Migräne und Clusterkopfschmerzen sind neurologische Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen können. Seit einigen Jahren gibt es neue Therapieansätze, die speziell auf die Pathophysiologie dieser Kopfschmerzarten abzielen. Einer dieser Ansätze ist die Verwendung von monoklonalen Antikörpern, die gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor gerichtet sind. Galcanezumab, vermarktet unter dem Namen Emgality® von Eli Lilly, ist einer dieser Antikörper, der sowohl für die Migräneprophylaxe als auch für die Behandlung von Clusterkopfschmerzen zugelassen ist.
Was ist Galcanezumab (Emgality®)?
Galcanezumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper. Das bedeutet, dass er im Labor hergestellt wird und spezifisch an ein bestimmtes Zielmolekül im Körper bindet. Im Fall von Galcanezumab ist dieses Zielmolekül das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). CGRP ist ein Neuropeptid, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne und Clusterkopfschmerzen spielt. Es reguliert die nozizeptive Signalübertragung und wirkt als Vasodilatator. Während eines Migräneanfalls steigt der CGRP-Spiegel im Körper an.
Galcanezumab bindet selektiv an CGRP und blockiert so dessen Aktivität. Dadurch wird die vasodilatatorische Funktion von CGRP gehemmt, was zur Reduktion von Migräne- und Clusterkopfschmerzattacken beitragen kann.
Zulassung und Indikationen
Galcanezumab ist in Europa und den USA für folgende Indikationen zugelassen:
- Migräneprophylaxe: Zur Vorbeugung von Migräne bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat.
- Episodischer Clusterkopfschmerz: Zur Reduktion der Häufigkeit von Clusterkopfschmerzattacken bei Erwachsenen. (Bisher nur in den USA zugelassen)
Verabreichung und Dosierung
Galcanezumab wird subkutan (unter die Haut) injiziert. Es ist als Fertigpen erhältlich, der eine Dosis von 120 mg Galcanezumab enthält. Patienten können sich das Medikament nach entsprechender Schulung selbst spritzen. Die Injektion sollte in den Bauch, Oberschenkel, die Außenseite des Oberarms oder in den Gesäßbereich erfolgen.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Die Dosierung variiert je nach Indikation:
- Migräneprophylaxe: Die empfohlene Dosis beträgt 120 mg Galcanezumab einmal monatlich. Zu Beginn der Behandlung wird eine Initialdosis von 240 mg (zwei Injektionen à 120 mg am selben Tag) verabreicht.
- Episodischer Clusterkopfschmerz: Die empfohlene Dosis beträgt 300 mg Galcanezumab einmal monatlich während der Clusterperiode. In den USA gibt es aktuell keinen Pen und keine Fertigspritze, der beziehungsweise die die 300-mg-Dosierung vorhält. Die Clusterkopfschmerzpatienten injizieren sich deshalb drei Fertigspritzen à 100 mg Galcanezumab direkt hintereinander.
Der behandelnde Arzt sollte den Behandlungserfolg drei Monate nach Therapiebeginn kontrollieren und individuell entscheiden, ob die Therapie fortgesetzt werden soll.
Wirksamkeit und Studienergebnisse
Die Wirksamkeit von Galcanezumab wurde in mehreren klinischen Studien nachgewiesen.
Migräneprophylaxe
In drei pivotalen Phase-III-Studien (EVOLVE-1, EVOLVE-2 und REGAIN) wurde Galcanezumab bei Patienten mit episodischer und chronischer Migräne untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass Galcanezumab im Vergleich zu Placebo die Anzahl der monatlichen Migränekopfschmerztage (MKT) signifikant reduzierte.
- In den Studien EVOLVE-1 und EVOLVE-2 mit Patienten mit episodischer Migräne konnte bei durchschnittlich 62,3 % bzw. 59,3 % der Patienten die monatliche Zahl der MKT gemittelt über einen Zeitraum von sechs Monaten um mindestens 50 % reduziert werden. Unter Placebo waren es 38,6 % bzw. 36 %.
- In der REGAIN-Studie mit Patienten mit chronischer Migräne wurde über einen Zeitraum von drei Monaten eine durchschnittliche Reduktion der MKT um 4,7 Tage (120 mg Galcanezumab) bzw. 4,6 Tage (240 mg Galcanezumab) festgestellt. Unter Placebo betrug die Reduktion 2,8 Tage.
Episodischer Clusterkopfschmerz
Eine klinische Studie untersuchte die Wirksamkeit von Galcanezumab bei Patienten mit episodischem Clusterkopfschmerz. Die Patienten erhielten entweder Galcanezumab 300 mg oder Placebo als subkutane Injektion. Nach drei Wochen hatten die Patienten in der Galcanezumab-Gruppe 8,69 Attacken weniger pro Woche, während die Patienten in der Placebogruppe 5,22 Attacken weniger hatten.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Nebenwirkungen
Wie alle Arzneimittel kann auch Galcanezumab Nebenwirkungen verursachen, die aber nicht bei jedem auftreten müssen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:
- Schmerzen an der Injektionsstelle
- Reaktionen an der Injektionsstelle (z. B. Rötung, Juckreiz, Blutergüsse, Schwellungen)
- Schwindel
- Verstopfung
- Juckreiz
Gelegentlich können auch Nesselsucht (juckende Hautstellen) auftreten.
