Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Migräne vorzubeugen und die Häufigkeit sowie Intensität von Attacken zu reduzieren. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Präventionsstrategien, von medikamentösen Ansätzen bis hin zu alternativen Heilmethoden und Anpassungen des Lebensstils.
Ursachen und Auslöser verstehen
Um Migräne effektiv vorzubeugen, ist es wichtig, die Ursachen und Auslöser zu kennen. Auch wenn die Ursachen noch nicht vollständig erforscht sind, spielen die Gene eine wichtige Rolle. Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Erbfaktoren Gehirn und Nervensystem der Betroffenen besonders empfindlich auf Reize reagieren lassen. Diese Reize, auch Trigger genannt, können vielfältig sein:
- Stress: Fast 70 Prozent der Betroffenen geben Stress als Auslöser an.
- Änderungen der Schlafgewohnheiten: Unregelmäßiger Schlaf kann Migräneattacken begünstigen.
- Hormone: Hormonelle Schwankungen, insbesondere bei Frauen, können Migräne auslösen.
- Alkohol: Jeder dritte Migränepatient gibt Alkohol als Auslöser an.
- Wetter: Starke Veränderungen des Luftdrucks oder Hitze können Trigger sein.
- Dehydratation: Flüssigkeitsmangel kann Migräneattacken auslösen.
- Licht: Grelle oder flackernde Lichter können Migräne begünstigen.
- Gerüche: Intensive Gerüche können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
- Ernährung: Bestimmte Lebensmittel können Migräneattacken triggern.
Das Migräne-Tagebuch: Den persönlichen Auslösern auf der Spur
Ein Kopfschmerztagebuch kann Ihnen helfen, Ihre persönlichen Auslöser zu identifizieren. Notieren Sie darin Ihren Tagesablauf, Ihr Befinden, Ihre Ernährung und äußere Faktoren wie das Wetter. Nach einiger Zeit können Sie Muster erkennen und gezielt gegensteuern.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Migränevorbeugung
Viele Betroffene können mit nicht-medikamentösen Maßnahmen Migräneattacken vorbeugen. Diese umfassen:
Stressmanagement und Entspannungstechniken
Stress ist einer der häufigsten Migräneauslöser. Entspannungsmethoden wie Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training, Meditation, Achtsamkeit, Yoga und Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und Migräne vorzubeugen. Planen Sie feste Zeiten für Entspannung in Ihren Tag ein und gestalten Sie sich einen ruhigen Ort in Ihrer Wohnung. Fragen Sie Ihre Krankenkasse nach Entspannungskursen - für einige gibt es sogar Zuschüsse.
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Schlafhygiene
Regelmäßiger Schlaf ist wichtig für die Migräneprophylaxe. Versuchen Sie, möglichst immer zur gleichen Zeit schlafen zu gehen, und verbannen Sie Fernseher und Handy aus dem Schlafzimmer, da das Licht moderner Bildschirme die Produktion des Schlafhormons Melatonin beeinträchtigen kann.
Bewegung und Sport
Regelmäßige Bewegung kann Migräne vorbeugen, besonders wenn Sie sie sanft in Ihren Alltag integrieren. Ausdauersportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walking können dabei besonders hilfreich sein. Auch Spaziergänge können unterstützend wirken. Wichtig ist, dass Ihnen die Bewegung Spaß macht und Sie regelmäßig dranbleiben. Viele Migränepatienten leiden unter Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich, die zu Migräneattacken beitragen können. Physiotherapie, Massagen und gezielte gymnastische Übungen können hier Abhilfe schaffen.
