Einleitung
Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, die durch funktionelle Störungen der neuronalen Aktivierung gekennzeichnet ist und nicht durch strukturelle Läsionen im Gehirn verursacht wird. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer, wobei die Erkrankung typischerweise im jungen Erwachsenenalter (15. bis 25. Lebensjahr) beginnt. Migräneattacken dauern zwischen vier und 72 Stunden und können mehrmals pro Monat auftreten. Sie sind durch pulsierende, halbseitige Schmerzen gekennzeichnet, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit (Phono- und Photophobie). Bis zu 30 % der Betroffenen erleben eine Aura, die der Kopfschmerzphase vorausgeht und neurologische Symptome wie visuelle Störungen, sensorische Missempfindungen oder Sprachstörungen umfasst.
Die Pathophysiologie der Migräne ist komplex und umfasst eine Interaktion von neuronalen und vaskulären Mechanismen. Eine zentrale Rolle spielt die „cortical spreading depression” (CSD), eine sich ausbreitende kortikale Erregungswelle, die mit einer vorübergehenden Dysfunktion neuronaler Netzwerke einhergeht. Auch eine Dysregulation des trigeminovaskulären Systems und neurovaskuläre Entzündungsmechanismen sind beteiligt. Als Triggerfaktoren gelten unter anderem Wetterumschwung, bestimmte Genussmittel, Stress und hormonelle Schwankungen.
Migräne hat erhebliche individuelle und gesellschaftliche Auswirkungen, insbesondere bei Frauen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren. Unbehandelte Migräne kann langfristig mit Gesundheitsrisiken wie affektiven Störungen, neurotischen Störungen und Rückenschmerzen verbunden sein. Eine adäquate Therapie ist daher von großer Bedeutung.
Diagnose und Differenzialdiagnostik
Die Diagnose der Migräne basiert auf den Kriterien der International Headache Society (IHS). Wesentliche Kriterien sind:
- Mindestens fünf Attacken, die die folgenden Kriterien erfüllen:
- Dauer zwischen vier und 72 Stunden (unbehandelt oder erfolglos behandelt)
- Mindestens zwei der folgenden Schmerzcharakteristika:
- Einseitige Lokalisation
- Pulsierender Charakter
- Mittlere oder starke Schmerzintensität
- Verschlimmerung durch körperliche Aktivität oder Vermeidung vonRoutineaktivitäten
- Während des Kopfschmerzes mindestens eines der folgenden Symptome:
- Übelkeit und/oder Erbrechen
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
Bei Migräne mit Aura treten zusätzlich Aura-Symptome auf, wie visuelle Phänomene, sensible Störungen, Sprach- oder Sprechstörungen, Hirnstammsymptome oder motorische Defizite. Zusätzliche Kriterien sind eine allmähliche Entwicklung der Aura-Symptome, eine sukzessive Abfolge verschiedener Aura-Symptome, eine Dauer der Aura zwischen fünf und 60 Minuten, einseitige Aura-Symptome und mindestens ein positives Aura-Symptom.
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Die Differenzierung zwischen primären und sekundären Kopfschmerzerkrankungen ist essenziell, um sekundäre Ursachen wie intrakranielle Raumforderungen oder Entzündungen auszuschließen. Eine strukturierte Anamnese und klinische Untersuchung stehen im Vordergrund, um die Frequenz, Ausprägung und Reaktion auf Bewegung zu beurteilen.
Akuttherapie und Prophylaxe
Die Akuttherapie der Migräne umfasst nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac sowie Triptane. Begleitend können Antiemetika wie Metoclopramid erforderlich sein. Eine problematische Nebenwirkung der wiederholten Analgetikatherapie ist der medikamentenassoziierte Kopfschmerz, weshalb Aufklärung und ein sparsamer Analgetikaeinsatz essenziell sind.
Neben der Akuttherapie spielen prophylaktische Maßnahmen eine entscheidende Rolle, insbesondere bei häufigen oder schweren Verläufen. Hierzu zählen nicht pharmakologische Ansätze wie Lebensstilmodifikation sowie die medikamentöse Prophylaxe mit Betablockern, Antikonvulsiva, Antidepressiva, Calciumkanalantagonisten oder monoklonalen Antikörpern gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). Bei chronischer Verlaufsform ist auch eine Behandlung mit Botulinumtoxin möglich.
