Die Corona-Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson stehen im Verdacht, das Risiko für gefährliche Hirnvenenthrombosen zu erhöhen. Ein Symptom, das auf eine solche Thrombose hindeuten kann, sind anhaltende Kopfschmerzen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Kopfschmerzen eine häufige Nebenwirkung nach einer Corona-Impfung sind und in der Regel von selbst wieder verschwinden.
Hirnvenenthrombosen (CSVT): Was ist das?
Eine Hirnvenenthrombose, von Ärzten auch zerebrale Sinus- und Venenthrombose (CSVT) genannt, ist ein Verschluss größerer Blutgefäße, die für den Blutabfluss aus dem Gehirn zuständig sind. Dadurch staut sich das Blut im betroffenen Gefäß, was zu Schwellungen und erhöhtem Druck im Bereich der Hirnvenen führt. Es können auch Blutungen entstehen. Im Vergleich zum Schlaganfall entwickelt sich eine CSVT nicht plötzlich, sondern kann sich über Tage und Wochen aufbauen.
Symptome einer CSVT
Das Leitsymptom einer CSVT sind anhaltende Kopfschmerzen und andere neurologische Symptome wie epileptische Anfälle, Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen. Kleine, punktförmige Einblutungen in die Haut, vor allem der Arme und Beine, könnten zudem auf einen Mangel an Blutplättchen hindeuten, wie sie bei einem Teil der Fälle mit CSVT beobachtet wurde.
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) rät, bei folgenden Symptomen sofort medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und dem Arzt mitzuteilen, dass man vor Kurzem geimpft wurde:
- Kurzatmigkeit
- Schmerzen in der Brust oder im Magen
- Schwellung oder Kältegefühl in einem Arm oder Bein
- Schwere oder sich verschlechternde Kopfschmerzen oder verschwommene Sicht
- Anhaltende Blutungen
- Vielen kleinen blauen Flecken, rötlichen oder lilafarbenen Punkten oder Blutblasen unter der Haut
Diagnose und Behandlung von CSVT
Feststellen lässt sich eine CSVT durch ein bildgebendes Verfahren wie ein MRT oder CT des Kopfes. Wirkstoffe für die Akutbehandlung sind Heparine, die dafür sorgen sollen, dass sich das Gerinnsel auflöst bzw. nicht weiter vergrößert. Daneben gibt es für schwerere Fälle die Möglichkeit, mit einem Katheter direkt im Gefäß das Gerinnsel zu beseitigen. Der Verlauf der Erkrankung ist im Vergleich zu anderen Schlaganfallformen günstiger.
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Kopfschmerzen nach Corona-Impfung: Wann ist Vorsicht geboten?
Kopfschmerzen sind eine sehr häufige Nebenwirkung der Corona-Impfung, die in der Regel nach kurzer Zeit wieder von allein verschwindet. Daher ist es nicht notwendig, bei jedem Menschen, der nach einer Impfung über Kopfschmerzen klagt, ein MRT durchzuführen, so die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN).
Eine weiterführende Diagnostik sei nur bei Personen sinnvoll, die in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Impfung über einen Zeitraum von mehreren Tagen neuartige und ungewöhnlich starke Kopfschmerzen bemerken, die sich mit üblichen Schmerzmitteln nicht lindern lassen. In solchen Fällen und insbesondere, wenn zusätzliche neurologische Symptome hinzukommen, sollte umgehend eine weitere Diagnostik erfolgen.
Der Zusammenhang zwischen AstraZeneca und Hirnvenenthrombosen
Nach Impfungen mit dem COVID-19-Vakzin von AstraZeneca sind Einzelfälle seltener Hirnvenenthrombosen aufgetreten. Forscher haben herausgefunden, dass sich als Reaktion auf die Impfung spezielle Antikörper bilden können. Diese heften sich an die Blutplättchen (Thrombozyten) und aktivieren diese so. Dieser Mechanismus bewirkt eine Verklumpung des Blutes und fördert damit das Entstehen von Gerinnseln.
Die Medizin kennt diesen Mechanismus bereits von einer seltenen Autoimmunerkrankung, der Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT). Diese behandeln Ärzte üblicherweise an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit hochdosierten intravenösen Immunglobulinen (IVIG), die problematische Antikörper neutralisieren. Die Greifswalder Forscher gehen davon aus, dass auch Pateinten mit Hirnvenenthrombosen auf die Behandlung ansprechen sollten.
Diagnose und Behandlung von impfbedingten Hirnvenenthrombosen
Treten vier bis 14 Tage nach der Impfung entsprechende Symptome auf, kann man mit Tests auf die speziellen Antikörper rasch herausfinden, ob es sich um eine HIT-ähnliche Reaktion handelt. Danach nehme das Risiko für Komplikationen „höchstwahrscheinlich“ ab, so der Wissenschaftler.
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Das gilt sowohl für Hirnvenenthrombosen, die unter anderem mit Kopfschmerzen und punktförmigen Einblutungen an den Extremitäten einhergehen, als auch bei Anzeichen für tiefe Venenthrombosen in den Beinen, die ebenfalls durch den Mechanismus hervorgerufen werden können. Auch diese sollten dann nicht, wie sonst bei Gerinnseln üblich, mit gerinnungshemmenden Mitteln wie Heparin behandelt werden, sondern mit IVIG.
Empfehlungen der Schmerzklinik Kiel
Die Schmerzklinik Kiel erhält täglich hunderte Anfragen zu einem möglichen Zusammenhang zwischen einer Impfung gegen COVID-19 und dem Vorgehen bei einer parallel bestehenden Migränebehandlung. Es gibt aktuell keine Datengrundlage, dass die Migränebehandlung die Wirksamkeit oder Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe beeinträchtigt.
