Migränebehandlung mit Pestwurz und Mutterkraut: Studien und Erkenntnisse

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen und eine globale Belastung, die in allen Gesellschaften an zweiter Stelle steht, direkt hinter dem Schlaganfall. Weltweit ist jedes sechste durch eine neurologische Krankheit beeinträchtigte Lebensjahr durch die Migräne verursacht. Aufgrund der Häufigkeit der Krankheit und den Ausmaßen ihrer Symptome ist die Entwicklung von Medikamenten zur besseren Behandlung der Migräne von großer Bedeutung. Neben Medikamenten spielen auch ergänzende Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Migränebehandlung.

Die Rolle komplementärer Therapieansätze

Die Migränetherapie braucht ein Rundumkonzept mit Medikamenten und Hilfe zur Selbsthilfe, auch mit ergänzenden Therapieansätzen. Im aktuellen Gesamtüberblick über die Vielzahl komplementärer Maßnahmen schienen die Risiken gering, die Vorteile aber häufig klar messbar zu sein. Viele naturheilkundliche Mittel haben bisher enttäuscht und können eine medikamentöse Prophylaxetherapie nicht ersetzen. Es gibt aber eine nichtmedikamentöse Maßnahme, die nachweislich Wirkung hat, keine Nebenwirkungen, auch in den Leitlinien verankert ist, aber von Patienten häufig nicht genügend berücksichtigt wird: Regelmäßiger Ausdauersport kann die Anfallsfrequenz bei Menschen mit Migräne senken.

Wissenschaftler recherchierten aus medizinwissenschaftlichen Datenbanken Pubmed, Embase und Cochrane Studienarbeiten, die zwischen 2015 und 2018 veröffentlicht worden waren. In manchen Therapiebereichen zeigten sich dabei größere methodische Hürden, die die Interpretation der Studienergebnisse erschweren. So ist beispielsweise klar, dass eine manuelle Therapie kaum im Doppelblindverfahren durchzuführen ist - der behandelnde Therapeut wird kaum nicht darüber informiert sein, ob eine spezielle Therapie oder stattdessen eine Kontrollmethode durchgeführt wurde.

Mit vielen komplementären Ansätzen bot sich demnach eine reduzierte Kopfschmerzhäufigkeit, verbesserte Lebensqualität und geringere Belastung durch Schmerzen. Besonders vielversprechend waren Ergebnisse aus Studien zur Körper/Seele-Behandlungsmethoden wie Achtsamkeitsmeditation, Yoga und Tai Chi. Auch im Bereich der Nahrungsergänzungen gibt es Neues zu berichten. Aus früheren Studien sind Magnesium und Riboflavin alte Bekannte, die fast schon zum Standard der Migränetherapie gehören.

Pestwurz (Petasites hybridus): Eine vielversprechende Heilpflanze

Auf einer Konferenz europäischer Neurologen in Aachen debattierten Wissenschaftler über neue Methoden der Migränebehandlung. Im Fokus der Forschung stehen unter anderem pflanzliche Mittel wie Pestwurz (Petasites hybridus), die in der traditionellen Medizin bereits seit langem zur Behandlung von Migräne eingesetzt werden.

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Was ist Pestwurz?

Pestwurz (lateinisch: Petasites) gehört zu der Familie der Korbblütler (Asteraceae) und ist vor allem in Europa, Asien und Nordamerika verbreitet. Die Pflanze ist bekannt für ihre großen Blätter, die denen von Rhabarber ähneln und ihre rosa bis lilafarbenen Blüten.

Die Pestwurz ist eine große, wild wachsenden Pflanze mit einer violetten kerzenartigen Blüte, die das gesamte Jahr über gesammelt werden kann. Die alt bewährte Heilpflanze kam im Mittelalter bei der Behandlung Pestkranker zum Einsatz. Heute wird das, in der Apotheke verfügbare Medikament bei Migräne eingesetzt. Pestwurz wurde schon früher als traditionelle Heilpflanze genutzt, vor allem zur Behandlung von Migräne, Allergien, Asthma und Magen-Darm-Beschwerden.

Wirkungsweise von Pestwurz

Pestwurz enthält die oben erwähnten Petasine, die entzündungshemmende und schmerzlindernde Eigenschaften besitzen, indem sie bestimmte Enzyme und Signalwege im Körper beeinflussen. So werden Enzyme gehemmt, die an der Bildung von Entzündungsstoffen beteiligt sind. Gleichzeitig werden spezielle Ionenkanälen, die bei der Schmerzwahrnehmung eine Rolle spielen, desensibilisiert. Das bedeutet, dass Schmerzen schwächer oder weniger wahrgenommen werden.