Ernährung
Ein Kopfschmerztagebuch kann Ihnen helfen, problematische Lebensmittel zu entdecken. Sobald Sie wissen, welche Speisen Ihnen nicht gut tun, sollten Sie sie reduzieren oder am besten ganz weglassen. Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, indem Sie immer eine Wasserflasche bei sich haben. Vermeiden Sie Speisen, die Histamin oder Geschmacksverstärker wie Glutamat enthalten. Histaminarm sind zum Beispiel Frischkäse, Dinkelnudeln, frisches Gemüse wie Paprika, Karotten, Brokkoli, Kartoffeln, frisches Obst wie Heidelbeeren, Blaubeeren, Äpfel und Obstsäfte mit Ausnahme von Zitrussorten und Tomate. Seien Sie vorsichtig bei eingelegten Lebensmitteln, Fertiggerichten, Schokolade, Hefe, geräuchertem Fleisch. Glutamat kommt in natürlicher Form in den meisten tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor, besonders viel ist enthalten in Parmesankäse, Sojasauce, reifen Tomaten, Tiefkühlpizza und Fertiggerichten mit dem Hinweis „Hefeextrakte“.
Lichtschutz
Eine Sonnenbrille schützt vor grellem Licht. Achten Sie außerdem darauf, sich von flackernden Glühbirnen fernzuhalten.
Medikamentöse Migräneprophylaxe
Wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen, kann eine medikamentöse Migräneprophylaxe in Betracht gezogen werden. Dies ist besonders sinnvoll, wenn Patienten unter mindestens drei schweren Migräneattacken pro Monat leiden oder schmerzlindernde Medikamente bei Behandlung während einer Attacke keine Erleichterung bringen. Auch der Migräne mit Aura kann man damit vorbeugen.
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Wirkstoffgruppen
Es gibt verschiedene Wirkstoffgruppen, die bei der Migräneprophylaxe zum Einsatz kommen:
- Betablocker: Sie werden auch bei Herzerkrankungen oder Bluthochdruck verschrieben. Sie können Bindungsstellen von verschiedenen Botenstoffen blockieren und dadurch zum Beispiel die Wirkung des Stresshormons Adrenalin hemmen. Betablocker können müde machen, das Gewicht steigern und manchmal auch Schlafstörungen verursachen. Bei Asthma oder Arterieller Hypotonie dürfen sie gar nicht eingesetzt werden.
- Antidepressiva: Sie kommen in erster Linie bei der Behandlung von Depressionen zum Einsatz. Generell gelten Antidepressiva als gut verträglich, trotzdem können sie zu Nebenwirkungen wie Verstopfung oder Kreislaufschwäche führen.
- Antikonvulsiva (Antiepileptika): Sie werden auch zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt.
- Kalziumantagonisten (Kalziumkanalblocker): Sie werden gewöhnlich in der Therapie von Herz- und Gefäßkrankheiten eingesetzt. Die Medikamente können den Kalziumstrom hemmen, den Blutdruck senken und die Gefäße erweitern.
- CGRP-Antikörper: Bei der Therapie mit CGRP-Antikörpern handelt es sich um eine migränespezifische Prophylaxe. Sie kommt bei Migränepatienten zum Einsatz, die aufgrund von Vorerkrankungen andere Medikamente nicht einnehmen dürfen.
- Onabotulinumtoxin A (Botox): Injektionen mit Onabotulinumtoxin A helfen oft bei Menschen, die nahezu ständig unter Migränebeschwerden leiden.
Wichtige Hinweise zur medikamentösen Prophylaxe
- Es ist wichtig, sich behutsam an die richtige Dosis der Medikamente heranzutasten. Ein erfahrener Arzt wird sie langsam bis zur ersten Zieldosis steigern.
- Ob eine medikamentöse Vorbeugung bei Migräne wirksam ist oder nicht, lässt sich erst nach einem Zeitraum von zwei bis drei Monaten sagen.
- Um nachvollziehen zu können, ob die vorbeugende Therapie anschlägt, empfiehlt es sich, bereits Wochen vor Beginn der medikamentösen Migräneprophylaxe mit dem Führen eines Migränetagebuchs zu beginnen.
- Die meisten Mittel zum Migräne-Vorbeugen sollten anfangs niedrig dosiert werden, später kann man nach und nach die Dosis erhöhen.
