Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die Betroffene stark beeinträchtigen kann. Die oft einseitig pulsierenden Kopfschmerzen gehen mit Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit einher und können die Arbeitsfähigkeit erheblich einschränken. Doch wie geht man mit Migräne im Alltag, im Beruf und während einer Krankschreibung um? Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte und gibt praktische Ratschläge.
Migräne verstehen
Migräne ist mehr als nur ein einfacher Kopfschmerz. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt die Migräne zu den am schwersten behindernden Erkrankungen des Menschen. Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nicht das Symptom einer anderen Störung. Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit. Sie erwarten nur, sich nicht rechtfertigen zu müssen, nicht belächelt und nicht durch Vorurteile diskriminiert zu werden.
Symptome und Ursachen
Die Migräne hat viele Gesichter. Manchmal beginnt die Attacke mit Aura-Symptomen, das sind neurologische Ausfälle wie flimmernde Sehstörungen, Wortfindungsstörungen, Sprachstörungen, Kribbel-Missempfindungen, Lähmungen und Störungen der Wachheit bis zur Bewusstlosigkeit. Es folgen die typischen meist einseitigen, stechenden, hämmernden, pulsierenden schweren Kopfschmerzen, welche bis zu drei Tage anhalten und Bettlägerigkeit erzwingen. Der gesamte Körper ist dabei in Mitleidenschaft gezogen: Zusätzlich leiden die Erkrankten unter Übelkeit und/oder Erbrechen, Schwindel, Erschöpfung, Licht- und Lärmüberempfindlichkeit, sozialer Isolation, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Depression. Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht restlos geklärt. Die Veranlagung ist genetisch bedingt. Viele Betroffene scheinen eine besonders hohe Aufmerksamkeit für verschiedenste Reize und eine schnelle Reizverarbeitung zu haben, was das Nervensystem irgendwann überlastet. Insgesamt handelt es sich um eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns. Im Verlauf einer Attacke kommt es wahrscheinlich zu entzündlichen Vorgängen an den Blutgefäßen im Gehirn.
Diagnose und Therapie
Für die Diagnose macht die Ärztin oder der Arzt eine körperliche Untersuchung und benötigt eine detaillierte Beschreibung der Beschwerden, die während eines Anfalls auftreten. Entscheidend sind Angaben, wo genau der Schmerz sitzt und wie lange er anhält. Ebenfalls wichtig ist der Abstand zwischen den Attacken und eventuelle Begleitsymptome. Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose. Die Leitlinie zur Therapie von Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt bei akuten Attacken, möglichst früh Medikamente einzunehmen. Denn grundsätzlich gilt: je früher der Zeitpunkt der Einnahme, desto besser die Wirkung.
Migräne im Berufsleben
Migräniker können hervorragende Mitarbeiter und erstklassige Chefs sein. Ob Queen Victoria oder Bill Clinton - sie alle litten oder leiden noch an den oft einseitig pulsierenden Kopfschmerzen und waren oder sind aufgrund der neurologischen Erkrankung zeitweise arbeitsunfähig, deshalb aber nicht weniger professionell.
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Offener Umgang mit der Erkrankung
Mit deinen Vorgesetzten solltest du offen über deine Erkrankung sprechen. Lass deinen Arbeitgeber wissen, dass du gute Behandlungsoptionen an der Hand hast und versuche, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, wie der Arbeitsplatz möglichst migränefreundlich gestaltet werden kann. Dies kann ein geschlossenes Geschäftszimmer - statt Großraumbüro - oder die Vermeidung von Reizen durch Publikumsverkehr sein.
Verhalten bei einer akuten Attacke
Ein wichtiges Meeting mit einem neuen Kunden steht bevor, doch eine akute Migräneattacke kündigt sich an, die trotz passender Medikamente nicht besser wird? Betroffene wissen: Durch die Einschränkungen lässt sich jetzt nicht konzentriert und produktiv arbeiten. Zudem drohen Begleiterscheinungen wie Wahrnehmungsstörungen, die je nach Tätigkeit ein Verletzungsrisiko für dich und andere bergen können. Allerdings darfst du beides nur nach Rücksprache mit deinem Vorgesetzen tun. Informiere diesen unverzüglich über deine Migräneattacke - ohne ins Detail zu gehen.
