Multiple Sklerose: Was tun bei Verschlechterung? Ein umfassender Leitfaden

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Dank innovativer immunmodulierender und krankheitsmodifizierender Medikamente sind Schübe heute oftmals vermeidbar und Patient:innen, die heute die Diagnose MS erhalten, haben eine deutlich bessere Prognose als jene vor 30 Jahren. Trotz dieser Fortschritte können kognitive und physische Verschlechterungen auftreten, die mit traditionellen klinischen Tools und Biomarkern nicht immer erfasst werden. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Verschlechterung bei MS, von Schüben bis hin zur schwelend-fortschreitenden Verschlechterung, und bietet Einblicke in mögliche Maßnahmen und Therapieansätze.

Einführung in die Multiple Sklerose

Die MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen Bestandteile des Gehirns und Rückenmarks auftritt. Diese Immunreaktion entsteht außerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS), und zwar im Blut und in Organen des lymphatischen Systems. Kommt es zu einer Aktivierung von Immunzellen in diesen Organen, können ZNS Antigen-spezifische Immunzellen über die Blut-Hirn-Schranke treten, werden dort aktiviert und führen schließlich zu Entzündungen im Gehirn und Rückenmark. Diese Entzündungen treten insbesondere um Blutgefäße herum und in der Nähe der Hirn-Hohlorgane, der Ventrikel, auf. Die MS verläuft meist schubförmig, zumindest in der ersten Phase der Erkrankung. Schübe sind ein Kernmerkmal der MS.

Was ist ein Schub?

Schübe sind gekennzeichnet durch das plötzliche Auftreten eines neuen oder einer Verschlechterung eines bereits bestehenden Symptoms. Dies geschieht in der Regel innerhalb von Stunden bis Tagen. Zur Definition eines Schubs gehört darüber hinaus, dass die akut aufgetretene neurologische Funktionsstörung oder ein subjektiv berichtetes bzw. durch den Arzt objektiv nachvollziehbares Symptom für mindestens 24 Stunden anhält und ein Zeitintervall von mindestens 30 Tagen zum vorangegangenen Schub besteht.

Typische Symptome eines Schubs

  • Sehstörungen, wie Doppelbilder oder Verschwommensehen
  • Sensibilitätsstörungen
  • Störungen der Motorik oder Bewegungskoordination
  • Blasenstörungen

Plötzliche und nur kurzzeitig auftretende neue Ereignisse, wie tonische Spasmen, werden nur bei einer Häufung über einen Zeitraum von mehr als 24 Stunden als Schub bezeichnet. Es gibt auch Symptome, die untypisch für die MS sind und nur selten bei einem Schub auftreten. Hierzu gehören Hörstörungen, extrapyramidale Störungen (=Parkinson-Symptome) und periphere neurologische Ausfälle.

Diagnose eines Schubs

Um festzustellen, ob tatsächlich ein akuter Schub vorliegt, sollten Sie umgehend einen Neurologen aufsuchen. Durch die dort durchgeführte klinisch-neurologische Untersuchung lässt sich meist bei bereits bekannter MS ein Schub bestätigen oder ausschließen. Eine zusätzliche kernspintomografische Untersuchung ist nur bei Unsicherheit zwingend notwendig. Dass dennoch bei vielen Schüben ein MRT durchgeführt wird, liegt an der Notwendigkeit einer Ausgangs-MRT-Untersuchung bei Wechsel der Immuntherapie.

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Behandlung eines Schubs

MS-Schübe mit relevanter Funktionseinschränkung sollten so rasch wie möglich behandelt werden. Therapie der Wahl ist die Hochdosis Steroidpulstherapie, in der Regel als intravenöse Infusion über 3-5 Tage. Sollte ein venöser Zugang nicht möglich sein oder eine Infusion aus anderen Gründen, z.B. auf einer Reise, nicht verfügbar sein, kann die Steroidpulstherapie mit gleicher Wirksamkeit, aber schlechterer Verträglichkeit auch in Tablettenform eingenommen werden. Vor Beginn einer Steroidpulstherapie müssen Kontraindikationen wie eine akute Infektion oder Schwangerschaft sowie eine Leberschädigung ausgeschlossen werden. Zudem muss beim ersten Schubereignis besondere Sorgfalt auf den Ausschluss anderer Erkrankungen verwendet werden.

