Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen, insbesondere Migräne, und Blutdruck, sowohl erhöhten als auch niedrigen, ist ein komplexes Feld der medizinischen Forschung. Die Ergebnisse sind oft widersprüchlich und Anlass für anhaltende Diskussionen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu diesem Thema.
Komorbidität von Migräne und Bluthochdruck
Neuere Forschungsarbeiten zeigen eine gewisse Komorbidität - ein gemeinsames Auftreten - von Kopfschmerzen und Bluthochdruck. Allerdings variieren die Ergebnisse je nach Studiendesign, Zusammensetzung der untersuchten Gruppen und der spezifischen Art der Kopfschmerzen. Eine finnische Studie begleitete Migränepatienten über fünf Jahre und stellte fest, dass diese ein höheres Risiko hatten, Bluthochdruck zu entwickeln, verglichen mit einer Kontrollgruppe ohne Migräne. Es muss allerdings einschränkend erwähnt werden, dass die Migräne-Diagnose von den Teilnehmenden selbst angegeben und nicht ärztlich überprüft wurde. Eine andere Studie aus New York fand unter Studienteilnehmern mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren einen hohen Anteil von Bluthochdruck (76 %). In dieser Gruppe war das Auftreten von Migräne mit und ohne Aura deutlich erhöht.
Diese Studien liefern Anhaltspunkte dafür, ob und in welchem Ausmaß Kopfschmerzerkrankungen gemeinsam mit Bluthochdruck auftreten. Über die genauen Zusammenhänge und Hintergründe dieses Zusammentreffens ist jedoch noch wenig bekannt.
Mögliche Mechanismen und Entstehungswege
Eine italienisch-französische Studie aus dem Jahr 2013 liefert einen möglichen Ansatz zur Erklärung, wie es bei Migränepatienten zu Bluthochdruck kommen kann. Die Studie berichtet, dass bei Migränepatienten häufig krankhafte Veränderungen der Blutgefäße vorliegen. Es treten Verhärtungen und Versteifungen in den Gefäßwänden auf, die ihre Flexibilität beeinträchtigen. Dadurch werden wichtige Regulationsprozesse, wie die Verengung oder Erweiterung der Gefäße, erschwert, was die Fähigkeit des Körpers beeinträchtigt, den Blutdruck effektiv zu regulieren. Zudem kann es zu einer Schädigung des Gefäß-Gewebes kommen, insbesondere der Zellschicht, die die Gefäße innen auskleidet (das Endothel). Dies kann sich ebenfalls negativ auf die Dehnbarkeit und Beweglichkeit der Blutgefäße auswirken. Die Autorin berichtet, dass die Befunde darüber hinaus in Bezug auf die großen Arterien im Körper ähnlich sind: Auch sind hier bei Migränebetroffenen Regulationsvorgänge beeinträchtigt.
Eine polnische Untersuchung aus dem Jahr 2015 bestätigt die These von der Beeinträchtigung des Gefäß-Endothels bei Migränebetroffenen. Die Autor:innen finden funktionelle Beeinträchtigungen der Gehirngefäße und geschädigte Gewebe. Sie weisen darauf hin, dass bei Migräne auch das Risiko für Schlaganfälle erhöht ist. Zudem finde man - vermutlich als Folge der Gefäßschäden - minderdurchblutete Hirnbereiche mit sogenannten ischämischen Läsionen. In dieser Untersuchung wird auch darauf hingewiesen, dass es im Rahmen der wellenartigen Erregungsausbreitung bei einer Migräne-Attacke zu Veränderungen an der Blut-Hirn-Schranke kommen kann. In der Folge kann es ebenfalls zu einer Minderdurchblutung kommen, was die Beeinträchtigung durch die Migräneattacke zusätzlich verschlimmert. Ob die beschriebenen krankhaften Veränderungen auf den Bereich des Kopfes beschränkt sind oder der ganze Körper (vor allem mit Blick auf die Blutgefäße) davon in Mitleidenschaft gezogen wird, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.