Besonders interessant im Zusammenhang mit Migräne ist, dass Pestwurz auch die Freisetzung des Botenstoffs CGRP (Calcitonin-Gene-Related Peptide) hemmen soll, welches mit dem Entstehen von Migräneattacken assoziiert wird und Ziel der Migräne-Spritze ist.

Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Pestwurz

In einer von Professor Hartmut Goebel betreuten Studie an der Schmerzklinik in Kiel wurde sich mit der Wirksamkeit der Pestwurz beschäftigt. Laut Professor Goebel zeigten sich in der Studie bereits nach vier Wochen Einnahme des Medikaments erste Verbesserungen. So nahm die Häufigkeit der Migräneattacken ab. Ein Effekt der mit zunehmender Dauer der Studie noch deutlicher wurde. Zwei Tabletten mit Pestwurzextrakt am Tag genügen, um die Anzahl der Attacken um 60 Prozent zu senken. Im Gegensatz zu manch chemischen Mittel beweist diese pflanzliche Arznei ihren Vorteil in einer guten Langzeitverträglichkeit.

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Tatsächlich konnten mehrere Studien die Wirksamkeit von Pestwurzextrakt in der Migräneprophylaxe belegen. Placebo-kontrollierte Studien zeigen, dass die höchste Dosis von 75 mg Pestwurzextrakt (zweimal täglich eingenommen) die stärkste Wirkung erzielte. Nach viermonatiger Einnahme konnten Migräneattacken fast um die Hälfte (48%) reduziert werden. Während die Dosierung von zweimal täglich 50 mg Pestwurzextrakt eine Reduktion von ca. ein Drittel (36%) bewirkte.

In den Leitlinien der Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) wird Pestwurz als „Nahrungsergänzungsmittel mit Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe“ eingestuft. Hinzu kommt, dass der Extrakt der Pestwurz meistens gut vertragen wird und Nebenwirkungen eher selten auftreten - z.B. in Form von leichten Magenschmerzen und Verdauungsproblemen. Die Leitlinienexpertinnen und -experten weisen allerdings darauf hin, dass es Hinweise gibt, dass es bei hochdosierte Formen (z.B. Pestwurzextrakt als Arzneimittel) in seltenen Fällen zu schwerwiegenden Leberfunktionsstörungen kam.

Darreichungsformen und Dosierung von Pestwurz

Pestwurzextrakt ist als hochdosiertes Arzneimittel in Deutschland und Österreich nicht mehr erhältlich, da 2009 ein Auszugsmittel geändert wurde, die eine Neuzulassung erfordert hätte. Du kannst es jedoch weiterhin in Drogerien o.ä. in geringer dosierten Formen, wie Nahrungsergänzungsmitteln oder pflanzlichen Präparaten, kaufen. Diese fallen nämlich in den Bereich der komplementären- und alternativen Medizin.

Am häufigsten wird Pestwurzextrakt in Kapsel- bzw. Tablettenform eingenommen. Der Vorteil dabei ist die einfache und genaue Dosierung. Er ist jedoch auch in flüssiger Form als Tropfen oder Flüssigextrakt erhältlich. Eine exakte Dosierung ist bei der Einnahme von Tropfen allerdings schwieriger und du solltest aufmerksam sein, um eine Überdosierung zu vermeiden. Du kannst Pestwurz aber auch in Pulverform, zum Beispiel in einen Joghurt untergerührt, einnehmen.

Finde hier, idealerweise zusammen mit deinem behandelnden Fachpersonal heraus, was für dich am besten funktioniert und welche Dosierung für dich geeignet ist.

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Wichtige Hinweise zur Einnahme von Pestwurz

Wie alle Pflanzenextrakte besteht auch der Pestwurzextrakt einer Vielzahl chemischer Verbindungen, deren Wirkung im einzelnen sich nur schwer erforschen lässt. Laut Professor Goebel ist der genaue Wirkungsmechanismus noch nicht bekannt, "offenbar ist die Substanz in der Lage in bestimmte Entzündungsprozesse einzugreifen, die bei der Migräne eine Rolle spielen."

Roh ist die Pestwurz nämlich giftig, da sie leberschädigende Pyrrolizidinalkaloide (PA) enthält. Die PAs befinden sich dabei vor allem in den Wurzeln und weniger in den Blättern. Generell sollten daher ausschließlich speziell verarbeitete Extrakte mit entsprechender Dosierung verwendet werden!

Somit steht hier der nachgewiesenen Wirksamkeit von Pestwurz in der Migräneprophylaxe ein mögliches Risiko für Leberentzündungen gegenüber.

