Spastik, auch Spastizität oder spastische Lähmung genannt, ist eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung, die durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS) verursacht wird. Diese unkontrollierbare Muskelaktivität kann zu dauerhaften Fehlstellungen von Gelenken in Armen und Beinen führen und somit die Bewegungsfähigkeit einschränken. Spastik kann den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen, daher ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von großer Bedeutung.
Der Weg zur Diagnose
Der erste Schritt: Hausarzt kontaktieren
Wenn Sie oder ein Angehöriger Symptome bemerken, die auf eine Spastik hindeuten könnten, zögern Sie nicht, Ihren Hausarzt zu kontaktieren. Schildern Sie Ihre Beschwerden so genau wie möglich und beschreiben Sie, wie sich die Symptome auf Ihr Leben auswirken und welche Alltagstätigkeiten Sie behindern. Der Hausarzt kann Sie bei Bedarf an einen Neurologen oder einen anderen Facharzt überweisen.
Fachärztliche Untersuchung
Der Facharzt wird eine umfassende Untersuchung durchführen, um die Ursache und den Schweregrad der Spastik zu beurteilen. Diese umfasst in der Regel:
- Anamnese: Ein ausführliches Gespräch, in dem der Arzt Fragen zu Ihrer Krankengeschichte, Ihren aktuellen Beschwerden und möglichen Auslösern stellt. Gezielte Fragen nach Dauer, Lokalisation, Häufigkeit, Zeitpunkt und Intensität helfen dabei, die Spastizität exakt einzuordnen. Darüber hinaus sollten etwaige Begleitbeschwerden und auslösende Faktoren bzw. Trigger ermittelt werden.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Beweglichkeit Ihrer Gelenke, Ihre Muskelkraft, Ihren Muskeltonus und Ihre Reflexe. Dabei kann er auch medizinische Messinstrumente wie die Ashworth-Skala verwenden, um den Schweregrad der Spastik zu beurteilen.
- Neurologische Tests: Diese Tests dienen dazu, Ihre Bewegungsfähigkeit, Koordination und Sensibilität zu überprüfen.
- Bildgebende Verfahren: In der Regel werden bildgebende Verfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt, um die Ursache der Spastik zu identifizieren.
Wichtige Informationen für den Arzt
Um eine genaue Diagnose stellen und eine geeignete Therapie planen zu können, benötigt der Arzt möglichst viele Informationen. Bereiten Sie sich daher gut auf den Arztbesuch vor und notieren Sie sich folgende Punkte:
- Welche Symptome treten auf?
- Seit wann bestehen die Symptome?
- Wo treten die Schmerzen auf und bei welchen Bewegungen?
- Wie stark sind Sie in Ihrem Alltag eingeschränkt?
- Welche Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel oder Produkte nehmen Sie ein?
- Haben Sie die Spastik bereits bei einem anderen Arzt behandeln lassen? Wenn ja, wo, wann und wie intensiv?
Die Spastik-App kann Ihnen dabei helfen, Ihre persönlichen Notizen einfach und sicher für Ihr Arztgespräch festzuhalten.
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Beurteilung des Schweregrades der Spastik
Um den Schweregrad der Spastik zu beurteilen, werden häufig standardisierte Skalen verwendet:
- Ashworth-Skala: Eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln. Sie misst die Zunahme der Muskelspannung bei passiver Bewegung auf einer sechsstufigen Ordinalskala.
- Modifizierte Ashworth-Skala (mAS): Gilt als Goldstandard bei der Dokumentation von Spastizität.
- Numerische Rating Skala (NRS): Eine eindimensionale Skala, mit der das subjektiv empfundene Ausmaß der Spastizität dargestellt wird. Der Patient ordnet den durchschnittlichen Schweregrad der Spastik innerhalb der letzten 24 Stunden auf einer Skala von 0 bis 10 zu.
Therapieziele und -verfahren
Realistische Therapieziele setzen
Es ist wichtig, realistische Therapieziele zu setzen, die auf Ihren individuellen Bedürfnissen und dem Schweregrad Ihrer Spastik basieren. Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt über Ihre Erwartungen und Wünsche. Gemeinsam können Sie Therapieziele formulieren, die erreichbar sind und Ihre Lebensqualität verbessern.
Die allgemeinen Therapieziele sind:
- Verbesserung der Alltagsaktivitäten (z.B. Essen ohne Hilfe oder sich anziehen)
- Pflege- und Hygieneerleichterung (z. B. Ankleiden, Waschen der Handinnenflächen und des Intimbereichs)
- Verbesserung der Beweglichkeit im Alltag (z. B. Gehen, Sitzen oder Liegen, Tragen von Schienen, Greifen, Halten, Tragen etc.)