In der Regel wirkt die Steroidpulstherapie sehr gut. Sollte es dennoch nicht zu einer Besserung kommen, kann entweder eine zweite Steroidpulstherapie in höherer Dosierung oder eine „Blutwäsche“ (Apheresetherapie) eingesetzt werden. Letztere wird an spezialisierten Zentren in zwei verschiedenen Varianten durchgeführt, entweder als Plasmapherese, hier wird Plasma getauscht und Spenderblutbestandteile zurückgegeben oder als Immunadsorption, hier erfolgt eine Entfernung von bestimmten Eiweißen (Antikörpern) aus dem Blut. Eine Blutwäsche ist bei schweren MS-Schüben oder Schüben bei Neuromyelitis optica Spektrum-Erkrankung indiziert und sollte möglichst rasch nach Beginn der Symptome gestartet werden. Selten eingesetzte Methoden zur Schubtherapie sind die Infusion von Immunglobulinen, insbesondere bei Kindern und in der Schwangerschaft, sowie die intrathekale Steroidtherapie.

Nicht alle Schübe müssen behandelt werden, aber jeder Schub sollte Anlass geben, über einen möglichen Wechsel der prophylaktischen MS-Immuntherapie nachzudenken.

Pseudoschübe erkennen und behandeln

Gerade bei länger bestehender MS sind Schwankungen von neurologischen Ausfällen häufig und müssen von echten, immunologisch bedingten Schüben unterschieden werden. Man nennt dies „Pseudoschub“ und meint eine vorübergehende Verschlechterung bereits bestehender Symptome oder ein Wiederauftreten von in der Vergangenheit bestehender Schubsymptome.

Typische Ursachen dieser „Pseudoschübe“ sind eine Steigerung der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen), Fieber, Infektionen, aber auch körperliche Überlastung, Stress oder psychische Belastungssituationen. Infektionen, insbesondere Harnwegs-, Atemwegs- und Hautinfekte im Rahmen eines Dekubitus, sind die häufigsten Ursachen von „Pseudoschüben“ bei MS, insbesondere bei progredienter MS. Daher ist vor einer MS-Schubtherapie eine Blutuntersuchung auf Entzündungswerte sowie ein Urinstatus, im Zweifel auch eine weitere Diagnostik, wie z.B. ein Röntgen-Thorax, notwendig. Gerade unter hochwirksamen MS-Immunmedikamenten können Infektionen gehäuft auftreten.

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Bei hitzeabhängigen Symptomen bei MS (auch Uhthoff-Phänomen genannt), die durch eine gestörte Nervenleitfähigkeit bei steigender Körper- oder Außentemperatur auftreten, kann Kühlung oder auch Fampridin helfen.

Schwelend-fortschreitende Verschlechterung (SAW)

Scalfari et al. treten daher für eine gemeinsame Definition der schwelend-fortschreitenden Verschlechterung bei MS ein, um die Krankheit besser zu erfassen und den Weg für neue Therapeutika zu ebnen. Mit der bisherigen Definition von Multipler Sklerose können die Symptome und pathologischen Vorgänge der schwelenden MS nicht erfasst werden, so Scalfari et al. Die schwelend-fortschreitende Verschlechterung ist ein Überbegriff, zu dem das Phänomen der PIRA gehört, aber auch andere graduelle Verschlechterungen unabhängig von Schüben, die mit den Standardmessmethoden nicht detektierbar sind. Die Symptome können dabei höchst unterschiedlich sein: subtile motorische Verschlechterungen, kognitive Verlangsamung, Fatigue, neuropathische Schmerzen, Inkontinenz oder sexuelle Dysfunktion.