- Allerdings müssen die Patienten mit einigen Nebenwirkungen rechnen.
- Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die verschiedenen Optionen und möglichen Nebenwirkungen.
Alternative und ergänzende Behandlungsmethoden
Neben den etablierten schulmedizinischen Verfahren gibt es auch alternative und ergänzende Behandlungsmethoden, die bei der Migräneprophylaxe eingesetzt werden können:
- Akupunktur: Es gibt Hinweise darauf, dass Akupunktur zur Migränevorbeugung beitragen kann, insbesondere bei episodischer Migräne.
- Biofeedback: Biofeedback hilft Ihnen, Ihre Muskelspannung und Stressreaktionen bewusst zu steuern, um Migräneattacken zu reduzieren.
- Migräne-Piercing: Es besteht die Annahme, dass ein sogenanntes Migräne-Piercing am Ohrknorpel nach dem Prinzip der Akupunktur Migräneattacken vorbeugen könne. Bisher gibt es hierzu jedoch keinerlei wissenschaftliche Belege - viele Experten raten sogar explizit davon ab.
- Pflanzliche Präparate: Ein bestimmter Extrakt aus der Pestwurz (Petasites hybridus) hat sich in zwei Studien tatsächlich als vorbeugend gegen Migräneattacken erwiesen. In außergewöhnlich seltenen Fällen verursacht er aber schwere Störungen der Leberfunktion. Präparate mit Pestwurzextrakt zur Migräne-Prophylaxe sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht mehr als Arzneimittel erhältlich (teilweise aber als Nahrungsergänzungsmittel). Ebenfalls in zwei Studien konnte ein CO2-Extrakt aus Mutterkraut (Tanacetum parthenium) seine vorbeugende Wirkung gegen Migräne zeigen. In dieser Form wird Mutterkraut aber nicht vertrieben. Andere Zubereitungen von Mutterkraut wurden nicht auf ihre Wirksamkeit bei Migräne untersucht, weshalb sie auch nicht empfohlen werden können.
Akute Selbsthilfe bei Migräneattacken
Auch wenn die Vorbeugung im Vordergrund steht, ist es wichtig zu wissen, was Sie bei einer akuten Migräneattacke tun können:
- Medikamente: Nehmen Sie ein Akut-Medikament gegen Migräne so schnell wie möglich zu Beginn einer Attacke ein. Geeignet sind zum Beispiel Schmerzmittel oder Triptane.
- Ruhe: Ziehen Sie sich in einen dunklen, ruhigen Raum zurück.
- Kühlung: Legen Sie eine kühle Kompresse auf Stirn oder Nacken.
- Koffein: Wenn Koffein für Sie kein Auslöser ist, kann eine kleine Tasse Kaffee oder ein koffeinhaltiges Schmerzmittel helfen.
- Lavendel: Der Duft von Lavendel kann eine beruhigende Wirkung haben.
Migräne und die Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie hat das Leben vieler Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht und kann bei Migränepatienten zusätzliche Belastungen verursachen. Achten Sie auf folgende Punkte:
- Arzt und Medikamente: Rufen Sie Ihren Hausarzt am besten im Voraus an und bestellen Sie die benötigten Rezepte vor. Das Gleiche gilt für den Gang zur Apotheke.
- Stressverringerung: Konzentrieren Sie sich für ausreichende Bewegung auf Sportarten, die im Freien möglich sind, wie Joggen oder Fahrradfahren.
- Alltagsstruktur: Versuchen Sie, gewohnte Strukturen Ihres Alltags beizubehalten.
- Akute Selbsthilfe: Sorgen Sie zu Hause für Vorkehrungen zur Selbsthilfe bei einer akuten Migräneattacke, wie etwa einen dunklen, ruhigen Raum.
- Homeoffice-Organisation: Sorgen Sie für eine bequeme Sitzmöglichkeit, arbeiten Sie nicht im Bett und machen Sie regelmäßig Pausen.
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