Migräne und Kunsttherapie: Ein kreativer Ansatz zur Schmerzlinderung

Künstlerische Therapien, insbesondere im Gruppensetting, erweisen sich bei chronischen Schmerzpatienten als äußerst wirksam. Erfahrungsberichte aus der Praxis und erste Studien untermauern diese Annahme und verweisen auf das allgemein ressourcenfördernde Potential. Die Kunsttherapie bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Behandlung von Migräne und anderen chronischen Schmerzerkrankungen.

Einführung in die Kunsttherapie

Die Kunsttherapie ist eine Form der Psychotherapie, die künstlerische Medien wie Malen, Zeichnen, Modellieren und Gestalten einsetzt, um den Patienten zu helfen, ihre Emotionen, Gedanken und Erfahrungen auszudrücken. Sie wird in verschiedenen Bereichen eingesetzt, darunter Psychiatrie, Psychosomatik, Onkologie, Neurologie und Geriatrie.

Im Gegensatz zu traditionellen Gesprächstherapien ermöglicht die Kunsttherapie den Patienten, sich auf nonverbale Weise auszudrücken, was besonders hilfreich sein kann, wenn es schwerfällt, über belastende Themen zu sprechen. Durch den kreativen Prozess können Patienten neue Perspektiven gewinnen, ihre Selbstwahrnehmung verbessern und ihre emotionalen Ressourcen aktivieren.

Kunsttherapie bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen, wie Migräne, Gesichts­schmerzen, Weichteilrheuma (Fibromyalgie), Anhaltende Rückenschmerzen, Schmerzen nach Bandscheibenoperationen, Schmerzen im Bewegungsapparat, Nervenschmerzen, Phantom- und Stumpfschmerzen oder Narbenschmerzen, stellen eine erhebliche Belastung für die Betroffenen dar. Sie können nicht nur die körperliche Gesundheit beeinträchtigen, sondern auch die psychische und soziale Lebensqualität.

Die Kunsttherapie kann bei der Behandlung chronischer Schmerzen auf verschiedene Weise helfen:

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  • Förderung des emotionalen Ausdrucks: Kunsttherapie bietet einen sicheren Raum, um Emotionen wie Angst, Wut, Trauer und Frustration auszudrücken, die mit chronischen Schmerzen einhergehen können.
  • Reduktion von Stress und Anspannung: Der kreative Prozess kann helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
  • Verbesserung der Selbstwahrnehmung: Durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Erfahrungen im künstlerischen Prozess können Patienten ihre Selbstwahrnehmung verbessern und ein besseres Verständnis für ihre Schmerzen entwickeln.
  • Aktivierung von Ressourcen: Kunsttherapie kann dazu beitragen, die eigenen Ressourcen und Fähigkeiten zu aktivieren, um mit den Schmerzen besser umzugehen.
  • Förderung der sozialen Interaktion: Die Kunsttherapie im Gruppensetting ermöglicht den Austausch mit anderen Betroffenen und fördert die soziale Interaktion.

Formen der neurologischen Kunsttherapie

Die neurologische Kunsttherapie wird von speziell ausgebildeten Kunsttherapeuten durchgeführt, die die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten berücksichtigen und ihn in seinem künstlerischen Prozess unterstützen. Die genauen Ansätze und Methoden variieren je nach Krankheitsbild, individuellen Zielen und der allgemeinen Situation des Patienten.

Einige gängige Formen der neurologischen Kunsttherapie sind:

  • Maltherapie: Malen wird angewendet, um den Ausdruck von Emotionen zu fördern und die kreative Selbstentfaltung zu unterstützen. Dabei können verschiedene Materialien wie Pinsel, Farben und Papier verwendet werden.
  • Musiktherapie: Durch das Spielen von Musikinstrumenten oder das Hören und Reflektieren von Musik werden verschiedene kognitive, motorische und emotionale Funktionen stimuliert. Die Musiktherapie kann auch dazu beitragen, Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern.
  • Tanz- und Bewegungstherapie: Diese Form der neurologischen Kunsttherapie beinhaltet Bewegungsübungen, die speziell auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten sind. Sie kann dazu beitragen, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern, das Gleichgewicht zu schulen und das Körperbewusstsein zu stärken.
  • Dramatherapie: Durch Rollenspiele, Improvisation und andere theaterbasierte Techniken können Patienten ihre Emotionen ausdrücken und ihre sozialen Fähigkeiten verbessern. Die Dramatherapie wird auch zur Förderung der Kommunikation und zur Bewältigung von Ängsten eingesetzt.
  • Bildhauerei und Plastizieren: Das Arbeiten mit verschiedenen Materialien wie Ton oder Holz kann dazu beitragen, die Feinmotorik und die Handgeschicklichkeit zu verbessern.

