Die Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata (ED) genannt, ist eine chronisch-entzündliche demyelinisierende Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS), die zu fortschreitenden körperlichen Beeinträchtigungen führt. Die Bezeichnung Encephalomyelitis disseminata (nicht Encephalitis disseminata), kurz ED, ist die fachsprachliche Bezeichnung für Multiple Sklerose. Der Fachbegriff Encephalomyelitis steht für eine kombinierte Entzündung von Gehirn - Encephalitis - und Rückenmark - Myelitis. Die Erkrankung wird in verschiedene Verlaufsformen unterteilt.
Was ist Multiple Sklerose?
Bei Multipler Sklerose (MS oder Encephalomyelitis disseminata, kurz ED) kommt es an verschiedenen Stellen im Gehirn und Rückenmark zur Schädigung oder Zerstörung der sogenannten Myelinscheide von Nerven. Eine Myelinscheide umhüllt Nervenfasern und wirkt wie eine Isolierschicht. Ohne intakte Myelinscheide wird die Nervenleitung unterbrochen. Somit ist die Informationsübertragung erschwert bis unmöglich. Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, kommt es zu Ausfallerscheinungen. Diese bilden sich zum Teil wieder zurück, können aber auch bestehen bleiben. Multiple Sklerose ist bislang nicht heilbar. Der Verlauf kann jedoch häufig positiv beeinflusst werden.
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch verlaufende, entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS), bei der es zu disseminierten Entmarkungsherden der weißen Substanz kommt. Chronische inflammatorische demyelinisierende Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS) bedeutet, dass entzündliche Prozesse die schützende Myelinschicht angreift, die die Nervenfasern umgibt, was zu einer Schädigung dieser Schicht führt.
Synonyme
- MS
- Encephalomyelitis disseminata (ED)
Epidemiologie
Multiple Sklerose (Abkürzung MS) betrifft weltweit schätzungsweise 2,8 Millionen Menschen. MS ist neben Alzheimer eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Frauen sind von der schubweise verlaufenden Multiplen Sklerose ca. doppelt so oft betroffen wie Männer. Die Erkrankung tritt vorwiegend zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Der Erkrankungsgipfel liegt um das 30. Lebensjahr. In Deutschland sind ca. 200.000 Menschen betroffen. In Deutschland beträgt die Inzidenz ca. 5-10 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr. In Europa und Nordamerika tritt die Krankheit häufiger auf als in südlichen Ländern. Weltweit geht man von schätzungsweise 2,5 Millionen MS-Patienten aus.
Ursachen
Die genaue Ursache von Multipler Sklerose ist trotz intensiver Forschung bis heute nicht genau geklärt. Mediziner gehen mehrheitlich von einer multifaktoriellen Ursache aus. Es müssen also mehrere Faktoren zusammentreffen, damit MS ausgelöst wird. Zu diesen Faktoren zählen eine genetische Komponente (Vererbung scheint eine große Rolle zu spielen) und Umwelteinflüsse, die zu einer Fehlreaktion des körpereigenen Abwehrsystems führen. Auch Hygienebedingungen und Infektionserkrankungen, Bakterien und Viren sowie ein Vitamin D-Mangel im Kindesalter werden als Auslöser von Multipler Sklerose diskutiert. Nach Einschätzung einiger Wissenschaftler kommen Nikotin und Impfungen ebenfalls als Auslöser für MS infrage. Auslöser können Virusinfektionen, zum Beispiel mit dem Epstein-Barr-Virus sein. Die Ursache für Multiple Sklerose ist bis heute nicht vollständig geklärt. Erbliche Faktoren spielen wohl eine Rolle. Ein erhöhter Salzkonsum wird von Experten als Teilursache für das Auftreten von MS-Anzeichen diskutiert. Ein dauerhaft niedriger Vitamin-D-Spiegel wegen unzureichender Sonnenlichtexposition könnte ein Risikofaktor für MS sein.