Eine erfolgreiche Prophylaxe sollte zu einer mindestens 50%igen Reduktion der Kopfschmerztage führen. Die Indikation für eine Migräneprophylaxe ergibt sich insbesondere bei Patienten mit hohem Leidensdruck, bei häufigen Attacken, bei drohendem medikamenteninduziertem Kopfschmerz oder bei unzureichender Wirksamkeit der Akuttherapie.
Orthomolekulare Prophylaxe: Mikronährstoffe im Fokus
Die Migräne wird unter anderem mit einer beeinträchtigten mitochondrialen Funktion im Gehirn in Verbindung gebracht. Im Rahmen der orthomolekularen Prophylaxe werden Mikronährstoffe gezielt eingesetzt, um die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegenüber Migräneattacken zu erhöhen. Besonders relevant sind hierbei Magnesium, Riboflavin (Vitamin B2) und Coenzym Q10, die jeweils essenzielle Aufgaben in der mitochondrialen Energieproduktion erfüllen.
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Magnesium
Magnesium spielt eine Schlüsselrolle bei der zellulären Energiehomöostase und ist essenziell für zahlreiche enzymatische Prozesse, insbesondere im Kontext der mitochondrialen Funktion. Studien haben gezeigt, dass Migränepatienten häufig einen suboptimalen Magnesiumstatus aufweisen. Magnesiumionen (Mg2+) sind zentral für die zelluläre Energiehomöostase und viele enzymatische Prozesse, besonders in den Mitochondrien. Eine Reduktion des zytosolischen freien Mg²⁺ kann auf ein bioenergetisches Defizit hindeuten, was bei Migräne und Clusterkopfschmerz beobachtet wurde.
Insbesondere bei Migräne mit Aura und hemiplegischer Migräne konnte eine signifikant verringerte Magnesiumkonzentration festgestellt werden. Die prophylaktische Gabe von oralem Magnesium sowie die Akuttherapie mit hochdosiertem intravenösen Magnesium sind wirksam. Aufgrund seiner zentralen Rolle in der Pathophysiologie der Migräne stellt Magnesium eine einfache, kostengünstige, sichere und gut verträgliche Behandlungsoption dar.
Eine prospektive, multizentrische, placebokontrollierte und doppelblinde randomisierte Studie mit 81 Patienten zeigte, dass die tägliche Einnahme von 600 mg Trimagnesiumdicitrat über 16 Wochen die Anfallshäufigkeit signifikant um 41,6 % reduzierte, während die Reduktion unter Placebo 15,8 % betrug. Zudem verringerte sich die Anzahl der Tage, an denen eine Akutmedikation erforderlich war, deutlich.
Riboflavin (Vitamin B2)
Riboflavin ist für die Stabilisierung der Atmungskette in den Mitochondrien notwendig. Retrospektive Studien haben gezeigt, dass niedrige Riboflavinspiegel mit einer höheren Migräneausprägung assoziiert sind. In einer retrospektiven Studie mit 154 Kindern wiesen die 19 Patienten mit Migräne erniedrigte Riboflavinwerte auf.
Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 55 Patienten zeigte, dass die tägliche Einnahme von 400 mg Riboflavin über drei Monate zu einer signifikanten Reduktion der Anfallshäufigkeit und einer Verringerung der Schwere der Attacken führte. Vitamin B2 ist nicht nur wichtig für die Mitochondrienfunktion, sondern ist auch an der Bildung von Myelin beteiligt.
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Coenzym Q10
Coenzym Q10 spielt eine Schlüsselrolle bei der zellulären Energieproduktion und ist ein zentrales Antioxidans in den Zellen. Klinische Studien deuten darauf hin, dass bei Migräne der Coenzym-Q10-Status unter den normalen Werten liegt. Coenzym Q10 ist ein essenzieller Bestandteil der mitochondrialen Atmungskette.
Eine randomisierte, kontrollierte Studie mit 42 Patienten zeigte, dass die tägliche Einnahme von 300 mg Coenzym Q10 über drei Monate zu einer signifikanten Reduktion der Anfallshäufigkeit, zu einer Verkürzung der Migränedauer sowie zu einer Verringerung der Intensität der Migräneanfälle führte. Zudem zeigte sich eine Verbesserung der Lebensqualität.
In einer offenen, nicht randomisierten Beobachtungsstudie mit 155 pädiatrischen Patienten und jungen Erwachsenen (drei bis 22 Jahre) zeigte sich unter der Supplementierung mit 1 bis 3 mg/kg Coenzym Q10 täglich eine Reduktion der Frequenz, Dauer und Intensität der Attacken.