Ursachen und Mechanismen

Bisher wird eine Kombination aus verbreiteter Entzündung und degenerativer Nervenverletzung, insbesondere axonaler Degeneration, kombiniert mit gescheiterten Kompensationsmechanismen als Ursache für die schwelende multiple Sklerose vermutet. Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) weisen auf Pathways hin, die beim Zusammenspiel zwischen Neuronen und den unterstützenden Gliazellen beteiligt sind. Bisher konnten aber keine kausalen Mechanismen identifiziert werden. Zudem ist auffällig, dass bei Patient:innen mit schwelender MS oft eine chronische Entzündung der Meningen vorliegt. Damit verbunden wird eine fokale Verletzung der grauen Substanz beobachtet. Mit steigendem Alter spielen schwelende Verschlechterungen eine größere Rolle, wobei schwelende Verschlechterungen andererseits auch vorzeitiges Altern bedingen. Es wird vermutet, dass dies in der Ausschöpfung der kognitiven Reserve und dem altersbedingten Rückgang in der Remyelinisierungseffizienz wurzelt.

Biomarker für schwelende Verschlechterung

Für die schwelende Verschlechterung der MS wurden bereits verschiedene blutbasierte und Liquor-Biomarker vorgeschlagen. Dazu gehören die leichten Neurofilamente (NfL) und das saure Gliafaserprotein (GFAP). Das Chitinase-3-like-1-Protein (CHI3L1) wird als CSF-Marker genannt, genauso wie der Chemokin-Ligand 13 (CXCL13).

  • NfL-Konzentration: Korreliert mit dem neuroaxonalen Verlust, aber auch mit dem Auftreten von Schüben. Zudem ist NfL geeignet, um das Risiko einer PIRA vorherzusagen.
  • GFAP-Konzentrationen: Steigen mit der Aktivierung von Astrozyten an und können helfen, den Verlust der grauen Substanz vorherzusagen. Dabei ist GFAP als Biomarker unabhängig vom Auftreten weiterer Schübe. Darüber hinaus wird diskutiert, ob GFAP geeignet ist, um zukünftige Behinderungen durch MS vorherzusagen. Kombiniert mit NfL lasse sich gut das Risiko von weiteren Behinderungen und PIRA prognostizieren.
  • CHI3L1-Konzentrationen: Im Liquor korrelieren mit dem Risiko eines Fortschreitens der Behinderung.
  • CXCL13: Ist ein Marker für die Meningitis. Der Ligand kontrolliert zusammen mit seinem Rezeptor CXCR5 die Organisation der B-Zellen in den Lymphfollikeln.

Bildgebung zur Erkennung schwelender Verschlechterung

Um eine schwelende Verschlechterung bildgebend zu erkennen, sind verschiedene Verfahren geeignet.

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  • SEL (Slowly Expanding Lesions): Sind mit konventionellen MRT-Sequenzen erkennbar.
  • PRL (Persistent Rim Lesions): Lassen sich u.a. mit Single-Echo- und Multi-Echo-Gradienten detektieren. Sie sind im Vergleich zu randlosen T2-Läsionen größer und dehnen sich über die Zeit aus. Vom Konsortium wird das 7Tesla(T)-MRT als Goldstandard bezeichnet, mit 1,5T- oder 3T-MRT sollte die Visualisierung aber auch möglich sein. Die Abklärung von PRL ist jedenfalls von großer Relevanz, weil diese schon in den frühesten Stadien der MS auftreten können und mit schlechteren klinischen und radiologischen Prognosen verbunden sind.
  • Positronenemissionstomografie (PET): Ist insbesondere mit dem 18-kDa- Translokator-Protein-PET (TSPO) eine sinnvolle Maßnahme, um die schwelende Entzündung nachzuweisen. Mit TSPO-PET kann die Entzündung sowohl in der normal erscheinenden weißen Substanz als auch in der grauen Substanz quantifiziert werden.
  • "Neurite-orientation dispersion and density imaging": Wird für die Messung kortikaler Läsionen empfohlen, um die diffusen mikrostrukturellen Abnormalitäten, die hier neurodegenerativ auftauchen, sichtbar zu machen. Das Ausmaß fokaler Demyelinisierung innerhalb der kortikalen und tiefen grauen Substanz korreliert stark mit dem Voranschreiten der Erkrankung. Zudem ist diese Demyelinisierung unabhängig von der Demyelinisierung der weißen Substanz ersichtlich.

