Mit Myasthenie leben: Alltagstipps und Bewältigungsstrategien

Myasthenia gravis (MG) ist eine seltene neuromuskuläre Erkrankung, die durch Muskelschwäche und schnelle Ermüdung der Skelettmuskulatur gekennzeichnet ist. Diese chronische Autoimmunerkrankung kann den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen, da sie die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln stört. Die Symptome, wie z.B. Muskelschwäche, schnelle Ermüdbarkeit und Einschränkungen beim Sprechen, Schlucken oder Bewegen, können unvorhersehbar sein und eine flexible, langfristige Unterstützung erfordern. Dieser Artikel bietet umfassende Informationen und praktische Tipps, um den Alltag mit Myasthenie besser zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.

Was ist Myasthenie gravis?

Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Rezeptoren angreift, die für die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln verantwortlich sind. Dies führt zu einer gestörten Signalübertragung und somit zu Muskelschwäche und Ermüdung. Die Symptome entwickeln sich oft schleichend und können im Laufe des Tages zunehmen, wobei sie unterschiedliche Muskelgruppen betreffen können.

Symptome von Myasthenie gravis

Die ersten Anzeichen von Myasthenie gravis manifestieren sich oft im Augenbereich, was zu Sehstörungen, Doppelbildern und hängenden Augenlidern führt. Weitere häufige Symptome sind:

  • Muskelschwäche: Betrifft häufig Augen-, Gesichts-, Schlund-, Sprech-, Nacken- und Gliedermuskulatur.
  • Schnelle Ermüdbarkeit: Die Muskelschwäche verstärkt sich bei Belastung und erreicht abends ihren Höhepunkt.
  • Schluck- und Sprechstörungen: Bei 14% der Patienten beginnt die Erkrankung mit diesen Problemen.
  • Myasthene Krise: Ein Notfall, der bei 15-20% der Betroffenen auftreten kann und besondere Aufmerksamkeit erfordert.

Es ist wichtig zu wissen, dass Infektionen, seelische Belastungen oder bestimmte Medikamente die Beschwerden verstärken können.

Diagnose von Myasthenie gravis

Die Diagnose von Myasthenie gravis basiert typischerweise auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, Antikörper-Nachweis und spezialisierten Tests wie dem Tensilon-Test. Elektrophysiologische Untersuchungen wie die Elektromyographie (EMG) und bildgebende Verfahren können ebenfalls eingesetzt werden, um andere mögliche Ursachen auszuschließen.

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Rehabilitation bei Myasthenia gravis

Die moderne Rehabilitation bietet individuelle Behandlungskonzepte, um gezielt die Lebensqualität und Selbstständigkeit von Menschen mit Myasthenia gravis zu fördern. Der Bedarf an Rehabilitation ergibt sich aus den individuellen Belastungen im Alltag, wie z.B. Schwierigkeiten beim Gehen oder der Selbstversorgung.

Ziele der Rehabilitation

Eine ganzheitliche Rehabilitation verfolgt mehr als nur die Linderung von Symptomen. Zu den wichtigsten Zielen gehören:

  • Nachhaltige Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten
  • Steigerung der Muskelkraft und Koordination
  • Förderung der Mobilität und Sicherheit im Alltag
  • Unterstützung bei der Bewältigung seelischer und sozialer Aspekte
  • Stärkung der Teilhabe an Familie und Gesellschaft
  • Verringerung depressiver Verstimmungen
  • Entgegenwirken dem Risiko sozialer Isolation

Therapiebausteine der Rehabilitation

In der Umsetzung der Rehabilitation spielen verschiedene Therapiebausteine eine zentrale Rolle:

  • Physiotherapie: Konzentriert sich darauf, Muskelkraft und Koordination gezielt zu stärken, ohne Überforderung zu riskieren. Angepasstes Krafttraining, Atemübungen und gelenkschonende Bewegungsabläufe helfen, Mobilität und Sicherheit im Alltag zurückzugewinnen.
  • Ergotherapie: Verfolgt das Ziel, alltägliche Handlungen möglichst selbstständig ausführen zu können. Dazu gehören etwa das sichere Zubereiten von Mahlzeiten, Körperpflege oder den Umgang mit Hilfsmitteln. Gleichzeitig werden Bewältigungsstrategien erlernt, wie man mit plötzlich auftretender Erschöpfung oder motorischen Schwächen konstruktiv umgehen kann.
  • Alltagstraining: Schließt das Üben konkreter Abläufe wie Anziehen, Einkaufen oder das richtige Einteilen der verfügbaren Energie ein. Praktische Rollenspiele und das Trainieren kritischer Situationen machen fit für mehr Selbstbestimmung und verringern die Angst vor Rückschlägen.

Spezialisierte Einrichtungen

Zahlreiche Kliniken bieten gezielte Unterstützung für Muskelerkrankungen an. Entscheidende Kriterien bei der Auswahl sind etwa vorhandene Expertise in der Behandlung von MG, ein individuell abgestimmtes Therapieangebot und die Möglichkeit, auf Verschlechterungen schnell zu reagieren. Einige Kliniken bieten zudem multifaktorielle Reha-Programme an, die Medizin, Pflege und psychosoziale Begleitung verbinden.

