Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch periodisch auftretende Attacken von Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. In den letzten Jahren wurden zahlreiche neue Erkenntnisse über Migräne gewonnen. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) definiert Migräne als wiederkehrende Kopfschmerzen, die von Übelkeit, Lichtempfindlichkeit (Photophobie) und Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie) begleitet werden.
Formen der Migräne
Grundsätzlich wird zwischen Migräne ohne Aura und Migräne mit Aura unterschieden. Es gibt auch verschiedene Unterformen wie die Migräne mit prolongierter Aura, die familiär hemiplegische Migräne sowie Sonderformen wie die komplizierte Migräne, Basilarismigräne und retinale Migräne.
Migräne ohne Aura
Die Migräne ohne Aura ist die häufigste Form. Typische Symptome sind einseitige, pulsierende Kopfschmerzen von mäßiger bis starker Intensität, die sich bei körperlicher Anstrengung verstärken und von Übelkeit und/oder Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet werden. Die Kopfschmerzen dauern zwischen vier (bei Kindern und Jugendlichen zwei) und 72 Stunden an.
Migräne mit Aura
Etwa 10-15 % der Migränepatienten leiden an einer Migräne mit Aura. Dabei treten neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen vor oder während der Kopfschmerzphasen auf. Am häufigsten sind visuelle Auren, bei denen es zu Gesichtsfelddefekten (Flimmerskotome) oder hellen, gezackten Figuren (Fortifikationen) kommt. Diese Phänomene werden oft zunächst punktförmig in der Mitte des Gesichtsfeldes wahrgenommen und dehnen sich dann langsam beidseitig aus. Nach etwa 30 Minuten lassen die Sehstörungen nach und der typische Migräne-Kopfschmerz beginnt.
Neben visuellen Ausfällen können auch halbseitige Sensibilitätsstörungen, Paresen sowie Sprech- oder Sprachstörungen auftreten. Die neurologischen Ausfälle entwickeln sich üblicherweise graduell über 5-20 Minuten und dauern in den meisten Fällen nicht länger als 60 Minuten.
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Atypische Migräne-Auren
Von der typischen Migräne-Aura werden atypische Auren unterschieden. Darunter fällt die Migräne mit Hirnstammaura. Betroffene leiden an Hirnstammsymptomen wie Drehschwindel, Tinnitus, Doppelbildern oder Bewusstseinsstörungen. Eine hemiplegische Migräne wird diagnostiziert, wenn die Aura mit motorischen Störungen wie einer halbseitigen Lähmung einhergeht. Eine weitere atypische Form ist die retinale Migräne, bei der vorübergehende, visuelle Phänomene wie Flimmern vor dem Auge, Gesichtsfeldausfälle oder eine Erblindung auftreten.
Familiär hemiplegische Migräne (FHM)
Die familiär hemiplegische Migräne (FHM) ist eine seltene Form der Migräne, bei der während der Migräneattacke eine Halbseitenlähmung auftreten kann, die für 30-60 Minuten oder sogar mehrere Stunden andauern kann. Es werden drei Typen unterschieden: FHM-1, FHM-2 und FHM-3, die auf unterschiedlichen Gendefekten beruhen.
Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in mehreren Phasen verlaufen:
- Prodromalphase (Anfangsphase): Viele Patienten beschreiben vor der eigentlichen Migräneattacke Prodromalzeichen, die bis zu 48 Stunden vorher auftreten können und durch Heißhunger, Stimmungsschwankungen, euphorische Gefühle oder Polyurie gekennzeichnet sein können.
- Aura-Phase: Bei etwa 10-15% der Patienten tritt eine Aura auf, die von neurologischen Reiz- oder Ausfallerscheinungen begleitet ist.
- Kopfschmerzphase: Im Mittelpunkt steht der anfallsartig auftretende Kopfschmerz, der typischerweise mit autonomen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit einhergeht. Der Kopfschmerz ist meist einseitig, heftig, pulsierend und pochend, kann aber auch beidseitig auftreten oder die Seite wechseln.
- Postiktale Phase (Phase nach dem Anfall): Im Anschluss an einen Migräneanfall kann eine Postdromalphase folgen, in der die Beschwerden allmählich abklingen. Viele Betroffene sind müde, erschöpft und reizbar.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig entschlüsselt. Experten sind sich einig, dass es nicht nur einen auslösenden Faktor gibt. Als relativ gesichert gilt eine genetische Komponente. Triggerfaktoren können interne oder externe Faktoren sein, die von Mensch zu Mensch verschieden sind. Häufig werden Schlafmangel, Stress, Menstruation, bestimmte Nahrungs- und Genussmittel, Fasten oder Flüssigkeitsmangel als migränefördernd angegeben.
Pathophysiologie
Nach aktueller Lehrmeinung ist die neurogene Entzündungshypothese in Verbindung mit einer neuronalen Überaktivität am wahrscheinlichsten. Demnach verändern biochemische Impulse und mechanische Reize die neuronale elektrische Aktivität im Gehirn. Eine zentrale pathophysiologische Bedeutung wird dem vasodilatativ wirkenden CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) zugeschrieben.
