Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Obwohl die Schmerzen oft plötzlich auftreten, gibt es meist Vorzeichen einer Migräneattacke. Um Migräne effektiv vorzubeugen, ist es wichtig, die Entstehung der Krankheit zu verstehen.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Auch wenn die genauen Ursachen von Migräne noch nicht vollständig erforscht sind, deuten Studien darauf hin, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Es gibt sogar Migräneformen, die vererbt werden können. Wissenschaftler vermuten, dass diese Erbfaktoren das Gehirn und das Nervensystem der Betroffenen besonders empfindlich auf Reize reagieren lassen.
Forscher haben festgestellt, dass Migräne auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen ist. Mithilfe bildgebender Verfahren (Positronenemissionstomographie) konnten sie nachweisen, dass im Gehirn das sogenannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm aktiviert ist und stärker durchblutet wird. Dieses Zentrum reagiert überempfindlich auf bestimmte innere und äußere Reize, die als Trigger bezeichnet werden.
Häufige Migräne-Trigger
90 Prozent der Migränepatienten geben an, dass ihre Anfälle durch bestimmte Trigger ausgelöst werden. Diese Trigger können sehr unterschiedlich sein:
- Stress: Stress ist einer der häufigsten Auslöser, der von fast 70 Prozent der Betroffenen genannt wird. Die Angst vor der nächsten Attacke kann den Stress zusätzlich verstärken.
- Änderungen der Schlafgewohnheiten: Ein unregelmäßiger Schlafrhythmus kann Migräneattacken begünstigen.
- Hormone: Hormonelle Schwankungen, insbesondere bei Frauen, können Migräne auslösen.
- Alkohol: Etwa jeder dritte Migränepatient gibt Alkohol als Auslöser an.
- Wetter: Starke Veränderungen des Luftdrucks oder Hitze können ebenfalls Trigger sein.
- Dehydratation: Flüssigkeitsmangel kann Migräneattacken provozieren.
- Licht: Grelle Lichter oder flackernde Glühbirnen können Migräne auslösen.
- Gerüche: Intensive Gerüche können ebenfalls Trigger sein.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel können bei manchen Menschen Migräneattacken auslösen.
Das Kopfschmerztagebuch: Den eigenen Triggern auf der Spur
Um die individuellen Auslöser der eigenen Migräne zu identifizieren, kann ein Kopfschmerztagebuch hilfreich sein. Darin werden der Tagesablauf, das Befinden, die Ernährung und die Flüssigkeitsaufnahme so genau wie möglich dokumentiert. Dies ermöglicht es, einen Überblick über die eigenen Gewohnheiten zu gewinnen und Zusammenhänge zwischen bestimmten Faktoren und dem Auftreten von Migräneattacken zu erkennen. Die Erkenntnisse aus dem Kopfschmerztagebuch sollten mit dem behandelnden Arzt besprochen werden, um gemeinsam eine individuelle Vorbeugungsstrategie zu entwickeln.
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Möglichkeiten der Migräneprophylaxe
Sobald die individuellen Trigger identifiziert wurden, können Maßnahmen ergriffen werden, um diese möglichst zu vermeiden oder zu reduzieren. Dies kann dazu beitragen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu verringern und das Gefühl zu stärken, der Krankheit nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein.
Verhaltensänderungen und Lebensstil-Anpassungen
- Schlafhygiene: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus ist wichtig. Versuchen Sie, möglichst immer zur gleichen Zeit schlafen zu gehen und aufzustehen. Vermeiden Sie Fernseher und Handys im Schlafzimmer, da das blaue Licht moderner Bildschirme die Produktion des Schlafhormons Melatonin beeinträchtigen kann.
- Ausreichend trinken: Beugen Sie Flüssigkeitsmangel vor, indem Sie immer eine Wasserflasche bei sich haben und regelmäßig trinken.
- Lichtschutz: Tragen Sie bei hellem Licht eine Sonnenbrille, um sich vor grellen Reizen zu schützen. Vermeiden Sie flackernde Glühbirnen.
- Ernährung: Identifizieren Sie mithilfe des Kopfschmerztagebuchs problematische Lebensmittel und reduzieren oder vermeiden Sie diese. Erstellen Sie eine Liste mit Nahrungsmitteln, die Sie gut vertragen. Seien Sie vorsichtig bei Speisen, die Histamin oder Geschmacksverstärker wie Glutamat enthalten.
- Histaminarme Lebensmittel: Frischkäse, Dinkelnudeln, frisches Gemüse (Paprika, Karotten, Brokkoli, Kartoffeln), frisches Obst (Heidelbeeren, Blaubeeren, Äpfel) und Obstsäfte (außer Zitrussorten und Tomate).
- Histaminreiche Lebensmittel (Vorsicht geboten): Eingelegte Lebensmittel, Fertiggerichte, Schokolade, Hefe, geräuchertes Fleisch.