Alltagsstrategien für ein Leben mit Myasthenie gravis

Der Schlüssel zum erfolgreichen Leben mit Myasthenia gravis liegt in durchdachten Alltagsstrategien. Die kluge Planung des Tagesablaufs entscheidet über Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit.

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Energiemanagement

Ein effektives Energiemanagement ist unerlässlich. Durch bewusste Einteilung von Aktivitäten und Ruhephasen lassen sich Beschwerden lindern.

  • Tagesplanung: Morgens zeigt sich meist die höchste Belastbarkeit. Wichtige Aktivitäten sollten etwa eine Stunde nach der Medikamenteneinnahme stattfinden.
  • Ruhepausen: Regelmäßige Ruhepausen schützen vor zunehmender Muskelschwäche.
  • Anpassung an die Tagesform: Sportliche Aktivitäten und Hausarbeiten gelingen am besten während der stärksten Medikamentenwirkung.

Hilfsmittel

Die Nutzung von Hilfsmitteln kann den Alltag erleichtern:

  • Elektrische Geräte zur Unterstützung bei Haushaltstätigkeiten
  • Spezielle Bestecke und Geschirr bei Einschränkungen
  • Ergonomische Möbel zur Schonung der Muskulatur
  • Mobile Gehhilfen für mehr Sicherheit

Umgang mit Temperaturempfindlichkeit

Temperaturempfindliche Menschen profitieren von klimatisierten Räumen und kurzen, angenehmen Duschen statt heißer Bäder.

Ernährung

Kleinere, häufigere Mahlzeiten und der Verzicht auf schwer verdauliche Speisen schonen die Muskulatur beim Schlucken.

Medizinische Behandlungsmöglichkeiten

Die medizinische Wissenschaft eröffnet Menschen mit Myasthenia Gravis heute zahlreiche Behandlungswege.

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Medikamentöse Therapie

Die Behandlung umfasst verschiedene Medikamente wie Acetylcholinesterase-Hemmer, Glukokortikoide und Immunsuppressiva. In schweren Fällen können auch Plasmapherese oder intravenöse Immunglobuline eingesetzt werden.

Innovative Therapien

Schwere Krankheitsverläufe profitieren zunehmend von innovativen Therapien wie Komplementinhibitoren (Eculizumab, Ravulizumab) oder FcRn-Modulatoren (Efgartigimod). Die Zulassung von Zilucoplan und Rozanolixizumab erweitert das Therapiespektrum der generalisierten Myasthenia Gravis.

Thymektomie

Die Thymektomie - die chirurgische Entfernung der Thymusdrüse - bietet vielversprechende Behandlungserfolge. Patienten zwischen 18 und 65 Jahren mit Acetylcholinrezeptor-Antikörpern zeigen besonders positive Ergebnisse.

Psychologische Unterstützung

Neben den körperlichen Symptomen kann Myasthenia Gravis auch erhebliche psychische Belastungen verursachen. Psychologische Unterstützung kann bei der emotionalen Bewältigung helfen.

Fatigue-Management

Viele Betroffene haben mit einer starken, anhaltenden Erschöpfung (Fatigue) zu kämpfen, die sowohl kognitiv als auch motorisch auftreten kann. Neuropsychologische Therapieansätze können unterstützend wirken, um Stress zu reduzieren und Bewältigungsstrategien für den Umgang mit der Erkrankung zu erlernen.

Stressbewältigung

Stress ist ein wichtiger Faktor, da er die Symptome verschlimmern kann. Erkennen Sie Ihre Grenzen und nutzen Sie Entspannungstechniken.

Soziale Unterstützung und Selbsthilfe

Ein verlässliches soziales Netz trägt entscheidend zur Krankheitsbewältigung bei. Selbsthilfegruppen können das Gefühl „gemeinsam sind wir stärker“ und „wir verstehen dich“ vermitteln.

Neurologische Selbsthilfe

Die Neurologische Selbsthilfe ermöglicht den Austausch mit anderen und bietet praktische Hilfe.

Deutsche Myasthenie Gesellschaft (DMG)

Die Deutsche Myasthenie Gesellschaft (DMG) ist ein Verein, der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit leistet, um auf Myasthenia gravis aufmerksam zu machen und eine schnellere Diagnosestellung zu ermöglichen. Der Verein bietet Beratung, Unterstützung in sozialen Angelegenheiten und eine monatlich erscheinende Vereinszeitschrift.

MMOD-Gruppe

Die MMOD-Gruppe ist eine Diagnosegruppe der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM). Sie bietet Hilfestellung bei krankheitsrelevanten Themen, Gedankenaustausch mit Betroffenen und Angehörigen sowie Informationen über die neuesten Möglichkeiten der Diagnosefindung.

Forschung und neue Ansätze

Die Forschung im Bereich Myasthenia Gravis schreitet stetig voran. Wissenschaftler arbeiten an einem besseren Verständnis der Erkrankungsmechanismen und der Entwicklung neuer Therapieansätze. Vielversprechende neue Ansätze umfassen die CAR-T-Zell-Therapie sowie neue Medikamente wie Komplementinhibitoren und FcRn-Modulatoren.

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