Es gibt bisher keine Daten, die zeigen, dass die durch den Impfstoff gebildeten Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein das Medikament Onabotulinumtoxin A unwirksam machen würden. Da im Einzelfall auch ausgeprägte Nebenwirkungen auftreten können, empfehlen wir zur Vermeidung additiver Effekte bzgl. der Nebenwirkungen (Summation von Nebenwirkungen beider Arzneimittel) einen möglichst großen Abstand zwischen der Impfung gegen COVID-19 und der Gabe von monoklonalen Antikörpern zur Migränevorbeugung einzuhalten.
Treten Kopfschmerzen nach der Impfung auf, können diese mit Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol behandelt werden. Treten Migräneattacken nach der Impfung auf, können diese wie sonst auch mit der empfohlenen Akutmedikation behandelt werden.
Was tun, wenn man bereits eine Dosis AstraZeneca erhalten hat?
Derzeit prüft die Europäische Arzneimittelagentur, ob der COVID-19-Impfstoff AstraZeneca Hirnvenenthrombosen verursacht oder auslöst. Solange sind Impfungen mit der Vektorvakzine pausiert.
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Laut dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatten alle sieben betroffenen COVID-19-Geimpften innerhalb von vier bis 16 Tagen nach Impfung Unwohlsein und gesteigerte Kopfschmerzen entwickelt. Nach Einschätzung des PEI sollten sich Personen dann in ärztliche Behandlung geben, wenn sie den COVID-19-Impfstoff AstraZeneca erhalten haben und sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen - mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen.
Die DGN beschreibt die „Leitsymptome“ einer CSVT (Zerebrale Sinus- und Venenthrombose) mit anhaltenden Kopfschmerzen und anderen neurologischen Symptomen, zudem könnten punktförmige Einblutungen der Haut auftreten. Wachsam sollten Geimpfte sein, wenn sie in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Impfung über mehrere Tage „neuartige und ungewöhnlich starke Kopfschmerzen bemerken“, die auf klassische OTC-Analgetika nicht ansprächen. Insbesondere rät die DGN „umgehend“ zu einer weiteren Diagnostik, wenn zu den Kopfschmerzen weitere neurologische Symptome - halbseitige Lähmungen und/oder Gefühlsstörungen, Sprachstörungen oder epileptische Anfälle - hinzukämen.
Das PEI verweist zudem auf einen „gewissen Schutz gegen einen schweren Verlauf von COVID-19“ bereits nach einer Impfdosis. „Vor dem Hintergrund, dass der Impfabstand zwischen den beiden Impfungen mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca zwölf Wochen betragen soll und auch ein Überschreiten des Impfabstands nicht dazu führt, dass die Impfung nicht mehr wirkt, sollten in Ruhe die Ergebnisse der aktuellen Überprüfung abgewartet werden“, rät das PEI.
Die Bedeutung einer frühen Diagnose und Behandlung
An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurden fünf Patientinnen mit VITT behandelt. Als erste deutsche Klinik hat die MHH jetzt ihre detaillierten Erfahrungen in Diagnostik, Krankheitsverlauf und Therapie ausgewertet und der internationalen medizinischen Fachwelt als Behandlungsempfehlung zur Verfügung gestellt. Die Ursache der seltenen Nebenwirkung ist eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems. Dabei kommt es zur Bildung von Antikörpern gegen ein körpereigenes Eiweiß der Blutplättchen, den Plättchenfaktor 4 (PF4).
Entscheidend für eine Heilung seien eine frühe Diagnose und Behandlung. Kopfschmerzen und leichtes Fieber ein bis zwei Tage nach der Impfung seien jedoch normale Anzeichen einer Immunreaktion und kein Grund zur Sorge. Wer aber nach mehr als vier Tagen noch starke Beschwerden habe, sollte umgehend den Hausarzt oder die Hausärztin aufsuchen. Ein dort angefertigtes Blutbild gibt Aufschluss über mögliche Anzeichen einer VITT. „In diesem Fall muss der Patient sofort die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen“, rät der Mediziner.
Differenzialdiagnose von Kopfschmerzen nach Impfung
Kopfschmerzen, die in der Folge einer Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca auftreten, sind meist Symptom einer banalen Impfreaktion. Selten können sie auf einer schwerwiegenden Impfkomplikation in Form einer potenziell letal verlaufenden Sinusvenenthrombose (SVT) beruhen.
Es gibt allerdings kein pathognomonisches oder für die SVT typisches Kopfschmerzsyndrom. Meist nimmt der Schmerz allmählich und undulierend über wenige Tage oder sogar Wochen an Intensität zu. Er kann sogar auch in Form eines Donnerschlagkopfschmerzes ganz abrupt einsetzen. In aller Regel ist der Schmerz anhaltend und spricht nicht suffizient auf einfache Schmerzmittel und nicht-steroidale Antirheumatika an. Valsalva-Manöver oder Bücken führt häufig zur Zunahme der Schmerzen.
Allein die Klage über neu aufgetretene, bislang so nicht bekannte Kopfschmerzen, kann unabhängig von deren Lokalisation bereits ein Hinweis auf eine SVT sein. Der Verdacht erhärtet sich, wenn der Kopfschmerz nicht gut auf Akutschmerzmittel anspricht, im Verlauf über Tage zunehmend heftiger wird und mehr als drei Tage anhält. Bestehen zudem Risikofaktoren für eine Thrombose erhöht sich die Wahrscheinlichkeit weiter. Bei den SVT in der Folge der Impfung hat sich allerdings gezeigt, dass die Thrombosen auf einem Immunmechanismus mit Thrombozytopenie beruhen. Deswegen spielen in dieser speziellen Konstellation die klassischen Risikofaktoren eher keine Rolle, sondern es ist zusätzlich auf Blutungsstigmata zu achten.
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