Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Insbesondere Migräneattacken, die von Schwindel begleitet werden, können die Arbeitsfähigkeit stark einschränken und zu erheblichen Ausfallzeiten führen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Migräne mit Schwindelattacken im Zusammenhang mit Arbeitsunfähigkeit und bietet Informationen zu Ursachen, Symptomen, Behandlungsmöglichkeiten und präventiven Maßnahmen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Schmerzen werden oft als pulsierend, hämmernd oder bohrend beschrieben und können von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein. Laut Professor Dr. Hartmut Göbel, Gründer und Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, leiden in Deutschland etwa 18 Millionen Menschen an Migräne.
Migräne und Arbeitsunfähigkeit
Migräne und chronische Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Eine unbehandelte Migräneattacke macht das Arbeiten nahezu unmöglich. Die Symptome sind zahlreich: starke bis stärkste Kopfschmerzen, die bei Bewegung zunehmen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel etc. erfordern Rückzug in Ruhe und Dunkelheit.
Die durch Migräne verursachten indirekten Kosten, im Sinne von Leistungseinschränkungen am Arbeitsplatz und Arbeitsunfähigkeitstagen, werden in Deutschland auf 6,27 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Die entstehenden jährlichen krankheitsbedingten Kosten der Migräne in einem Unternehmen mit 10.000 Mitarbeiter:innen beziffert eine Untersuchung auf 1.3 Mio. Euro.
Migräne mit Aura und ihre Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
Als Migräne mit Aura wird eine Migräneattacke bezeichnet, die von neurologischen Symptomen begleitet wird. Das können Sehstörungen sein, aber auch Missempfindungen, Lähmungen, Sprachstörungen u.a. Die Symptome sind sehr individuell. Eine Migräne mit Aura kann etwa die Kommunikation mit Kolleg:innen und Kund:innen erschweren oder sogar unmöglich machen, wenn in der Auraphase das Sprechen beeinträchtigt ist.
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Schwindel als Begleiterscheinung der Migräne
Viele Migränepatienten geben als weitere Beschwerden zudem Schwindel an. Der Migräneschwindel ist eine häufige Ursache für spontan rezidivierende (wiederkehrende) Schwindelattacken. Während einer Attacke ist die Fahreignung nicht gegeben. Vor allem, wenn sie von Schwindel begleitet wird. In den Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung heißt es: „Der Migräneschwindel ist eine häufige Ursache für spontan rezidivierende (wiederkehrende) Schwindelattacken. Während einer Attacke ist die Fahreignung nicht gegeben.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Man vermutet bei den Betroffenen eine genetische Veranlagung. Auf Basis dieser genetischen Neigung scheint es im Zusammenspiel mit verschiedenen inneren oder äußeren Faktoren (Triggern) zu den Migräne-Attacken zu kommen.
Verschiedene Trigger können bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Migräne-Attacke auslösen. Welche Faktoren im Einzelfall einen Anfall „triggern“, ist individuell verschieden. Einige Beispiele:
- Stress: Ein häufiger Auslöser ist Stress im privaten oder beruflichen Umfeld.
- Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus: Betroffen sind oft Menschen, die im Schichtdienst arbeiten.
- Reizüberflutung: Wenn das Gehirn zu viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten muss, entsteht ebenfalls Stress.
- Wetter/Wetterwechsel: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht an einem wolkenlosen Tag.
- Nahrungsmittel: Bei einigen Produkten wie Bananen oder bestimmten Käsesorten hat man Tyramin im Verdacht. Achten Sie darauf, regelmäßig zu essen. Häufig setzen Migräne-Anfälle ein, wenn man zu wenig gegessen hat (Unterzuckerung).
- Hormonelle Veränderungen: Geschlechtshormone haben einen starken Einfluss auf Migräne. So löst der Abfall des Östrogenspiegels vor der Regelblutung bei manchen Frauen eine Migräne-Attacke aus. Darüber hinaus können hormonelle Verhütungsmittel („Pille“) ebenfalls Migräne verursachen.
Diagnose von Migräne mit Schwindelattacken
Die Diagnose von Migräne mit Schwindelattacken basiert in der Regel auf der Anamnese des Patienten und einer neurologischen Untersuchung. In einigen Fällen können weitere Untersuchungen wie ein CT oder MRT des Gehirns erforderlich sein, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.
Behandlungsmöglichkeiten bei Migräne mit Schwindelattacken
Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für Migräne mit Schwindelattacken. Dazu gehören:
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- Akuttherapie: Es gibt zahlreiche migränespezifische Medikamente, die zu einer raschen Besserung im Akutanfall führen. Mittel gegen Akutschmerz - etwa die Triptane - sollten an weniger als zehn Tagen im Monat eingenommen werden, sonst könne sogar Schmerz ausgelöst werden. Bei Übergebrauch sei das Risiko groß, dass der Schmerz chronisch werde.