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Vieles spricht dafür, dass Autoimmunvorgänge nach einer in der Adoleszenz erworbenen Virusinfektion nach vielen Jahren der Latenz zur klinischen Manifestation der Multiplen Sklerose führen. Nach Aktivierung autoreaktiver T-Lymphozyten in der Peripherie durch ein Agens (vermutet wird ein Virus) durchwandern demnach die T-Lymphozyten die Blut-Hirn-Schranke und werden dort erneut durch Autoantigene aktiviert. Proinflammatorische Zytokine werden sezerniert, weitere Entzündungszellen rekrutiert, Antikörper durch Plasmazellen produziert. Für die Entstehung der Tagesschläfrigkeit sind Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus anzunehmen. Die Ätiologie der vermehrten Erschöpfbarkeit ist noch unklar. Es werden neuroendokrine Effekte von Zytokinen wie Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), Interleukinen und Interferonen sowie Stoffwechselstörungen beschrieben, darstellbar in der Positronenemissionstomographie (PET). Elektrophysiologische Untersuchungen belegen einen Zusammenhang mit peripheren, vermutlich sekundär entstandenen Strukturschäden im Nervensystem in Gestalt von Demyelinisierung und axonalen Schäden.
Genetische Veranlagung
Multiple Sklerose (MS) ist keine klassische Erbkrankheit, aber eine genetische Veranlagung kann das Risiko erhöhen. Das Risiko für MS ist bei Menschen, die einen Verwandten ersten Grades mit MS haben, höher als in der Allgemeinbevölkerung.
Umweltfaktoren
Umweltfaktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von MS. Dazu gehören:
- Infektionen: Virusinfektionen, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus, werden als mögliche Auslöser diskutiert.
- Vitamin-D-Mangel: Ein dauerhaft niedriger Vitamin-D-Spiegel könnte das Risiko für MS erhöhen.
- Rauchen: Rauchen wird als möglicher Risikofaktor für MS angesehen.
- Salzkonsum: Ein erhöhter Salzkonsum wird von Experten als Teilursache für das Auftreten von MS-Anzeichen diskutiert.
Symptome
Multiple Sklerose hat viele Gesichter. Der Verlauf von MS ist nicht vorhersagbar. Die Erkrankung kann sich bei jedem Patienten anders zeigen. In den meisten Fällen aber verläuft MS in Schüben. Diese treten unvorhersehbar auf und bilden sich häufig (zumindest zu Beginn der Erkrankung) wieder zurück. Im weiteren Verlauf bleiben immer mehr Störungen und Behinderungen bestehen. Es gibt aber auch Formen, bei denen sich Multiple Sklerose permanent verschlechtert (fortlaufend oder in Schüben). Selten gibt es auch leichte Verlaufsformen von MS. Leider ist es jedoch so, dass etwa 25 % aller Menschen mit Multipler Sklerose durch ihre Krankheit auf einen Rollstuhl angewiesen sind.
Symptome von Multipler Sklerose können unterschiedlicher nicht sein. Da alle Nerven in Gehirn und Rückenmark geschädigt werden können, ist nahezu jedes neurologische Symptom denkbar. Erfahrungen zufolge macht sich MS häufig aus völliger Gesundheit heraus bemerkbar. Die ersten Anzeichen für MS treten in der Regel zwischen dem 15. und dem 45. Lebensjahr auf.
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Die Multifokalität der Läsionen im Zentralnervensystem führt zu einer Symptomvielfalt. In der Frühphase finden sich bevorzugt Extremitätenparesen, sensible Reiz- und Ausfallsymptome und Optikusläsionen. Später treten Spastik, Störungen der Koordination und vegetativer Funktionen in den Vordergrund. Angesichts zunehmender Behinderung werden viele Patienten depressiv.