Klinische Bewertung und Tests

Wie das Fallbeispiel aufzeigt, sind klinische Routinetools wie der EDSS-Score nicht immer ausreichend, um die Dynamik der schwelenden Verschlechterung der MS zu erfassen. Mögliche Alternativen, die Verschlechterungen umfangreicher und früher erfassen, sind die Multiple Sclerosis Functional Composite, eine Leistungsskala der US-amerikanischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft, und die erweiterte Version der EDSS, die EDSS-Plus. Zudem kann die EDSS mit dem 25-Foot-Walk-Test oder dem 9-Hole-Peg-Test noch weitere Aspekte der Verschlechterung erfassen. Darüber hinaus plädieren die Autor:innen dafür, in Zukunft die neurologische Reserve durch verschiedene Tests wie Geh- und Laufdistanzen bzw. -zeiten, Reaktionszeiten, Gleichgewichtsanalysen und visuelle Tests zu erfassen - in Analogie zu kardiologischen Stresstests. Außerdem müssen diese klinischen und Biomarker-Kriterien auch in klinische Studien implementiert werden, um bedeutende Veränderungen systematisch zu erfassen und relativ zu klinischen Stadien betrachten zu können. Eine Rolle bei der Abschätzung des Einflusses von schwelender Verschlechterung können auch Self-Monitoring-Bögen und „patient-reported outcomes“ (PRO) spielen.

Umgang mit der schwelenden Verschlechterung in der klinischen Praxis

Für die Integration in die klinische Praxis schlägt das Konsortium ein Umdenken vor. Gesundheitspersonal sollte anerkennen, dass sich selbst „klinisch stabile“ Patient:innen mit MS verschlechtern können, und daher hier in der Kommunikation mit den Patient:innen sensibler sein. Schließlich sollte vermieden werden, dass sich Patient:innen ignoriert fühlen und frustriert sind, weil die Verschlechterung nicht gesehen oder anerkannt wird. Die offene Diskussion über die schwelende Verschlechterung bietet zudem die Möglichkeit zum besseren Umgang mit Erwartungen gegenüber den derzeit verfügbaren krankheitsmodifizierenden Therapieoptionen.

Lebensstilfaktoren und holistischer Ansatz

Angesichts der Tatsache, dass derzeit Medikamente gegen eine schwelende Verschlechterung nicht zur Verfügung stehen, erinnern Scalfari et al. daran, dass die Auswirkungen auch durch einen holistischen Zugang minimiert werden können. Schlechte Gewohnheiten und ungesunde Verhaltensweisen wie Rauchen, wenig Bewegung, ungesunde oder einseitige Ernährung, soziale Isolierung, Einsamkeit und Arbeitslosigkeit gehen mit schlechteren Prognosen einher. Zwar können Mediziner:innen nicht alle Bereiche davon adressieren, aber die Lebensstilfaktoren sollten angesichts ihres Einflusses auf die Auswirkungen der SAW nicht vernachlässigt werden.

Was tun bei einer Verschlechterung der MS?

Veränderungen wahrnehmen und ansprechen

Es ist nicht einfach, den Übergang der schubförmigen MS zur schleichend fortschreitenden Form zu erkennen. Deshalb ist es wichtig, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen. Wenn Sie Veränderungen festgestellt haben, sprechen Sie diese in ihrer nächsten Kontrolluntersuchung an. In einem gemeinsamen Gespräch werden alle Themen des Fragebogens angesprochen und Ihre Fragen beantwortet. Nutzen Sie die Möglichkeit gemeinsam mit IhremIhrer Ärztin, frühzeitig geeignete Untersuchungen einzuleiten und die Therapie an Ihre Bedürfnisse anzupassen. Inzwischen stehen z. B. Therapiemöglichkeiten für SPMS zur Verfügung, die den Erkrankungsfortschritt deutlich verlangsamen können.

