Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der etwa 10 % der Bevölkerung betroffen sind. Frauen leiden etwa dreimal häufiger darunter als Männer. Etwa 16 % aller Frauen im Alter von etwa 40 Jahren sind in Europa mit Migräne belastet. Die Erkrankung beginnt häufig zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, kann aber auch Kinder betreffen. Eine Migräne, die nach dem 40. Lebensjahr auftritt, sollte immer abgeklärt werden, um andere Ursachen auszuschließen.
Die Migräne zeichnet sich durch anfallartige, pulsierende, wiederkehrende Kopfschmerzen aus, die meist einseitig auftreten (ein Seitenwechsel ist möglich). Die Schmerzen haben eine mindestens mittelstarke Ausprägung und beeinträchtigen die alltäglichen Tätigkeiten. Hinzu kommen Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit, die individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Häufig wird auch von Konzentrationsstörungen, Schwindel, Benommenheit und Geruchsempfindlichkeit berichtet.
Die Migräne zwingt die Betroffenen häufig zum Abbruch der gerade durchgeführten Tätigkeit und zum Rückzug an einen ruhigen, abgedunkelten Ort. Ein Migräneanfall dauert definitionsgemäß 4 bis 72 Stunden, die Häufigkeit kann zwischen wenigen Attacken pro Jahr bis zu 6-8 Attacken im Monat variieren. Typisch sind wenige Attacken pro Jahr bis zu 2-6 Attacken im Monat.
Formen der Migräne: Mit und ohne Aura
Man unterscheidet zwischen Migräne mit und ohne Aura. Treten im Zusammenhang mit den Migräneattacken (in der Regel zu Beginn) Sehstörungen (Lichtblitze oder Zackensehen) und neurologische Ausfälle (Störungen der Sprache, der Bewegung oder der Berührungsempfindung) auf, spricht man von einer Migräneaura. Migräneauren können dem Beginn der Kopfschmerzen vorausgehen oder sie begleiten.
Meist visuelle Störungen (Sehstörungen), aber auch sensible Wahrnehmungsstörungen, motorische Störungen, aber auch möglicherweise Wortfindungsstörungen (aphasische Aura) treten schon vor dem Anfall auf und dauern überwiegend weniger als eine Stunde an. Sehstörungen können z. B. flackernde Lichter, Punkte oder Linien sein oder auch ein Sehverlust. Sensible Störungen können sich in Kribbelmissempfindungen oder auch Taubheitsgefühl äußern. Migräneanfälle mit Aura ereignen sich fast immer nur außerhalb der Menstruation; menstruelle Attacken mit Aura sind die Ausnahme.
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Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen Faktoren und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Hormonelle Einflüsse
Insbesondere bei Frauen spielen hormonelle Schwankungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne. Bei etwa 60 % der Frauen mit Migräne handelt es sich um menstruationsbeeinflusste Anfälle, welche sich meistens erstmals im 2. Lebensjahrzehnt einstellen und um das 40. Lebensjahr ihr Maximum erreichen. Die rein menstruelle Migräne gilt hinsichtlich Attacken-Dauer und -Intensität als die am schwersten zu therapierende Variante. Ursächlich scheint der natürliche prämenstruelle Abfall der Serum-Östrogen- und Serum-Gestagen-Spiegel als Trigger zu fungieren. Initial hohe Östrogenspiegel sind vermutlich eine Voraussetzung für die Entstehung der Migräneattacken.
Zeitlich abzugrenzen bleibt darüber hinaus ein migräneartiger Kopfschmerz im Rahmen eines prämenstruellen Syndroms jeweils 2-7 Tage vor der Monatsblutung.