- Glutamat: Kommt natürlich in vielen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor, besonders viel in Parmesankäse, Sojasauce, reifen Tomaten, Tiefkühlpizza und Fertiggerichten mit dem Hinweis „Hefeextrakte“.
- Stressmanagement: Stress ist einer der häufigsten Migräne-Trigger. Entspannungsmethoden wie progressive Muskelrelaxation, Meditation oder Yoga können helfen, zur Ruhe zu kommen und Stress abzubauen. Planen Sie feste Zeiten für Entspannung in Ihren Tag ein und gestalten Sie sich eine ruhige Ecke in Ihrer Wohnung als persönlichen Entspannungsort. Fragen Sie Ihre Krankenkasse nach Entspannungskursen, für die es oft Zuschüsse gibt.
- Sportliche Betätigung: Moderater Sport wie Nordic Walking in der Natur oder eine lockere Radtour kann helfen, Stress abzubauen und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.
Medikamentöse Migräneprophylaxe
Wenn die oben genannten Maßnahmen nicht ausreichen oder die Migräneattacken sehr häufig und schwer sind, kann der Arzt Medikamente zur Vorbeugung verschreiben. Dies ist auch bei Migräne mit Aura möglich.
- Bewährte Medikamente: Seit einiger Zeit werden auch Medikamente eingesetzt, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie oder Bluthochdruck verschrieben wurden, wie Valproat und Topiramat. Diese Mittel sollten anfangs niedrig dosiert werden, wobei die Dosis später schrittweise erhöht werden kann. Es ist wichtig, die möglichen Nebenwirkungen mit dem Arzt zu besprechen. Betablocker können beispielsweise müde machen, das Gewicht steigern und Schlafstörungen verursachen. Bei Asthma oder niedrigem Blutdruck dürfen sie nicht eingesetzt werden. Flunarizin kann in seltenen Fällen Depressionen oder Bewegungsstörungen auslösen.
- Antikörper (CGRP-Antikörper): Eine relativ neue Klasse von Medikamenten zur Migräneprophylaxe sind die CGRP-Antikörper. Diese Antikörper setzen am Calcitonin Gene-Related Peptid (CGRP) an, einem Botenstoff, der eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt. Durch die Blockade von CGRP können die Antikörper die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
- Wirkungsweise: CGRP wird unter anderem von Fasern des Trigeminusnervs ausgeschüttet, der Berührungs- und Schmerzempfindungen von Gesicht und Stirn ans Gehirn weiterleitet. Studien haben gezeigt, dass die Injektion von CGRP bei Migränepatienten eine Migräneattacke auslösen kann. Die CGRP-Antikörper Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab sind in den letzten Jahren für die Migräneprophylaxe zugelassen worden. Sie werden per Spritze verabreicht und haben sich in Studien als wirksam erwiesen.
- Vorteile: Einer der Hauptvorteile der CGRP-Antikörper ist ihre gute Verträglichkeit. In Studien brachen nur wenige Patienten die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen ab.
- Kosten und Erstattung: Die Kosten für CGRP-Antikörper sind jedoch relativ hoch, und die Erstattung durch die Krankenkassen ist an bestimmte Bedingungen geknüpft. In der Regel werden die Kosten nur dann übernommen, wenn andere Medikamente zur Migräneprophylaxe nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder kontraindiziert sind.
- Botox (Onabotulinumtoxin A): Bei chronischer Migräne, bei der die Betroffenen nahezu ständig unter Migränebeschwerden leiden, können Injektionen mit Onabotulinumtoxin A (Botox) helfen. Diese Form von Botox kann vorbeugend wirken, indem sie die Muskeln entspannt und die Schmerzübertragung reduziert. Die Injektionen müssen in regelmäßigen Abständen von etwa drei Monaten wiederholt werden.
Medikamentenübergebrauch und Antikörper als Ausweg?
Viele Menschen mit chronischer Migräne greifen zu oft zu Schmerzmedikamenten, was langfristig zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führen kann. Ein übermäßiger Gebrauch von Schmerzmitteln, insbesondere von Triptanen, kann zu einem sogenannten Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz führen, einer Chronifizierung der vorher schon bestehenden Migräne.
- Der Teufelskreis: Die Patienten nehmen die Medikamente nicht ohne Grund, sondern weil sie die Schmerzen sonst nicht aushalten. Doch infolge des häufigen Griffs zu den Pillen klettert die Zahl der Tage mit Attacken nach oben.
- Bisherige Therapie: Um diesem Teufelskreis zu entkommen, wurde bislang empfohlen, den Konsum der Schmerzmittel zu zügeln oder idealerweise die Medikamente zwei bis vier Wochen ganz wegzulassen. Für die Betroffenen ist das in der Regel eine sehr schmerzhafte Herausforderung.
