Migräne und Hypertonie: Ein komplexer Zusammenhang

Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem, das viele Menschen betrifft. Oft werden sie auf Stress oder Verspannungen zurückgeführt. Doch hinter den Beschwerden kann mehr stecken, insbesondere wenn es sich um Migräne handelt. Studien deuten darauf hin, dass Migräne und Bluthochdruck (Hypertonie) in einem komplexen Zusammenhang stehen könnten. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema.

Einführung

Die Frage, ob Migräne und Blutdruck zusammenhängen, ist nicht einfach zu beantworten. Selbst Wissenschaftler haben keine eindeutige Antwort darauf, da der Zusammenhang schwer zu untersuchen ist. Es gibt viele Risikofaktoren, wie beispielsweise Übergewicht, die Bluthochdruck zur Folge haben können. Außerdem definieren manche Studien Migräne und Bluthochdruck unterschiedlich. Lange Zeit herrschte die Meinung, dass Blutdruck und Migräne nicht in Verbindung stehen. Allerdings deuten einige Studien mittlerweile auf das Gegenteil hin.

Migräne als Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse

Der Zusammenhang zwischen Migräne, insbesondere Migräne mit Aura, und Schlaganfällen ist bereits seit Längerem bekannt. Eine aktuelle Auswertung der Nurses' Health Study II hat gezeigt, dass junge Frauen, die an Migräne leiden, langfristig ein um 50 Prozent höheres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse haben als Frauen ohne Migräne.

Die Studie umfasste 115.541 Teilnehmerinnen im Alter von 25 bis 42 Jahren, die zu Beginn der Studie keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen. Von ihnen hatten 17.531 bereits eine ärztlich diagnostizierte Migräne, und weitere 6389 entwickelten im Laufe der Studie Migräne. Der Anstieg des kardiovaskulären Risikos bei Migräne war unabhängig von Alter, Hormongebrauch, Raucherstatus und Blutdruck.

Die Ergebnisse dieser Studie stimmen mit anderen epidemiologischen Studien überein. In einer großen Kohortenstudie wurde ein erhöhtes Gefäßrisiko allerdings nur bei Migräne mit Aura festgestellt. Der zugrunde liegende Pathomechanismus ist noch unbekannt. Es ist auch unklar, ob eine Migräneprophylaxe nicht nur Schmerzattacken, sondern auch kardiovaskulären Komplikationen vorbeugen kann.

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Migräne, Hypertonie und Menopause

Studien haben Migräne als Risikofaktor für Bluthochdruck identifiziert. Erfahrungsgemäß nimmt in der Menopause die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken ab, aber das Risiko für eine Hypertonie steigt. Eine französische Längsschnittstudie mit 28 Jahren Nachverfolgung untersuchte den Zusammenhang zwischen Migräne und der Hypertoniehäufigkeit bei Frauen in der Menopause genauer.

Die Studie analysierte die Daten von 56.202 postmenopausalen Frauen aus der französischen E3N-Kohorte, deren Nachbeobachtung im Jahr 1993 begann. Diese Frauen hatten zum Zeitpunkt ihrer Menopause (durchschnittliches Alter 50,4 Jahre) weder Bluthochdruck noch eine kardiovaskuläre Erkrankung. Migräne wurde bei jedem Fragebogenzyklus als jemals oder nie klassifiziert.

Während der Nachverfolgung wurden 12.501 Fälle von inzidentem Bluthochdruck identifiziert (22,2%), davon 3.100 bei Frauen mit Migräne (19,2/1000 Personenjahre) und 9.401 bei Frauen ohne Migräne (14,3/1000 Personenjahre). Dies ergab ein um fast ein Drittel erhöhtes Hypertonie-Risiko für die Frauen mit Migräne (adjusted Hazard Ratio aHR: 1,29; 95 %-Konfidenzintervall: 1,24-1,35). Das Hypertonierisiko war unabhängig davon, ob die Frauen im Zusammenhang mit der Migräne über eine Aura berichteten oder nicht.

Interessanterweise war der Zusammenhang Migräne/Hypertonie deutlicher, wenn die Frauen in den Wechseljahren eine Hormonersatztherapie (HRT) erhalten hatten (HR Migräne = 1,34; 95%-KI 1,27- 1,41), im Vergleich zu Frauen, die nie eine HRT hatten (HR Migräne = 1,19; 95%-KI 1,11- 1,28).