Einige Studien belegen, dass ein absinkender Östrogenspiegel Migräne-Attacken begünstigt. Entscheidend ist aber nicht die absolute Höhe des Hormonspiegels, sondern nur dessen Veränderung. In der ersten Hälfte des Zyklus steigt der Östrogenspiegel stetig an, danach nimmt er leicht ab und steigt ca. 4-5 Tage vor der Periode wieder an. Kurz vor oder der während der Regelblutung fällt er aber plötzlich stark, so dass sich an diesen Tagen häufig eine Migräne-Attacke ankündigt.
Weitere Auslöser
Neben hormonellen Faktoren gibt es eine Reihe weiterer Auslöser, die Migräneattacken provozieren können. Dazu gehören:
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- Stress
- Schlafstörungen
- Bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Käse, Schokolade, Rotwein)
- Wetterwechsel
- Lärm
- Helle oder flackernde Lichter
- Körperliche Anstrengung
Differentialdiagnose: Abgrenzung zu anderen Kopfschmerzarten
Es ist wichtig, die Migräne von anderen Kopfschmerzarten abzugrenzen, um eine adäquate Therapie einzuleiten.
Spannungskopfschmerz
Der Kopfschmerz tritt im Bereich des gesamten Kopfes auf, ist drückend-ziehend, jedoch nicht pulsierend. Vegetative Begleitsymptome wie Lichtscheu und übermäßige Lärmempfindlichkeit, Übelkeit, Erbrechen sowie Appetitlosigkeit treten in der Regel nicht und, wenn doch, nur sehr selten begleitend auf. Wenn Menschen über Kopfschmerzen klagen, handelt es sich zu etwa 90 % um Spannungskopfschmerzen oder Migräne.
Cluster-Kopfschmerz
Der Kopfschmerz ist streng einseitig und zeichnet sich durch in Attacken auftretende „extremste Kopfschmerzen“ im Bereich von Schläfe und Auge aus. Die Bezeichnung Cluster bezieht sich auf die Eigenart dieser Kopfschmerzform, periodisch stark gehäuft aufzutreten, während sich dann für Monate bis Jahre beschwerdefreie Intervalle anschließen können. Die heftigen und einseitigen Attacken dauern meist zwischen 15 und 180 Minuten und treten unvermittelt vornehmlich aus dem Schlaf heraus auf. Die Kopfschmerzen sind bei 78 % der Patienten immer auf der gleichen Seite. Der Cluster-Kopfschmerz zeigt eine ausgeprägte Tagesrhythmik, am häufigsten kommt es ein bis zwei Stunden nach dem Einschlafen, in den frühen Morgenstunden und nach der Mittagszeit zu Anfällen. Der Kopfschmerzcharakter wird als unerträglich reißend, bohrend, manchmal als brennend geschildert. Besonders typisch ist ein während der Kopfschmerzattacken bestehender Bewegungsdrang, ebenfalls kommen Begleitsymptome wie einseitiges Tränen, Augenrötung oder Naselaufen auf der Schmerzseite häufig vor. Anders als Menschen mit Migräne neigen Patienten mit Cluster-Kopfschmerz nicht dazu, sich ins Bett zurückzuziehen, sondern wandern umher oder schaukeln mit dem Oberkörper.
Therapie der Migräne
Die Migränetherapie umfasst sowohl die Akutbehandlung von Migräneattacken als auch die vorbeugende Behandlung, um die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren.
Akutbehandlung
Bei leichter bis mittelschwerer Migräne können nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen (200-600 mg, z. B. Dolormin Migraene®), Naproxen (500-1000 mg) oder Diclofenac (50-100 mg, z. B. Sylmes 50 mg Pulver®) kombiniert mit einem Antiemetikum (z. B. 10-20 mg Metoclopramid) eingesetzt werden. In der nächsten Stufe kommen Triptan-Präparate (z. B. Rizatriptan in Form von Maxalt Lingua 10 mg® oder 50-100 mg Sumatriptan) zum Einsatz.
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Auch kann bei Sumatriptan-Einnahme die gleichzeitige Gabe von Naproxen die Rate von Wiederkehr-Kopfschmerzen signifikant senken.
