Multimodale Komplexbehandlung bei Morbus Parkinson: Ein umfassender Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die weltweit Millionen von Menschen betrifft. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 280.000 Menschen von Parkinson betroffen, während weltweit rund 4 Millionen Menschen mit dieser Diagnose leben. Die Erkrankung manifestiert sich hauptsächlich durch Bewegungsstörungen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Kennzeichnend für Parkinson ist der stetige Verlust von Nervenzellen im Gehirn, die den Botenstoff Dopamin enthalten. Dieser Dopaminmangel führt zu den typischen Symptomen wie verlangsamte Bewegungen (Bradykinese), Bewegungslosigkeit (Akinese), steife Muskeln (Rigor), Muskelzittern in Ruhe (Parkinson-Tremor) und mangelnde Stabilität bei aufrechter Körperhaltung (posturale Instabilität).

Da die Patientenzahlen in den letzten Jahren zugenommen haben und aufgrund der wachsenden Lebenserwartung in den westlichen Industrieländern ein weiterer Anstieg zu erwarten ist, rückt die Notwendigkeit effektiver Behandlungsstrategien immer stärker in den Fokus. Der 11. April, der Geburtstag von James Parkinson, dem Erstbeschreiber der Parkinson-Krankheit, wird jährlich als internationaler Parkinson-Tag begangen, um die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung der Krankheit in den öffentlichen Fokus zu rücken.

Eine vielversprechende Behandlungsoption ist die multimodale Komplexbehandlung, die einen umfassenden und interdisziplinären Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Parkinson-Patienten darstellt.

Was ist eine multimodale Komplexbehandlung?

Die multimodale Komplexbehandlung bei Morbus Parkinson ist ein individuelles Therapieprogramm, das verschiedene Behandlungsansätze kombiniert, um den Bedürfnissen des einzelnen Patienten gerecht zu werden. Sie verbindet eine medikamentöse Therapie mit Elementen aus Physiotherapie und physikalischer Therapie, Sport- und Ergotherapie, Neuropsychologie und Logopädie. Ziel ist es, die Beweglichkeit zu verbessern, die Alltagskompetenzen zu erhalten und die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern.

Die Komplexbehandlung wird in der Regel eingesetzt, wenn eine medikamentöse Einstellung nicht ambulant optimiert werden kann und die Lebensqualität der Betroffenen trotz umfassender ambulanter Versorgung eingeschränkt bleibt. Sie erstreckt sich in der Regel über zwei bis drei Wochen und beinhaltet mindestens 15 Therapieeinheiten pro Woche.

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Das interdisziplinäre Team

Ein wesentlicher Bestandteil der multimodalen Komplexbehandlung ist ein interdisziplinäres Team von Fachleuten, das eng zusammenarbeitet, um den Patienten bestmöglich zu betreuen. Dieses Team kann aus Ärzten, Parkinson-Assistenten, Pflegekräften, Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten, Neuropsychologen sowie dem Sozialdienst bestehen.

  • Ärzte: Neurologen überprüfen und passen die Medikation an, führen spezielle Untersuchungen durch und koordinieren die Behandlung.
  • Parkinson-Assistenten (Parkinson Nurses): Sie sind spezialisierte Pflegekräfte, die Patienten und Angehörige beraten, unterstützen und schulen.
  • Physiotherapeuten: Sie helfen den Patienten, ihre Beweglichkeit zu verbessern, Stürze zu vermeiden und ihre Körperhaltung zu stabilisieren.
  • Ergotherapeuten: Sie unterstützen die Patienten bei der Durchführung von Alltagstätigkeiten, verbessern die Feinmotorik und fördern die kognitiven Fähigkeiten.
  • Logopäden: Sie behandeln Sprach- und Schluckstörungen, die häufig bei Parkinson-Patienten auftreten.
  • Neuropsychologen: Sie kümmern sich um kognitive Beeinträchtigungen wie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen und bieten psychologische Unterstützung.
  • Sozialdienst: Er berät Patienten und Angehörige zu sozialrechtlichen Fragen und unterstützt bei der Organisation der häuslichen Versorgung.

Die einzelnen Therapiebausteine

Die multimodale Komplexbehandlung umfasst verschiedene Therapiebausteine, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden:

Medikamentöse Therapie

Zunächst wird die aktuelle Medikation des Patienten durch einen Neurologen überprüft und, wenn nötig, angepasst. Zum Einsatz kommen Medikamente, die den Mangel an Dopamin in den betroffenen Nervenzellen ausgleichen. Diese Medikamente werden meist in Tablettenform verabreicht und im Körper durch ein bestimmtes Enzym in Dopamin umgewandelt.

In fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung kann auch eine Pumpentherapie in Erwägung gezogen werden. Dabei wird das Medikament kontinuierlich über eine kleine Pumpe verabreicht, die über eine Kanüle im Bauchbereich unter die Haut ins Fettgewebe eingeführt wird. Dies gewährleistet eine gleichmäßigere Wirkung und kann helfen, Schwankungen in der Medikamentenwirkung zu reduzieren. Es gibt verschiedene Arten von Pumpentherapien, wie z.B. die Apomorphin- oder L-Dopa-Gel-Pumpe.