Erste Anzeichen
Erste Anzeichen einer beginnenden Multiplen Sklerose sind Empfindungsstörungen an Armen und Beinen. Das können Missempfindungen wie Ameisenlaufen über und unter der Haut oder auch ein verändertes Temperaturempfinden sein. Weitere typische Erstsymptome sind Sehstörungen (wie Doppelbilder und Augenflimmern) sowie eine gestörte Muskelfunktion. Letztere macht sich als Kraftlosigkeit, erhöhter Muskelversteifung oder auch als kurzfristige Lähmung bemerkbar. Häufig sind zudem Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Selten können auch eine verwaschene Sprache sowie Blasenentleerungsstörungen (wie Harninkontinenz oder Harnverhalt) auf MS hinweisen. Häufig tritt ein Sehverlust auf einem Auge oder eine Verschlechterung des Sehvermögens auf, ggf. begleitet von Schmerzen bei Augenbewegungen. Andere frühe Symptome können Muskelkrämpfe, Kribbeln / Brennen oder Taubheitsgefühle in bestimmten Körperbereichen, Schwäche in Armen oder Beinen, Koordinationsprobleme oder Schwindelgefühle sein.
- Empfindungsstörungen an Armen und Beinen (Missempfindungen wie Ameisenlaufen, verändertes Temperaturempfinden)
- Sehstörungen (Doppelbilder, Augenflimmern)
- Gestörte Muskelfunktion (Kraftlosigkeit, erhöhte Muskelversteifung, Lähmung)
- Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen
- Verwaschene Sprache
- Blasenentleerungsstörungen (Harninkontinenz, Harnverhalt)
- Sehverlust auf einem Auge oder eine Verschlechterung des Sehvermögens, ggf. begleitet von Schmerzen bei Augenbewegungen
- Muskelkrämpfe
- Kribbeln / Brennen oder Taubheitsgefühle in bestimmten Körperbereichen
- Schwäche in Armen oder Beinen
- Schwindelgefühle
Weitere Symptome
Nach den ersten Anzeichen kommt es bei vielen MS-Betroffenen zu folgenden Symptomen:
- Unsicherer Gang infolge einer erhöhten Muskelanspannung
- Gefühlsstörungen in den Beinen
- Standunsicherheit
- Allgemeine Kraftlosigkeit
- Dauerhaftes Müdigkeitsgefühl und erhöhtes Schlafbedürfnis
- Blasen-, seltener auch Darmentleerungsstörungen
- Sehstörungen unterschiedlichster Art
- Sexuelle Störungen (wie Impotenz und vermindertes sexuelles Lustempfinden)
- Sprachstörungen
- Unsicherheit und Unfähigkeit, gezielte Bewegungen auszuführen
- Psychische Störungen
- Müdigkeit und Erschöpfung trotz normalerweise ausreichendem Schlaf
- motorische Störungen (Was bei MS mit Knieschmerzen anfängt kann sich zu Lähmungen der Beine weiterentwickeln.)
Fatigue
Etwa 80 % der MS-Patienten beklagen eine Fatigue. Definiert wird Fatigue als subjektiver Mangel an physischer und/oder mentaler Energie, den Patienten oder Therapeuten als Störung täglicher oder angestrebter Aktivitäten wahrnehmen. Eine vermehrte Erschöpfung tritt bei Multipler Sklerose auch in Ruhe und unabhängig von jeglicher Anstrengung auf. Dabei kann die Erschöpfung bereits am frühen Morgen auftreten und steigert sich bei andauernder körperlicher oder geistiger Aktivität. Die Erkennung und Quantifizierung dieser Beschwerde, die 50 % der Patienten als gleichbedeutend mit anderen fassbaren neurologischen Ausfällen ansehen, ist daher wichtig. In vielen Studien korrelieren Depressivität und Fatigue, wobei dieser Zusammenhang insbesondere bei Patienten mit progredientem Krankheitsverlauf beobachtet wird (siehe auch „Affektive Störungen“).
Zusätzlich zu den neurologischen Defiziten beklagen viele MS-Patienten eine Einschränkung ihrer Lebensqualität durch Fatigue. Mittels differenzierter Instrumentarien müssen Tagesschläfrigkeit und Fatigue unterschieden werden, damit sich die Gestaltung der Therapie daran orientieren kann.