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Migräne als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Die genannten Studien legen nahe, dass Migräne, insbesondere bei Frauen, mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen kann. Forscher aus Finnland werteten Gesundheitsdaten von über 8.000 Menschen aus und stellten fest, dass Migräniker nach 15 Jahren ein um 37 Prozent höheres Risiko hatten, Bluthochdruck zu entwickeln, als Nicht-Migräniker. Die Ergebnisse stehen laut Kurth und Koautoren in Einklang mit anderen epidemiologischen Studien. In einer großen Kohortenstudie war ein erhöhtes Gefäßrisiko allerdings nur bei Migräne mit Aura festgestellt worden. Der zugrunde liegende Pathomechanismus ist den Studienautoren zufolge unbekannt. Ob eine Migräneprophylaxe außer den Schmerzattacken auch kardiovaskulären Komplikationen vorbeugen kann, ist bislang ebenfalls unklar.
Blutdruckkontrolle und Migränebehandlung
Bei Menschen mit Migräne und Bluthochdruck ist es wichtig, die blutdrucksenkende Therapie und die Migränebehandlung gemeinsam zu betrachten. Eine erfolgreiche Blutdrucksenkung kann auch die Anzahl der Migräneanfälle verringern. Andererseits können einige blutdrucksenkende Medikamente, insbesondere zu Beginn der Therapie, Kopfschmerzen verursachen.
Migräne-Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird eine genetische Veranlagung vermutet, da Migräne oft familiär gehäuft auftritt. Diese genetische Prädisposition scheint in Kombination mit verschiedenen inneren und äußeren Faktoren (Triggern) zu Migräne-Attacken zu führen.
Genetische Veranlagung: Migräne ist vererbbar, wobei ähnliche Formen der Migräne innerhalb einer Familie auftreten können. Experten gehen von einer polygenetischen Veranlagung aus, bei der Veränderungen in mehreren Genen das Migränerisiko erhöhen. Diese Gene können an der Regulierung neurologischer Schaltungen im Gehirn oder an oxidativem Stress beteiligt sein.
Auslöser (Trigger): Verschiedene Trigger können bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Migräne-Attacke auslösen. Welche Faktoren im Einzelfall einen Anfall triggern, ist individuell verschieden. Einige Beispiele:
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- Stress: Ein häufiger Auslöser ist Stress im privaten oder beruflichen Umfeld.
- Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus: Betroffen sind oft Menschen, die im Schichtdienst arbeiten.
- Reizüberflutung: Wenn das Gehirn zu viele Eindrücke gleichzeitig verarbeiten muss, entsteht ebenfalls Stress.
- Wetter/Wetterwechsel: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht an einem wolkenlosen Tag.
- Ernährung: Bestimmte Lebensmittel, wie z.B. tyraminhaltige Produkte (Bananen, Käse), oder unregelmäßiges Essen (Unterzuckerung) können Migräne auslösen.
- Hormonelle Veränderungen: Geschlechtshormone haben einen starken Einfluss auf Migräne. So löst der Abfall des Östrogenspiegels vor der Regelblutung bei manchen Frauen eine Migräne-Attacke aus. Darüber hinaus können hormonelle Verhütungsmittel („Pille“) ebenfalls Migräne verursachen.