Krankschreibung und Formalitäten
Gerade im Hinblick auf die Fristen und sonstigen Formalitäten bei einer Krankschreibung gibt es immer wieder Unklarheiten. Meldest du dich wegen deiner Migräne zu spät krank, kann dir sogar eine Abmahnung drohen. Bemerkst du zu Hause, dass eine Migräne-Attacke bevorsteht, nimm unverzüglich deine Migränemedikamente ein und melde dich spätestens 30 Minuten nach Arbeitsbeginn krank. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt sollte dem Arbeitgeber spätestens am vierten Krankheitstag vorliegen. Auch wenn dein Chef im besten Fall von deiner Migräne weiß, bist du nicht verpflichtet, den genauen Grund anzugeben. Vermeide es auf jeden Fall, konkrete Beschwerden wie Übelkeit oder Sehstörungen zu nennen und bleibe möglichst neutral. Bis zu drei Tage darfst du in der Regel wegen einer akuten Migräneattacke am Stück daheimbleiben, ohne dass du eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vom Arzt vorlegen musst.
Rückkehr in den Arbeitsalltag
Kehrst du nach einer Krankschreibung wegen Migräne in den Arbeitsalltag zurück, kann es passieren, dass sich Kollegen nach deinem Befinden erkundigen. Denke in dieser Situation daran, dass diese meist nur höflich sein wollen und nicht wirklich an Details deiner Erkrankung interessiert sind. Für einen Austausch auf Augenhöhe eignen sich Freunde oder Selbsthilfegruppen besser.
Migräne und Krankschreibung: Was ist erlaubt?
Die Vorstellung, kranke Arbeitnehmer hätten Hausarrest ist Quatsch. Man muss nur alles tun um wieder gesund zu werden. Grundsätzlich sagt die Rechtsprechung, dass ein arbeitsunfähig erkrankter Arbeitnehmer sich so verhalten muss, dass er bald wieder gesund ist. Er hat sozusagen alles zu unterlassen, was die Genesung verzögert. Wer einen Bandscheibenvorfall hat, sollte insofern keine schweren Tüten tragen.
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Aktivitäten während der Krankschreibung
„Es hängt von der Art der Erkrankung und daher vom jeweiligen Einzelfall ab, was der Arbeitnehmer während seiner Krankschreibung tun darf“, erklärt Julia Neuper. „Im Grundsatz gilt: Zulässig ist das, was der Arzt erlaubt.“ Wer sich unsicher ist, sollte insofern genau nachfragen. So wird häufig sogar zu einem Spaziergang geraten, denn in den seltensten Fällen verzögert leichte Bewegung an der frischen Luft die Heilung. Bei einer depressiven Verstimmung tut ein wenig Ablenkung möglicherweise aber gut. Von einem abendlichen Kneipenbesuch sei jedoch immer abzuraten, meint Julia Neuper. „Alkohol schwächt den Körper und verzögert den Heilungsprozess“, warnt sie.
Einkaufen und Essen gehen
Einkaufen gehen ist der Regel eher unproblematisch. Der Kühlschrank ist leer. Es braucht Milch, Butter und Brot. Doch was, wenn der Chef auf einmal in der Supermarktschlange neben einem steht? Wer einen Bandscheibenvorfall hat, sollte insofern keine schweren Tüten tragen. Anders sieht es aus, wenn ein Arbeitnehmer beispielsweise aufgrund einer Knieoperation krankgeschrieben ist und dennoch eine Wanderung unternimmt. Ähnlich ist es beim Kinobesuch. Ob Essen zu gehen drin ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sobald der/die Ärztin Bettruhe oder ähnliches verordnet hat, dürfen sie das Haus (außer im Notfall, für Arztbesuche und Co.) nicht verlassen. Das bedeutet, auch Essen zu gehen, ist nicht drin, selbst wenn sie schon früher als erwartet wieder gesund und fit sind. Sonst spricht prinzipiell nichts dagegen, dass sie Essen gehen, wenn sie krankgemeldet sind. Allerdings nur solange sie niemanden etwa durch Ansteckung gefährden oder es ihren Heilungsprozess (z.B. Es kann bei Kolleginnen und Vorgesetzten sehr schlecht ankommen, wenn sie Sie im Restaurant antreffen oder sie davon erfahren. Dennoch ist dies sicher auch abhängig von der Art der gesundheitlichen Probleme. Sind sie etwa wegen chronischer Krankheit oder langwierigeren Beschwerden (z.B. Sehnenscheidenentzündung), die ihnen sonst aber ein relativ normales Leben erlauben, für längere Zeit nicht arbeitsfähig, wird Sie sicher niemand fürs Essengehen verurteilen.
Konsequenzen bei Fehlverhalten
Werden sie doch erwischt, kann das im schlimmsten Fall rechtliche Konsequenzen haben. Konkret heißt das, dass der Vorgesetzte sowohl eine Abmahnung als auch in schwerwiegenden Fällen die fristlose Kündigung aussprechen kann.