Kunsttherapeutische Interventionen im Detail

In einer Studie von Prof. Dr. Constanze Schulze wurden künstlerisch-therapeutische Interventionen (Kunsttherapie und Theatertherapie) im Gruppensetting à 4-8 Patient:innen im Rahmen stationärer MMST (Multimodale Schmerztherapie) durchgeführt. Die Stichprobe bestand aus Patient:innen (N = 100) mit chronischen Schmerzerkrankungen, darunter auch Kopfschmerzen/Migräne.

Es wurden zwei verschiedene Interventionen durchgeführt, die beide nach denselben Kriterien ausgewertet wurden:

  • Kunsttherapeutische Intervention: Diese bestand aus zwei Sitzungen á 120 Minuten, die vom Ablauf her gleich aufgebaut waren und im Abstand von einer Woche durchgeführt wurden. Die Kunsttherapeut:innen leiteten die Intervention an und beobachteten. Das Treatment folgte einem standardisierten Manual und zielte auf die Förderung von Gruppenkohäsion. Verwendet wurden verschiedene zweidimensionale bildnerische Materialien.
  • Theatertherapeutische Intervention: Diese bestand ebenfalls aus zwei Sitzungen á 120 Minuten mit einem standardisierten Manual. Der/Die Theatertherapeut:in leitete die Interventionen an und nahm an den Aufwärmübungen teil. Im Theaterspielen standen die Interaktionen innerhalb von Einzel- und Gruppenimprovisationen im Mittelpunkt. Demzufolge unterstützte die theatertherapeutische Intervention bereits aufgrund des Mediums das Erleben von Gruppenkohäsion.

Das Projekt band Studierende der HKS Ottersberg aktiv in die Durchführung ein, im Rahmen von Forschungspraktika/ mentorierten und supervidierten Berufspraktika/ Praktikumsprojekten (B.A.). Das Teilprojekt MMST befasste sich mit der Erfassung und Beschreibung relevanter Variablen für eine nicht-/erfolgreiche Teilnahme von Patient:innen an einer künstlerisch-therapeutischen Intervention in Gruppen (Kunsttherapie und Theatertherapie) innerhalb stationärer MMST. Diese wurde sowohl anhand des Erlebens und im Selbstbericht des/der Patient:innen als auch durch externe Beobachtung mehrperspektivisch untersucht.

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Ablauf einer kunsttherapeutischen Behandlung

In der Kunsttherapie erfährt der Patient eine Behandlung, in welcher er mit Farben (Malerei) oder Formen (Bildhauerei) zur Gestaltung eines bzw. mehrerer Bilder oder Plastiken kommt. Er wird dabei unterstützend und reflektierend vom Therapeuten begleitet, der seine Erkrankung kennenlernt und häufig Informationen von ärztlicher Seite zusätzlich berücksichtigt.

Zu Beginn ist es wichtig, ein auf den Menschen abgestimmtes Medium zu finden. Da frei von Leistungsdruck gearbeitet wird, sind gerade die ersten Schritte betont spielerisch (z.B. ein ungegenständliches Bild oder eine Tonplastik mit verbundenen Augen). Es geht nicht darum, die entstandenen Arbeiten zu bewerten. Vielmehr geht es um die Wirkung, die sowohl das Tun, als auch das Ergebnis im Anschauen haben kann.

Steht das Tun im Vordergrund, so handelt es sich häufig um akute Beschwerden z.B. eine Farbmeditation bei Schlafstörungen, eine Lektion aus dem Formenzeichnen bei Bluthochdruck oder eine Methode zur Entstehung einer Plastik bei Migräne.