Symptome im Blick behalten

Achten Sie genau auf Ihre Symptome. Denken Sie zweimal im Jahr über Ihre Krankheitssituation nach. So erhalten Sie einen guten Überblick. Sprechen Sie offen mit IhremIhrer Ärztin, falls Sie das Gefühl haben, dass sich Ihre Symptome verschlechtern oder neue auftreten.

Anzeichen für das schleichende Fortschreiten der MS

Beim Übergang der schubförmigen MS (RRMS) zur schleichend fortschreitenden Form, der sekundär progredienten MS (SPMS), nimmt häufig die Anzahl an Schüben ab und eine langsame, zunächst oft unerkannte Verschlechterung verschiedener Symptome tritt auf - unabhängig von Schubereignissen.Um zu erkennen, ob die MS schleichend fortschreitet, sollten Sie auf die Verschlechterung oder das Neuauftreten von u. a.

  • Vergessen Sie häufiger Dinge?
  • Dauert es länger, Informationen zu verarbeiten?
  • Brauchen Sie länger beim Gehen oder können Sie nur noch kürzere Strecken zurücklegen?
  • Haben Sie Empfindungsstörungen oder spüren Sie häufiger ein Kribbeln?
  • Müssen Sie häufiger die Toilette aufsuchen?

Auch als Angehöriger eineseiner MS-Patientin ist es wichtig zu verstehen, dass sich die schubförmige MS verändern und in eine schleichend fortschreitende Form (SPMS) übergehen kann. So können Sie bestmögliche Unterstützung leisten und dabei helfen, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen. Sprechen Sie über bestehende MS-Symptome und seien Sie ehrlich, wenn Sie physische, emotionale oder kognitive Verschlechterungen beobachten. Die schleichende MS (auch SPMS genannt) ist eine Verlaufsform der MS. Ein offenes Gespräch mit demder Ärzt*in unterstützt dabei, einen individuellen Therapieplan zu erstellen. Der Krankheitsverlauf der MS ist sehr individuell. Der Übergang zwischen RRMS und SPMS ist nicht immer leicht zu erkennen.

Medikamentöse Therapie

MS lässt sich nicht heilen. Es gibt jedoch eine Reihe von Medikamenten, die den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen und schwerwiegenden Folgen vorbeugen können. Die Behandlung stimmt die Ärztin oder der Arzt auf jeden MS-Patienten persönlich ab - das heißt auf deine MS-Form, deinen Krankheitsverlauf und deine Lebenssituation. Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Mediziner unterscheiden drei Grundformen der Behandlung:

  • Schubtherapie oder auch Stoßtherapie: Sie kann einen akut auftreten Schub verkürzen und Symptome mildern.
  • Verlaufsmodifizierende Therapie: Die Dauerbehandlung soll das Fortschreiten der MS hemmen.
  • Symptomatische Therapie: Das Ziel ist es, Krankheitsanzeichen und die Lebensqualität langfristig zu verbessern.

Bei Bedarf können die Optionen kombiniert werden - die Ärztin oder der Arzt passt die Behandlung dabei individuell an deine Bedürfnisse an. Welche Behandlung für dich geeignet ist, hängt unter anderem von der Form der MS ab, unter der du leidest. Deine behandelnde Ärztin oder dein behandelnder Arzt berücksichtigt außerdem das Stadium und den Verlauf deiner Erkrankung, die vorherrschenden Symptome, dein Alter, Geschlecht, einen eventuellen Kinderwunsch und weitere vorhandene Erkrankungen.

Die verlaufsmodifizierende Langzeit-Therapie setzt bei der Ursache der Erkrankung an und ist die einzige Behandlung, die den Verlauf der Multiplen Sklerose dauerhaft abmildern kann. Die Therapie bremst die Entzündungsaktivität im zentralen Nervensystem und damit das Fortschreiten der MS. Sie trägt auch dazu bei, dass weniger Schübe auftreten.

