Die vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt, ist eine spezielle Form der Migräne, bei der Schwindelattacken im Vordergrund stehen. Diese Schwindelattacken können von den typischen Migränekopfschmerzen begleitet sein, aber auch unabhängig davon auftreten. Die Diagnose ist oft schwierig, da Schwindel viele Ursachen haben kann. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der vestibulären Migräne, um Betroffenen zu helfen, ihre Beschwerden besser zu verstehen und wirksame Strategien zur Linderung zu finden.
Was ist vestibuläre Migräne?
Die vestibuläre Migräne ist eine Unterform der episodischen Migräne, bei der das Gleichgewichtsorgan im Innenohr (Vestibularorgan) an den Beschwerden beteiligt ist. Früher wurde sie auch als migräneassoziierter Schwindel, migränebedingte Vestibulopathie oder migränöser Schwindel bezeichnet.
Häufigkeit
Man schätzt, dass zwischen 10 und 40 Prozent der Migränepatienten auch Schwindelsymptome kennen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung sind Schwindelanfälle das führende neurologische Symptom im Rahmen der Migräne.
Symptome
Anders als bei der normalen Migräne steht bei der vestibulären Form nicht der Kopfschmerz, sondern der Schwindel im Vordergrund. Die Begleitsymptome ähneln sich jedoch.
Die Hauptsymptome der vestibulären Migräne sind:
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- Schwindel: Dieser kann sich als Drehschwindel, Schwankschwindel, lageabhängiger Schwindel oder Kopfbewegungsintoleranz äußern.
- Kopfschmerzen: Diese können gleichzeitig mit dem Schwindel auftreten, ihm vorausgehen oder ganz fehlen.
- Weitere Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Gangunsicherheit, Oszillopsien (Scheinbewegungen der Umgebung), Licht- und Lärmempfindlichkeit, auditive Symptome (Hörminderung, Tinnitus, Ohrendruck).
Die Anfälle können wenige Sekunden, aber auch stundenlang anhalten. In extremen Fällen ist Erkrankten mehrere Tage lang schwindelig.
Diagnose
Die Diagnose der vestibulären Migräne ist oft schwierig, da die Symptome vielfältig sind und anderen Erkrankungen ähneln können. Es vergehen häufig Jahre, bis die korrekte Diagnose gestellt wird.
Die Bárány-Society hat folgende Kriterien für die Diagnose aufgestellt:
- Mindestens fünf Attacken mit vestibulären Symptomen mit einer Dauer von fünf Minuten bis 72 Stunden.
- Diagnostizierte Migräne mit oder ohne Aura.
- Bei mindestens 50 % der Schwindelanfälle treten ein oder mehrere Migränesymptome auf.
- Die Beschwerden sind nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen.
Um andere Ursachen für den Schwindel auszuschließen, sind möglicherweise weitere Untersuchungen erforderlich, wie z.B. MRT, HNO-ärztliche Untersuchung oder Herz-Kreislauf-Untersuchungen. Eine Videonystagmografie (VNG) kann helfen, die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu messen.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass bestimmte Botenstoffe, die während des Migräneanfalls ausgeschüttet werden, im Gleichgewichtsorgan oder im Gleichgewichtszentrum im Gehirn eine Wirkung haben. Möglicherweise spielen auch Veränderungen der Hirndurchblutung eine Rolle. Oft liegt die Erkrankung aber in der Familie.
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Äußere Faktoren können Attacken auslösen:
- Stress
- Schlafmangel
- Hormonelle Veränderungen (z.B. während Schwangerschaft und Wechseljahren)
- Wetter
- Unverträglichkeiten und Allergien
- Licht- oder Geräuschreize
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Schwindelerkrankungen abzugrenzen, insbesondere von Morbus Menière. Während Morbus Menière ein Flüssigkeitsstau im Innenohr zugrunde liegt, der auch das Hören einschränkt, handelt es sich bei vestibulärer Migräne um eine neurologische Erkrankung ohne Hörverlust.
Weitere Differentialdiagnosen sind:
- Transitorisch ischämische Attacken (TIAs)
- Vestibularisparoxysmie
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
- Psychogener Schwindel
- Orthostatische Hypotonie
Behandlung
Die vestibuläre Migräne ist bisher nicht heilbar. Ziel der Behandlung ist es, die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Akutbehandlung
Bei einer akuten Schwindelattacke helfen Medikamente gegen Übelkeit, etwa der Wirkstoff Dimenhydrinat, der auch in Reisetabletten enthalten ist. Typische Migränemedikamente wie Schmerzmittel oder Triptane sind ebenfalls sinnvoll, insbesondere wenn Kopfschmerzen auftreten.
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Vorbeugung
Zur Vorbeugung einer Schwindelmigräne werden dieselben Maßnahmen empfohlen wie zur Vorbeugung von Migränekopfschmerzen:
- Regelmäßiger Ausdauersport (z.B. Joggen, Schwimmen, Radfahren)
- Entspannungstechniken (z.B. Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training, Biofeedback)
- Psychologische Verfahren (z.B. Verhaltenstherapie)
- Regelmäßiges Essen und Trinken
- Ausreichend Schlaf
- Stress vermeiden
In schweren Fällen können Medikamente zur Anfallsprophylaxe eingesetzt werden:
- Betablocker (z.B. Metoprolol)
- Antidepressiva (z.B. Amitriptylin)
- Antiepileptika (z.B. Topiramat)
- Kalziumkanalblocker (z.B. Flunarizin)
- CGRP-Antikörper
Es ist wichtig, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Medikamente mit dem Arzt zu besprechen, um die individuell passende Therapie zu finden.
Natürliche Heilmittel
Auch natürliche Arzneimittel wie z.B. Mutterkraut können bei der Behandlung der vestibulären Migräne eingesetzt werden.
Was können Betroffene selbst tun?
- Führen Sie ein Anfallstagebuch: Notieren Sie, wann die Anfälle auftreten, welche Symptome auftreten und welche Faktoren möglicherweise eine Rolle gespielt haben. Dies kann helfen, individuelle Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
- Achten Sie auf einen gesunden Lebensstil: Regelmäßiger Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und genügend Trinken bilden die Basis für eine gute Gesundheit und können helfen, Migräneattacken zu reduzieren.
- Treiben Sie Sport: Regelmäßige Bewegung, insbesondere Ausdauersportarten, kann helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Lernen Sie Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und die Symptome der Migräne zu lindern.
- Vermeiden Sie bekannte Auslöser: Wenn Sie wissen, welche Faktoren bei Ihnen Migräneattacken auslösen, versuchen Sie, diese zu vermeiden.
- Suchen Sie professionelle Hilfe: Ein Neurologe oder ein Schwindelzentrum kann Ihnen bei der Diagnose und Behandlung der vestibulären Migräne helfen.
Vestibuläre Migräne bei Kindern
Auch Kinder können von vestibulärer Migräne betroffen sein. Bei Kindern äußert sich die Migräne oft anders als bei Erwachsenen. So leiden Kinder häufiger unter vestibulärer Migräne als unter gewöhnlicher Migräne. Klagen Kinder häufig über Kopfschmerz, sollten Eltern eine klinische Untersuchung veranlassen.