- Neue Hoffnung durch Antikörper: Medikamente zur Vorbeugung gegen Migräneattacken, insbesondere die CGRP-Antikörper, bieten eine Alternative. Sie sollen dazu führen, dass sich die akuten Gewitter der Erkrankung nicht so häufig entladen, und so am Ende auch übermäßigen Medikamentenkonsum verhindern. Studien deuten darauf hin, dass die CGRP-Antikörper auch bei Patienten mit Medikamentenübergebrauch wirksam sind und die Zahl der Kopfschmerztage reduzieren können.
Alternative und ergänzende Behandlungsmethoden
Neben den konventionellen medizinischen Behandlungen gibt es auch eine Reihe von alternativen und ergänzenden Methoden, die bei Migräne eingesetzt werden können.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Vorbeugung von Migräneattacken wirksam sein kann.
- Biofeedback: Biofeedback ist eine Methode, bei der die Patienten lernen, Körperfunktionen wie Muskelspannung und Herzfrequenz bewusst zu beeinflussen. Dies kann helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training und Yoga können helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
- Pfefferminzöl: Äußerlich aufgetragenes Pfefferminzöl kann bei Migräne und Spannungskopfschmerzen lindernd wirken.
- Wärme- und Kälteanwendungen: Je nach Vorliebe können Wärme- oder Kälteanwendungen während einer akuten Migräneattacke als angenehm empfunden werden.
- Heilpflanzentees: Einige Heilpflanzentees, wie beispielsweise Schlüsselblumentee, Ingwertee oder Weidenrindentee, können bei Migräne lindernd wirken.
Die Rolle der Eigeninitiative
Die Eigeninitiative des Patienten spielt eine entscheidende Rolle bei der Migräneprophylaxe. Es ist wichtig, sich aktiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen, die eigenen Trigger zu identifizieren und Maßnahmen zu ergreifen, um diese zu vermeiden oder zu reduzieren. Auch die Teilnahme an Entspannungskursen, sportliche Betätigung und eine gesunde Lebensweise können einen positiven Einfluss auf den Verlauf der Migräne haben.
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Stigmatisierung von Migräne
Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die jedoch häufig unterschätzt wird. Viele Betroffene fühlen sich stigmatisiert und erleben Vorurteile, mangelndes Verständnis und Diskriminierung - sogar im Gesundheitssystem.
Formen der Stigmatisierung
- Schuldzuweisung: Migränepatienten wird oft das Gefühl vermittelt, dass die Erkrankung ihre eigene Schuld sei.
- Unterstellung von Vorteilsnahme: Andere denken oft, dass Migränepatienten sich durch die Erkrankung Vorteile erschleichen, wie zum Beispiel das Erhaschen von mehr Aufmerksamkeit oder eine Möglichkeit, sich vor Aufgaben zu drücken.
- Bagatellisierung: Migräne wird oft mit normalen Kopfschmerzen gleichgesetzt, und andere unterschätzen oder bagatellisieren die Krankheitslast.
- Soziale Ausgrenzung: Freunde und Bekannte ziehen sich von den Betroffenen zurück, oder fremde Menschen vermeiden von vorneherein den Kontakt.
- Abfällige Äußerungen: Es wird abfällig über den Betroffenen gesprochen, und es herrscht generelles Unverständnis und Verurteilung.
- Unverständnis im Gesundheitssystem: Viele Migränepatienten haben das Gefühl, dass medizinische Fachkräfte ihre Erkrankung nicht ernst nehmen.
Folgen der Stigmatisierung
Die Stigmatisierung von Migräne kann erhebliche negative Folgen für die Betroffenen haben:
- Schwächung des Selbstwertgefühls
- Störungen von familiären Beziehungen
- Erschwerte Teilhabe am sozialen Leben
- Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche oder im Job
- Seltener Inanspruchnahme oder Abbruch von Behandlungen
- Verschlimmerung chronischer Schmerzen
- Stress und geringere Lebensqualität
Was kann man gegen Stigmatisierung tun?
Um Stigmatisierung zu bekämpfen, ist es wichtig, die Ursachen zu verstehen und Maßnahmen zu ergreifen, um das gesellschaftliche Verständnis für die Erkrankung zu verbessern.
- Aufklärung und Vermittlung von Wissen: Organisationen wie die European Migraine & Headache Alliance (EMHA) und die MigräneLiga e.V. Deutschland leisten wertvolle Aufklärungsarbeit über Migräne.
- Persönlicher Kontakt mit Nicht-Betroffenen: Migränepatienten sollten den Kontakt und das Gespräch mit Nicht-Betroffenen suchen und über ihre Erfahrungen berichten.
- Offener Umgang mit der Erkrankung: Anstatt sich resigniert zurückzuziehen, sollten Migränepatienten offen mit ihrer Erkrankung umgehen und sich nicht scheuen, ihre Bedürfnisse zu äußern.
- "Rebranding" der Migräne-Erkrankung: Es werden neue Strategien zur Definition und Kommunikation von Migräne in der Öffentlichkeit gefordert, um das Image der Erkrankung zu verbessern und die Stigmatisierung zu reduzieren.
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