Neben bestimmten Risikogenen in unseren Erbanlagen sind Mechanismen im Körper verantwortlich für eine hohe Migränebereitschaft. In der größten Migränestudie überhaupt mit über 375.000 Probanden, die an den weltweit führenden Zentren für Migräne durchgeführt worden ist, hat man 38 Risikogene und 44 Genvarianten entdeckt. Diese sind für zwei wesentliche Steuerungsmechanismen in unserem Körper verantwortlich: Einerseits betreffen diese das Herz-Kreislauf-System. Das führt auch dazu, dass das Risiko an Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erkranken, bei Migränepatienten fast doppelt so hoch ist wie bei Nicht-Betroffenen. Das zweite große Thema andererseits sind psychische und sensorische Mechanismen, für die unser Nervensystem verantwortlich ist, also Wahrnehmung, Denken, Kognition und Gefühle. Migränepatienten nehmen schneller wahr und reagieren schneller auf Reize. Sie nehmen wiederkehrende Reize kontinuierlich auf und können diese nur schwer ausblenden. Alles was zu schnell, zu plötzlich oder dauernd kommt, kann Migräneattacken auslösen. Das ist das Gemeinsame an vielen Auslösern. Das Nervensystem, das ohnehin schon sehr schnell aufgrund der besonderen Erbanlagen arbeitet, kommt an seine Obergrenze und es entsteht ein Energiedefizit in den Nervenzellen. Jetzt versucht das Gehirn noch über einen Schutzmechanismus, durch Heißhunger nach Hochkalorischem, das Energiedefizit auszugleichen. Deswegen berichten viele, dass im Vorfeld der Migräne ein ungebremster Heißhunger entsteht. Man isst dann zum Beispiel die Schokolade oder das Käsebrot. Und denkt am nächsten Tag: Aha, ich habe das oder jenes gegessen und dies hat das Ganze ausgelöst. Dabei ist der Heißhunger ein Schutzmechanismus. Man sollte dem Heißhunger nach Kohlenhydraten nachgeben und das Nervensystem regelmäßig im Gleichtakt auftanken. Das Gehirn braucht im Wesentlichen drei Dinge: Kohlenhydrate, Wasser und Sauerstoff. Entscheidend ist nicht der einzelne Faktor, sondern die Summe der Dinge in den vergangenen Tagen. Es kommt also nicht darauf an, was heute passiert ist, sondern in welcher Verfassung mein Körper allgemein ist. Wenn ich fünf Tage Stress gehabt habe, dann ist nicht der erste Tag das Problem, an dem der Stress am schlimmsten war, sondern der fünfte oder sechste Tag mit Stress, weil das Nervensystem dann erschöpft ist. Der häufigste Migränetag ist übrigens der Samstag gefolgt vom Sonntag. Wenn sich Trigger summieren, ist das also nicht gut. Man sollte sie nicht überwerten, aber doch ein bisschen darauf achten, oder? Gemeinsamer Nenner all dieser Faktoren ist die Änderung. Was sich zu schnell, zu impulsiv, zu plötzlich ändert, beansprucht das Nervensystem.
Stress steht ganz oben. Stress wird jedoch sehr individuell erlebt. Die Überaktivierung des Nervensystems, also wenn beispielsweise etwas beunruhigt, ist ein typischer Auslöser und eine Bedingung für ein Energiedefizit im Nervensystem. Das zweite auf der Hitliste ist die Angst. Viele Patienten leiden mehr unter der Angst vor dem nächsten Anfall als unter den Schmerzen selbst. Sie nehmen mehr Dinge als bedrohlich wahr - zum Beispiel die Angst vor der nächsten Migräneattacke und dann nicht zur Arbeit gehen zu können, nicht für die Kinder oder den Partner da sein zu können, Medikamente nehmen zu müssen. Die permanente Angst führt dazu, dass der Körper ständig in einer Alarm- und Fluchtbereitschaft ist. Das erzeugt wiederum Stress und Angst. Daraus ergibt sich die Chance, durch bestimmte psychologische und verhaltensmedizinische Techniken diese Bedingungen zu verändern. Man kann sich über alles ärgern, aber man ist nicht dazu verpflichtet. Dazu gehört beispielsweise körperliche Überanstrengung. Der Körper verbraucht Energie, die nicht mehr für das Nervensystem zur Verfügung steht. Alles Unregelmäßige wie zu spät ins Bett gehen, in den Urlaub hetzen, Reisen, Jogging vor dem Frühstück, Auslassen von Mahlzeiten etc. kann Attacken auslösen. Daneben spielen physikalische Faktoren wie der berühmte Wetterumschwung eine Rolle. Nicht das Wetter an sich ist das Problem, sondern die Umstellung des Körpers auf eine neue Wettersituation, was wiederum Energie beansprucht. Wenn alle anderen Faktoren stabil sind, macht einem das Wetter nichts aus. Man kann das Wetter ja auch nicht ändern, aber sich selbst. Indem man allgemein kein Energiedefizit riskiert. Dazu gehört zum Beispiel gleichmäßig zu essen, zu entspannen oder Ausgleich einzuplanen. Es ist wie bei einem Bankkonto. Man sollte nicht mehr abheben, als man einzahlt, um nicht ins Minus zu kommen.
