Migräne: Ursachen, Symptome und moderne Behandlungsmethoden

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur Kopfschmerzen verursacht. Sie betrifft einen erheblichen Teil der Bevölkerung und kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Von 100 Erwachsenen haben hierzulande etwa 70 bis 90 mindestens einmal im Leben Kopfschmerzen. Am häufigsten (86 %) handelt es sich um Spannungskopfschmerzen, während Migräne mit rund 16 % auf Platz zwei folgt. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer: Rund 15 von 100 Frauen leiden unter Migräne, verglichen mit nur sechs von 100 Männern.

Was ist Migräne?

Migräne wird als primäre Kopfschmerzerkrankung angesehen, was bedeutet, dass sie als eigenständige Erkrankung betrachtet wird. Der Ausdruck Migräne stammt ursprünglich von dem altgriechischen Wort hēmikranía, das sich aus hēmi („halb“) und kranion („Schädel“ oder „Kopf“) zusammensetzt. Die sinngemäße Übersetzung lautet also „Halbkopfschmerz“ oder „Schmerz in einer Kopfhälfte“, was sehr typisch für Migräne ist.

Typische Symptome

Migräne zeichnet sich durch eine Reihe von charakteristischen Symptomen aus:

  • Pochender, oft halbseitiger Kopfschmerz
  • Übelkeit (80 %)
  • Erbrechen (40-50 %)
  • Lichtscheu
  • Lärmempfindlichkeit
  • Gegebenenfalls Aura (z. B. Flimmerskotom)

Die Dauer einer Migräneattacke beträgt in der Regel 4 bis 72 Stunden, teils mit Nachwirkungen.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen der Migräne sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird von einer komplexen Fehlregulation im Gehirn ausgegangen. Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, da Migräne familiär gehäuft auftritt. Forscher gehen davon aus, dass bestimmte Erbanlagen bei den Betroffenen dazu führen, dass sich ein „Migräne-Gehirn“ entwickelt, das besonders empfindlich auf äußere und innere Reize reagiert.

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Triggerfaktoren

Viele Betroffene können bestimmte Auslösefaktoren (Trigger) für ihre Migräne klar benennen. Dazu gehören:

  • Hormonelle Schwankungen
  • Bestimmte Nahrungsmittel (z. B. reifer Käse, Salami, Glutamat)
  • Stress
  • Schlafmangel

Es ist wichtig zu beachten, dass Triggerfaktoren nicht die Ursache der Migräne sind, sondern lediglich Attacken auslösen können. Die eigentliche Ursache liegt in einer wahrscheinlich erblich bedingten Überempfindlichkeit des Gehirns.

Die Rolle von CGRP

Seit Jahren wird die Rolle des Botenstoffs Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) erforscht, der Migräne auslösen könnte. CGRP weitet die Blutgefäße, löst lokale Entzündungen aus, macht die Nerven überempfindlich und intensiviert die Schmerzweiterleitung. Ein gehäuftes Auftreten von CGRP könnte harmlose Nervensignale in Schmerzreize umwandeln. In den USA sind bereits Migränemedikamente zugelassen, die CGRP oder CGRP-Rezeptoren hemmen.

Formen der Migräne

Es gibt verschiedene Formen der Migräne, die sich in ihren Symptomen und ihrem Verlauf unterscheiden:

Episodische Migräne

Bei der episodischen Migräne treten Attacken gelegentlich, also nur an wenigen Tagen im Monat auf.

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Chronische Migräne

Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn Migräneattacken nahezu täglich auftreten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dies bedeutet konkret, dass jemand mindestens 15 oder mehr Kopfschmerztage pro Monat hat, und das schon länger als drei Monate. An mindestens 8 Tagen im Monat entwickeln sich typische Migräne-Symptome. Die chronische Migräne kann sich aus einer episodischen Migräne entwickeln.

Migräne mit Aura

Etwa 15-20 % der Patienten haben eine Migräne mit Aura. Am häufigsten sind Sehstörungen, wie z.B. flimmernde Zickzacklinien, Lichtblitze oder blinde Flecken (Flimmerskotom). Auch Sprachstörungen (Wortfindungsstörung, verwaschene Sprache) können Teil einer Aura sein. Manche Betroffene beschreiben zudem Gesichtsfeldausfälle in Form eines „Tunnelblicks“ oder schwarzer Flecken. Eine Migräne-Aura entwickelt sich meist allmählich über mehrere Minuten und hält in der Regel 15-60 Minuten an. In dieser Zeit bilden sich die Symptome vollständig zurück. Die Kopfschmerzen setzen bei Aura-Migräne meist während der Aura oder innerhalb einer Stunde nach Ende der Aura ein.

Migräne ohne Aura

Bei einer Migräne ohne Aura zeigen sich keine neurologischen Vorboten. Der Kopfschmerz beginnt plötzlich (oft aus dem Schlaf heraus oder im Tagesverlauf).

Sowohl bei der Migräne mit Aura als auch bei der Migräne ohne Aura kann nach Abklingen der Akutphase noch eine Erschöpfungsphase folgen, in der vor allem Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen und/oder Muskelschmerzen auftreten können.