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Schlafstörungen
Im „Pittsburgh Schlafqualitätsindex“ (PSQI) geben viele MS-Patienten eine verminderte Schlafqualität an (Kotterba 2009; Veauthier et al. 2013). Polysomnographische Untersuchungen belegten eine geringere Schlafeffizienz und häufige Weckreaktionen, die zum Teil durch die krankheitstypischen Symptome bedingt sind.
Die Tagesschläfrigkeit kann durch entzündliche Prozesse im aufsteigenden retikulären System begründet sein, ist aber vorwiegend durch häufig mit Multipler Sklerose assoziierten schlafmedizinische Erkrankungen bedingt, wie periodische Extremitätenbewegungen im Schlaf (PLMS), Restless-Legs-Syndrom und Obstruktive Schlafapnoe.
Verlaufsformen
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): RRMS (engl. Relapsing Remitting Multiple Sclerosis) ist durch einen schubförmigen Verlauf gekennzeichnet. Ein Schub wird durch das Auftreten neuer Symptome oder das Wiederaufflammen bekannter Beschwerden definiert, die mindestens 24 Stunden anhalten und mit einem Zeitintervall von mindestens 30 Tagen zwischen zwei Schüben auftreten. Bei über 95 % der Kinder und Jugendlichen tritt ein primär schubförmiger Verlauf mit symptomfreien Intervallen auf. Bei vielen Patienten beginnt die Erkrankung mit einem klinisch isolierten Syndrom (KIS), wobei sich die Symptome eines Schubs innerhalb von 6-8 Wochen zurückbilden können. Ein früher Therapiebeginn bei KIS kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und Behinderungen begrenzen.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): SPMS (engl. Secondary Progressive Multiple Sclerosis) kann sich aus einer RRMS entwickeln. Wenn die Progression der MS einsetzt, sind die Patienten meistens um die 40 Jahre alt. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um eine sekundär oder primär progrediente Verlaufsform handelt. Das Gehirn tut sich in diesem Alter schwer, die Myelinschäden zu reparieren.
- Primär progrediente MS (PPMS): PPMS (engl. Primary Progressive Multiple Sclerosis) ist von Anfang an durch einen allmählich fortschreitenden Verlauf gekennzeichnet.
Diagnose
Die Diagnose von Multipler Sklerose sollte von einem Neurologen mittels einer körperlichen Untersuchung und unterschiedlichen Tests (wie Nervenbahnleitgeschwindigkeiten sowie Veränderungen des Hirnstromkurvenbildes, die durch akustische und visuelle Ereignisse provoziert werden) gestellt werden. Weiter folgen Blut- und Nervenwasseruntersuchungen. Den Verdacht sichert in den meisten Fällen eine Magnetresonanztomografie. Bereits im Frühstadium einer Multiplen Sklerose weisen 85 % der Betroffenen Hirnveränderungen auf. Die Diagnose von Multipler Sklerose erfolgt aufgrund einer Kombination von Faktoren.
Für die Diagnosestellung der Multiplen Sklerose sind klinische Zeichen und Laborkriterien maßgebend (Mc-Donalds-Kriterien; Polmann et al. 2011) Entscheidend ist der Nachweis einer zeitlichen oder räumlichen Dissemination, was durch klinische oder radiologische Befunde geschehen kann. Große diagnostische Bedeutung hat im europäischen Raum der Liquorbefund. Es findet sich eine leichte (maximal 150/3 Zellen) lympho-plasmozytäre Pleozytose mit normalem Proteingehalt. Das IgG ist vermehrt. Im Vergleich mit dem Serum-IgG lässt sich die autochthon im Zentralnervensystem stattfindende IgG-Produktion nachweisen. In der Kernspintomographie treten in der T2-gewichteten Aufnahme charakteristische, vorwiegend periventrikulär lokalisierte Entmarkungsherde auf (Abb. 1). Diese Läsionen können im gesamten Zentralnervensystem auftreten.