In den Zulassungsstudien brachen weniger als 2,5 % der Patienten die Teilnahme aufgrund von unerwünschten Ereignissen ab.
Wichtige Hinweise und Vorsichtsmaßnahmen
Vor der Anwendung von Galcanezumab sollten folgende Punkte beachtet werden:
- Allergische Reaktionen: Galcanezumab kann möglicherweise schwere allergische Reaktionen auslösen. Patienten sollten auf entsprechende Anzeichen achten (z. B. Schwierigkeiten beim Atmen oder Schlucken, Schwellung des Gesichts, der Lippen, der Zunge oder des Rachens, starker Juckreiz der Haut mit rotem Ausschlag oder Hubbeln). Bei Auftreten solcher Anzeichen sollte unverzüglich ein Arzt informiert oder medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Patienten mit schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden in den klinischen Studien nicht untersucht. Daher sollte Galcanezumab bei diesen Patienten mit Vorsicht angewendet werden.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Es liegen nur begrenzte Daten zur Anwendung von Galcanezumab bei Schwangeren vor. Tierstudien haben keine direkten oder indirekten schädlichen Wirkungen in Bezug auf die Reproduktionstoxizität gezeigt. Da humanes Immunglobulin (IgG) die Plazentaschranke passiert, sollte die Anwendung während der Schwangerschaft möglichst vermieden werden. Es ist nicht bekannt, ob Galcanezumab in die Muttermilch übergeht. Während der ersten Tage nach der Geburt kann IgG in die Muttermilch gelangen. Daher empfiehlt der Hersteller, die Anwendung, falls klinisch notwendig, erst danach vorzunehmen. Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung mit Galcanezumab eine Schwangerschaft vermeiden.
- Kinder und Jugendliche: Galcanezumab sollte bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nicht angewendet werden, da es in dieser Altersgruppe nicht untersucht wurde.
- Verkehrstüchtigkeit und Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen: Galcanezumab könnte einen geringen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen haben, da Schwindel auftreten kann.
- Lagerung: Galcanezumab muss im Kühlschrank bei 2 °C bis 8 °C gelagert werden. Es darf nicht eingefroren werden. Das Arzneimittel sollte in der Originalverpackung aufbewahrt werden, um es vor Licht zu schützen. Der Pen darf nicht geschüttelt werden. Emgality kann ungekühlt bis zu 7 Tage bei bis zu 30 °C gelagert werden.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Es wurden keine spezifischen Wechselwirkungsstudien mit Galcanezumab durchgeführt. Basierend auf den Eigenschaften des Wirkstoffs sind jedoch keine pharmakokinetischen Wechselwirkungen zu erwarten.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Vergleich mit anderen Migräneprophylaktika
Galcanezumab gehört zu einer neuen Klasse von Medikamenten zur Migräneprophylaxe, den CGRP-Antikörpern. Neben Galcanezumab sind in Europa auch Erenumab (Aimovig®) und Fremanezumab (Ajovy®) zugelassen. Diese Antikörper unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus (Erenumab bindet an den CGRP-Rezeptor, während Galcanezumab und Fremanezumab an CGRP binden) und ihrer Dosierung.
Im Vergleich zu traditionellen Migräneprophylaktika wie Betablockern, Amitriptylin, Flunarizin oder Topiramat haben die CGRP-Antikörper den Vorteil, dass sie in der Regel besser verträglich sind und weniger Nebenwirkungen verursachen. Allerdings sind sie auch teurer als die traditionellen Medikamente.
Die deutsche S1-Leitlinie zur Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne leitet die Indikation zu einer medikamentösen Prophylaxe der Migräne aus dem besonderen Leidensdruck, der Einschränkung der Lebensqualität und dem Risiko eines Medikamentenübergebrauchs ab. Ziel der medikamentösen Prophylaxe ist die Reduktion von Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken und die Prophylaxe des Kopfschmerzes bei Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln. Eine Wirksamkeit einer Migräneprophylaxe wird bei einer Reduktion der Anfallshäufigkeit von 50 % oder mehr angenommen.
Nutzenbewertung in Deutschland
Aufgrund der Zulassung der verfügbaren Therapieoptionen, die als zweckmäßige Vergleichstherapie in Frage kommen, bildete der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) drei Patientenunterpopulationen, in denen der Zusatznutzen der Antikörper zu bewerten ist. Zusammenfassend erkennt der G-BA einen Zusatznutzen der CGRP-Antikörper nur für hochgradig therapieresistente Migränepatienten. Ob Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab auch für bislang unbehandelte oder mit wenigen Substanzen vorbehandelte Patienten einen Zusatznutzen bringen, muss noch in kontrollierten Studien geprüft werden.
#