Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur "ein bisschen Kopfweh" ist. Sie kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die psychosomatische Bedeutung von Migräne, ihre Ursachen und die verschiedenen Aspekte, die mit dieser Erkrankung verbunden sind.
Was ist Migräne? Ein neurologisches Problem
Migräne ist eine neurologische Erkrankung und keine psychische Störung. Diesen Mythos widerlegt Prof. Dr. Karl Meßlinger von der Initiative "Attacke - Gemeinsam gegen Kopfschmerzen". Studien zeigen, dass etwa jeder siebte bis zehnte Deutsche an Migräne leidet, wobei Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die Erkrankung ist durch zyklisch auftretende Symptome gekennzeichnet, wobei das Gehirn von Migränepatienten Reize anders verarbeitet als das von Nicht-Betroffenen. Das Nervensystem steht gewissermaßen ständig unter Hochspannung, wodurch die Reizschwelle niedriger liegt.
Ursachen von Migräne
Die genauen Ursachen für die Entstehung von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung, neurologischen Faktoren und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Genetische Veranlagung
Die Medizin kennt als einzige sichere Ursache eine genetische Veranlagung. Laut der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie haben mehr als 70 Prozent der Betroffenen Eltern, Geschwister oder Kinder, die ebenfalls unter Migräne leiden. Es gibt jedoch nicht das eine "Migräne-Gen", sondern eine Reihe von genetischen Faktoren, die dazu führen, dass ein Mensch Migräne bekommt.
Triggerfaktoren
Ist die Veranlagung vorhanden, kann ein Migräneanfall durch verschiedene Faktoren "getriggert", also ausgelöst, werden. Diese Trigger sind sehr individuell und können sein:
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- Nahrungsmittel: Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (besonders Rotwein)
- Stress: Körperliche oder seelische Belastungen, wobei Migräne oft in der Entspannungsphase danach auftritt.
- Schlafmangel: Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus, zu viel oder zu wenig Schlaf.
- Hormonschwankungen: Menstruation bei Frauen, Einnahme von Hormonpräparaten.
- Äußere Reize: (Flacker)Licht, Lärm, Gerüche, verqualmte Räume.
- Wetter- und Höhenveränderungen: Föhn, Kälte etc.
- Starke Emotionen: Ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst.
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung, Hungerzustand durch Auslassen von Mahlzeiten.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente können ebenfalls Migräne auslösen.
Es ist wichtig zu beachten, dass manche Patienten auch dann Migräneanfälle haben, wenn scheinbar kein Auslöser vorhanden ist.
Psychosomatische Aspekte
Psychische Faktoren spielen bei Migräne durchaus eine Rolle. Stress und Ärger können einen Migräneanfall auslösen oder wahrscheinlicher machen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Ursache der Migräne psychisch ist.
Stress als Auslöser
Stress wird von Patienten häufig als Auslöser von Migräne genannt. Interessanterweise tritt die Migräneattacke oft nicht während der akuten Stresssituation auf, sondern erst in der nachfolgenden Entspannungsphase. Mediziner vermuten, dass Schwankungen im Cortisol-Spiegel dafür verantwortlich sind.
Angst vor Migräne
Die ständige Angst vor einer Migräne kann die Psyche stark belasten und sogar selbst zum Triggerfaktor werden. Die Angst vor dem Ausfall bei wichtigen Terminen oder die Sorge, dass ein schöner Abend durch eine Attacke getrübt wird, kann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.
Symptome und Phasen eines Migräneanfalls
Ein Migräneanfall durchläuft verschiedene Phasen und kann mit einer Vielzahl von Symptomen einhergehen:
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- Vorlaufphase: Starkes Gähnen, schlechte Stimmung, Heißhungerattacken.
- Aura: Sehstörungen (Zick-Zack-Linien, Flimmern), Gefühlsstörungen (Kribbeln, Taubheit), Wortfindungsschwierigkeiten.
- Hochphase: Starke Kopfschmerzen (oft einseitig, pulsierend), Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
Die Attacken dauern in der Regel zwischen 4 und 72 Stunden und verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
Was passiert im Gehirn bei einem Migräneanfall?
Die Wissenschaft hat die genauen Vorgänge bei einem Migräneanfall noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass Entzündungsvorgänge an den Blutgefäßen des Gehirns und der Hirnhäute eine Rolle spielen, die durch Botenstoffe wie GCPR verursacht werden. Diese Entzündung führt zu starken Schmerzen.
Früher ging man von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus. Aktuelle Untersuchungen deuten jedoch auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm hin.
Behandlung von Migräne
Migräne ist nicht heilbar, aber therapierbar. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, akute Migräneattacken zu behandeln und ihnen vorzubeugen.
Akutbehandlung
- Schmerzmittel: Aspirin und Ibuprofen können bei leichten Attacken helfen.
- Triptane: Verengen die Gefäße im Gehirn und hemmen die Ausschüttung von Entzündungsstoffen.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen.
Es ist wichtig, die Medikamente nicht zu häufig einzunehmen, um einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz zu vermeiden.
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Prophylaxe
Eine Prophylaxe ist sinnvoll, wenn ein Patient mehr als drei Attacken pro Monat hat oder sich die Attacken mit Medikamenten nicht in den Griff bekommen lassen. Hierzu werden Medikamente eingesetzt, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, wie Betarezeptorenblocker, Antiepileptika oder Antidepressiva. Seit 2018 gibt es auch CGRP-Antikörper, die jedoch sehr teuer sind und deren Langzeitfolgen noch nicht erforscht sind.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Zusätzlich zu Medikamenten können Betroffene eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen ergreifen, um Migräneattacken vorzubeugen:
- Regelmäßige Mahlzeiten: Auslassen von Mahlzeiten vermeiden.
- Ausgeglichener Schlaf-Wach-Rhythmus: Für ausreichend und regelmäßigen Schlaf sorgen.
- Stressmanagement: Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation erlernen.
- Regelmäßige Bewegung: Ausdauersport wie Walking oder Joggen kann helfen, Stress abzubauen.
- Kopfschmerztagebuch: Führen eines Kopfschmerztagebuchs, um individuelle Trigger zu identifizieren.
- Psychotherapie: Eine psychotherapeutische Behandlung kann helfen, Stressoren zu erkennen und besser mit ihnen umzugehen.
Leben mit Migräne und die Bedeutung der Psyche
Migräneattacken können das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen und zu seelischen Belastungen führen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Migräne eine echte Erkrankung ist und keine "Ausrede". Viele Betroffene leiden unter dem Stigma, dass Migräne keine ernstzunehmende Krankheit sei.
Auswirkungen auf die mentale Gesundheit
Migräne tritt häufig zusammen mit Depressionen auf. Die Schmerzen, der Stress durch Einschränkungen im Alltag und die Unsicherheit, wann die nächste Attacke kommt, können zu einer großen Belastung werden.
Strategien zur Stärkung der mentalen Gesundheit
- Professionelle Unterstützung suchen: Wenden Sie sich an eine Patientenorganisation, Ihren Hausarzt oder einen Neurologen.
- Austausch mit anderen Betroffenen: Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Empfindungen mit anderen in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren.
- Entspannungstechniken anwenden: Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
- Regelmäßige Bewegung: Sport und Bewegung haben eine positive Wirkung auf das mentale Befinden.
- Ausgewogene Ernährung und geregelter Tagesablauf: Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise.
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