MRT-Bilder sind wichtig für eine gesicherte MS-Diagnose. Bei MS sind Verlaufskontrollen in regelmäßigen Abständen sehr wichtig, um die Behandlung immer wieder optimal einzustellen. Im Einzelfall kann ein MRT Hinweise darauf geben, wie sich die MS-Erkrankung weiterentwickeln wird, und eine Nervenwasser-Untersuchung kann prognostische Zusatzinformationen liefern.
Wichtige diagnostische Instrumente
- Körperliche Untersuchung: Der Neurologe führt eine umfassende körperliche Untersuchung durch, um neurologische Defizite festzustellen.
- Neurologische Tests: Nervenbahnleitgeschwindigkeiten und Veränderungen des Hirnstromkurvenbildes, die durch akustische und visuelle Ereignisse provoziert werden, können gemessen werden.
- Blut- und Nervenwasseruntersuchungen: Im Blut von MS-Patienten kann eine leichte Erhöhung von Entzündungsmarkern wie C-reaktives Protein (CRP) und Interleukin-6 (IL-6) vorliegen. Diese Marker sind jedoch nicht spezifisch für Multiple Sklerose. Eine Nervenwasseruntersuchung kann eine lympho-plasmozytäre Pleozytose mit normalem Proteingehalt zeigen. Das IgG ist vermehrt. Im Vergleich mit dem Serum-IgG lässt sich die autochthon im Zentralnervensystem stattfindende IgG-Produktion nachweisen.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Die MRT ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Diagnose von MS. In der T2-gewichteten Aufnahme treten charakteristische, vorwiegend periventrikulär lokalisierte Entmarkungsherde auf. Diese Läsionen können im gesamten Zentralnervensystem auftreten.
Therapie
Um die Symptome zu lindern, wird eine Vielzahl von therapeutischen Ansätzen verfolgt, die in der Regel mit einer medikamentösen Behandlung der Multiplen Sklerose kombiniert werden. Bei Multipler Sklerose kommen verschiedene Therapieformen zum Einsatz. Unterschieden werden kurzfristige Schubtherapien und Maßnahmen zur Symptom-Linderung sowie verlaufsmodifizierende Therapien. Für den Start mit MS-Medikamenten gilt: je früher, desto besser. Denn bei fortgeschrittener MS lässt sich der Krankheitsverlauf immer schwerer beeinflussen. Der behandelnde Neurologe führt regelmäßige Kontrolluntersuchungen durch und berät zu ggf. notwendigen Anpassungen der Therapie.
Die MS-Therapie hat sich grundlegend gewandelt, die Therapie richtet sich nach der Aktivität der MS (gemessen an Schubfrequenz und Behinderungsprogression).
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie von Multipler Sklerose umfasst drei Formen:
- Akutbehandlung im Krankheitsschub
- Langzeitbehandlung
- Linderung von Begleitsymptomen
Medikamentöse Akuttherapie im Krankheitsschub
Im akuten Krankheitsschub von Multipler Sklerose bekommen Patienten in der Regel 3 bis 5 Tage hochdosierte Kortisonpräparate (zum Beispiel Methylprednisolon) als Infusion direkt in den Blutkreislauf. Der akute Schub wird mit 500-1000 mg Methylprednisolon über 3-5 Tage behandelt. Um das Risiko eines Magengeschwürs zu vermindern, werden üblicherweise zusätzlich Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol und Pantoprazol gegeben. Bessern sich die MS-Symptome dadurch nicht, kann eine zweite Infusionsrunde stattfinden. Bleiben die Beschwerden und so auch der Krankheitsschub auch dann noch weiterhin bestehen, folgt in den meisten Fällen eine Blutwäsche, die sogenannte Plasmapherese. Dabei werden aus dem Blut bestimmte Eiweiße entfernt, die für den Entzündungsprozess bei Multipler Sklerose eine wichtige Rolle spielen. Das gereinigte Blut wird dann zurückübertragen. Bei nahezu allen Patienten verbessern sich danach die Beschwerden erheblich.