Mögliche Mechanismen und Risikofaktoren

Manche Forscher vermuten, dass ein bestimmter Regelkreis mit Hormonen und Enzymen, das sogenannte Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, eine Rolle spielen könnte. Er ist an vielen Vorgängen beteiligt, unter anderem reguliert er unseren Blutdruck. Für diese Theorie spricht, dass manche Medikamente, die gegen Bluthochdruck wirken, auch vorbeugend gegen Migräne eingesetzt werden. Außerdem deuten einige Untersuchungen darauf hin, dass Menschen mit Migräne wahrscheinlicher erhöhten Blutdruck haben als andere. Das gilt speziell für Frauen. Der untere, sogenannte diastolische, Blutdruckwert ist dann leicht höher als bei Menschen, die keine Migräne haben.

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Es ist wichtig zu beachten, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen können. Übergewicht und Diabetes mellitus gehen häufig mit Bluthochdruck einher. Wenn alles drei zusammenkommt, spricht man vom sogenannten „metabolischen Syndrom“, das mit einem sehr hohen Risiko für gefährliche Herz- und Gefäßerkrankungen einhergeht.

Blutdruckkontrolle bei Migräne

Hoher Blutdruck bei Migräne erfordert Vorsicht, da das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Studien, die den Zusammenhang von Blutdruck und Migräne untersuchen, kommen nicht zu dem Ergebnis, dass Bluthochdruck Migräne verursacht. Die meisten Menschen bemerken leicht erhöhten Blutdruck gar nicht. Wenn zu einem sehr hohen Blutdruck Kopfschmerzen dazukommen, sollte man dringend einen Arzt aufsuchen, da dies meistens ein Zeichen für eine ernste zugrundeliegende Erkrankung ist.

Eine Studie aus der Türkei mit 60 Migräne-Patienten zeigte keine Veränderung des Blutdrucks kurz vor, während oder kurz nach einer Migräne-Attacke. Die Forscher fanden keinen Hinweis auf Bluthochdruck bei Migräne.

Eine landesweite Studie aus Israel hat jedoch ergeben, dass Jugendliche mit Migräne dreimal häufiger an Bluthochdruck leiden als Heranwachsende ohne Migräne. Die Studie, die Daten von mehr als zwei Millionen israelischen Teenagern analysierte, zeigte, dass der Zusammenhang bei Jugendlichen mit schwerer oder häufiger Migräne am stärksten ausgeprägt war. Jugendliche mit schwerer Migräne hatten ein mehr als viermal höheres Risiko für Bluthochdruck als Jugendliche mit leichten oder gar keinen Kopfschmerzen.

Neue Erkenntnisse und Empfehlungen der ESH-Leitlinien

Die neue europäische Blutdruckleitlinie der ESH hat nun gleich zehn neue Begleiterkrankungen in den Katalog aufgenommen, die zusammen mit Bluthochdruck das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen. Dazu gehören unter anderem Schlafstörungen, Depression, Migräne, erektile Dysfunktion und chronische Infektionen.

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Die Leitlinien geben die klare Empfehlung, dass bei allen Menschen ab dem 40. Lebensjahr sowie bei allen Risikopatienten, egal welchen Alters, regelmäßig ein Screening auf Bluthochdruck erfolgen sollte. Menschen, die an den genannten Erkrankungen leiden, sollten verstärkt auf ihre Blutdruckwerte achten.

Hypertonie-assoziierte Hypalgesie

Eine Langzeitstudie aus Norwegen hat gezeigt, dass Teilnehmer seltener an Migräne oder anderen Kopfschmerzformen erkrankten, wenn systolischer Blutdruck oder Pulsdruck erhöht waren. Die Schmerzforscher führen dies auf eine hypertonieassoziierte Hypalgesie zurück.

Es ist bereits bekannt, dass Hypertoniker häufig eine verminderte Schmerzempfindung haben. Diese hypertonie-assoziierte Hypalgesie soll über eine Stimulierung der Barorezeptoren im Karotissinus vermittelt werden. Dieser reguliert nicht nur den Blutdruck, sondern verfügt auch über Verbindungen zu Schmerzzentren im Gehirn, die offenbar die Schmerzempfindung dämpfen.

Diagnostik und Therapie

Bei Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen Migräne und Hypertonie ist eine umfassende Diagnostik wichtig. Diese kann ein Ruhe-EKG, eine Echokardiographie, eine Stressechokardiographie, eine Langzeitblutdruckmessung und eine Messung der Herzfrequenzvariabilität umfassen.

Die Therapie richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Neben einer medikamentösen Behandlung von Migräne und Hypertonie können auchLifestyle-Änderungen wie eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und Stressabbau helfen.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Migräne und Hypertonie ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Studien deuten darauf hin, dass Migräne, insbesondere bei Frauen nach der Menopause und bei Jugendlichen mit schwerer Migräne, mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck einhergehen kann. Es ist wichtig, auf die Blutdruckwerte zu achten und bei Bedarf einen Arzt aufzusuchen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Bluthochdruck kann das kardiovaskuläre Risiko senken.

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