Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der etwa jede/r Siebte hierzulande betroffen ist. Betroffene wissen meist genau, welche Faktoren bei ihnen Kopfschmerz-Attacken auslösen können. Zu den häufig genannten Triggern gehören Stress, Schlafmangel, Alkohol und auch Kaffee. Doch inwieweit Kaffee tatsächlich Migräne auslöst oder sogar lindern kann, ist ein komplexes Thema. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschungslage und gibt Hinweise zum Umgang mit Kaffee bei Migräne.
Das zwiespältige Verhältnis zwischen Migräne und Koffein
Das Verhältnis zwischen Migräne und Koffein ist seit Langem Gegenstand von Untersuchungen. Einerseits gilt Koffein als potenzieller Trigger für Migräneattacken, andererseits wird es auch zur Behandlung eingesetzt. Diese gegensätzlichen Effekte machen die Frage nach dem Einfluss von Kaffee auf Migräne besonders relevant, da in unserer Kultur ein großer Teil der Bevölkerung und damit auch viele Migränebetroffene täglich Kaffee trinken.
Aktuelle Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Kaffee und Migräne
Forscher haben den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Migräne-Attacken in einer prospektiven Kohortenstudie genauer untersucht. Hierfür rekrutierten sie 98 Erwachsene mit episodischer Migräne und wiesen diese an, über mindestens sechs Wochen konsequent morgens und abends ein Kopfschmerztagebuch zu führen und auch ihren Kaffeekonsum festzuhalten. Insgesamt konnten die Forschenden 825 Migräne-Attacken an etwa 4500 Beobachtungstagen analysieren.
Nicht-lineare Assoziation zwischen Kaffeekonsum und Migräne
Die Forscher stellten eine signifikante nicht-lineare Assoziation zwischen dem Kaffeekonsum und Migräne-Attacken am selben Tag fest. Während ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag das Risiko für einen Anfall nicht beeinflussten, stieg es mit zusätzlichen Tassen an. Dies deutet darauf hin, dass ein moderater Kaffeekonsum für die meisten Migränepatienten unbedenklich sein kann, während ein hoher Kaffeekonsum ein Trigger für Attacken sein könnte.
Gewöhnung spielt eine Rolle
Die Gewöhnung an Koffein scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen. Bei Probanden, die zu Beginn der Untersuchung angaben, in der Regel gar keinen Kaffee zu trinken, konnte schon eine konsumierte Tasse eine Attacke auslösen. Dies deutet darauf hin, dass Personen, die selten Kaffee trinken, empfindlicher auf die Wirkung von Koffein reagieren.
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Einfluss von oralen Kontrazeptiva bei Frauen
Bei Frauen wurde das Risiko für Kopfschmerzen auch durch die Einnahme von oralen Kontrazeptiva beeinflusst. Teilnehmerinnen, die solche Präparate einnahmen, hatten ein deutlich niedrigeres Risiko für eine Kopfschmerzattacke als Frauen, die anders oder gar nicht verhüteten. Dieser Befund unterstreicht den Einfluss hormoneller Faktoren auf Migräne.
Weitere Studien zum Thema
Wissenschaftler fassten den bisherigen Forschungsstand zum Zusammenhang zwischen Koffein und Migräne zusammen. Dazu ermittelten sie in klinischen Datenbanken alle Arten von Studienberichten, die bis Juni 2020 veröffentlicht waren. Die Autoren identifizierten 21 Studien, die die Prävalenz von Koffein oder Koffeinentzug als Auslöser für Migräne untersuchten, sowie 7 Studien, die Koffein zur Akutbehandlung der Migräne untersuchten. In dieser Sammlung fanden sich 17 Studien, in denen Koffein oder Koffeinentzug bei einem kleinen Teil der Teilnehmer Migräneattacken triggern konnte (zwischen 2 % und 30 %).
Koffein als Trigger vermeiden
Es ist aber wichtig hervorzuheben, dass Übergebrauch von Koffein zu Migränechronifizierung beitragen kann. Zudem kann plötzlicher Koffeinentzug Migräneattacken triggern. Migränegeplagte sollten außerdem die tägliche Koffeinmenge im Blick behalten und 200 mg pro Tag nicht überschreiten.
