymptome sind vollständig reversibel, motorische oder retinale Symptome treten nicht auf.
Die Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in vier verschiedenen Phasen verlaufen, wobei nicht alle Betroffenen alle Phasen durchlaufen:
- Prodomalphase (Vorbotenphase): Diese Phase kann bereits Tage vor der eigentlichen Kopfschmerzphase beginnen. Betroffene können gereizt sein, häufig gähnen, Heißhunger auf Süßes haben, müde oder extrem aufgedreht sein. Auch unspezifische Symptome wie Geräuschempfindlichkeit oder Störungen im Magen-Darm-Trakt sind möglich.
- Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen kommt es zu dieser Phase, in der neurologische Reize und Ausfallerscheinungen auftreten. Diese entwickeln sich in der Regel langsam und bilden sich danach wieder zurück. Typische Symptome sind visuelle Störungen, Sensibilitätsstörungen, Sprachstörungen oder motorische Ausfälle.
- Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die migränetypischen Symptome auf: pulsierende, pochende oder stechende Kopfschmerzen, die von Betroffenen als moderat bis schwer empfunden werden. Der Schmerz breitet sich anfallsartig von einer Kopfhälfte beginnend auf die andere aus. Hinzu kommen häufig Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Appetitlosigkeit. Körperliche Aktivität verschlimmert den Schmerz.
- Nach- oder Erholungsphase (Postdromalphase): Nach dem Abklingen der Kopfschmerzphase folgt die Nach- oder Erholungsphase. In dieser Phase können die entgegengesetzten Symptome wie in der Vorphase auftreten. Viele Betroffene fühlen sich müde, erschöpft und abgeschlagen. Auch Konzentrationsschwierigkeiten und eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit sind möglich.
Diagnose
Die Diagnose der Migräne basiert auf den Kriterien der International Headache Society (ICHD-3). Die Diagnose wird in der Regel anhand eines ausführlichen Gesprächs mit der Ärztin oder dem Arzt gestellt, in dem die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen sowie möglicher Begleitsymptome erfragt werden. Ein Kopfschmerztagebuch kann die Diagnosefindung erleichtern und Hinweise auf mögliche Auslöser liefern.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine Funktionsstörung des Gehirns, insbesondere der Strukturen, die für die Schmerzentstehung und -verarbeitung zuständig sind, eine Rolle spielt. Zudem ist bei Migränepatienten die Hirnrinde überempfindlich, was zu einer verstärkten Wahrnehmung äußerer Reize führt.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Es gibt viele Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können (Triggerfaktoren). Dazu gehören:
- Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress kann Migräneattacken auslösen.
- Schlafstörungen: Unregelmäßiger Schlaf, Schlafmangel oder Schlafüberschuss können Migräneattacken provozieren.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte oder Alkohol können bei manchen Menschen Migräne auslösen. Auch unregelmäßige Mahlzeiten oder Unterzuckerung können eine Rolle spielen.
- Hormone: Hormonelle Veränderungen, z. B. während des Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren, können Migräneattacken beeinflussen.
- Wetter: Wetterumschwünge, Luftdruckänderungen oder extreme Temperaturen können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
- Sinnesreize: Helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche oder bestimmte visuelle Reize können Migräneattacken triggern.
- Koffein: Sowohl zu viel Koffein als auch plötzlicher Koffeinentzug können Kopfschmerzen auslösen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Triggerfaktoren individuell verschieden sind. Das Kennen und Meiden der persönlichen Trigger kann helfen, das Risiko für Migräneattacken zu reduzieren.
Behandlung
Migräne ist zwar nicht heilbar, aber es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, um die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus Akuttherapie und Prophylaxe.
Akuttherapie
Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern. Dazu gehören:
- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können rezeptfreie Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen hilfreich sein. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfiehlt die Kombination aus ASS, Paracetamol und Coffein als Mittel der ersten Wahl.
- Triptane: Bei schweren Migräneattacken können Triptane eingesetzt werden. Triptane sind spezifische Migränemittel, die die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren. Sie sollten möglichst frühzeitig nach Beginn der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Es gibt auch rezeptfreie Triptane.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika eingesetzt werden.
Es ist wichtig, Schmerzmittel und Triptane nicht zu häufig einzunehmen, da dies zu einem Dauerkopfschmerz führen kann.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Prophylaxe
Die Prophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt infrage, wenn die Migräneattacken sehr häufig auftreten, die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist oder die Medikamente nicht gut vertragen werden. Zur Prophylaxe können verschiedene Medikamente eingesetzt werden:
- Betablocker: Diese Medikamente werden üblicherweise zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, insbesondere trizyklische Antidepressiva, können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika, wie Topiramat und Valproinsäure, haben sich ebenfalls als wirksam bei der Migräneprophylaxe erwiesen.
- CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt. Sie werden einmal monatlich oder vierteljährlich gespritzt und haben sich als sehr wirksam bei der Reduktion der Migränefrequenz erwiesen.
- Flunarizin: Ist ein Kalziumkanalblocker, der zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann.
Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe beitragen:
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Bewegung können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Akupunktur: Einige Studien haben gezeigt, dass Akupunktur bei der Migräneprophylaxe wirksam sein kann.
- Biofeedback: Bei dieser Methode lernen Betroffene, biologische Signale wie den Blutdruck oder die Muskelspannung bewusst zu beeinflussen, um Kopfschmerzen zu lindern.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann Betroffenen helfen, mit ihrer Migräne besser umzugehen und Strategien zur Schmerzbewältigung zu entwickeln.
- Ausdauersport: Leichter Ausdauersport wie Walken, Joggen oder Schwimmen kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe beitragen.
Umgang mit Migräne im Alltag
Menschen mit Migräne können ihren Alltag oft nur schwer bewältigen. Hier sind einige Tipps, die helfen können:
- Ruhe und Dunkelheit: Während einer Migräneattacke ist es wichtig, sich in einen ruhigen, abgedunkelten Raum zurückzuziehen.
- Kühlende Umschläge: Kühlende Umschläge auf Stirn oder Nacken können den Schmerz lindern.
- Regelmäßige Pausen: Regelmäßige Pausen während der Arbeit oder anderer Aktivitäten können helfen, Stress abzubauen.
- Unterstützung suchen: Es ist wichtig, sich von Familie, Freunden oder einer Selbsthilfegruppe unterstützen zu lassen.
- Kopfschmerztagebuch führen: Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Triggerfaktoren zu identifizieren und die Wirksamkeit der Behandlung zu überwachen.