Die Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Sie beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Obwohl die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, deuten aktuelle Forschungsergebnisse auf einen Zusammenhang zwischen bestimmten Triggern, Entzündungen und der Entstehung von Migräneattacken hin.
Was ist Migräne?
Die Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut (Dura) und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Charakteristisch für die episodische Migräne sind wiederkehrende Kopfschmerzattacken, die zwischen 4 Stunden und 3 Tagen anhalten. Bei einer Attacke treten starke, pulsierend-pochende oder hämmernde Kopfschmerzen auf. Sie verschlimmern sich bei Bewegung (zum Beispiel beim Treppensteigen oder Bücken). Oft ist eine Kopfhälfte besonders stark betroffen. Vielfach kommen zu den Kopfschmerzen noch Übelkeit oder Erbrechen hinzu. Auch kündigt sich die Migräne bei manchen durch eine sogenannte Aura an.
Die Rolle von Entzündungen bei Migräne
Früher gingen Wissenschaftler von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus. Demnach verengen sich kurz vor einer Migräneattacke die Blutgefäße, weswegen die betroffene Hirnregion schlechter durchblutet wird. In einer überschießenden Gegenreaktion erweitern sich anschließend die Blutgefäße. Diese Gefäßdehnung verursacht dann die migränetypischen Schmerzen. Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen.
Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren (Positronenemissions-Tomografie) konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das so genannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses „Migräne-Zentrum“ reagiert über-empfindlich auf Reize. Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminus-nervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerz-signale an das Gehirn senden (über den trigemino-thalamischen Trakt). Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung so genannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese so genannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.
Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) sind chemische Substanzen, die u.a. Nervensignale weiterleiten, die Ausdehnung oder Verengung der Blutgefäße steuern und Schmerzsignale auslösen. Von allen Botenstoffen spielt das Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus. Dies erklärt u.a. das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus.
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Neurogene Entzündung
Die Aktivierung des Trigeminusnervs führt zur Freisetzung von vasoaktiven Neurotransmittern, wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), die den Gefäßtonus (Spannung der Blutgefäße) verändern und eine neurogene Entzündung der Dura mater (äußerste Hirnhaut) verursachen. Durch die Aktivierung der perivaskulären Nervenendigungen kommt es zu einer Erweiterung der Hirnhautgefäße und einer Freisetzung von Entzündungsmediatoren. Während eines Migräneanfalls ist die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns reduziert, was zu einer gestörten Funktion der Nervenzellen führen kann. Es wird angenommen, dass diese Minderversorgung einen zirkulären Mechanismus auslöst, der die Freisetzung von vasoaktiven Substanzen und entzündlichen Molekülen verstärkt. CGRP ist eines der wichtigsten Neuropeptide, das während eines Migräneanfalls freigesetzt wird. Es wirkt gefäßerweiternd und trägt zur Entzündung und Sensibilisierung der schmerzleitenden Nervenfasern bei.
Chronische Migräne und Entzündungen
Die Pathogenese der chronischen Migräne unterscheidet sich in gewisser Weise von der episodischen Migräne. Bei chronischer Migräne, die durch häufige Attacken über mindestens 15 Tage pro Monat gekennzeichnet ist, spielen dauerhafte entzündliche Prozesse eine wesentliche Rolle. Neueste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass diese Entzündungen im Bereich des Periosts (Knochenhaut) auftreten, was auf eine extrakranielle Ursache der Migräne hindeutet.
Migräne-Trigger: Auslöser von Attacken
Bestimmte innere und äußere Faktoren, so genannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Viele Migränepatienten wissen mit der Zeit, auf welche Dinge oder Situationen bei ihnen eine Attacke folgt. Solch mögliche Auslöser, auch Trigger genannt, sind:
- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus: Zu viel oder zu wenig Schlaf.
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten)
- Hormonveränderungen: Während des Zyklus (Eisprung oder Menstruation) bzw. aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille, bei Beschwerden der Wechseljahre oder zur Osteoporose-Vorsorge)
- Stress: In Form körperlicher oder seelischer Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf
- Umweltfaktoren: Verqualmte Räume, Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.)
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel - z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!)
- Sensorische Reize: Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
- Emotionen: Starke Emotionen, z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst
- Medikamente: Evtl. Medikamente
Etwa drei Viertel aller Migräne-Patienten beschreiben einen Zusammenhang zwischen bestimmten Trigger-Faktoren wie Stress, Halswirbelsäule-Blockaden oder dem Genuss von Lebensmitteln und ihren Kopfschmerzattacken. Aber Vorsicht: Bei diesen Auslösern handelt es sich nicht um die Ursache für Migräne, sondern um Faktoren, die eine Attacke „anstoßen“ können. Die Migräne-Auslöser (Trigger) sind individuell sehr verschieden. Was bei einem Patienten im Verdacht steht, die Migräne hervorzurufen, muss nicht zwangsläufig auch auf andere Betroffene zutreffen.