Arbeiten trotz Krankschreibung
Grundsätzlich darf ein Arbeitnehmer sogar arbeiten, wenn er krankgeschrieben ist. Es könne insofern sein, dass die Prognose nicht zutrifft und der Arbeitnehmer früher wieder an den Schreibtisch zurückkehrt. „Wenn der Arzt mich eine Woche krankschreibt, ich mich aber nach drei Tagen wieder fit fühle, darf ich auch wieder arbeiten gehen“, weiß Julia Neuper.
Im Zweifelsfall den Arzt fragen
Welches Szenario auch immer eintrifft: Julia Neuper plädiert dafür, im Zweifel immer den Arzt zu fragen, welche Tätigkeiten heilungsfördernd und welche eher heilungsverzögernd sind, anstatt selbst zu entscheiden, was richtig oder falsch ist.
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Strategien zur Migräneprävention und -behandlung
Neben der medikamentösen Behandlung gibt es verschiedene Strategien, die helfen können, Migräneattacken vorzubeugen oder zu lindern.
Medikamentöse Therapie
Wirksame Medikamente zur Therapie mittelschwerer bis schwerer Migräneattacken sind die Triptane. Diese spezifischen Migränemedikamente wirken auf Rezeptoren der geweiteten Blutgefäße im Gehirn, die sich daraufhin wieder verengen. Außerdem verhindern sie die Aktivierung entzündungsauslösender Eiweißstoffe. Triptane mit den Wirkstoffen Almotriptan, Naratriptan und Sumatriptan gibt es als Tabletten in kleiner Packung rezeptfrei in der Apotheke. Voraussetzung: Die Migräneerkrankung wurde ärztlich bestätigt. Größere Packungen sowie die Wirkstoffe Eletriptan, Frovatriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan gibt es nur auf Rezept. Triptane dürfen bei bestimmten Vorerkrankungen - wie zum Beispiel nach Herzinfarkten und Schlaganfällen - theoretisch nicht eingesetzt werden und es gibt mögliche Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder Engegefühle in der Brust. Doch ihr Nutzen überwiegt in den meisten Fällen die Nebenwirkungen. Allerdings ist darauf zu achten, dass 20 Tage im Monat komplett frei von der Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln bleiben. Wenn eine Patientin oder ein Patient an vier oder mehr Tagen im Monat Migräne hat oder wenn die Behandlung mit Triptanen keine ausreichende Besserung von Anfällen bietet, gibt es die Möglichkeit, die Migräne vorbeugend zu behandeln. Zur Prophylaxe mit Tabletten kommen unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie infrage. Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere. Migräne-Antikörper werden alle vier Wochen unter die Haut gespritzt und richten sich gegen CGRP - das steht für Calcitonin Gene-Related-Peptide, ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken.
Identifikation und Vermeidung von Triggern
Bei manchen Menschen können Anfälle durch sogenannte Trigger ausgelöst werden. Trigger beschreiben Situationen, in denen es wahrscheinlicher ist, dass Betroffene eine Attacke erleiden. Ein Migränetagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren. Spezielle Nahrungsmittel sind nur selten Auslösefaktoren für Migräne. Früher glaubte man, dass zum Beispiel Schokolade und Käse potente Auslöser der Migräne sind. Heute weiß man, dass der Heißhunger auf hoch kalorienhaltige Speisen oft ein Frühsymptom der Migräne darstellt, also bereits zum Anfall gehört.
Lebensstil und Entspannung
Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren sowie Entspannungsverfahren, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training, können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen. Für viele Patientinnen und Patienten hilfreich ist Regelmäßigkeit. Das gilt für Schlafens- und Aufwachzeiten aber auch für Mahlzeiten. Hetze, Unregelmäßigkeit, Naschen und Überspringen von Mahlzeiten können Migränebeschwerden verschlimmern. Betroffene lieben und brauchen frische Luft und gehen hinaus, so oft es möglich ist. Gemäßigter Ausdauersport kann prophylaktisch wirken und wird auch oft betrieben in schmerzfreien Zeiten. Während einer Attacke ist sportliche Betätigung nicht möglich. Viele sind bettlägerig und fühlen sich schwer krank.
Unterstützung und Information
Es gibt zahlreiche Anlaufstellen für Migränepatienten, die Unterstützung und Informationen bieten. Dazu gehören Selbsthilfegruppen, Fachärzte und spezialisierte Kliniken wie die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel.
Schmerzklinik Kiel
Die Klinik für neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerztherapie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzformen an. Zur Planung eines Aufnahmetermins sind eine Verordnung von Krankenhausbehandlung, eine ausgefüllte Aufnahme-Checkliste, ein Schmerzkalender und ein Schmerzfragebogen erforderlich.