Die verlaufsmodifizierende Therapie reguliert das Immunsystem, das bei MS aus dem Gleichgewicht gerät und körpereigenes Gewebe angreift. Mediziner unterscheiden sogenannte Immunmodulatoren und Immunsuppressiva:

  • Immunmodulierende Medikamente „verändern“ das Immunsystem, indem sie seine überschießenden Reaktionen dämpfen: Immunstimulierende und immunhemmende Mechanismen gelangen durch die Behandlung wieder ins Gleichgewicht. Immunmodulatoren wirken unterschiedlich: Sie hemmen entweder bestimmte Botenstoffe im Immunsystem oder beeinflussen die Kommunikation der Immunzellen.
  • Immunsupprimierende Arzneimittel hingegen „unterdrücken“ das Immunsystem, um seinen schädigenden Angriff auf das Nervensystem zu verhindern. Sogenannte selektive Immunsuppressiva blockieren gezielt bestimmte Funktionen des Immunsystems und werden in der verlaufsmodifizierenden MS-Therapie häufiger eingesetzt als unspezifische Immunsuppressiva.

Je früher mit der Langzeit-Therapie begonnen wird, desto milder verläuft in der Regel die Erkrankung. Denn gerade in der frühen Phase der MS ist die Entzündungsaktivität oft sehr hoch, und es treten viele Schübe auf. Setzt die Therapie zu spät ein, besteht daher das Risiko von bleibenden Einschränkungen.

Nicht-medikamentöse Therapieansätze

Aufgrund deiner MS kann es sein, dass du in Alltag und Beruf eventuell eingeschränkt bist. Ziel der symptomatischen Therapie ist es auch, sogenannte sekundäre Symptome zu verhindern - also Krankheitsanzeichen, die infolge von bestehenden MS-Symptomen entstehen. So kann eine heftige Spastik Schmerzen verursachen. Die symptomatische Behandlung ergänzt die Schubtherapie bzw. die verlaufsmodifizierende Therapie und umfasst sowohl Medikamente als auch nicht-medikamentöse Therapien.

Diese Therapien können bei Multiple Sklerose ohne Medikamente Krankheitsanzeichen lindern:

  • Physiotherapie
  • Logopädie
  • Psychotherapie
  • Neuropsychologische Therapie
  • Multimodale Rehabilitation (=Kombination verschiedener Therapieansätze zur Rehabilitation)
  • Tiergestützte Therapien

Mit der Physiotherapie kannst du deine Muskelkraft stärken. Die Therapie verbessert außerdem deine Ausdauer sowie Koordination und hilft dir so, ein aktives Leben mit Multiple Sklerose zu führen. Bleibe auf jeden Fall am Ball! Ergänze am besten das Training mit deinem Therapeuten und trainiere einzelne Übungen zu Hause.

Kannst du nur noch eingeschränkt sprechen und / oder schlucken? Dann ist die Logopädie, d. h. heißt die Sprach- und Stimmtherapie Teil der Rehabilitation. Eine Sprachtherapie kann dir helfen, die Muskulatur von Zunge, Wangen, Lippen und Mund zu stärken. Schluckbeschwerden können zusätzlich durch Atemübungen, Haltungstraining und eine angepasste Ernährung behandelt werden.

Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist unvorhersehbar - und damit auch die Veränderungen, die die Erkrankung für das Privat- und Berufsleben mit sich bringt. Vielleicht leidest auch du unter Angst, Unsicherheit und Traurigkeit. Dann kann dir eine begleitende psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung helfen.

Ein geeigneter Behandlungsansatz bei MS ist auch die neuropsychologische Therapie. Sie wurde speziell für psychische Störungen entwickelt, die infolge einer Erkrankung oder Verletzung des Gehirns auftreten - so wie es bei Multiple Sklerose der Fall ist. Die Therapie umfasst das intensive Trainieren von Gedächtnis und Aufmerksamkeit, die Unterstützung des Betroffenen bei der Rückkehr in den Alltag und das Erlernen ausgleichender Strategien, um Einschränkungen im Alltag zu bewältigen. Diese Behandlung wird von Psychotherapeuten mit der Zusatzqualifikation „Klinische Neuropsychologie“ angeboten.