- Erleichterung der Physiotherapie
- Verbesserung der Körperhaltung
- Erhöhung der Schlafqualität
- Schmerzreduktion
Therapieverfahren im Überblick
Es gibt verschiedene Therapieverfahren zur Behandlung von Spastik. Die Wahl der geeigneten Therapie hängt von der Ursache, dem Schweregrad und der Lokalisation der Spastik ab. Häufig werden verschiedene Verfahren kombiniert, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.
Physiotherapie
Die physiotherapeutische Betreuung ist die Basis für die Behandlung einer spastischen Bewegungsstörung. Ziel ist es, die betroffenen Muskelpartien gezielt zu kräftigen, Haltungsschäden entgegenzuwirken und die Mobilität bestmöglich zu erhalten. Regelmäßige Dehnübungen lindern Muskelanspannungen und reduzieren Muskelsteifigkeit.
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Medikamentöse Behandlung
Krampflösende Medikamente können bei schwereren Funktionen und Schmerzen eingesetzt werden. Es gibt verschiedene medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten, die jedoch immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen sollten:
- Orale Medikamente: Die Einnahme von krampflösenden Medikamenten kann eine Verbesserung der Spastik mit sich bringen, wirkt allerdings auch auf alle anderen Muskeln im Körper. Zu den häufig eingesetzten Wirkstoffen gehören Baclofen, Tizanidin und Diazepam.
- Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Hierbei wird das Medikament Baclofen direkt in die das Rückenmark umspülende Flüssigkeit abgegeben. Dies ermöglicht eine gezieltere Wirkung bei geringeren Nebenwirkungen.
Botulinumtoxin-Therapie
Die Behandlung mit Botulinumtoxin erfolgt mittels Injektion direkt in die betroffene Muskulatur (intramuskulär). Der Wirkstoff führt zu einer vorübergehenden Entspannung des krankhaft angespannten Muskels. Spastische Krämpfe und unwillkürliche Bewegungen werden gemindert.
Orthesen und Gipsbehandlung
Orthesen sind orthopädische Hilfsmittel, die der Stützung, Fixierung und Entlastung der spastischen Körperregion dienen. Eine Gipsbehandlung kann die Dehnung und Streckung der Muskulatur unterstützen.
Ergotherapie
In der Ergotherapie erlernen die Betroffenen Techniken, die sie im Alltag unterstützen. Dazu zählt auch die Beratung zu möglichen Hilfsmitteln. Ergotherapeuten sind dazu ausgebildet, Betroffene mit Beeinträchtigungen individuell bei der Ausführung ihrer täglichen Betätigungen zu unterstützen.
Constraint Induced Movement Therapy (CIMT)
Die CIMT-Therapie zwingt den Patienten, den z. B. von einer Lähmung betroffenen Arm intensiv zu bewegen, indem der gesunde Arm bei der Therapie ruhig gestellt wird. Durch das Training mit dem betroffenen Arm werden neuronale Pfade im Gehirn angeregt und der Patient lernt dadurch die gelähmte Seite wieder einzusetzen.
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Weitere Behandlungsmöglichkeiten
In einigen Fällen können auch operative Eingriffe in Betracht gezogen werden, um die Spastik zu reduzieren.
Was Sie selbst tun können
Ein ganz wesentlicher Beitrag zur Genesung liegt bei den Betroffenen selbst. In Absprache mit dem Arzt können verschiedene Übungen von zu Hause aus, den Therapieprozess unterstützen. Regelmäßige Bewegung und Dehnung können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern. Achten Sie auch auf eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und ausreichend Schlaf. Vermeiden Sie Stress und andere Triggerfaktoren, die die Spastik verstärken können.
Spastik bei Multipler Sklerose
Spastik ist ein häufiges Symptom bei Multipler Sklerose (MS). Sie entsteht durch Schädigungen im Gehirn und Rückenmark, die die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln beeinträchtigen. Die Symptome einer MS-bedingten Spastik können vielfältig sein und reichen von leichten Muskelverhärtungen bis hin zu schweren Krämpfen und Bewegungseinschränkungen.
Diagnose und Behandlung bei MS
Die Diagnose einer Spastik bei MS kann manchmal schwierig sein, da die Symptome oft unspezifisch sind und auch andere Ursachen haben können. Eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und neurologische Tests sind jedoch entscheidend, um die Diagnose zu stellen.
Die Behandlung der MS-bedingten Spastik umfasst in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Therapieverfahren, wie z.B.:
- Medikamentöse Behandlung (z.B. Baclofen, Tizanidin, Sativex)
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Botulinumtoxin-Injektionen
- Hilfsmittel (z.B. Orthesen)