Medikamentöse Langzeitbehandlung
Zwischen den Schüben zielt die Behandlung von Multipler Sklerose darauf ab, das körpereigene Abwehrsystem zu unterdrücken. Als Basismedikamente werden dabei Interferone (spezielle beta-Interferone, die aus Ovarialzellen einer chinesischen Hamsterart gewonnen werden) und Glatirameracetat eingesetzt. Beta Interferon soll das fehlgeleitete Immunsystem beruhigen und die Anzahl und Stärke der Schübe verringern. Dafür werden sie unter die Haut oder in den Muskel gespritzt. Glatirameracetat ist die Alternative zu beta-Interferon. Es besteht aus vier Eiweißbausteinen (den Aminosäuren L-Alanin, L-Glutamin, L-Lyzeen und L-Tyrosin). Nachdem Glatirameracetat unter die Haut gespritzt wurde, soll es, wie auch beta-Interferon, die Schubfrequenz und -stärke reduzieren.
Sogenannte Reservemittel der Basistherapie sind Azathioprin und Immunglobuline. Azathioprin ist eigentlich ein Wirkstoff aus der Krebs- bzw. Transplantationsmedizin. Es kann als Tablette eingenommen werden und dämpft das Immunsystem. Im Gegensatz zu den oben genannten Mitteln erhöht Azathioprin das Risiko, an Infektionen oder Krebs zu erkranken. Immunglobuline sind Antikörper, die als Abwehrstoffe arbeiten aber auch das Immunsystem regulieren. Sie werden bei MS aber nur in Ausnahmefällen (zum Beispiel während oder nach einer Schwangerschaft) eingesetzt.
Die dritte Form der Langzeitbehandlung ist die sogenannte Eskalationstherapie. Sie kommt infrage, wenn die Basistherapie nicht ausreichend wirksam und die MS sehr aggressiv ist. Als Wirkstoffe werden in der Regel die Immunsuppressiva Natalizumab und Fingolimod sowie die Zytostatika Mitoxantron und Cyclophosphamid eingesetzt.
Die bisherigen Basistherapeutika (Betainterferone und Glatiramerazetat) wiesen zum Teil eine positive Beeinflussung der Fatigue auf, zu Beginn der Behandlung ist sie durch Medikamentennebenwirkungen aber eher verstärkt. Die Einflüsse der neuen Therapien bei milder MS (Dimethylfumarat und Teriflunomid) auf Fatigue und Schläfrigkeit sind nicht untersucht. Ebenfalls gibt es keine Daten zu den Eskalationstherapien (Natalizumab, Gilenia, Lemtrada).
Linderung von Begleitsymptomen
Begleitsymptome bei Multipler Sklerose werden ebenfalls medikamentös behandelt. Schmerzlindernd bei MS helfen zum Beispiel das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin, der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin oder die Antiepileptika Carbamazepin und Gabapentin. Die Muskelrelaxanzien Baclofen und Tizanidin wirken beispielsweise spastischen Krämpfen der Muskulatur entgegen. Gegen Zittern helfen unter anderem Dopaminagonisten wie Cabergolin und Ropinirol oder Anticholinergika wie Biperiden.
Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Therapie werden bei Multipler Sklerose häufig noch folgende Behandlungen eingesetzt:
- Physiotherapie, um Muskeln beweglich zu halten, Verkrampfungen (Spastiken) zu lockern, das Gleichgewicht zu halten und Bewegungsstörungen auszugleichen
- Ergotherapie, um die Feinmotorik zu trainieren und die Selbstständigkeit im Alter zu erhalten
- Logopädie, um Sprachstörungen zu beheben
- Ernährungstherapie, um beispielsweise Vitaminmangel oder Osteoporose als Komplikation von Multipler Sklerose zu vermeiden
- Psychosoziale Betreuung und Psychotherapie, um das seelische Wohlbefinden zu stärken.
Weitere Therapieansätze
- Amantadin: Zur Behandlung der Fatigue-Beschwerden wird am häufigsten Amantadin mit 2 × 100 mg/Tag (allerdings off-label) eingesetzt.