- Prophylaxe: Durch leitliniengerechte Therapie-Optimierung können die migränebedingten Kosten bei einem Unternehmen mit 10.000 Mitarbeiter:innen jährlich um 600.000 Euro verringert werden, da die Leistungseinschränkungen am Arbeitsplatz bzw. durch Abwesenheit reduziert werden und die Ausfallkosten entfallen. Bei häufiger Migräne seien mehrere vorbeugende Medikamente sehr wirksam, sagt Göbel. Darunter auch eine Gruppe von Medikamenten, die als Antikörper wirken. Bei chronischer Migräne sei seit 2010 vorbeugend Botox als Injektion zugelassen, was sich in Studien als „signifikant wirksam“ erwiesen habe.
- Nicht-medikamentöse Therapie: Bei Migräne sind Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen und körperliche Aktivitäten wichtig.
Die Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr.med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und anderen Kopfschmerzen an. Zur Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und Kopien relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die angegebene Anschrift gesendet.
Präventive Maßnahmen zur Reduzierung von Migräneattacken
Es gibt verschiedene präventive Maßnahmen, die helfen können, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren:
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräneattacken. Entspannungsübungen wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Vermeidung von Triggern: Es ist wichtig, die individuellen Trigger für Migräneattacken zu identifizieren und diese möglichst zu vermeiden.
- Ernährung: Achten Sie darauf, regelmäßig zu essen und ausreichend zu trinken. Vermeiden Sie Nahrungsmittel, die bei Ihnen Migräneattacken auslösen.
- Sportliche Betätigung: Gemäßigter Ausdauersport kann prophylaktisch wirken und wird auch oft betrieben in schmerzfreien Zeiten. Während einer Attacke ist sportliche Betätigung nicht möglich.
Migräne am Arbeitsplatz: Was Arbeitgeber tun können
Da das Verhältnis der direkten zu indirekten Kosten 1:13 ist, wird ersichtlich, dass von den Kosten am meisten die Arbeitgebenden betroffen sind. Damit wird deutlich, dass die Migräne ein ernsthaftes betriebsärztliches Thema ist. Es ist empfehlenswert, migräne-betroffene Arbeitnehmer:innen in Bezug auf ihre Erkrankung und deren aktuelle leitliniengerechte Therapie direkt am Arbeitsplatz zu informieren - durch ein betriebliches Gesundheitsmanagement, die/den Betriebsärztin/-arzt und/oder Ansprechpersonen im Unternehmen.
Die/der Arbeitgeber:in ist dazu verpflichtet Maßnahmen durchzuführen, die der Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz dienen - so regelt es das Arbeitsschutzgesetz. Dazu gehört die standardisierte Gefährdungsbeurteilung. Demnach muss neben der Gestaltung und Einrichtung des Arbeitsplatzes beispielsweise auch der Lärmpegel im Büro beurteilt werden. Die Gefährdungsbeurteilung reduziert und vermeidet Belastungen der Beschäftigten und damit Zusatzkosten, die zum Beispiel durch Arbeitsausfälle entstehen.
Einige Beispiele für Maßnahmen, die Arbeitgeber ergreifen können:
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- Information und Aufklärung: Klären Sie Ihre Beschäftigten auf - ob durch Gesundheitsaktionen, Beratungen, Ansprechpersonen im Betrieb oder in Schriftform.
- Anpassung des Arbeitsplatzes: Anpassungen im Arbeitsumfeld und am Arbeitsplatz kommen häufig allen Mitarbeitenden zugute. Beispiele wären die ergonomische Optimierung (um physische Fehlhaltungen und Nackenbelastungen vorzubeugen) sowie strukturelle Unterstützung (Analyse der Arbeitsbelastung, Zeit- und Organisationsmanagement etc.).
- Schaffung eines migränefreundlichen Arbeitsplatzes: Dies kann beispielsweise durch die Bereitstellung eines Ruheraums, einer ruhigen Arbeitsumgebung, ergonomischen Arbeitsplätzen, einer angepassten Beleuchtung und Lichtverhältnissen sowie gesunden Ernährungsangeboten erfolgen.
Rechtliche Aspekte der Arbeitsunfähigkeit bei Migräne
Bei einer akuten Migräneattacke können Sie in der Regel drei Tage zu Hause bleiben, ohne dass Sie eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vom Arzt brauchen. Der Arbeitgeber kann eine AU jedoch schon zu einem früheren Zeitpunkt einfordern.
In einem Fall vor dem Bundesverwaltungsgericht ging es um eine Medizinstudentin, die aufgrund einer Migräneattacke mit Schwindel an einem Prüfungstag nicht teilnehmen konnte. Das Gericht entschied, dass die Studentin aufgrund ihrer Prüfungsunfähigkeit einen Anspruch auf Genehmigung des Rücktritts von der Prüfung hat.
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