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Diagnose
Die Migräne-Diagnose basiert auf der Anamnese und neurologischen Untersuchung. Bei Kopfschmerzen mit ungewöhnlicher Klinik oder persistierenden neurologischen Auffälligkeiten sind zusätzliche diagnostische Maßnahmen wie Laboruntersuchungen und Bildgebung notwendig. Eine sichere Migräne-Diagnose kann erst nach mindestens fünf anamnestischen Migräneattacken gestellt werden. Der neurologische Untersuchungsbefund muss unauffällig sein.
Checkliste für den Arztbesuch
Bei auffällig starken oder häufigen Kopfschmerzen oder neuen Symptomen ist eine ärztliche Untersuchung ratsam. Für den Arztbesuch hilft es, Antworten auf folgende Fragen vorzubereiten:
- An wie vielen Tagen pro Monat treten Kopfschmerzen auf?
- Wo und wie tritt der Schmerz auf (einseitig oder beidseitig, klopfend, pochend, stechend oder dumpf-drückend)?
- Zu welcher Tageszeit tritt der Schmerz auf?
- Wie stark ist der Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10?
- Seit wann bestehen die Kopfschmerzen? Haben sich die Schmerzen im Verlauf der Zeit geändert?
- Werden Schmerzmittel eingenommen?
Therapie
Grundsätzlich wird bei der Therapie von Migräne zwischen der Akuttherapie und Intervallprophylaxe unterschieden.
Akuttherapie
Leichte bis mittelschwere Migräneattacken können mit peripher wirksamen Analgetika und NSAID’s behandelt werden. Die Wirksamkeit der Analgetika kann durch die Gabe von Prokinetika und Antiemetika verbessert werden. Bei stärkeren Attacken kommen Triptane zum Einsatz. In der Notfallsituation oder beim Versagen einer oralen Medikation stehen Sumatriptan in einer sukutanen Darreichungsform und Lysin-Acetylsalicylsäure (LAS) zur intravenösen Gabe zur Verfügung. Als weitere Alternative kann ferner auf intravenöse Valproinsäure zurückgegriffen werden.
Spezifische Medikamente
- Analgetika und NSAIDs: Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac, Paracetamol, Metamizol.
- Triptane: Sumatriptan, Rizatriptan, Zolmitriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan.
- Antiemetika: Metoclopramid, Domperidon.
Migräneprophylaxe
Die akute Therapie muss nicht selten durch eine Prophylaxe ergänzt werden. Ziel ist es, die Zahl der Migräneattacken und die Intensität jeder Migräneattacke zu senken sowie die Einnahme von Akutpräparaten zu reduzieren. Patienten sollten während der ersten Monate einer prophylaktischen Therapie ein Kopfschmerztagebuch führen.
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Medikamentöse Prophylaxe
Zur medikamentösen Migräneprophylaxe werden unter anderem Betablocker, Antidepressiva und Antikonvulsiva eingesetzt.
Nicht-medikamentöse Therapien
Ergänzend zur medikamentösen Therapie können auch nicht-medikamentöse Therapien wie Entspannungsverfahren, Akupunktur und Physiotherapie eingesetzt werden.
Alternative und unterstützende Maßnahmen
- Massagen: Sanfte Massagetechniken gepaart mit Wärmeanwendung können die Durchblutung fördern und Muskelverhärtungen lockern.
- Akupressur: Durch gezielten Druck auf bestimmte Punkte können Verspannungen gelöst und die Selbstheilungskräfte aktiviert werden.
- Stressmanagement: Stress reduzieren durch Entspannungsübungen, Yoga oder Meditation.
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Auf ausreichend Schlaf achten und einen regelmäßigen Schlafrhythmus einhalten.
- Ausgewogene Ernährung: Regelmäßige Mahlzeiten einnehmen und auf eine ausgewogene Ernährung achten.
- Vermeidung von Triggerfaktoren: Individuelle Triggerfaktoren identifizieren und vermeiden.
Methoden ohne nachgewiesenen Nutzen
Zwei relativ populäre Therapieansätze haben sich in wissenschaftlichen Studien als unwirksam erwiesen: Akupunktur und Hormontherapien.
Migräne bei Männern
Migräne wird oft als typisches Frauenleiden wahrgenommen, doch auch Männer sind häufig betroffen. Bei Männern macht sich eine Migräne jedoch oft anders bemerkbar: Sie leiden häufiger als Frauen unter Aura-Symptomen.
Migräne in der Schwangerschaft
Migränekopfschmerzen nehmen bei vielen Frauen während einer Schwangerschaft an Intensität, Dauer und Häufigkeit ab oder verschwinden sogar vollkommen. Sollten dennoch Medikamente eingenommen werden müssen, ist das aktuelle Schwangerschaftsdrittel zu beachten.
Hyperakusis und Migräne
Eine Überreizung des Hörsystems und eine starke Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis) können im Zusammenhang mit Migräne auftreten.