- Aminopyridine: In der Behandlung der Fatigue erfolgversprechender sind Medikamente, die Strukturschädigungen beeinflussen. Aminopyridine bewirken als Kaliumkanalblocker eine Leitungsverbesserung sowie eine zentrale Transmitterausschüttung. Sie waren in Deutschland in ihrer ursprünglichen Form nicht zugelassen.
- Modafinil: Zur Behandlung der Fatigue wurde auch Modafinil empfohlen. Widersprüchliche Ergebnisse, insbesondere Wirkverlust in höheren Dosierungen, machen aber dessen Wirksamkeit fraglich. Allerdings hat Modafinil eine aktivierende Wirkung über das aufsteigende retikuläre System. Unter Behandlung mit Dosen von 200 mg und 400 mg wurde eine signifikante Senkung des Scores der „Epworth Schläfrigkeitsskala“ (ESS) beschrieben, sodass ein Einsatz bei Tagesschläfrigkeit indiziert sein kann. Diesbezüglich vordringlich ist die Evaluation und Modifikation von Medikamenten mit sedierenden Eigenschaften wie Antispastika, ebenso die Behandlung von gestörtem Nachtschlaf aus anderer Ursache.
- Propionsäure: Unabhängig von der eigentlichen Medikation empfiehlt es sich bei MS, Propionsäure als Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Schubrate dadurch um bis zu 50 Prozent reduziert wird und das Risiko eines sich verschlechternden Behinderungsgrads langfristig sinken kann. Zwar spricht ungefähr jeder Dritte MS-Patient nicht auf die zusätzliche MS-Behandlung an, aber ein Versuch lohnt sich. Möglicherweise verringert Propionsäure nicht nur die Symptome bei MS, sondern hat sogar ganz allgemein eine neuroprotektive und neurogenerative Wirkung bei Patienten mit immunvermittelten Neuropathien.
Selbsthilfe
Der Krankheitsverlauf scheint durch Maßnahmen der Selbsthilfe wenig beeinflussbar. Allgemein aber ist eine gesunde Lebensführung anzuraten. Zudem sollten Sie die Behandlungsempfehlungen Ihres Arztes genau einhalten und regelmäßige Kontrolluntersuchungen wahrnehmen. Empfehlenswert ist der Besuch von Selbsthilfegruppe. Dort finden MS-Kranke Austausch mit Gleichgesinnten und merken, dass sie mit Ihrem Schicksal nicht alleine sind.
Patienten sollten sich wohldosiert, entsprechend ihrer individuellen Beeinträchtigung belasten, Erholungspausen sind wichtig. Überhitzung sollte vermieden werden.
Prognose
Der Krankheitsverlauf und die Lebenserwartung von MS-Patienten kann sehr unterschiedlich sein. Pauschal lässt sich kaum eine eindeutige Aussage über den Multiple-Sklerose-Verlauf und den voraussichtlichen Schweregrad der verschiedenen Symptome bei Multipler Sklerose treffen. Vor allem kann nicht vorausgesehen werden, welche Körperfunktionen im MS-Verlauf wie stark betroffen sein werden (z. B. Sehen, Gehen). Ein Drittel der Betroffenen hat zeitlebens einen günstigen Verlauf der Krankheit, ein weiteres Drittel leidet unter Behinderungen, die Selbstständigkeit bleibt jedoch erhalten. Für ein Drittel der Patienten bringt die Multiple Sklerose schwere Behinderungen mit sich, im Extremfall auch den Tod.
Die MS-Lebenserwartung wurde in zwei groß angelegten Studien untersucht. Ergebnis: Die mittlere Lebenserwartung von MS-Erkrankten scheint niedriger als die der Gesamtbevölkerung zu sein. Diese Studien reichten allerdings nur bis 2005 und 2012. Zwischenzeitlich hat sich die MS-Therapie unter anderem durch Einführung noch wirksamere MS-Medikamente weiter verbessert. Dank verbesserter Früherkennung und Fortschritten in der Behandlung von Multipler Sklerose nähert sich die Lebenserwartung von MS-Patienten mittlerweile der von gesunden Menschen an.
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