Migräneformen
Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) unterscheidet verschiedene Arten von Migräne, darunter:
- Migräne ohne Aura
- Migräne mit Aura (mit verschiedenen Unterformen wie Migräne mit Hirnstammaura, hemiplegische Migräne, retinale Migräne)
- Chronische Migräne
- Migränekomplikationen (z. B. Status migraenosus, migränöser Infarkt, epileptischer Anfall durch Aura getriggert)
- Wahrscheinliche Migräne mit oder ohne Aura
- Episodische Syndrome, die mit einer Migräne einhergehen können (z. B. vestibuläre Migräne)
- Stille Migräne
Die Hauptformen sind Migräne ohne Aura und Migräne mit Aura. Betroffene müssen nicht immer an der gleichen Form von Migräne leiden.
Migräne ohne Aura
Die Migräne ohne Aura ist die häufigste Form von Migräne. Typisch sind anfallsartig auftretende, einseitige, pulsierende Kopfschmerzen von mittlerer bis starker Intensität. Sie verstärken sich durch körperliche Routineaktivitäten (z. B. Gehen, Treppensteigen) und halten vier (bei Kindern und Jugendlichen zwei) bis 72 Stunden an. Begleitet werden sie von Übelkeit und/oder Licht- und Lärmempfindlichkeit.
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Bei menstruierenden Frauen kann die Migräne ohne Aura in verschiedenen Unterformen auftreten, die mit dem Menstruationszyklus zusammenhängen: rein menstruelle Migräne ohne Aura, menstruationsassoziierte Migräne ohne Aura und nicht-menstruelle Migräne ohne Aura.
Migräne mit Aura
Die Migräne mit Aura ist seltener als die Migräne ohne Aura. Die Aura bezeichnet neurologische Symptome, die der Kopfschmerzphase vorausgehen oder zusammen mit dieser auftreten können. Die Symptome der Aura setzen schleichend ein und zeigen sich auf einer Kopfseite. Sie können Lichtblitze, Flimmern, Sehen von gezackten Linien, Gesichtsfeldausfall, Sprachstörungen, Missempfindungen, unvollständige Lähmungen und Schwindel umfassen. Sie sind vorübergehend und verursachen keine bleibenden Schäden.
Zu den Symptomen der Hirnstammaura können Sprechstörung (Dysarthrie), Schwindel, Ohrgeräusche (Tinnitus), Hörminderung, Doppelbilder und Störung der Bewegungskoordination (Ataxie) gehören.
Was tun bei Migräne?
Wenn ich weiß, dass Ängste und Stress Migräne auslösen, kann ich durch Entspannung, Ablenkung, Stressbewältigungstraining oder eine Verhaltenstherapie etwas bewirken. Ich werde von Patienten oft gefragt: Was soll ich denn noch machen? Meine Antwort: Es kommt nicht darauf an, noch mehr oder gar etwas Kompliziertes zu machen. Das Wirksamste ist, was Migränepatienten besonders schwer fällt: Gerade einmal nichts zu machen, innehalten, Langeweile zu empfinden. Sich zu erholen, sich auf eine Bank setzen, den Wolken nachzuschauen und den Vögeln zuzuhören. Manche Migränepatienten wünschen sich am liebsten folgende Lösung: Ein Zaubermittel, das die Migräne beseitigt und sie dann leben können, wie sie möchten. Das funktioniert leider nicht. Aufgrund der besonderen Erbanlagen muss man ein aktives Gesundheitsverhalten einhalten. Man muss auch seine Zähne putzen, damit sie keine Karies bekommen. Wer Bluthochdruck hat, hat auch keinen Spaß daran, sich salzarm zu ernähren, seine Medikamente zu nehmen und Stress zu vermeiden. Aber er muss es tun. Auch wer Diabetes hat, muss sich strikt ernähren, seinen Blutzucker messen und vielleicht Insulin spritzen, sein Leben ändern und anpassen. Wenn ein Migränepatient sagt, ich habe da keine Lust drauf und will eine Zaubermethode, dann hat er nicht verstanden, dass bei ihm eine ernste und komplexe Erkrankung vorliegt. Diese Patienten sollten im Hinterkopf haben, dass das Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt, Angst, Depressionen und Persönlichkeitsveränderungen durch nicht sachgerecht behandelte Migräne deutlich erhöht ist.