Physiotherapie

Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Parkinson-Patienten. Ziel ist es, die Beweglichkeit zu verbessern, die Muskelkraft zu stärken, die Körperhaltung zu stabilisieren und Stürze zu vermeiden. Zum Einsatz kommen verschiedene Techniken wie Gangtraining, Gleichgewichtsübungen, Krafttraining und Dehnübungen.

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Ein wichtiger Aspekt der Physiotherapie ist das Anti-Freezing-Training, das speziell auf die Behandlung von "Freezing" ausgerichtet ist, einem plötzlichen Blockieren der Bewegung, das häufig bei Parkinson-Patienten auftritt.

Ergotherapie

Die Ergotherapie unterstützt die Patienten bei der Durchführung von Alltagstätigkeiten wie Anziehen, Essen, Waschen und Kochen. Ziel ist es, die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Patienten zu erhalten oder wiederherzustellen. Ergotherapeuten bieten zudem gezielte Übungen zur Verbesserung der Feinmotorik und ein computergestütztes Hirnleistungstraining an.

Logopädie

Viele Parkinson-Patienten leiden unter Sprach- und Schluckstörungen. Die Logopädie umfasst Sprach- und Sprechtherapie sowie Schlucktherapie. Ziel ist es, die Verständlichkeit der Sprache zu verbessern, die Stimme zu kräftigen und das Schlucken zu erleichtern.

Bei Schluckstörungen kann eine spezielle endoskopische Schluckdiagnostik (FEES) durchgeführt werden, um die Ursache der Störung zu ermitteln und die Therapie optimal anzupassen.

Neuropsychologie

Neuropsychologen kümmern sich um kognitive Beeinträchtigungen wie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen, die häufig bei Parkinson-Patienten auftreten. Sie bieten gezielte Übungen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen und unterstützen die Patienten bei der Bewältigung von psychischen Belastungen wie Depressionen oder Angstzuständen.

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Sporttherapie

Sporttherapie kann die Therapie sinnvoll ergänzen. In der Neurologischen Klinik Sorpesee wird beispielsweise Sporttherapie an Geräten in einer hochmodernen MTT (Medizinische Trainingstherapie) und einem Warmwasserbewegungsbad angeboten.

Ziele der Komplexbehandlung

Ziel der multimodalen Komplexbehandlung ist es, eine Verbesserung der Lebensqualität und Eigenständigkeit des Patienten zu erreichen. Konkret bedeutet dies:

  • Verbesserung der Beweglichkeit: Durch gezielte physiotherapeutische Übungen und Gangtraining soll die Beweglichkeit der Patienten verbessert und die Fähigkeit, sich sicher und selbstständig fortzubewegen, wiederhergestellt werden.
  • Linderung von Symptomen: Die Komplexbehandlung zielt darauf ab, die verschiedenen Symptome der Parkinson-Erkrankung wie Zittern, Steifigkeit, verlangsamte Bewegungen, Depressionen, Gedächtnisstörungen und Schlafstörungen zu lindern.
  • Erhalt der Alltagskompetenzen: Ergotherapeutische Maßnahmen helfen den Patienten, ihre Alltagskompetenzen zu erhalten oder wiederzuerlangen, um ein möglichst selbstständiges Leben führen zu können.
  • Verbesserung der Kommunikation: Durch logopädische Therapie sollen Sprach- und Schluckstörungen behandelt werden, um die Kommunikation und die Nahrungsaufnahme zu erleichtern.
  • Psychische Stabilisierung: Neuropsychologische Betreuung kann helfen, psychische Belastungen wie Depressionen oder Angstzustände zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.
  • Optimierung der Medikation: Die medikamentöse Einstellung wird individuell angepasst, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen und Nebenwirkungen zu minimieren.
  • Hilfestellung für die Zeit zu Hause: Das Team analysiert den individuellen Hilfebedarf und unterstützt bei der Organisation der häuslichen Versorgung, der Beantragung von Hilfsmitteln und der Kontaktaufnahme mit ambulanten Pflegediensten.

Vorteile der multimodalen Komplexbehandlung

Die multimodale Komplexbehandlung bietet Parkinson-Patienten zahlreiche Vorteile:

  • Ganzheitlicher Ansatz: Die Komplexbehandlung berücksichtigt die verschiedenen Aspekte der Erkrankung und behandelt nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen und Folgen.
  • Individuelle Therapie: Der Therapieplan wird individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt und berücksichtigt den Schweregrad der Erkrankung, die Begleiterkrankungen und die persönlichen Ziele.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Das interdisziplinäre Team arbeitet eng zusammen, um den Patienten bestmöglich zu betreuen und die Therapie optimal zu koordinieren.
  • Intensive Betreuung: Die Patienten erhalten eine intensive Betreuung durch erfahrene Fachleute, die sie individuell unterstützen und motivieren.
  • Verbesserung der Lebensqualität: Durch die Komplexbehandlung können die Beweglichkeit, die Alltagskompetenzen und die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessert werden.

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