Individuelle Trigger identifizieren
Immer wieder berichten Patienten davon, dass bestimmte Lebensmittel als Auslöser ihrer Migräne infrage kommen. Vor allem Lebensmittel, die Alkohol, Koffein, Histamin und Tyramin enthalten, stehen im Verdacht, zu Migräne zu führen. Wissenschaftliche Studien sehen hingegen kaum einen Zusammenhang zwischen der Kopfschmerzerkrankung und bestimmten Nahrungsmitteln. Circa 20 Prozent der Migränekranken sind sich sicher, dass gewisse Speisen zu ihren persönlichen Triggern, also Auslösern, zählen. Diese Meinungen dürfen nicht unterschätzt werden.
Migränetagebuch führen
Um die individuellen Trigger herauszufinden, empfiehlt es sich, ein Migränetagebuch auszufüllen, in dem über einige Wochen die Ernährung und Migräneattacken festgehalten werden. Achte dabei auch auf Getränke. Eventuell kannst du dann herausfinden, welche Lebensmittel du bei Migräne meiden solltest.
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Weitere Faktoren, die Migräne beeinflussen können
Neben Kaffee und anderen Lebensmitteln gibt es eine Reihe weiterer Faktoren, die Migräne beeinflussen können:
- Alkohol: Einige Migränepatienten berichten, dass alle alkoholischen Getränke problematisch sind, während andere nur bestimmte wie Sekt oder Rotwein nennen. Generell greift Alkohol in einer Vielzahl biochemischer Prozesse ein, manche spüren schon nach wenigen Schlucken die Auswirkungen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass Alkohol Migräne auslöst. Einige Experten vermuten, dass die harntreibende Wirkung des Alkohols zu einer Dehydrierung und damit zu Migräne führt.
- Koffeinentzug: Viele Menschen trinken täglich Kaffee; manche zwei Tassen, andere bis zu fünf. Der Körper gewöhnt sich dadurch an die tägliche Dosis Koffein und gerät in eine Abhängigkeit. Aus diesem Grund ist es eher problematisch, wenn Kaffeetrinker plötzlich ihren Konsum reduzieren oder gar einstellen - etwa am Wochenende. Wer allerdings kaum Kaffee trinkt, kann von dem ungewohnten Koffein Kopfschmerzen bekommen. Interessant: Koffein ist auch in Tee, Cola und Energy-Drinks enthalten.
- Histamin und Tyramin: Histamin ist ein natürlicher Stoff, der unter anderem als Signalüberträger (Neurotransmitter) im Gehirn und an Entzündungsreaktionen beteiligt ist. Tyramin ist ein Neurotransmitter, der als Trigger für Migräne im Fokus steht.
- Schokolade: Auch hier beobachten viele einen Zusammenhang zwischen Genuss und Migräne. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass nicht die Schokolade Kopfschmerzen auslöst. Eine entspannte Nackenmuskulatur und Halswirbelsäule beugen einer Migräne-Attacke vor. Zu wenig Schlaf ist ein Risikofaktor für Migräne.
Tipps für den Umgang mit Migräne
Für die Prävention und Behandlung von Migräne ist ein individueller und ganzheitlicher Ansatz entscheidend. Dazu gehören:
- Aufmerksamkeit für deine persönlichen Auslöser, die du mithilfe eines Migränetagebuches herausfinden kannst.
- Eine vollwertige Ernährung ohne Nährstoffmangel. Hierzu gehören frisches Obst, Gemüse und möglichst frisch zubereitete Gerichte. Fertigprodukte meiden und möglichst Produkte ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker bevorzugen.
- Regelmäßig und in Ruhe essen. Circa 2,5 Stunden vor dem Schlafengehen solltest du das letzte Mal etwas essen.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Das bedeutet mindestens 1,5 Liter pro Tag, am besten eignen sich Wasser, Kräuter- oder Ingwertee.
- Ein ausgewogener Lebensstil. Ein geregelter Tagesablauf, Ausdauersportarten, wie beispielsweise Joggen, gezielte Entspannungsmethoden wie progressive Muskelentspannung und vollwertige Ernährung können sich günstig auf Migräne auswirken.
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