Wie Trigger Entzündungen beeinflussen können
Es wird angenommen, dass Triggerfaktoren Entzündungsprozesse im Gehirn verstärken können. Stress, beispielsweise, kann die Freisetzung von Entzündungsmediatoren fördern. Bestimmte Nahrungsmittel können ebenfalls Entzündungsreaktionen auslösen. Diese Entzündungen können die Aktivierung des Trigeminusnervs verstärken und somit Migräneattacken auslösen.
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Begleiterkrankungen und Risikofaktoren
Menschen mit Migräne leiden häufig zusätzlich an Angststörungen und Depressionen. Zudem haben Migränepatienten ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Auch zeigt sich ein Zusammenhang von Migräne und hohem Blutdruck sowie Herzkreislauf-Erkrankungen und anderen Schmerzerkrankungen.
- Depressionen: Bei episodischer Migräne ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migräne. Einige Antidepressiva können tatsächlich Migräne behandeln.
- Angststörungen: Wie bei Depressionen kann die Angst oder die Migräne an erster Stelle stehen.
- Schlaganfall: Migräne mit Aura ist eine besondere Form der Migräne, bei der visuelle oder andere sensorische Symptome den Kopfschmerzen vorausgehen oder zusammen mit ihnen auftreten. Menschen, die an Migräne mit Aura leiden, haben ein etwa doppelt so hohes Schlaganfallrisiko wie die Allgemeinbevölkerung.
- Epilepsie: Die Anfallserkrankung Epilepsie und Migräne können beide mit Empfindungsstörungen und Stimmungsschwankungen einhergehen.
- Herzkrankheiten: Menschen mit Migräne haben nicht nur ein höheres Schlaganfallrisiko, sondern auch ein höheres Risiko für Herzerkrankungen.
- Asthma: Auch wenn Asthma eine Atemwegserkrankung und Migräne eine neurologische Erkrankung ist, können beide zusammen auftreten.
- Fettleibigkeit: Wenn Sie bereits unter Migräne leiden, kann Übergewicht die Beschwerden verschlimmern. Wenn Sie noch nie eine Migräne hatten, kann Fettleibigkeit sie sogar auslösen.
- Verdauungsprobleme: Es gibt eine komplizierte Beziehung zwischen dem Darm und dem Gehirn - man nennt die die Darm-Hirn-Achse.
- Bellsche Lähmung: Menschen mit Migräne haben ein erhöhtes Risiko für die Bellsche Lähmung haben.
Diagnose
Die Diagnose von Migräne basiert hauptsächlich auf der Anamnese des Patienten und der Beschreibung der Symptome. Ein Kopfschmerztagebuch kann hilfreich sein, um Muster und Trigger zu identifizieren. In einigen Fällen können neurologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren erforderlich sein, um andere Ursachen auszuschließen.
Behandlungsmöglichkeiten
Auch wenn Migränekopfschmerzen nur sporadisch auftreten, sind die heftigen Schmerzen, die Begleitsymptome und die lange Ausfalldauer für Betroffene extrem belastend. Leider ist eine Migräne - auch aufgrund der unklaren Entstehungsmechanismen - aktuell nicht heilbar. Zum Glück lassen sich aber immerhin die Symptome gut behandeln.
Akutbehandlung
- Allgemeine Maßnahmen: Rückzug in einen ruhigen, abgedunkelten Raum, Schlaf, Eisbeutel, Pfefferminzöl
- Frei verkäufliche Medikamente: Vielfach ist zur Attackenbehandlung die Einnahme von 1g ASS (Acetylsalicylsäure), 1g Paracetamol, 400mg Ibuprofen oder einer Kombination (500mg ASS + 500mg Paracetamol + 130mg Koffein) ausreichend. Naratriptan ist zur Zeit (noch) als einziges Triptan frei verkäuflich.
- Rezeptpflichtige Medikamente: In Kombination mit den oben genannten frei verkäuflichen Medikamenten ist häufig zur Behandlung der Übelkeit die Einnahme von Metoclopramid oder Domperidon sinnvoll. Zur Behandlung mittelschwerer und schwerer Attacken ist bei unzureichendem Ansprechen auf ASS, Paracetamol oder Ibuprofen eine Behandlung mit Triptanen indiziert.
Prophylaxe
- Allgemeine Maßnahmen: Ausdauersport 2-3x pro Woche für 30-40 Minuten, Entspannungstraining (Progressive Muskelrelaxation, QiGong, Yoga)
- Medikamentöse Prophylaxe: Eine Indikation besteht bei > 7 Kopfschmerztagen pro Monat oder ab 3 schweren Attacken pro Monat mit schlechtem Ansprechen auf die Akutmedikation. Mittel der ersten Wahl sind Betablocker, Flunarizin, Amitriptylin, Valproinsäure (nicht bei Frauen im gebährfähigen Alter) oder auch Topiramat. Bei chronischer Migräne, d.h. mehr als 15 Kopfschmerztagen pro Monat mit 7 Migränetage und einem Versagen der Medikamente der ersten Wahl besteht auch die Möglichkeit von Botulinumtoxin-Injektionen. Für schwere Erkrankungen sind unter bestimmten Bedingungen inzwischen auch CGRP-Antagonisten zugelassen.
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