Vorbeugende Behandlung (Prophylaxe)
Migränepatient*innen werden bei der Migräne-Prophylaxe mit einer Vielzahl von Medikamenten behandelt, von denen jedoch die wenigsten speziell für die Migräne-Therapie entwickelt wurden. Oft brechen die Betroffenen diese vorbeugenden Behandlungen ab.
Die vorbeugende Behandlung der Migräne hat das Ziel, die Attackenfreiheit in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. Inzwischen gibt es bei der vorbeugenden Behandlung der Migräne eine neue Option: „Monoklonale Antikörper gegen den Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Rezeptor (Erenumab) oder gegen CGRP (Eptinezumab, Fremanezumab, (Galcanezumab) sind neue Substanzen zur prophylaktischen Behandlung der Migräne.
Regelmäßiger Ausdauersport kann die Anfallshäufigkeit reduzieren. Einen günstigen Effekt hat auch das Erlernen einer Entspannungstechnik.
Bei menstrueller Migräne kann eine Kurzzeit-Prophylaxe mit Naproxen (2x 500 mg/Tag 3-4 Tage vor bis 3 Tage nach der Periode) oder mit einem Triptan (z. B. Frovatriptan 2,5 mg 2x tgl.) sinnvoll sein.
Die protektive Effizienz von oralen Kontrazeptiva (Antibabypillen) ist individuell auszutesten: Sie können die Migräne verbessern, verschlechtern oder auch unbeeinflusst lassen. Grundsätzlich ist die geringst mögliche Estradiol-Dosis anzustreben. Kombinations-Mikropille als Langzeiteinnahme ohne jede Pillenpause kann dann bei einigen Migränevarianten zur Option der Wahl werden.
Nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe
Eine neue, nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe ist die App sinCephalea Migräneprophylaxe. Diese digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) bietet die Gelegenheit, mittels eines Blutzuckersensors die Reaktion des Blutzuckers auf gewisse Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen. Im Anschluss an die Testphase erhält man individuell auf sich zugeschnittene Ernährungsempfehlungen, mit denen man mit nur wenigen Änderungen (keine Migräne-Diät!!) wirksam Migräneattacken vorbeugen kann.
Migräne und Hormonersatztherapie
Gynokadin® Dosiergel enthält 0,6 mg Estradiol je g Gel und ist zur Behandlung von Beschwerden in und nach den Wechseljahren bzw. nach operativer Entfernung der Eierstöcke behördlich zugelassen. Die Östrogenanwendung über die Haut gilt insbesondere im Vergleich zur oralen Anwendung von Östrogenen, als risikoarm. Nach verfügbaren Erkenntnissen aus zahlreichen epidemiologischen Studien ist nicht mit einer Erhöhung des Thromboserisikos zu rechnen. Hingegen wurde nach oraler Östrogeneinnahme wiederholt ein erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) bestimmt.
Migräne ist keine Kontraindikation für die Anwendung von Gynokadin® Dosiergel. Sie wird jedoch in der Fach- und Gebrauchsinformation unter den Situationen aufgeführt, die besonderer Beobachtung bedürfen. Im Abschnitt Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen wird erwähnt, dass eine Migräne unter der Anwendung von Gynokadin® Dosiergel auftreten oder sich verschlimmern könnte. Das Neuauftreten von migräneartigen Kopfschmerzen unter der Therapie ist ein Grund zum Therapieabbruch. Ein möglicherweise erhöhtes Schlaganfallrisiko sollte, wie mögliche andere Risikofaktoren, in die Nutzen-Risiko-Abwägung für eine Hormonersatztherapie mit einbezogen werden. Auch sollte unter laufender Hormontherapie regelmäßig überprüft werden, ob weiterhin eine Notwendigkeit für die Behandlung besteht.