Tritt zum Tätigsein das reflektierende Betrachten hinzu, so geht es um den Schaffensprozess. Dann ergeben sich aus den ersten Arbeiten Anregungen zu Fortsetzungen, die zu Vertiefung und Veränderung führen können, z.B. erlebte ein Patient mit Depression ein vom Vortag gemaltes tiefschwarzes Aquarell als Aufforderung, diesem ein zweites Bild mit Aufhellung anzuschließen. Oft kristallisiert sich im Prozess ein Thema heraus. Grenzbildung, Überwindung von Blockaden, Stabilisierung, Bewältigung von Erlebnissen aus der Vergangenheit oder Gleichgewichtsfindung sind Beispiele dafür. Die Auseinandersetzung mit einem Thema bietet eine Möglichkeit, die Wurzeln einer Lebenssituation kennen zu lernen und eigene Ideen und Kräfte zu neuem Wachstum und Heilung zu entwickeln.

Die Begegnung mit der eigenen Schaffenskraft und dem Therapeuten als Gegenüber bedeutet für den Patienten immer eine positive Erfahrung und vermag so stärkend, stabilisierend und klärend auf ihn zu wirken.

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Finanzierung der Kunsttherapie

Eine Behandlung kann von jedem Haus- bzw. Facharzt auf Kassen- oder Privatrezept verordnet werden. Die Kosten werden übernommen bzw. Darüber hinaus kann jede gesetzliche Krankenkasse nach Antragstellung die Kosten für eine kunsttherapeutische Behandlung erstatten. Bei einer Ablehnung seitens ihrer Krankenkasse können sie ihr Recht in Anspruch nehmen, in eine Krankenkasse zu wechseln, welche die Kosten für eine Kunsttherapie übernimmt. Sollte dies nicht möglich sein, so kann die Therapie mit Mitteln aus einem Spendenfonds für künstlerische Therapien ermöglicht werden. Jeder gesetzlich Versicherte hat das Recht, die Mitgliedschaft bei seiner Kasse zu kündigen und in eine Kasse seiner Wahl zu wechseln. Die Bindungsfrist liegt bei einer Dauer von 12 Monaten. Es gilt eine Kündigungsfrist von zwei Monaten.

Kunsttherapie als Wissenschaft

Prof. Dr. Constanze Schulze untersucht den aktuellen Stand der Kunsttherapie im Prozess der Verwissenschaftlichung in der deutschsprachigen Wissenschaftsgemeinschaft. Ausgehend von der Definition von Wissenschaft von Kriz (1981) wird ein Verständnis von Kunsttherapie als Wissenschaft vom kunsttherapeutischen Handeln und der systematischen und vertiefenden Kumulation der damit verbundenen Erfahrungen herausgearbeitet. Mit diesem normativen Verständnis wird der aktuelle Stand der Disziplin mit dem Fokus auf kunsttherapeutischem Diagnostizieren und Intervenieren untersucht.

Die untersuchten Publikationen zeichnen ein differenziertes Bild vielfältiger Aspekte des kunsttherapeutischen Geschehens mit Schwerpunkt auf der Beschreibung und meist psychodynamischen Erklärung von Therapieprozessen, Werken und Erlebensweisen der Patienten. Kunsttherapeutisches Handeln selbst findet sich überwiegend in präskriptiver Darstellungsweise. Tatsächliches kunsttherapeutisches Handeln jedoch wird allenfalls als Nebenbefund beschrieben, selbst jedoch nicht untersucht. Damit bestätigt sich der Befund bereits vorliegender systematischer Literaturanalysen zur Kunsttherapie.

Fallbeispiel: Niki de Saint Phalle

Beinahe hätten die Schatten aus ihrer Kindheit Catherine dauerhaft hinter die Mauern der Psychiatrie gebracht. Dort wurde die junge Französin wegen eines Nervenzusammenbruchs mit Elektroschocks behandelt - ohne Erfolg. Während ihrer Therapie lernte sie jedoch auch die Malerei kennen, die sie als viel heilsamer empfand als alle anderen Behandlungsversuche. Catherine malte kindliche Märchenwelten und fantastische Wesen, womit sie die traumatischen Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs durch den Vater verarbeiten konnte. Daraufhin verschrieb sie ihr Leben der Kunst. Heute sind vor allem ihre bunten Nana­Skulpturen weltbekannt, die sie unter dem Künstlernamen Niki de Saint Phalle schuf.

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