Mutterkraut (Tanacetum parthenium): Eine traditionelle Heilpflanze

Neben der Pestwurz wird auch das Mutterkraut (Tanacetum parthenium) als mögliches Migränemittel diskutiert.

Was ist Mutterkraut?

Das Mutterkraut gehört wie die Kamille zur Familie der Korbblütler und ähnelt ihr optisch sehr. Deshalb wird das Mutterkraut auch als „falsche Kamille“ bezeichnet. Bereits seit vielen Jahrhunderten wird es zur Linderung von Kopfschmerzen und Fieber eingesetzt - deswegen auch die Alternativbezeichnung Fieberkraut. Bei Beschwerden wie Bauch- und Zahnschmerzen findet Mutterkraut ebenfalls Verwendung.

Studienergebnisse zur Wirksamkeit von Mutterkraut

Nicht alle Pflanzenextrakte halten einer wissenschaftlichen Prüfung stand. Das Mutterkraut, ein ebenfalls in der Migräneprophylaxe eingesetztes Medikament, konnte seine Wirksamkeit in einer Reihe großer Studien nicht behaupten.

Wissenschaftliche Untersuchungen konnten dem Mutterkraut eine schmerzlindernde und antientzündliche Wirkung bestätigen, das gilt vor allem für den Inhaltsstoff Parthenolid. Eine 2004 durchgeführte und 2015 aktualisierte Analyse mehrerer Studien deutet zudem darauf hin, dass das Mutterkraut auch in der Migränevorbeugung eine gewisse Wirksamkeit besitzt. Jedoch ist der bislang nachgewiesene Effekt verglichen mit einem wirkungslosen Scheinarzneimittel (Placebo) als gering einzustufen.

Mutterkraut-Extrakte gelten demnach bisher als eventuell wirksam (gemischte Ergebnisse) und sicher.

Wichtige Hinweise zur Einnahme von Mutterkraut

In der eben genannten Analyse mehrerer Studien wurden keine ernsthaften Nebenwirkungen bei der Einnahme von Mutterkraut als Migränevorbeugung festgestellt.

Weitere pflanzliche Mittel zur Migräneprophylaxe

Neben Pestwurz und Mutterkraut werden auch andere pflanzliche Mittel wie Ingwer und Curcuma auf ihre Wirksamkeit bei Migräne untersucht.

Ingwer

Ingwer ist in Europa vor allem als scharfes Küchengewürz und als Basis für aromatische Teezubereitungen bekannt, ist der Ingwer in Asien eine seit Jahrtausenden bekannte Heilpflanze. Ob Ingwer allerdings gegen Migräne wirkt, also konkret in der Vorbeugung von Migräne-Attacken und/oder in der Behandlung akuter Migräne-Attacken einem wirkungslosen Scheinmedikament (Placebo) überlegen ist, kann die medizinische Forschung bislang nicht gesichert beantworten.

Eine brasilianische Studie, in der 107 Migränebetroffene in zwei Gruppen aufgeteilt wurden: Eine Gruppe erhielt dreimal täglich ein Ingwer-Extrakt in Kapselform, die andere Gruppe das wirkungslose Scheinpräparat. Vom Ingwer werden die unterirdisch wachsenden knolligen Triebe genutzt, die als Rhizom bezeichnet werden. Die Inhaltsstoffe des Ingwers werden traditionell als krampflösend, entzündungshemmend und schmerzstillend beschrieben. Deshalb wenden manche Personen mit Migräne Ingwer-Zubereitungen bei akuten Migräneanfällen als Hausmittel an. Ob Ingwer gegen akute Migräne helfen kann, ist noch nicht ausreichend erforscht und beantwortet.

Die vorliegende Studie gibt leider keinen Hinweis darauf, dass Ingwer in der Migräneprophylaxe wirksam ist. Sie zeigte keine Überlegenheit von Ingwer gegenüber Placebo.

Curcuma

Ob Curcuma oder Kurkuma - die optisch dem Ingwer ähnliche, aber im Inneren sehr intensiv gelblich gefärbte Knolle kennt beide Schreibweisen. Für eine mögliche Wirkung von Curcuma gegen Migräne und hier vor allem in der Migränevorbeugung untersuchen Forschende den Inhaltsstoff Curcumin. Eine Analyse experimenteller und klinischer Studien zu bestimmten Curcumin-Formen kam zu dem Zwischenfazit, dass Curcumin ein „vielversprechender Kandidat in der Vorbeugung und Kontrolle der Migräne“ sei - unter anderem wegen seiner antientzündlichen und schmerzlindernden Eigenschaften.

Wie beim Ingwer werden bei Curcuma (oder Kurkuma) die Knollen als Gewürz beziehungsweise für die Anwendung als Heilpflanze genutzt.

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