Diagnose

Die Diagnose von Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese und der Beschreibung der Symptome durch den Patienten. Eine neurologische Untersuchung kann durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.

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Migräne-Tagebuch

Ein Kopfschmerz- oder Migräne-Tagebuch kann helfen, die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Attacken sowie mögliche Auslöser zu dokumentieren. Dies kann sowohl bei der Diagnose als auch bei der Entwicklung einer individuellen Behandlungsstrategie hilfreich sein.

Differentialdiagnose

Bei der Diagnose von Migräne mit Aura müssen Ärzte andere mögliche Ursachen ausschließen. Das ist wichtig, weil eine Sehstörung zum Beispiel auch ein Indiz für eine Durchblutungsstörung oder Augenerkrankung sein kann. Besonders problematisch ist die Abgrenzung zum Schlaganfall, da Symptome wie Taubheitsgefühl oder Sprachstörungen auch für einen Schlaganfall sprechen können.

Behandlung

Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, akute Anfälle möglichst schnell zu lindern und künftigen Attacken zuverlässig und nachhaltig vorzubeugen. Dafür stehen sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Verfahren zur Verfügung.

Medikamentöse Therapie

Akutbehandlung

  • Schmerzmittel (Analgetika, NSAR): Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Kombi-Präparate (ASS + Paracetamol + Koffein) können bei leichten bis mittelstarken Migräne-Attacken eingesetzt werden.
  • Triptane: Sumatriptan, Eletriptan, Rizatriptan, Zolmitriptan, Almotriptan, Naratriptan, Frovatriptan sind spezifische Migränemedikamente, die bei mittelschweren bis schweren Attacken und/oder ausbleibender Linderung durch Schmerzmittel eingesetzt werden.
  • Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit (z.B. Dimenhydrinat in Vomex A, Metoclopramid (MCP) oder Domperidon) sind meist fester Bestandteil der Therapie, da Übelkeit ein häufiges Begleitsymptom der Migräne ist.

Es ist wichtig, Medikamente so früh wie möglich einzunehmen, da die Wirksamkeit höher ist, wenn sie früh in der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Schmerzmittel und/oder Triptane sollten jedoch nicht häufiger als an 10 Tagen im Monat eingenommen werden, um einen Medikamentenübergebrauch zu vermeiden.

Prophylaxe

  • Betablocker: Propranolol oder Metoprolol können zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden.
  • Antidepressiva: Amitriptylin kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Antiepileptika: Topiramat oder Valproinsäure können in bestimmten Fällen zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden.
  • CGRP-Antikörper: Erenumab, Fremanezumab oder Galcanezumab sind neue Wirkstoffe, die CGRP oder CGRP-Rezeptoren blockieren und zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden können.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein stabiler Schlafrhythmus kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
  • Ausreichend trinken: Dehydration kann Migräneattacken auslösen.
  • Geregelte Mahlzeiten: Unregelmäßige Mahlzeiten können ebenfalls Migräneattacken auslösen.
  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport kann helfen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu verringern.
  • Akupunktur: Die Akupunktur gilt als effektives Verfahren in der Migränetherapie. Mit ihr können nicht nur Blockaden der Halswirbelsäule entfernt werden, sondern sie hat auch systemische, auf den ganzen Körper wirkende, schmerzlindernde Effekte.
  • Ordnungstherapie: Mithilfe eines Kopfschmerztagebuches lassen sich auslösende Faktoren ausfindig machen. Dabei notiert der Betroffene nicht nur seine Kopfschmerztage, sondern auch, welche anderen Ereignisse an den betreffenden Tagen vorgefallen sind und was auf dem Speiseplan stand. So wird schnell deutlich, ob Stress, Nahrungsmittel, Licht, Lärm usw. zu den Auslösern gehören.

Alternative Behandlungsmethoden

Bestimmte Naturheilverfahren können Häufigkeit und Verlauf von Migräneattacken beeinflussen. Dazu gehören:

  • Bewegungstherapie: Ausdauersport, Spaziergänge und auch schweißtreibende Aktivitäten sind nachweislich geeignet, die Intensität und Häufigkeit von Migräne zu verringern.
  • Osteopathie und Chirotherapie: Migräne geht nicht selten mit Blockaden der Halswirbelsäule einher.
  • Homöopathie: Mit homöopathischen Mitteln wie Belladonna (Tollkirsche), Bryonia (Zaunrübe), Gelsemium (wilder Jasmin) und Iris versicolor (Schwertlilie) lassen sich verschiedene Aspekte der Migräne behandeln.

Migräne bei Kindern

Auch Kinder können an Migräne leiden. Hier ist die Diagnose schwieriger, da die Attacken oft kürzer sind und Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen im Vordergrund stehen können. Zunächst sollte versucht werden, die Kinder von Reizen abzuschirmen, Kühlelemente und ätherische Öle einzusetzen. Erst dann werden medikamentöse Therapien erwogen.

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