Weitere Mikronährstoffe und Substanzen
Neben Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 gibt es weitere Mikronährstoffe und Substanzen, die potenziell bei der Migräneprophylaxe von Nutzen sein könnten:
- Taurin: Die schwefelhaltige Aminosäure Taurin ist durch ihre ausgeprägten antioxidativen Eigenschaften für ihre stabilisierende und schützende Wirkung auf Nervenmembranen bekannt. Von besonderer Bedeutung ist Taurin durch seine analgetische Wirkung, die auf einem regulatorischen Effekt bezüglich der intrazellulären Calciumhomöostasis beruht.
- Carnitin: In einigen Studien wurde bei Kopfschmerzpatienten ein Carnitin-Mangel festgestellt, der sich durch eine Carnitin-Supplementierung besserte.
- Vitamine B6, B12 und Folsäure: Ein günstiger Effekt wurde auch durch eine Supplementierung mit den Vitaminen B6, B12 und Folsäure festgestellt, in erster Linie bei Patienten mit Aura.
- Alpha-Liponsäure: Nach Einschätzung der Autoren des Artikels hat Alpha-Liponsäure das Potenzial, den oxidativen Stress und die Entzündungsaktivität bei Migräne-Patienten zu vermindern.
- Vitamin B1 (Thiamin): Vitamin B1 hat eine erhebliche Bedeutung für die Mitochondrienfunktion und könnte auch bei der Modulierung von Schmerzzuständen eine Rolle spielen. Ein Vitamin-B1-Mangel könnte deshalb auch mit der Entstehung von Migräneanfällen zusammenhängen.
- Vitamin B3 (Niacin): Vitamin B3 (Niacin) ist von zentraler Bedeutung für die Energiebildung in den Mitochondrien. Es gibt Hinweise, dass Niacin möglicherweise in der Migräneprophylaxe eine Rolle spielt.
- Melatonin: Melatonin konnte in einigen Studien die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Kopfschmerzen vermindern.
Kombinationstherapie
Die kombinierte Anwendung von Magnesium (600 mg), Riboflavin (400 mg) und Coenzym Q10 (150 mg) wurde ebenfalls untersucht. Eine randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde Studie mit 130 Teilnehmenden zeigte eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität und der Zahl schwerer Migräneattacken. Die Mikronährstoffkombination war gut verträglich und zeigte keine gravierenden Unverträglichkeiten. Eine Studie zeigte, dass eine Behandlung mit hochdosiertem Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 die Ausprägung von Migränesymptomen gegenüber Placebo deutlich und signifikant senkt und damit die Lebensqualität erhöht.
Migräneärzten aus Deutschland ist es gelungen, die Wirksamkeit einer 3er Kombination aus hochdosiertem Magnesium, Vitamin B2 und Coenzym Q10 bei Migräne nachzuweisen.
Weitere Aspekte der Migräneprophylaxe
Neben der orthomolekularen Prophylaxe gibt es weitere nicht-medikamentöse Maßnahmen, die bei der Migräneprophylaxe eine Rolle spielen:
- Ernährung: Regelmäßigkeit und kohlenhydratreiche Ernährung sind zentrale Regeln für eine stabile Energieversorgung der Nervenzellen. Migräne-Attacken können durch Fastenperioden ausgelöst oder auch verstärkt werden.
- Ketogene Diät: Klinische Daten weisen darauf hin, dass die fettreiche und extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsform sich in vielerlei Hinsicht positiv auf das Krankheitsgeschehen der Migräne auswirkt.
- Oligoantigene Diät: In einer doppelblinden Untersuchung konnte durch die Ernährungsumstellung bei 93 % der untersuchten Kinder eine Kopfschmerzreduktion erzielt werden.
- Vermeidung von Triggerfaktoren: Etwa 12-60 % der Migränepatienten berichten, dass bestimmte Nahrungsmittel, Inhaltsstoffe und Getränke einen Migräneanfall auslösen können.
- Koffein: Bekannt ist zudem, dass eine unregelmäßige Koffeinzufuhr - nicht nur bei Migränepatienten - Kopfschmerzen verursachen kann.
- Alkohol: Zahlreiche Publikationen belegen, dass Alkohol den bedeutendsten alimentären Kopfschmerztrigger darstellt.
- Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Regelmäßiges aerobes Ausdauertraining: Regelmäßiges aerobes Ausdauertraining kann ebenfalls dazu beitragen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
- Kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedbacktherapie: Kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedbacktherapie können helfen, den Umgang mit Migräne zu verbessern und die Häufigkeit von Attacken zu reduzieren.
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