Die Migräne, insbesondere die Migräne mit Aura, scheint möglicherweise mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko einherzugehen. Auch ist lediglich ein aktuell bestehender oder nur kurz zurückliegender Schlaganfall eine absolute Kontraindikation für eine Hormonersatztherapie. Die Entscheidung über die Fortführung der Therapie sollte nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken der Behandlung mit Ihrer Ärztin gemeinsam getroffen werden. Sollte - nach Kenntnisnahme der geschilderten Datenlage - eine Fortführung der Hormonersatztherapie doch als sinnvoll bewertet werden, so ist die transdermale Anwendung von Estradiol (Gynokadin® Dosiergel) in dieser Situation, nach aktuellem Wissen als die sicherste anzunehmen.
Migräne und Schwangerschaft
Frauen mit schwerer Migräne verzichten aus Angst vor Schwangerschaftskomplikationen oder aus Sorge um das Wohl des Ungeborenen auf die eigene Mutterschaft. Jede fünfte Frau mit schwerer Migräne schreibt den Wunsch nach einem eigenen Kind aufgrund ihrer Erkrankung ab.
Diese Bedenken sind weitgehend unbegründet, stellen die Studienautoren klar. Bei bis zu drei Vierteln der Betroffenen bessern sich die Beschwerden während einer Schwangerschaft, wodurch der Medikamentenbedarf sowie die assoziierten Nebenwirkungen sinken könnten. Migräne ist kein Grund, auf eine Schwangerschaft zu verzichten. Auch eine Kinderwunschbehandlung ist für Migränepatientinnen möglich.
Während einer Schwangerschaft verändert sich der Körper einer Frau nicht nur äußerlich sichtbar, sondern auch ihr Hormonhaushalt wird einmal auf den Kopf gestellt, was auf die Beschwerden einer Migräne oft Auswirkungen hat - glücklicherweise meistens gute. Zwischen 50 - 80 % der Schwangeren berichten, dass sich ihre Migräne bessert und bei einigen sogar ganz verschwindet. Meist treten die Verbesserungen nach dem ersten Drittel der Schwangerschaft ein. Wahrscheinlich hängt die Verbesserung einer Migräne während der Schwangerschaft mit dem konstant hohen Spiegel der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron sowie der veränderten Konzentration der sogenannten Glückshormone Serotonin und Endorphin zusammen, welche unter anderem auch für das Schmerzempfinden verantwortlich sind.
Falls eine Schwangerschaft zu einem Zeitpunkt eintritt, in der Migränemedikamente eingenommen worden sind, kann diese Tatsache bei Schwangeren Ängste auslösen, die Medikamente könnten sich negativ auf die Schwangerschaft oder das Kind ausgewirkt haben. Dennoch gibt es Medikamente, auf die während der Schwangerschaft verzichtet werden sollte. Schwangere, die aktuell Migränemedikamente einnehmen, sollten das weitere Vorgehen zügig mit ihren behandelnden neurologischen und gynäkologischen Fachärztinnen und Fachärzten besprechen. Generell sollte darauf geachtet werden, den Gebrauch von Schmerzmitteln in der Schwangerschaft nach Möglichkeit zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren, selbst wenn ihre Anwendung in der Schwangerschaft zugelassen ist. Wichtig ist, dass Sie jede Therapie und jede Medikamenteneinnahme oder auch das Absetzen eines Medikaments zuvor mit Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten besprechen.
Da sowohl Migräne als auch eine Schwangerschaft einen Einfluss auf die Blutgerinnung haben können, kann beides ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen, wie beispielsweise venöse Thromboembolien oder Schlaganfälle, bergen. Die erneute Hormonumstellung nach der Entbindung kann leider dazu führen, dass die Frequenz der Migräneattacken wieder zunimmt. Manche Migränepatientinnen entwickeln nach der Geburt erstmals eine Migräne mit Aura, welche sich oft durch plötzliche Sehbeschwerden bemerkbar macht.