Die multimodale Rehabilitation ist eine intensive symptomatische Behandlung, die verschiedene Therapieansätze kombiniert. Das Ziel ist es, körperliche Fähigkeiten zu erhalten und Einschränkungen, die durch die Multiple Sklerose hervorgerufen wurden, aufzuheben.

Lebensstil-Anpassungen

Multiple Sklerose (MS) kann durch bestimmte Verhaltens- und Ernährungsweisen positiv beeinflusst werden. Menschen mit MS sollten das Rauchen aufgeben, auf eine ausgewogene Ernährung achten, sich ausreichend bewegen, auf ihre mentale Gesundheit achten und ihren Vitamin-D-Spiegel bestimmen lassen.

  • Ernährung: Es gibt nach aktuellem Wissensstand keine Diät, die MS heilen oder den Verlauf stoppen kann. Eine gesunde Ernährung verringert zudem z.B. das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Parkinson, Demenz). Übergewicht kann das Risiko erhöhen, an MS zu erkranken, und auch zu einem ungünstigeren Verlauf der Krankheit führen.
  • Bewegung: Viele Studien zeigen, dass körperliche Fitness wichtig für die Gesundheit ist. Bei Menschen mit MS kann schon regelmäßiges Gehen alleine die Mobilität verbessern. 75-150 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche (z.B. Joggen, Schwimmen, Ballsport) oder 150-300 Minuten moderate körperliche Aktivität (z.B.
  • Vitamin D: Menschen erkranken seltener an MS, je näher sie am Äquator, also in Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung, leben. Es wird vermutet, dass dies zumindest teilweise mit einem höheren Vitamin-D-Spiegel zusammenhängt. MS-Patienten mit normalen Vitamin-D-Spiegeln können, nach Rücksprache mit ihrem Arzt, Vitamin D ergänzend einnehmen, da sie von einem hohen Vitamin-D-Spiegel profitieren können. Sie sollten jedoch nicht mehr als 4.000 IE (internationale Einheiten) täglich nehmen. Vitamin-D-Hochdosistherapien sind nicht zu empfehlen.
  • Stressbewältigung: Traumatische Lebensereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen erhöhen das Risiko für Autoimmunerkrankungen, einschließlich MS. Zudem zeigen erste Studien, dass traumatische Erlebnisse möglicherweise zu einer schnelleren Verschlechterung der MS führen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Stress Schübe auslösen kann. Verschiedene Methoden zur Stressbewältigung, z.B. Achtsamkeitstraining, Meditation, Yoga oder autogenes Training.
  • Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko, an MS zu erkranken und scheint auch den Verlauf der MS zu verschlechtern.
  • Umgang mit Hitze: Hitze und erhöhte Körpertemperatur können bei Menschen mit MS dazu führen, dass sie sog. Pseudo-Schübe bekommen. Aktiv für Kühlung sorgen, z.B. Kühl duschen. Beim Sport darauf achten, dass der Körper nicht überhitzt.
  • Reisen: Bei vielen Menschen mit MS haben Hitze und Wärme ungünstigen Einfluss auf das körperliche Befinden. Sie sollten nicht in die (Sub-)Tropen reisen. Müssen Medikamente gekühlt werden, muss die Kühlkette auch während der Reise gegeben sein. Um bei Zollabfertigungen am Flughafen keine unnötigen Probleme zu bekommen, sollte ein ärztliches Attest (am besten auf Englisch) mitgeführt werden. Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, sollte ein behinderungsgerechtes Hotel wählen und die An- bzw.

Fatigue Management

Bei Fatigue (starke Erschöpfbarkeit) können z.B. Energiemanagement-Programme oder Achtsamkeitstraining helfen. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Ernährungsformen (paläolithisch, mediterran, low-fat) helfen könnten, Fatigue zu verringern.

Selbsthilfegruppen und Unterstützung

Angebote der Selbsthilfe können Menschen mit MS unterstützen.

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